Logbuch
TRAUER.
Lese einen Nachruf, den man für Gerhard Schröder auf Thomas Oppermann verfasst hat, der seltsam missraten ist. Der Nachruf, nicht Thomas, den ich bewundert habe. In dem Epilog ist weit mehr von dem Nachrufenden die Rede als von dem Verstorbenen. Eine beklemmende Eitelkeit trieft aus dieser verqueren Trauerrede, die sich so in Vorgeblichkeit verfängt. Nun scheut der aktuelle PR-Berater des Altkanzlers, der das vermutlich verzapft hat, ohnehin keine Peinlichkeit in seinen Volten auf „Gas-Gerd“, aber gerade bei dem Thema Oppermann beklemmt dieser Zwang zur Hagiographie. Er war ein so feiner Mensch, der Thomas Oppermann, ein grader Mann; man seufzt. Aber hinter dieser Peinlichkeit eines im Grunde narzisstischen Zugeständnisses an einen Weggefährten, die diesen zum Domestiken degradiert, liegt eine höhere Wahrheit. Trauer ist immer auch Selbstmitleid darüber, dass man eine Schuld nun nicht mehr ausgleichen kann, weil der Andere für immer gegangen ist. Grabpflege als Ausdruck des schlechten Gewissens. Die historische Errungenschaft des Christentums gegenüber den Religionen des Zorns ist der Wille zu verzeihen und der Wunsch um Verzeihung bitten zu wollen. Die Antiken haben noch aus vollem Herzen hassen können. Und die anderen beiden Monotheisten tun es nach wie vor. THYMOS. Ungebrochene Rache, Zorn. Die durch das Christentum Geläuterten haben diesen Tunnelblick verloren. Und wenn man dann, ganz Protestant oder Agnostiker, nicht mehr an das Ewige Leben glaubt, an Paradies oder Hölle, dann wird man zu Lebzeiten für Gerechtigkeit sorgen müssen. Dieser Befriedungswille läuft aber unwiderruflich ins Leere, wenn der Andere für immer weg ist. Trauer kann insofern etwas sehr Eitles sein. Ausdruck des schlechten Gewissens, etwas versäumt zu haben als noch Zeit war. Der Wunsch sich darüber hinwegzutäuschen.
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Heute Interview mit Studenten zur Historie meines Instituts. Vorüberlegungen. Die erste Publikation, in der ich namentlich als Autor in diesen Kontexten genannt werde, müsste, stelle ich grübelnd fest, von 1975 sein. Mein lieber Herr Gesangsverein, sind das 45 Jahre? Fast ein halbes Jahrhundert immer denselben Unsinn erzählt. Poch. Dissertation veröffentlicht vor 40 Jahren. Wird nicht besser.
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PATHETISCH.
Das meint im Deutschen einen „hohen Ton“. Darin kann Gewicht liegen oder nur die narzisstische Manie, alles mit Superlativen belegen zu müssen. Eine Nummer kleiner haben es solche Menschen nicht. Byzantinisch. Preußische Bescheidenheit misstraut dem Pathetischen. Und der Gentleman. Im Englischen ist PATHETIC immer abwertend gemeint. Mitleiderregend, erbärmlich, abstoßend. Ich verstehe den englischen Sprachgebrauch gut, sehr gut sogar.
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WORK FROM HOME.
An den Arbeitsplätzen der HEIMARBEIT entsteht ein neues Proletariat, dessen sich weder Betriebsräte noch Gewerkschaften annehmen. So sieht heute AUSBEUTUNG aus.
Wenn die Sklaven ihre Ketten lieben. Die Popularität der sogenannten HOME OFFICES liegt in der Befreiung von der Pflicht, sich morgens aufzumachen und ins Büro zu müssen. Dieser bequemen Chance zu gammeln steht beim WORKING FROM HOME eine klare Arbeitsverdichtung entgegen. Das ist das vornehmere Wort für Ausbeutung. Es entfällt nicht nur der arbeitnehmerfreundliche behördenübliche Schlendrian in den Ritualen von Kaffeepause, Kantinengang, Kollegenschwätzchen, Kaffeepause zwei, Sitzungstourismus. Es entfallen für den Arbeitgeber vor allem die Kosten für den Arbeitsplatz. Und Büros in besten Lagen, die waren schon immer sehr teuer.
Die Firma gratis als Untermieter zuhause. Zur Arbeitsverdichtung an (vornehmlich) Frauen in Heimarbeit gehört, dass das bisschen Haushalt und das bisschen Kinderbetreuung noch auf das bisschen Teams-Konferenzen oben drauf kommen kann. Und der Hund findet sich in die Garage gesperrt, damit er nicht in der Video-Konferenz rumbellt. Die elektronische Überwachung registriert zudem, wer seine PC-Maus schon 4 Minuten nicht mehr bewegt hat und zeigt ein rotes Licht… BIG BROTHER im Wohnzimmer.
Dieser neue Manchester-Kapitalismus wird von keinem Betriebsrat gestört. Er gilt als agil. Und agil ist gut. Sagt auch die Gewerkschaft: agiles NEW WORK. Aber all das ist nur, sage ich, der ich immer eher auf der bösen Seite der Macht (Arbeitgeber) geschafft habe, das ist nur der Beginn. Aus London höre ich gerade, dass eine große Anwaltskanzlei (LAW FIRM) ihren Mitarbeiterinnen anbietet, dass sie in das HOME OFFICE (heißt in korrekten Englisch WFH, work from home) dürfen, wenn das Gehalt dazu um 20% gesenkt wird.
Lohndumping und Entlassung in die Heimarbeit? Ist es das? Und Euch agilen Digitalen erscheint das als die neue große Freiheit? Sklaveninnen, die ihre Ketten lieben.
PS: Ganz andere Geschichte. Gestern feierte die Schauspielerin Margarita Broich (ex Wuttke) ihren 62. Geburtstag bei einem Franzosen in Köln; habe Gelegenheit genommen, ihr zu ihrer künstlerischen Leistung zu gratulieren. Es freute sie besonders, dass ich sie als Ophelia in Hamlet lobte (und nicht als Tatort-Kommissarin). Eh klar.