Logbuch

NIKOLAUS soll ein Türke gewesen sein.

Echt jetzt? Dann wäre er aber doch von der falschen Seite des Mittelmeers. Also der afrikanischen. Obwohl, es gibt ja zwei falsche Seiten, weil die Adria ja auch eine falsche hat, die, wo Jugoslawien liegt. Irgendwie haben die RÖMER es geschafft, den Stiefel zum Zentrum der Welt zu stilisieren. REICH DER MITTE. Mit Rändern, von Schottland bis in den Mittleren Osten. Das ist HEGEMONIE. Zwar war im alten Rom vieles von den Griechen geklaut, dem Weltreich davor, aber sie haben den Anspruch, jetzt die Mitte der Welt zu sein, auch mit einiger Konsequenz durchgesetzt. Das phönizische Karthago (lag in Afrika, griff aber auf Sizilien über) etwa wurde nicht nur unterworfen, sondern dem Erdboden gleich, in eine Salzwüste verwandelt. Cato der Ältere hatte dazu im Übrigen eine Meinung. Hmmm, Nikolaus war ein Türke. Die Sache wird ja noch schlimmer, wenn man an die HEILIGEN DREI KÖNIGE denkt, die eigentlich Wahrsager, sprich Sternendeuter wahren. Ich höre, dass einer von denen jetzt nicht mehr gezeigt werden kann.

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Wer heute keine Post kriegt von mir, der ist nicht im Verteiler unserer sogenannten NIKOLAUSGABE. Nichts großes oder wichtiges, nur eine kleine Geste. Würde ich als PN die Adresse erhalten, könnte ich den Verteiler ergänzen. Denn rausgeworfen haben wir dort nie jemanden, nur diejenigen, von deren Ableben wir erfahren hatten. Also die, die nicht rechtzeitig einen NACHSENDEANTRAG gestellt hatten. So heißt das im Postdeutsch. Emil Maier c/o Purgatorium...

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Kann man einen Kater kriegen, ohne einen richtigen Rausch gehabt zu haben? Wir verzichten zurzeit auf sehr viel Geselligkeit, weil wir die Verbreitung der Seuche nicht auch noch fördern wollen. Gut so. UNFREIWILLIGES EREMITENTUM. Gestern war ich zu einer akademischen Prüfung unter strengsten Regeln. Und es wäre eigentlich, wegen des erfolgreichen Ergebnisses, die Regel gewesen, die Sektkorken knallen zu lassen. Nach der Prüfung die Feier. Verschoben! Der Doktorvater fragt uns, wie das wohl sein wird, wenn der Lockdown aufgehoben ist, ob man dann alle versagten Vergnügen auf einen Schlag nachhole. Sehr gute Frage! Dann hätte Dionysos, der Gott des Weines, einiges zu tun. Ein DIONYSISCHES QUARTAL, wird das kommen? Erwartet uns, was die alten Griechen noch SYMPOSIUM nannten, ein Massenbesäufnis? Wohl kaum, sagt ein anderer der geschätzten Professoren. Und ich denke, vielleicht enden wir in einem Kater, dem gar kein Rausch vorausgegangen ist. Wir würden dann zu der Erkenntnis kommen müssen, dass die Wahrheit nicht nur im Wein liegt. Wie nüchtern, denke ich. Es kommt ein Zeitalter des APOLL? Nur Grades, Richtiges, Vernunft allenthalben... Welch ein Schrecken.

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DER TITAN UND DIE POMMES.

Zu berichten ist von einem Abend mit Daniel Barenboim und Martha Argerich in der Berliner Philharmonie; es gab Beethoven (grandios, ironisch und keck) und leider auch Brahms (über den Rheingau, wie immer ein Langweiler). Ein Erlebnis von großer Kraft.

Das Haus feiert das über achtzigjährige Paar; man kennt sich aus früher Jugend aus Kreisen jüdischer Migranten in Argentinien. Eine großartige Pianistin, die Argerich, wie die klavierspielenden Wunderkinder Barenboim und Beethoven. Lassen wir die notorischen Mäkeleien an Brahms mal beiseite: Das Konzert hatte eine hohe Würde in der zarten Zerbrechlichkeit, die das hohe Lebensalter bedingt. Die Philharmoniker zudem ausgezeichnet wie immer (eine sehr schöne Cellistin fällt mir als neu auf; hoch konzentriertes Spiel).

Barenboim ist eben auch politisch eine Ikone. Er steht für ein west-östliches Orchester, in dem israelische und palästinensische wie andere arabische Musiker zusammen spielen. Das ist der Sinn des Musizierens, man konzertiert. Barenboim war im Sinne der Aufklärung sehr oft sehr mutig, sprich politisch nicht korrekt. Der stehende Beifall wollte gestern Abend nicht enden. Ein Lebenswerk wurde geehrt.

Barenboim ist auch Berlin. Ich traf ihn kürzlich in Dahlem vor einem Take-Away-Imbiss und will meine Wertschätzung in einem kleinen Gespräch zum Ausdruck bringen, biete ihm also die Hand. Bevor ich anheben kann: Ein geneigtes Lächeln, er hebt die Plastiktüte mit dem Alupäckchen hoch. „Die Pommes werden kalt…“, sagt er, sich entschuldigend und geht weiter. Ich mag diese Bescheidenheit der wirklichen Genies.