Logbuch
Vergleiche menschlichen Verhaltens mit dem von Tieren sind akademisch irgendwie aus der Mode. Zu Unrecht. Sehe diesen Film über Auerhähne. In der Biologie „der theatralische Ur-Hahn“ genannt. Sein, die Begattung einleitendes, Tanz- und Gesangsverhalten nennt sich BALZ. Diese Vögel führen es auf dem BALZPLATZ auf. Balzen auf dem Balzplatz. Alle Männchen posieren und plärren vor allen begattungswilligen Weibchen. Die besten Balzer bestimmen die Performance , dann die Kultur und am Ende qua Evolution die Art. So, genauso geht TWITTER.
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Cluster.
Sagt warnend der Chef-Virologe. Kaninchenzüchter wissen, was er meint. Wenn ich alle Hasen in einen Stall um eine Schüssel Möhren packe, ist es ansteckender als im alten Verfahren der getrennten Karnickelställe. Kiste auf Kiste. Jeder in seiner Kiste. Kohlrabi durch das Gitter. Deshalb war der „newsroom“ eine Idee zur Effizienzsteigerung in kooperationsunwilligen Schreibstuben, aber eben ein Cluster. Das Großraumbüro hatte ja schon immer den Charme der Massentierhaltung, gegen die man sich mit Aktenbergen, Stellwänden, Pflanzenkisten, Schränken usw. usf. virtuos wehrte. Keine artgerechte Haltung. Wir sind keine Hallengattung, keine Herdentiere, sondern Höhlenbewohner, Hüttenwesen.
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Das Allgemeine Wahlrecht war bereits ein Fehler. Diese schlanke Auffassung liest man gerade aus dem Interview mit einem Gewerkschafts-Führer der Bahn, der auf eine autoritäre Sozialisation im Osten zurückblickt. Er beklagt sich, die Bahn habe leider 80 Millionen Experten. Meint: Jeder Arsch wolle mitreden, obwohl er gar keine Ahnung hat, jedenfalls keine Bahnuniform an. Der Mann bemängelt, dass seine Kunden nicht seine Untergebenen sind. SERVICE ALS STRAFVOLLZUG. Im Grunde verlangt er von seinen Kunden schlicht Gehorsam gegenüber den Bahnbediensteten, die er für Amtsträger hält. Das ist jener preußische Kadavergehorsam, der in der DDR die 68er-Jahre überleben konnte, und jetzt als „deutsch“ neu aufblüht. Eine Stimmungslage, die ich in Sachsen oft antreffe. Dem steht bei der Bahn eine zweite Kultur zur Seite, die aus dem Informalismus der Internetfreaks kommt und, weil so schrecklich modern, ihre Kunden partout duzen möchte. DER KUNDE ALS KIND. Objekt von freundlicher Erziehung. Beides nebeneinander passt nicht, beides falsch. Reaktanz. Ein Staatskonzern auf der Suche nach dem richtigen Ton. Vielleicht sogar ein ganzes Land.
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DER JENS.
Der NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg ist Norweger. Ich kenne ihn noch als Wirtschafts- und Energieminister des skandinavischen Landes. Norwegen ist weltweit der drittgrößte Gasexporteur. Es liefert ein Drittel unseres Erdgases. Mittels Direktleitung.
Ich mag den Typ und ich mag das Land. Es ist schon etwas Besonderes. Aber der Reihe nach. Norwegen ist eines der wohlhabendsten Länder der Welt; die Öl- und Gasvorräte wurden mit Bedacht versilbert und zwar vornehmlich zugunsten der Staatskasse. Inzwischen kommt auch dort das unvermeidliche Getue mit der NACHHALTIG hinzu; geschenkt. Eigentlich ist es ein europäischer OPEC-Staat mit einer angenehmen, calvinistisch-liberalen Kultur.
Norwegen ist Russlandanrainer. Beide Staaten teilen sich die gigantischen Energievorräte im hohen Norden, der Barentssee. Die beiden haben da eine Grenze friedlich untereinander ausgehandelt. Und Norwegen gehörte schon 1949 zu den Gründern der NATO. Für Stoltenberg war es allerdings nicht an der Wiege gesungen, dass er mal dem nordatlantischen Militärbündnis vorstehen sollte. Der Mann ist geborener Sozialdemokrat und hat seine Laufbahn als Journalist begonnen.
Ich erinnere mich noch an meine Zeit in der Gaswirtschaft und seine als Ministerpräsident; insbesondere an seine Pressesprecherin Anne, eine blitzgescheite und sehr nette Journalistin. Überhaupt ist Oslo eine wunderbare Staat. Man sollte allerdings die VIKINGER-Tradition des Landes mit Bedacht sehen. Ich kannte damals einen nordnorwegischen Kollegen von Anne, der ein T-Shirt trug, auf dem vorne stand „We kill wales for fun“ und hinten „Intelligent food for intelligent people“; tjo.
Also, der Jens und die Seinen zeigen, dass man auch friedfertig Erdgas exportieren kann. Und ich habe der Deutsch-Norwegischen Gesellschaft zu Oslo lange angehört. Wunderbare Weihnachtsessen. Aber, das sollte man nicht vergessen, es sind Vikinger. Die haben der Hanse echt zu schaffen gemacht.