Logbuch

HIS MASTER‘S VOICE.

Es gab Aufregung im Medienzirkus, weil die populären Hörspiele („Podcast“) eine Werbeform anbieten, bei der die Stimme des Redakteurs auch die Werbung verliest. Die Vierte Gewalt sagt dann auch „Lidl lohnt sich“. Der Tagesschausprecher empfiehlt Vodafone. Das finden manche nuttig. Hinter der vordergründigen Empörung steckt eine tiefere Wahrheit.

Die menschliche Stimme ist wie der Fingerabdruck oder der Gesichtsausdruck weit mehr als nur Information im Sinne des gesprochenen Wortes. Das erzählt uns das berühmte Warenzeichen, bei dem ein junger Hund überrascht auf das Grammophon schaut, von dem er die Stimme seines Herrn hört. Sie signalisiert ihm nämlich die Pflicht zum Gehorsam. Wir hören Vaters Stimme schon, wenn noch in Mutters Bauch. An der Geliebten gefällt, was sie stöhnt, wenn sie die Augen einwärts dreht. Stimme ist Seele.

Daran, dass es nur sehr wenige gute Synchronsprecher und Vorleser gibt, zeigt sich, dass eine ausdrucksstarke Stimme selten ist. Es gibt tief in unserem Inneren verankerte Assoziationen. Ich hasse zum Beispiel die Stimme des grünen Affen Hannes Jaenicke und liebe, Entschuldigung, gnädige Frau, die Stimme von Hansi Lochner. Sie hat Jodie Foster in „Schweigen der Lämmer“ synchronisiert und ich bin beim Hörbuch mehrfach eingeschlafen und habe um sie gefürchtet, angesichts der bösen Absichten von Hannibal Lecter, dem Kannibalen. Bei Hansis Stimme richten sich die Nackenhaare auf.

Eines Tages wird die KI zu uns sprechen mit der Stimme unseres verstorbenen Herrn Vater oder der am heißesten geliebten Frau, bei mir Charlotte Rampling. Weil die KI ein reproduktives System ist, das uns als Black Box beobachtet und an der Repetition unserer Reaktion lernt, was am häufigsten gewünscht wird. Wir werden wie der Köter vor der Schallplatte des Grammophons vor unseren IPhones sitzen und tun, was die Stimme des Herrn sagt. Oder bei anderer Stimme entflammen.

Die Enttäuschung ist vorprogrammiert. Die Dame hinter der Stimme von der Rampling, eine Frau Saur, sieht, sorry, Gnädige, eher belanglos aus. Und die Sprecherin von der legendären Jodie wirkt im wirklichen Leben besichtigt wie Pumuckl. Stimme ist nicht alles. Ohne Stimme alles nichts.

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DIE WARE LIEBE.

Der Fuchs war im Hühnerstall. Aufregung in der Berliner Journaille. Der Medienunternehmer und selbsternannte Pionier der Publizistik Gabor STEINGART hat zu einem Rundumschlag gegen seine Branche ausgeholt und dabei die Praxis seiner publizistischen Kolleginnen der Prostitution bezichtigt. Wörtlich. Sich selbst der Ästhetik gerühmt. Welch eine Achilles Ferse! Um es vorweg zu nehmen, Rom fällt nicht, wenn halbe Huren halbe Huren halbe Huren nennen. Thetis.

Interessant ist es doch, weil die Invektive den inneren Zustand der Vierten Gewalt zeigt. Ich versuche das zu argumentieren, bevor ich zur Thetis komme.
Presse war die Fähigkeit, Papier so zu bedrucken, dass die Leser Geld dafür geben und Leerraum für Werbung entsteht, die die Kasse noch mal klingeln ließ. Zur Erhaltung des Tauschwertes wurde Redaktion und Werbung fein säuberlich getrennt. Vehement vertrat man moralische Erhabenheit und politische Geltung. Das Geschäftsmodell ist kaputt; man hat es nicht ins Internet rüberretten können.

Das neuste sind Podcasts, sprich Hörspiele, die sich moderne Menschen beim Joggen, im Auto oder der U-Bahn anhören. Der Vorzeigejournalist Robin Hood hat so ein Ding mit seiner Gattin gegründet, nennt sich MACHTWECHSEL und ist echt gut. Weil das publizistische Paar aber dort auch der Werbung die eigene Stimme verleiht, meint STEINGART die Frau, die mal seine Mitarbeiterin war, wenn er von Prostituierten spricht. Das ist nicht fein und nicht fair, aber nicht meine Sache. Ich hätte mich an Steingarts Stelle nicht mir Robin Hood angelegt; schon gar nicht seine Frau beleidigt.

Denn er selbst, der Pionier, hat sich aus dem Zeitungssterben gerettet, indem er eine hybride Mischform von PR und Presse betreibt. Um die Klebrigkeit dessen aufzuhübschen, macht er das auf einem Bötchen auf der Spree. Wie albern. Wer sich da reinkaufen will, wird um 5000 € für ein Lebensabo gebeten. Heidewitzka, Herr Kapitän. Ein Freund erzählt mir, er habe 10k gezahlt, um im morgendlichen Info-Dienst des Bötchen-Patriarchen stets gut wegzukommen. Das Trennungsgebot von Werbung und Redaktion scheint mir hier aufgehoben. Wie kann ich da die Gattin von Robin Hood ehrverletzen wollen?

Jetzt zu Thetis. Sie hat in Mythologie der alten Griechen die Charakterlosigkeit in die Welt gebracht. Sie war zwar die Mutter des Achill, stiftete den Zwist, der den Trojanischen Krieg begründete. Und in Essen-Kettwig, wo ich zur Schule ging, lag auf dem Stausee ein ehemaliges Restaurantschiff, bei dem erst zum späteren Abend die Lichter angingen. Wer erinnert sich noch? Ich schwör! Es hieß Thetis und die Lampen waren rot. Ein Bötchenbordell. Tja, lieber Gabor, das älteste Gewerbe der Welt. Wer im Glashaus sitzt.

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DER PATE DER RUHR.

Denkwürdiger Auftritt im Düsseldorfer Industrieclub gestern, ein historischer Ort mit eigener Biederkeit, aber eben auch klugen Momenten. Es tritt auf der Chef eines eher unbekannten Unternehmens namens Amprion. Ein Übertragungsnetzbetreiber; alle Kunde der Kundigen beruht auf einem doppelten Mangel der Elektrizität: Strom ist leitungsgebunden und er lässt sich nicht speichern; wer beides leugnet, ein Dilettant. Derer gibt es viele.

Der CEO des Dortmunder Unternehmens Dr. Christoph Müller bemüht sich um einen tragfähigen Konsens in der Energiepolitik und weiß einen weisen Satz zu sagen: Die Kernenergie wird in Deutschland erst dann eine Zukunft haben, wenn die Grünen sie befürworten. Das ist fundamental und nicht ganz neu. Vor vierzig Jahren habe ich dazu ein Buch verlegt, das den Titel trug „Des Feuers Macht“. Eine Entlehnung von einem alten Industriefilm des Benzolverbandes BV, auch bekannt als Aral. Ich war damals Geschäftsführer der „Informationszentrale der Elektrizitätswirtschaft“, genannt IZE. Des Feuers Macht erschien zunächst als Jahresgabe des Herner Bauunternehmers Heitkamp, dann in großer Auflage als Publikation der IZE. Wir zahlten den Autoren gut.

Kern ist die Idee eines Zieldreiecks von Energiepolitik, nämlich die Triade von Versorgungssicherheit, Umweltverträglichkeit und Preiswürdigkeit. Der Segen liegt in der Mitte des Dreiecks. Das trägt gestern Dr. Christoph Müller vor. Er sammelt damit in der heillos zerstrittenen Energiepolitik die Verständigen. Erfolg ist zu wünschen. Wo liegt die Pointe? Nun, das epochale Werk von „Des Feuers Macht“ hatte einen damals wichtigen Autor. Er hieß Dr. Werner Müller. Der Pate der Ruhr. Ich verdanke ihm viel. Er ist Christophs Vater; zwischenzeitlich verstorben, aber mental im Raum, wenn sein Sohn klug spricht. Ich erinnere mich daran, dass der alte Müller mir seinerzeit den Arsch rettete, als ich mich als Jungtürke mal wieder zu weit aus dem Fenster gelegt hatte. Ich schulde dem alten Herrn was. Jetzt Applaus für den Sohn.

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VATER STAAT.

Was man von Vater und Mutter zu halten habe, das hängt sehr stark davon ab, wie man seine eigene Kindheit erlebt hat. In diesem Satz liegt nicht allzu viel Weisheit. Und doch geht er mir durch den Kopf, als ich den Artikel 1 des Grundgesetzes mal wieder lese. Das ist nämlich von keinem gütigen Vater die Rede, schon eher von mütterlichen Tugenden.

Unsere Verfassung (und das ist das Grundgesetz, die Verfassung des Gemeinwesens) spricht eingangs ganz ausdrücklich von „staatlicher Gewalt“; nicht von der Harmonie einer heiligen Familie. Der Staat ist hier ein Gewalttätiger, wenn nicht gar ein Gewalttäter, dem Verpflichtungen auferlegt werden. Das Grundgesetz zügelt die Rechte des Staates, nicht die der Bürger. Das entspricht der Erfahrung, die die Eltern dieses Grundgesetzes mit dem Vorgängerstaat hatten.

Der hatte einen Weltkrieg vom Zaune gebrochen, der ganze Völker dahinraffte. Mein Herr Vater hat es immer so empfunden, einer Generation angehört zu haben, die diesen Irrsinn nur zufällig überlebt hatte. Ich bin Kind eines historischen Zufalls; das verpflichtet, dem Säbelrasseln nicht mit Hurra zu begegnen.
So legt die Verfassung die staatliche Gewalt an die Fessel, dass sie in erster Linie die Menschenwürde zu achten und zu pflegen habe. Meine, die von meinen Leuten, dann die der Nachbarn, schließlich die von Fremden.

Der Staat tritt den Menschen gewaltsam entgegen, wenn er sie „zieht“ oder in den Knast steckt, eigentlich schon, wenn er jeden Monat die Hälfte vom Verdienst abhaben will. Daher erschien er den Alten als Ungeheuer („Leviathan“). Dieses Erlebnis ist manchen meiner stets behüteten Zeitgenossen erstmals untergekommen, als die staatliche Gewalt eine Seuche zu bekämpfen hatte. Auch mich hat man infiziert, mit allem möglichen Zeugs geimpft und dabei mit Hausarrest belegt und ich war empört, bin darüber aber nicht hysterisch geworden. Das ist bei anderen offensichtlich anders.

Nie hatte ich aber das Gefühl, dass in erster Linie Papa Staat für meine Daseinsfürsorge zuständig sei; ich komme aus einer Kultur, die da eigenes Bemühen, Schweiß und Arbeit, in der Pflicht sah. Und wo die nicht reichen, Solidarsysteme, zu denen man sich frühzeitig entschließen sollte. Noch immer zahle ich in die gesetzliche Krankenkasse mehr ein, als ich von ihr in Anspruch nehme; und ich hoffe, dass das fürderhin auch ein schlechtes Geschäft bleibt.

Soviel also an ernsthaften Überlegungen zum amerikanischen Vatertag, an dem ich im Netz kluge Worte von Ex-Präsident Obama lese; ich glaube, der hat seine Vaterpflichten, wie so viele von uns, der Mutter seiner Kinder überlassen müssen. Schöner Satz für eine Verfassung: Der Staat sollte nicht Vater sein, sondern Mutter.