Logbuch
DIE FERKELSTECHER.
Da wir letztens über Feldärzte und die medizinische Zunft sprachen: Ich erinnere mich an zwei Bundeswehrkrankenhäuser, in denen ich mal zu tun hatte, in Koblenz und Berlin. Das am Mittelrhein hatte mich zu einem Vortrag eingeladen und ich patzte. Jedenfalls war ich nicht mit mir zufrieden. Solche Fehlleistungen hängen mir nach. Eine vergeudete Rede, das ist wie ein vergeudetes Leben. Eben nicht Perlen vor die Säue (passiert auch), sondern leider nur Runkelrüben. Im nächsten Leben wird man dafür an den Ohren gezogen.
In Berlin war ich als Zivilist über einen privaten Belegarzt zu einer kleinen OP und als jemand, der nicht gedient hat, wirklich beeindruckt von der militärischen Kommunikation. Ich hockte einige Zeit auf dem Gang und fand alle Patienten aufgerufen mit Dienstgrad und Namen. Es gab einen Unteroffizier Müller und einen Kapitän zur See Meier. So kommuniziert sich also die Struktur stets mit. In anderen Organisationen ist die soziale Struktur zwar auch vorhanden, aber nicht so präsent; ich begreife erstmals den Sinn der Uniformen.
Diese seltene manifeste Begegnung mit der okkulten Struktur fällt mir wieder ein, als ich über die Anwaltschaft in Berlin informiert werde. Ich sprach mit einem wirklichen Kenner der Szene über Massenschäden und Massenklagen; das gehört ja zusammen. Die einschlägigen Rechtsschutzversicherungen spielen dabei ja eine Rolle, manche rühmlich, manche schlicht betrügerisch, indem sie das Leistungsversprechen, für das sie Prämien kassiert haben, notorisch umgehen. Die vorsätzliche Leistungsverweigerung als Geschäftsidee. Aber ich bin kein Jurist; wie immer man diese Eierdieberei unter Anwälten korrekt benennt.
Ich lerne dabei, dass man Anwälte unterscheidet in die Stars der Profession, oft in großen „law firms“ beheimatet oder namentlich auf Türschilder prangend, und Ferkelstecher. Kein Scherz. Welch eine Symbolik. Vor hohen Gerichten werden fette Säue geschlachtet und der unteren Gerichtsbarkeit Ferkel gestochen. Die unzünftige Hausschlachtung als Metapher. Fast glaube ich, dass Jus am Ende doch Humor hat; das kann aber eigentlich nicht sein.
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NEUES VOM OBERST.
Gestern also das Bier mit dem Reisekader in seiner Datsche. Warum war die Wende eine Sauerei? Man habe ihnen versprochen, dass in einer Konföderation zweier gleichwertiger und gleichberechtigter Staaten die wertvollsten Errungenschaften beider Seiten Schritt für Schritt zusammengefügt würden und so harmonisch zusammenwachse, was zusammengehöre. Stattdessen sei dem Osten das westliche System schlicht übergestülpt worden, in größtmöglicher Brutalität wurde abgewickelt. Die Ehrenträger seien mittels fadenscheiniger Altersgrenzen abgesetzt worden; das erinnere ihn fatal daran, wie man 1933 jüdische Intellektuelle vertrieben habe.
Da ist sie in reiner Form, die Wiedervereinigungsgeschichte als Annexion. Könnte so in der Berliner Zeitung stehen, dem Zentralorgan der Revisionisten. Meinem Oberstarzt war vor 35 Jahren bald klar, sagt er, dass die Zukunft westlich sein würde, im Osten eben nur deutlich ärmer. Pauper wider Willen, annektiert und ausgeraubt. Er weiß noch das Datum, da man die Anrede „Genosse“ durch „Herr“ ersetzen musste. Er beklagt, dass in der DDR „erworbenes“ Eigentum an die ursprünglichen Besitzer restituiert wurde. Zu den neuen Betreibern der Kliniken sagt er nichts, macht aber mit Daumen und Zeigefinger eine Geste des Geldzählens. Ich verzichte auf eine zweite Pulle Bier und gehe nachdenklich in die Nacht.
Warum habe ich eine andere Geschichte im Kopf? Die Quacksalber Lenins waren pleite und sind der Bundesrepublik Deutschland beigetreten, weil sie in jeder Beziehung fertig hatten. Und dass die Russen den von den Nazis enteigneten Familien 1994 (!) ihre Villen zurückgeben mussten, das kann man doch nicht ernsthaft als Unrecht empfinden. Aber auf die Russen wollte er sich gar nicht so recht ansprechen lassen; die ostdeutsch-russische Freundschaft könnte auch nur eine Fiktion sein; wer weiß das schon. Und dann lobt er doch noch die Leistungen der DDR im Sport und reißt sein Alibigebäude ein. Trauriger alter Mann.
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EIN OBERST UND ARZT.
Auf einem Empfang eines Spitalkonzerns sitzt ein älterer Herr neben mir, der das örtliche Krankenhaus, Achtung, mal als Militärmedizinische Akademie geführt hat. Ich lerne zum 75. Jahrestag der DDR eine Menge Geschichte. Die Klinik war von der KVP gegründet, wurde dann aber zur Akademie der NVA. Aha. Der Herr Oberstarzt spricht von der Kasernierten Volkspolizei und der Nationalen Volksarmee. KVP und NVA. Die Büchse der Pandora ist geöffnet.
Die DDR-Armee sei die einzige der deutschen Geschichte, die nie einen Krieg geführt habe. Anders als der Laden, der die elenden Bundeswehrkrankenhäuser betreibe. Und Handlungsmaxime war bei der NVA nicht Profit (wie heute), sondern Humanismus. Ein kleiner Fehler habe darin gelegen, dass man das Leninsche Prinzip des demokratischen Zentralismus nicht konsequent genug durchgesetzt habe. Medizin im Goldstandard, halt nur zu wenig Lenin.
Ich frage, ob es stimmt, dass am Ort ein Lazarett der Roten Armee war, für das eine Zugangssperre bestand, Deutsche nur als Kalfaktoren erlaubt. Die Laune trübt sich ein. Ich frage, ob in seinem Laden nicht auch an Dopingmitteln für Leistungssportler geforscht worden sei. Und man schräge Medizin „außen Westen“ in Studien geschickt habe. Herr Oberstarzt wird ungehalten. Er erzählt was von der unverbrüchlichen Freundschaft mit den Sowjets und von Captagon, das sie vor dem Westen hatten.
Auf die Einsätze des DDR-Militärs in Ungarn und der Tschechoslowakei angesprochen, erfahre ich etwas über die aktive Pflege und Gestaltung der „Waffenbrüderschaftsbeziehungen“, was mir Wessi und Nato-Sklave natürlich vorher nichts sagte. Wir treffen uns demnächst auf ein Bier. Er will mir noch erklären, warum die Wende vor 35 Jahren eine unglaubliche Sauerei war.
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KULTURKAMPF.
Ich schlage eine vergleichende Mentalitätsstudie in Österreich und Ostdeutschland vor. Kärnten und Sachsen etwa. In beiden deutschsprachigen Regionen hat die NEUE RECHTE ein Drittel der Stimmen und ist stärkste Partei. Prognose für FPÖ wie für AfD 32%. Die Konservativen von ÖVP und CDU klar abgeschlagen. Die Grünen in Austria bei 10% und die Sozis bei 23%, also noch um 16 Prozentpunkte stärker als die SPD in Sachsen (7%), bundesweit aber nur noch bei einem Sechstel (Olaf hat fertig).
Was ist da passiert? Ich meine nicht mit dieser oder jener Zahl. Gibt es eine neue Tektonik? Ein Drittel der Wähler mit rechtsradikaler Ambition? Kann das sein? Besonders putzig finde ich, wenn Österreicher DEUTSCHNATIONAL gestimmt sind. Die wollen wieder den Anschluss? Weitere Frage: Kriegen wir einen europafeindlichen Sockel, wie er in Austria und Großbritannien zu bemerken ist, dann auch im deutschen Osten? In ganz Deutschland? Und was sind das für Leute in den ominösen Drittel?
Mich interessiert deren Mentalität. Es geht mir dieser Spruch durch den Kopf, dass alte Leute sonderlich werden. Zeigt sich hier die demographische Langlebigkeit? Steile These: Die NEUE RECHTE besteht aus zu alten Männern in ländlich verödeten Räumen mit sehr niedrigem Bildungsniveau und klarer Vorliebe für Volksmusik. Der HÄSSLICHE DEUTSCHE lebt auf Rente in Chemnitz und Klagenfurt.
Das ist natürlich Quatsch. Trotzdem würde es mich interessieren: Was sind das für Mitbürger, die sich da zu einer schweigenden Mehrheit formieren, die nicht mehr schweigt? Kann man davon ein Bild, eine Innenansicht, malen? Nicht im Spiegel ihrer ideologischen Selbstbeschreibung, sondern mit kühlem Respekt sozialempirisch betrachtet. Eine Milieustudie. Ein Mentalitätsprospekt. Eine Anthropologie der Biedermänner. Gibt es so was schon?
So wie wir das rotgrüne Milieu der Altachtundsechziger beschreiben können, aus dem die Herren Steinmeier, Trittin und Habeck sowie die Damen Göring-Eckart und Baerbock stammen. Da hat historisch ganz verschiedene Binnenmilieus, aber dann einen zusammengeschmolzenen Zeitgeist, der gerade an der Macht ist. Ich sage nur HEIZUNGSGESETZ. Der Zorn auf die Ampel hat ja mit der Aversion gegen diese Mentalität zu tun. Das bringt mich zu der Frage: Haben wir einen KULTURKAMPF, in dem zwei kulturell unvereinbare Blöcke sich gegenüberstehen? Oder in inniger Hassliebe aneinander reiben?
Das würde Glanz & Elend der Ampel erklären. Verlust der Hegemonie.