Logbuch
Bald werden die Medien mit Jahresrückblicken überlaufen und uns routiniert langweilen. Ich frage mich schon jetzt: War 2020 ein furchtbares Jahr? ANNUS HORRIBILIS. Wenn man an die vielen Erkrankten und Toten denkt, die die Seuche zu verantworten hat, ja, natürlich. Wenn man an den sozialen Schaden der Lockdowns denkt, den kulturellen und den wirtschaftlichen, ja, ganz bestimmt. Aber auf die engen Freunde und die Familie zurückgeworfen zu sein, auf die Sorge um die Seinen und sein Kerngeschäft, das war nicht nur bedrückend, es war auch bereichernd. Und die ruhige Vernunft des Landlebens. COUNTRY LIVING: Apollinische Freuden, wie Häuser reparieren, den Garten pflegen. Altes erhalten, aufräumen. Man vermisst die dionysische Hysterie der Metropole nur ganz selten.
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Das Bundeskanzleramt erlaubt mir mittels Bundespresseamt und einer Agentur namens Florida in einem Filmchen, dass ich zur Bewältigung der Pandemie weiterhin auf der häuslichen Couch die FAULE SAU gebe. So stellt man sich das also vor. Voraussetzungslose Grunddummheit. Weiter kann man vom wirklichen Leben nicht entfernt sein. Wie viele SELBSTÄNDIGE kämpfen wir SELBST und STÄNDIG ums wirtschaftliche Überleben, wegen der Krise, trotz der Krise. Und die Herrschaften verarschen uns als freizeitorientierte Stubenhocker und Weltkriegsveteranen. Das kommt mich bitter an, to say the least.
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CORONA-CHAOS.
Was für ein Gewusel! Hier so, dort anders, morgen vielleicht wieder was neues. Der FÖDERALISMUS geht den Menschen auf den Keks. „Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben!“ Im Ernst: eine von der Vernunft gelenkte Demokratie würde mit der Pandemie doch viel besser fertig. Sagen wir, so etwas PRÄSIDIALES wie in Frankreich. Der PARTEIEN-STAAT kommt bei den Coronagegnern ohnehin eher schlecht an: zu viel Rumdiskutieren, Lavieren, faule Kompromisse in der Überzahl. Da sind die CHINESEN einfach überlegen. Sind sie ja eh; hier zerfällt EU und NATO und die bauen genau so was in Asien, nur größer. In China ist die Kommunistische Partei zwar nicht mehr kommunistisch, aber sie hat immer noch immer recht. Weil es sich bewährt hat; nicht für alle, aber für einige. Alle großen Reformen, zu denen es die Preußen gebracht haben, beruhten auf einer straffen Staatsräson. Geht ohne nicht. Ob im Bergrecht (Energiewirtschaft) oder Bildungswesen (Schulpflicht). So, und wenn dann klar ist, wer das Sagen hat, dann muss der nur noch tun, was richtig ist. Habe ich ja gesagt: eine von der Vernunft gelenkte Demokratie, jedenfalls Herrschaft. Und was ist unzweifelhaft richtig? Das wissen wir bei der Pandemie nicht so genau. Genau weiß ich nur, dass man dem Mob nicht das Sagen geben darf. Auf der Straße herrschen, je nachdem, wo man ist, im Zweifel Dummheit, Aberglauben und Rachsucht; schlechte Ratgeber. Wer also macht den Diktator weise? Donald Trump, Boris Johnson, Victor Orban, Vladimir Putin... Okay, kann ich mir das mit dem Scheiss-Föderalismus noch mal ansehen?
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UNMUSIKALISCH.
Gestern in der Berliner Philharmonie eine Meisterleistung dieses grandiosen Orchesters unter seinem Chefdirigenten Kirill Petrenko mit Smetanas „Vaterland“, sechs Symphonien rund um die „Moldau“ in 75 Minuten ohne Pause durchgespielt, am Ende Achtungsapplaus, nicht mehr.
Das Werk ist von hohem Anspruch, Smetana wollte einen Nationalcharakter der Tschechen aus und mit Musik schaffen, aber eben auch erzählerischer Natur, Landschaftsbilder entwerfend, also zu verstehen. Aber ich stutze schon, als ich sah, dass die erste Geige des fabelhaften Japaners Kashimoto zur Seite gesetzt war und die im Orchester ungeliebte Lettin Sareika übernahm.
Kirill hat die Obsession der Präzision. Exakt führt er das Orchester, einem Uhrwerk gleich. Er dirigiert wie KI. Als die Becken an einer einzigen Stelle eine halbe Sekunde zu früh kommen, tadelt er. Auch pompösen Komponisten nimmt er das Pathos; alles ist von aseptischer Klarheit. Ein durch Sir Simon Rattle verwöhntes Publikum fremdelt und erstarrt. Es gibt ihm drei Vorhänge, aber nur eine stille Begeisterung. Der Saal tobt nicht. Vielleicht ist das gut so. Die Blumen gibt er der hochgewachsenen Lettin, eh klar.
Walter Momper war auch da, alt geworden. Und Graf Schulenburg sah ich, mit Gattin, Pumps mit roten Sohlen. Von Musik habe ich übrigens nicht die geringste Ahnung, ein Versäumnis meiner frühkindlichen Sozialisation und dann ganz sicher der schulischen Erziehung. Der Mann ist unmusikalisch. Übrigens auch in Fragen der Heilsgewissheit. Religiös unmusikalisch. Das ist von Max Weber, wenn ich das recht erinnere.