Logbuch

HALBWAHRHEITEN.

Habe ich mich verlesen? War das eine alte Meldung? Oder gar Fake? Die Kommunikation der Deutschen Bahn soll künftig, verlautbart deren PR-Chefin eigenhändig in den Sozialen, ehrlicher sein. Auch andere Ziele werden genannt; der übliche Reigen von Attributen, die Rationalisierungen verbrämen. Aber eben auch ehrlicher soll es zugehen.

Ich neige zwar gelegentlich zu Kollegenschelte, aber die Kollegin bei der Bahn war mal bei VW, da halte ich mich zurück. Darf ich trotzdem sagen, dass der Komparativ mich irritiert. Was meint das? Ein wenig ehrlicher? Nicht mehr so ganz verlogen? Künftig öfter mal die halbe Wahrheit? Sonntags die ganze?

Diese Irritation führt zurück zu einer Debatte, die vor Jahrzehnten die Publizistik beschäftigt hat: Darf PR lügen? Ich gehörte damals zur Fraktion der Nestbeschmutzer (in den Augen der Gegner). Im Kern vertraten meine Lehrer Luhmann und Merten sowie deren Schüler die Auffassung, dass PR sozial tolerierte Täuschung sei. Danach macht der Satz der Bahn-Sprecherin Sinn; man will künftig also weniger täuschen als in der Vergangenheit. Das stimmt mich als regelmäßiges Opfer eines notorischen Missmanagements hoffnungsfroh.

Wäre noch meine Anschlussfrage zu stellen: Wird auch die Veralberung der Kunden im Berliner Getto-Slang zurückgenommen? Jedenfalls bleibt Satire im Angebot. An der Sitzung zur neuen Kommunikationsstrategie habe beratend auch Bahn-Chef Lutz teilgenommen; man liest es und sieht ihn auch auf dem Foto. Ehrlich.

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WO DER SAUMAGEN HERKOMMT.

Dass Berlin eine dem Wasser abgerungene Stadt wie Venedig sei, ist eine unhaltbare Übertreibung. Hier haust der Proll! Zumal die großartige Lagunenstadt längst zum touristischen Theme Park verkommen ist. Petra Reski passt auf sie noch auf, aber stimmt mir in der Trauer um den Niedergang von Harrys Bar zu. Nun, ich hause in Berlin auf der Insel Moabit, einst Industriemoloch von Borsig, und darf den Spreebogen genießen.

Die Spree band das preußische Kaff im Brandenburgischen Sand ans tschechische Hinterland und brachte Kohle, Viehfutter wie Milch („Bimmel-Bolle“). Nun entdecke ich gestern, dass das Ufer im Spreebogen fast durchgängig befestigt ist und somit zu erwandern. Freizeitidylle. Berlintypisch mit einem Hauch von Slum, aber Bote einer neuen Zeit. Man wird einsehen müssen, dass Gentrifizierung eine kulturelle Leistung ist (und die Romantik der ewigen Ghettoisierung ein Zynismus linksradikaler Spinner). Niemand kann die Slumbehausungen der DDR noch wollen. Nicht mal die Berliner Linke.

Züge einer Gartenstadt entstehen im immer attraktiveren Berlin; ja, die Preise der Immobilien spiegeln das. Erst weiterer Zubau wird daran etwas ändern. Zur Zeit zahlt der Student für eine Bude, so er sie kaufen kann, eine Viertel Mille. Also Daddy. Die soziale Frage ist also nicht zu leugnen. Und ich sehe auf meinem Spaziergang, dass die Stahldeckel der Kanalisation punktverschweißt sind. Es gibt eine Sicherheitsfrage. Die Eingänge der Souterrain-Wohnungen haben massive Stahlarmierungen. Es gibt in Berlin eben auch Anarchismus und verzweifelte Gestalten osteuropäischer Alks; der U-Bahnhof ist für Frauen auch tagsüber nicht nutzbar; man darf damit rechnen, ohne Anlass bespuckt zu werden. Die Politik wie die Bahn ignorieren das.

Mein Ausflug in meinem Kiez führte mich in ein modernes Hotel einer vornehmen Porzellanmanufaktur in der Englischen Straße, das als vietnamesisch betrieben wird. Auch das Frühstück. Sie hatten (Abendkarte ab 15.00 Uhr) zu rohem Fisch einen Sauvignon Blanc aus Deidesheim. Das ist in der Pfalz, wo Kohl Saumagen verzehrte. Vielleicht ist die Assimilation der kulinarischen Kulturen eine maßgebliche Metapher für die Zukunft der Metropole.

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PRO DOMO.

Der spätere Bundespräsident und frühere Ministerpräsident in NRW, den seine Freunde „Bruder Johannes“ nannten, galt als versöhnender Charakter. Ich habe seine evangelische Art gemocht. Er hatte ein gewisses christliches Charisma, das vielen seiner Nachfolger an der Spitze der SPD abging; zuletzt dem seelenlosen Scholzomaten. Der zur Zeit agierende Ober-Sozi frisst sich das Gemütvolle gerade an. Das könnte noch was werden. Jedenfalls galt für Johannes Rau das Motto „versöhnen statt spalten“. Eigentlich sollte das das Erbe Willy Brandts sein. Manieren der Mitte.

Heutzutage ist zweifelhaft, ob die unterschiedlichen Parteien noch koalitionsfähig sind. Die Lindnersche Gehässigkeit, der Habecksche Hass und der Kölner Kommunismus aus der Ampel-Zeit wirken nach. Das hängt damit zusammen, dass ein Politiker immer mit zwei Zungen spricht. Er will dem Wähler insgesamt als diplomatischer Souverän erscheinen und seinen eigenen Leuten als scharfer Hund. In Bayern nennt man das Bierzelt-Rhetorik. Keine Manieren als Mythos.

So kommt es, dass die Sozialministerin Bärbel Bäs aus Walsum trotz unzureichender Englischkenntnisse ein Kanzlerwort „bullshit“ nennt. Mit Kuhfladen bezeichnet der Amerikaner wirklichen Unsinn. Die Frau Ministerin wollte eigentlich sagen, dass ihre Basis anderer Auffassung als der CDU-Kanzler ist. Warum wird man so ausfallend? Wegen der Biersäufer in Walsum; das ist ein Vorort von Bottrop, wo man Bottropsky für sacht.

Johannes Rau machte das so: Bevor er an’s Rednerpult trat, wies er an, dass die obligatorische Wasserflasche links zu stehen hatte. Er ging dann in die Bütt und rügte als allererstes die Position des Getränks. „Weil die Flaschen immer rechts stehen!“ Brüllendes Gelächter im Saal. Ich habe die Nummer x-mal gesehen; sie hat immer geklappt.

Was die Freundschaft der liberal gesinnten Demokraten unterläuft, ist ihre gemeinsame Furcht vor den blau-lackierten Faschisten. Und damit haben die, die ganz rechts stehen, schon eine erste Runde gewonnen. Man lässt sich seine Manieren nicht vom politischen Pöbel nehmen.

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KULTURKAMPF.

Ich schlage eine vergleichende Mentalitätsstudie in Österreich und Ostdeutschland vor. Kärnten und Sachsen etwa. In beiden deutschsprachigen Regionen hat die NEUE RECHTE ein Drittel der Stimmen und ist stärkste Partei. Prognose für FPÖ wie für AfD 32%. Die Konservativen von ÖVP und CDU klar abgeschlagen. Die Grünen in Austria bei 10% und die Sozis bei 23%, also noch um 16 Prozentpunkte stärker als die SPD in Sachsen (7%), bundesweit aber nur noch bei einem Sechstel (Olaf hat fertig).

Was ist da passiert? Ich meine nicht mit dieser oder jener Zahl. Gibt es eine neue Tektonik? Ein Drittel der Wähler mit rechtsradikaler Ambition? Kann das sein? Besonders putzig finde ich, wenn Österreicher DEUTSCHNATIONAL gestimmt sind. Die wollen wieder den Anschluss? Weitere Frage: Kriegen wir einen europafeindlichen Sockel, wie er in Austria und Großbritannien zu bemerken ist, dann auch im deutschen Osten? In ganz Deutschland? Und was sind das für Leute in den ominösen Drittel?

Mich interessiert deren Mentalität. Es geht mir dieser Spruch durch den Kopf, dass alte Leute sonderlich werden. Zeigt sich hier die demographische Langlebigkeit? Steile These: Die NEUE RECHTE besteht aus zu alten Männern in ländlich verödeten Räumen mit sehr niedrigem Bildungsniveau und klarer Vorliebe für Volksmusik. Der HÄSSLICHE DEUTSCHE lebt auf Rente in Chemnitz und Klagenfurt.

Das ist natürlich Quatsch. Trotzdem würde es mich interessieren: Was sind das für Mitbürger, die sich da zu einer schweigenden Mehrheit formieren, die nicht mehr schweigt? Kann man davon ein Bild, eine Innenansicht, malen? Nicht im Spiegel ihrer ideologischen Selbstbeschreibung, sondern mit kühlem Respekt sozialempirisch betrachtet. Eine Milieustudie. Ein Mentalitätsprospekt. Eine Anthropologie der Biedermänner. Gibt es so was schon?

So wie wir das rotgrüne Milieu der Altachtundsechziger beschreiben können, aus dem die Herren Steinmeier, Trittin und Habeck sowie die Damen Göring-Eckart und Baerbock stammen. Da hat historisch ganz verschiedene Binnenmilieus, aber dann einen zusammengeschmolzenen Zeitgeist, der gerade an der Macht ist. Ich sage nur HEIZUNGSGESETZ. Der Zorn auf die Ampel hat ja mit der Aversion gegen diese Mentalität zu tun. Das bringt mich zu der Frage: Haben wir einen KULTURKAMPF, in dem zwei kulturell unvereinbare Blöcke sich gegenüberstehen? Oder in inniger Hassliebe aneinander reiben?

Das würde Glanz & Elend der Ampel erklären. Verlust der Hegemonie.