Logbuch

SEIN WORT MACHEN.

In den TV-Nachrichten ein BRIGADEGENERAL der Bundeswehr, den der Bundespräsident für die Fluchthilfe in Afghanistan ausgezeichnet hat. Ich habe nicht gedient und finde diesen Einsatz insgesamt, sagen wir, schwierig. Aber der Mann wusste SEIN WORT ZU MACHEN.

Welch ein Lichtblick in diesem Universum der Laberbacken. Findet auch die Blonde. Sagt die Blonde, sie sei mal im BUNDESWEHRKRANKENHAUS gewesen und dort gut behandelt. Seitdem sehe sie Militär mit anderen Augen. EIN BEISPIEL GEBEN.

Mehr habe ich heute Morgen nicht: sein Wort machen und ein Beispiel geben können. SALUT.

Logbuch

DER ZUSTAND DER DEMOKRATIE.

Die Kandidaten überzeugen mich alle nicht. Lustlos sehe ich die Schlussphase des Wahlkampfes. Erkenntnisekel als Lebensgefühl.

Olaf Scholz will erscheinen als Hanseat. Bürgerlich, liberal, sozialdemokratisch. Helmut Schmidt ist wieder da. Und ein wenig Willy Brandt. Er will stehen für Solidität. Das wären meine Werte. Auf ein solches Charisma würde ich reinfallen.

Olaf Scholz muss aber seine mickrige Amtsführungen rechtfertigen. In Hamburg, wo er den Terror nicht in den Griff bekam und Steuerbetrug tolerierte. In Berlin, wo er massiven Betrug nicht aufdeckte und Geldwäsche begünstigte. Nicht er persönlich, sondern seine Behörden. Politisch verantwortlich für Staatsversagen.

Olaf Scholz kann Kanzler nicht. Mir war das immer klar. Ich habe zudem einen Freund, der ihn gut kennt, und von ihm auch charakterlich nicht überzeugt ist. Der Mann ist für mich nicht die Lichtgestalt, als die er erscheinen möchte. Aber das spräche ja für sein PR: mittleres Talent mit einigem Erfolg. Charisma geht anders.

Ich habe schon per Briefwahl meine Pflicht getan. Und wahre natürlich das Wahlgeheimnis. Aber es war ein Vermeidungshandeln, keine Begeisterung, ein Abwägen. Ich habe versucht, das geringste Übel zu wählen. Soviel zum Zustand der Demokratie.

Logbuch

DAS SCHWEIGEN.

Lesefrucht, geerntet bei einem Latein-Professor aus Dresden zu einem alten Graffiti. Erhalten seit der Antike. In den feuchten Putz einer römischen Grammatik-Schule hatte ein Denunziant den Schädelumriss des Direktors geritzt. Und den Direx namens Pollux (oder so) darin einen „fellator“ genannt. Steht da ganz lapidar: POLLUX FELLATOR. Was heißt das? Ich greife nach meinem alten Schulwörterbuch LANGENSCHEIDT Latein - Deutsch. Das lateinische Wort „fellator“ ist dort verzeichnet, aber, höchst seltsam, nicht ins Deutsche übersetzt. Es wird zwar erklärt, aber nur in Latein. Man hat sich bei diesem Wort zum Deutschen nicht getraut.

So dachte man sich in einem Schulbuchverlag wohl den Schutz der Jugend. Unschuld bewahren, indem man das böse Wort nicht sagt. Jedenfalls nicht in deutschem Klartext. Dabei könnte es ja um Gewichtiges gegangen sein. Etwa einen Pädagogen im Alten Rom, dem man öffentlich Neigungen vorwarf, die nicht notwendig dem Kindeswohl dienten. Könnte aber auch Rufmord gewesen sein. Schmähungen standen damals hoch im Kurs. Man war nicht zimperlich mit seinen Gegnern.

Das Vermeiden von Klartext erinnert an den neuzeitlichen Umgang der Katholischen Kirche mit solchen Tatbeständen. Wenn man dem Missbrauch kein Wort gab, konnte er auch nicht geschehen sein. Vieles, was sich als Tugend- und Jugendschutz geriert, war Täterschutz. Im Alten Rom war man deftiger. In Theorie und Praxis. Aber auch hier routiniert verlogen. Man redete sich gern damit heraus, dass es GRAECULI, sprich „kleine Griechen“ (und eben nicht ehrbare Römer), waren, die in Badehäusern zu Diensten waren.

Das Wörterbuch nennt das Wort also nicht. Sprachlosigkeit ist ein Verdikt gegen Opfer. Den Tätern reichen ohnehin Andeutungen. Hier setzt spätestens die PSYCHOANALYSE an: sie gibt dem Unausgesprochenen Namen, etwas bildungsbürgerlich, aber immerhin Es bricht die HEGEMONIE DES SCHWEIGENS. Denn das ist das Schweigen: Herrschaft, Machtausübung.

Logbuch

DAS PORTRÄT.

Face Book. Buch der Gesichter. Wie kann das Bild eines Gesichts den ganzen Menschen darstellen? Nicht nur seinen Körper. Es erscheint uns als SPIEGEL DER SEELE. Woher diese Offenbarung?

Diskussion mit Studenten über Fotos in Bewerbungen. Mein Eindruck: anhand der Bilder findet die erste Vorauswahl statt. Widerspruch einer Kommilitonin, die schon mal in einer Personalabteilung (sie nennt das englisch HR) gearbeitet hat; es werde nach Qualifikation ausgewählt. Ich habe da meine Zweifel und rate den Karrierewilligen zur professionellen Gestaltung der Fotos. Sie sollen dafür richtig Geld ausgeben.

Überhaupt ein Wunder. Woher wissen wir, dass Mona Lisa lächelt. Ich habe im Louvre vor dem Gemälde gestanden und war vor allem irritiert. Es ist unter Glas. Man sieht sich selbst gespiegelt. Aber bleiben wir bei der Mimik als Seelenspiegel. Das mag schon biologische Gründe haben („Will mich das Wesen fressen?“), aber sicher psychologische („Wird das Wesen mich stillen?“) Nächster Blick aufs Dekolleté. Geheimdienstleute achten bei Passfotos übrigens immer auf die Ohren, weil hier das Individuelle voll zuschlage; hat mir mal ein STASI-Offizier erzählt.

Von dem bettlägerigen Heinrich VIII wissen wir, dass er einen damals sehr berühmten Porträtmaler nach Deutschland geschickt hat, um eine Heiratskandidatin aus Kleve zu porträtierten. Das Bild war so anmutig, dass die Dame zur Verfertigung eines Thronfolgers angeliefert und geheiratet wurde. Zum Vollzug der dazu notwendigen Akte kam es aber wohl nicht, da seine Majestät seinen schweren Diabetes nicht durch Animation zu überwinden wusste. Er muss etwas in dem Bild gesehen haben, was er dann nicht wiederfand. Ein Minister wurde deshalb geköpft, der Maler blieb verschont.

Und ich rate zur regelmäßigen Aktualisierung von Porträtfotos. Ich habe im Flieger nach New York mal neben der Mutter einer sehr bekannten Modeschöpferin gesessen, deren Tochter ich von all den Pressefotos kannte. Ich sprach sie als die Frau Mama der berühmten Schönheit an. Das ging wie bei Heinrich VIII gründlich schief. Es war nicht die Mutter, sondern die in Ehren gealterte Tochter. Man war nicht amüsiert.