Logbuch

DER MENSCH EINE MASCHINE.

Mittels KÜNSTLICHER INTELLIGENZ kann man mittlerweile ganze Texte vom Computer verfassen lassen. Dazu gibt es eine Software, an die jeder kommt. Das Zeitalter der SCHREIBAUTOMATEN hat begonnen.

Es wird künftig nicht nur vom Banknachbarn abgeschrieben, der alte Lausbubentrick, oder von Wikipedia abgekupfert, nein, der Apparat dichtet gleich ganz am Stück. Dieser Menschheitstraum ist nicht so ganz neu. Schon vor hundert Jahren gab es auf Jahrmärkten SCHACHAUTOMATEN, Maschinen, die das komplizierte Spiel beherrschten. Edgar Allan Poe hat sich damit eindrucksvoll beschäftigt; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Jetzt gibt es Examensarbeiten wie Liebesgedichte aus der Retorte. Fasziniert sind davon jene Schreiberlinge, die ihr Monopol als Skribenten gefährdet sehen, also Journalisten.

Plagiatsjäger entwickeln gerade ein Instrumentarium, das in den künstlichen Texten Hinweise findet, die den synthetischen Ursprung enttarnen, sogenannte AI-Marker (AI steht für artificial intelligence). So will der Prof den windigen Studenten erwischen. Und die begattungswillige Jungfrau den schwindelnden Lover. Fools game. Das geht schief, weil AI lernen kann, was sie enttarnt und das dann routiniert vermeidet. AI ist so wirksam, weil sie sich ein Dreck um Logik schert; das Luder korreliert nur, aber sehr oft. Wer oft genug korreliert, hat dann irgendwann Kausalität. Kybernetik, eine Geheimwissenschaft.

Ich kenn mich da aus. Ich selbst sitze an der Software-Entwicklung für Marker der natürlichen Intelligenz. Die baue ich dann in meine Logbucheinträge ein, die ich demnächst vom Automaten schreiben lasse, während ich gemütlich ausschlafe statt frühmorgens schon zu dichten.

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ASSIMILATION.

Alle Kulturen beruhen auf Aneignung. Das Plagiat ist geradezu deren Prinzip. Nicht immer wird es dann eine Renaissance. Neues aus der Provinz.

Wir sind durch den Knüllwald gefahren und im beschaulichen Bad Wildungen bei einem Italiener eingekehrt, der auf seiner Pizzakarte als erstes die Version HAWAII anbietet, weil der Einheimische die mag. Ich rede darüber mit einem Nordhessen, dessen Vater aus Sizilien kam und der nun seine Töchter im Service beschäftigt. Aus den Lautsprechern summt Eros Ramazotti.

Ein Nordhesse am Nachbartisch schaut auf die Uhr, um zu beschließen, dass es spät genug sei für einen „richtig schönen Rotwein“. „Was haben Sie denn an Kräftigen da?“ Die junge Frau bietet ihm einen Primitivo an. Primitiv will er es aber nicht. Sagt er auch so. „Haben Sie keinen Rocha?“ Hatte sie nicht. Dann hat er „rot lieblich“ genommen.

So assimiliert sich die Malle-Erfahrung des Nordhessen mit der kulturellen Nachsicht des Provinz-Restaurant-Betreibers zu Süßwein mit Ananas. „That‘s about all there is to tell from a little trip into living hell.“ (Johnny Cash)

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DAS FACH.

Seit der Debatte um die letzte Seuche höre ich immer wieder den Ruf nach Experten. Dem Akademiker zaubert das ein ungläubiges Lächeln ins Gesicht. Über Wissenschaftsgläubigkeit.

Gestern habe ich mit einem Kollegen und alten Freund alle Professoren unseres gemeinsamen Fachs erörtert, also jene, die wir kennen und erinnern, also alle. Das Urteil fiel nicht gnädig aus. Genau genommen eine Bande von Idioten. Und wir haben es schon immer gewusst.

Natürlich kann das bei Licht betrachtet so nicht stimmen. Aber wir haben bei jenen, deren akademische Leistungen unbestritten sind, dann doch Makel im Persönlichen gefunden: „Kluger Mann, aber menschlich ein Arsch!“ Oder umgekehrt: „Ein ganz Netter, wissenschaftlich aber ein Wicht!“ Wenn es aus dem einen Blick nichts Vernichtendes gab, dann aus dem anderen. Vor unserem Urteil hatte keine Größe Bestand.

Eifersucht und Neid sind die wesentlichen Triebfedern der Wissenschaft. Jede Krähe hackt hier jeder anderen die Augen aus. Es herrscht Missgunst und der unbedingte Wille zum Rufmord. Dieser Humus ist es, der zu Fleiß und neuem Wissen antreibt. Nur der Zorn hält den Akademiker nächtens wach und lässt die Tasten klappern. Man verachte mir die niederen Motive nicht; sie schaffen oft Gutes.

Gleichzeitig ist man in dieser rigorosen Konkurrenz natürlich eine selbstverliebte Gemeinschaft. Wir sind alle Töchter und Söhne jener weisen Mutter namens ALMA MATER, was zu deutsch stillende Mutter heißt und den universitären Busen meint, an dem man großgezogen wurde. Deren Kinder loben sich als ALUMNI, zu deutsch Zöglinge. Berufsständische Idylle.

Kinder der Weisheit, aber schlecht erzogene. Hinter jedem Lob lauert eine Gemeinheit. Eigentlich eine Schlangenbrut.

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HOTEL MAMA.

Ob der Dichter FRANZ KAFKA ein glücklicher Mensch war, daran gibt es berechtigten Zweifel. Den hegt jeder, der sein Werk kennt. Mir ist jetzt ein Detail aus seinem Leben aufgefallen, dass zu diesem Unglück einen eigenen Zugang schafft. Kafka hatte nur ein Durchgangszimmer.

Er war fast ein ganzes Leben ein MUTTERSÖHNCHEN, dem eine Ehe nicht vergönnt war. Als er am Ende seiner knappen Tage unter dem mütterlichen Rock hervorkommt und von der elterlichen Wohnung in Prag nach Berlin zieht, ist er schon todkrank und bedarf der Pflege durch seine dort gefundene Frau. Kafka war ein MAMMONE, wie der Italiener, der sich in Fragen des Matriarchats auskennt, sagt.

Sein Durchgangszimmer lag zwischen dem  Wohnzimmer der großen und lebendigen Familie (er beschwert sich öffentlich über den LÄRM der Verwandtenbesuche) und dem Schlafzimmer der Eltern (wie gesagt, in einer hellhörigen Wohnung). Dazwischen sitzt er am Tisch und versucht nächtens zu schreiben. Der ihm verhasste Vater wird uns als vitaler und viraler Mann geschildert. Da sitzt er also fest, der Dichter, in einer Innenarchitektur, die sich ÖDIPALER nicht denken lässt.

Ich will das literarische Werk des großen Franz Kafka nicht schmälern und bin eigentlich gegen solche biografischen Zugänge, aber das hat sich mir doch eingebrannt, während ich durch die Ausstellung in der Berliner STABI zu dem Familienalbum der Kafkas wandere.

Vielleicht wäre ja Gregor Samsa, der junge ledige Mann, der noch bei seinen Eltern wohnte, wie es heißt, kein Käfer geworden, der verschollene Protagonist Karl Roßmann auf seiner Reise nach AMERIKA glücklich geworden und hätte HERR K. gar seinen PROZESS gewonnen, hätte ihr Schöpfer ein eigenes Zimmer gehabt.

Der Gedanke ist nicht so beiläufig, wie er scheint.