Logbuch

IM SOMMERLOCH IM BORCHARDT.

Die politische Klasse hat die Hauptstadt verlassen. Touris füllen die Lücken in den Promilokalen und suchen ein Selfie mit einem VIP zu ergattern. Nur die „Has-been-s“ sind noch da, die ehemals Berühmten. In den Medien ist mangels Ereignissen Platz für Selbstkritisches. Und natürlich ist der Autor dieser Zeilen ein Teil des Problems. De te fabula narratur.

Im Borchardt lese ich in der WELT ein schönes Stück über den „Selfie-Journalismus“ der Metropole. Es werden jene verspottet, die sich auf den Gangways zu den Regierungsfliegern verewigen. Ein Geschlecht der Speichellecker, denen symbolische Teilhabe an der Macht wichtig ist. Und sei es nur als Pausenclowns. Aber von der Bundesministerin für das Äußere ein persönliches Wort zum Völkerrecht ergattert zu haben, über den Wolken, mit Selfie, das hat ja was. Spottet die WELT. Da kommt er gerade rein in die Kantine (so nennen das Lokal die Insider) und ich grüße fröhlich den Herausgeber der WELT. Alter Kumpel. Toller Mann.

Am Handy lese ich, auf meinen Lunchgast wartend, ein hochgejazzte Nummer des ZDF. Man hat „investigativ“ den Zugang zu ehemaligen Politikern gefunden, die für Geld Türen öffnen. Thema Lobbyismus. Das ist für Kenner der Szene ein echter Scherz. Man rühmt sich, das Offensichtliche entdeckt zu haben. Jeder am China-Geschäft interessierte oder an Erdgas oder Rüstung, weiß, was Rudolf Scharping (SPD) oder Rezzo Schlauch (Grüne) oder Dirk Niebel (FDP) so treiben, wenn der Tagessatz stimmt. Hier werfen sich „abgeordneten-watch“ und ZDF in die Brust. Man will sogar im China Club gewesen sein. Alle Achtung. Keine Sau geht da noch hin.

Ich bestelle „steak frites“, weil mir eine Journalistin des NDR hier vor Wochen erzählt hat, sie habe in Paris gelebt und da nehme man das (mit Berner Sauce). Nur Touris nehmen das Schnitzel. Mein Gast ist eine junge Politologin aus einem Wirtschaftsverband, der ich eine wirkliche Karriere zutraue; die Frau werden wir noch ganz oben sehen. Keine Namen, eh klar. Ich nehme statt Dessert einen Espresso und der Kellner frotzelt: „Heute keine Apfeltarte mit Calvados?“ Nä, mittags um halb eins schwankenden Schrittes in die Sommerhitze; das wäre dann doch zu viel des Guten.

Dabei fällt mir ein, dass Rudolf Scharping, der Kettenraucher, angeblich deshalb bei der Lufthansa FIRST buche, weil man dann dort Zigaretten angeboten bekäme. Ob das sein kann? FIRST nach China, das kann nicht billig sein. Beim ZDF haben sie rausgefunden, dass die Tagessätze der drei zwischen 3,5 und 5k lägen. Pro Nase. Auch Geld.

Logbuch

TRAUMGEHÄUSE.

Fragen über Fragen. In einer Sommerfrische Brandenburgs, Nahe der geplanten Hauptstadt Germania, zerfällt eine Villa, die sich 1910 ein reicher Apotheker erbaut hatte, der eigentlich aus Polen stammte und in Berlin eine Marzipanfabrik betrieb. Angeblich waren Apotheker besonders geeignet, da es neben Zucker und Mandeln auch des Rosenwassers bedurfte. Das wundert mich. Wenn das nicht mal Panzerschokolade war, die da gefertigt wurde.

Der aus dem Osten zugewanderte Jude Benno Marcus musste ein freiheitlicher Geist gewesen sein, da eine Hamburger Loge der Freimaurer ihn als Meister verzeichnet. 1939 machte er der brandenburgischen Gemeinde ein Verkaufsangebot über knapp 20.000 Reichsmark für sein „Traumgehäuse“ (Johannes R. Becher), das diese sofort annahm. Das wundert mich. Wenn das nicht mal eine sogenannte Arisierung war.

Wer wohnte dann dort, nachdem man enteignet hatte? Bis heute wird davon geschwärmt, dass ein berühmter Boxer am Ort mit Riesenaufschlag seine Hochzeit gefeiert habe. Ein ganzes Hotel sei mit seinen Gästen belegt gewesen. Wir reden vom Schwergewichtsweltmeister Max Schmeling, der hier eine damals legendäre Filmschauspielerin ehelichte. Auch er hatte eine Villa am Ort günstig erworben. Es würde mich sehr wundern, wenn der Vorbesitzer an das deutsche Idol freiwillig verkauft hätte.

Wer also hat von 1939 bis 1945 in dem Traumhaus des Benno Marcus gewohnt? Das würde mich interessieren. Die Familie soll zwei Söhne gehabt haben, die nach Südafrika ausgewandert sein sollen. Deren Eltern sind abgeholt und in einem deutschen KZ ermordet worden. Über die Untat soll den Konstrukteuren Germanias kein Gras wachsen. Solches hörte ich gern von meinem Vers.

Logbuch

NORDISCHES GESINDEL.

Die Wikinger sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Über Jahrhunderte haben sie etwas getrieben, das der Historiker „ufernahe Piraterie“ nennt. Wo ihre Boote sie absetzen, ließen sie sich in den Buchten vorübergehend nieder, um nach Verzehr der Lebensmittelvorräte und Beglückung aller Jungfrauen mit geraubten Schätzen weiterzuziehen. So kommt es selbst im Süden Italiens zu blonder Bevölkerung oder Rothaarigen. Der Wikinger brachte es nirgendwo zur Besiedlung, war aber der Begattung stets zugetan.

Jetzt höre ich auf „classic fm“ von ihnen, einem privaten Radiosender aus England mit klassischer Musik und Werbeblöcken. Das britische Publikum wird umworben, seine Ferien in Norwegen zu verbringen. Die Fjorde seien zu erkunden mittels der hurtig verkehrenden Postschiffe. Dabei reklamiert auch eine Wikinger Firma für sich, die Flusskreuzfahrten veranstaltet, den Rhein runter, die Donau rauf. Na gut, wem es denn im Blut liegt, der soll es anbieten dürfen.

Werbung ist immer ein Kulturspiegel. So auch hier. Es wird gutes Essen ausgelobt und versprochen, dass es keine Casinos an Bord gebe. Gediegen also. Dann kommt es: „Over 50‘s only.“ Man grenzt Gebärfähige als Teilnehmer prinzipiell aus. Kern dessen ist: Keine Kinder, keine Enkel. Das soll ein Glücksversprechen sein? Ich finde diese Kinderfreiheit rundheraus ekelhaft. Als ich meine Empörung zu teilen suche, werde ich instruiert, dass das Kinderverbot inzwischen auch bei maritimen Kreuzfahrten und sogar Hotels üblich sei.

Das ist sittenwidrig. Ich gebe zu, dass schlechterzogene Kinder anderer Leute eine Geduldsprobe sein können. Und ich habe eine klare Meinung zu Prinzlingen aus Asien mit schwarzen Kreditkarten. Aber das „over 50‘s only“ geht zu weit. Wer will auf einem Kahn eingesperrt sein, wo nur Joe Bidens sitzen und Wilmersdorfer Witwen auf den Tanztee lauern. Schwimmende Altersheime! Furchtbar.

Zweite Meinung im gleichen Eintrag. Altersheime können durchaus bewohnbar sein. Mein Herr Vater, der fast hundert geworden ist, hat mit fortschreitender Demenz seine Unterbringung als Pension gelobt, wo er gerade Urlaub mache; das Essen sei wirklich gut und das Personal höre auf‘s Wort. Er war zufrieden, jedenfalls wäre er nicht auf die Idee gekommen, sich dort Kinder, Enkel und Urenkel als Besuch zu verbieten. Die Wikinger sind ein perverses Gesindel.

Logbuch

WELTTHEATER.

Wenn die Welt ein Theater ist, so sitzen wir also im Parkett oder der Loge und dürfen entscheiden, ob uns gefällt, was da auf der Bühne gegeben wird. Applaus ist möglich, aber auch der Buh-Ruf. Mir ist nach letzterem. Mir ist nicht wohl in meiner Loge.

Es wird wieder, schinderassa bumm, das alte Militärstück gespielt, das eine AUFRÜSTUNG als Notwehr inszeniert. Man gibt diesem Säbelrasseln den Titel NACHRÜSTUNG, weil ihr defensiver Charakter deutlich werden soll. Vielleicht ist das ja so, dass die neuen Raketen meiner Verteidigung dienen. Mich wundert aber das Halleluja der Grünen; aber es zeigt wohl nur, dass sie nicht mehr der Linken zuzurechnen sind. Aus der Kulisse werden Raketen auf die Bühne geschoben. Der Vorhang zu und wir sehen betroffen: alle Fragen offen.

Das zu der Frage: „Was wird hier eigentlich gespielt?“ Keine ganz unwesentliche, im Welttheater. Dann gibt es das Senioritätsproblem. Weise Greise. Wir sehen sehr bekannte Staatsschauspieler, die bei aller Würde im Habitus leider nicht mehr ganz textfest sind. Vom Bühnenrand hilft aus ihrem verborgenen Kasten die Souffleuse, wenn selbst das Ablesen des Textes vom Teleprompter nicht mehr klappt. Wir im Parkett wissen nicht, ob wir dem greisen Mimen gegenüber höflich zu sein haben oder zu erkennen geben sollen, dass er sich zum Narren macht. Wieder wird gegeben: DES KAISERS NEUE KLEIDER.

Dann die eklatanten Fehlbesetzungen. Es kommt im „theatrum mundi“ vor, dass die Schauspielerinnen ihrer Rolle nicht so ganz gewachsen sind und sie in unfreiwilliger Komik chargieren. So verkündete gerade die Bundesministerin für das Äußere, sie werde demnächst nicht als Kanzlerin antreten. Ich war auf meinem Logenplatz echt verdutzt. Wenn Du schon froh bist, wenn sie nicht wieder vom „Schinken der Hoffnung“ faselt oder die Barbie gibt, dann dieser Verzicht, dessen Kern eine Anmaßung obszönen Ausmaßes ist. Selbsternannte Aufsteiger: DER BÜRGER ALS EDELMANN.

Die schwerwiegendste Erkenntnis des Theaterabends aber ist eigentlich eine banale: Die Herrschaften spielen nur ein Stück, das ganz jemand anderes geschrieben hat. Der wahre Autor aber betritt die Bühne nicht. Er lässt spielen. Wenn wir ihn kennten, wüssten wir, was hier gespielt wird. Das ist aber nicht unsere Rolle. Wir sind nur die Claqueure, bestellt und bezahlt, um Beifall zu klatschen.

Leider ist aber diese Posse da auf den Brettern, die die Welt bedeuten, unser Leben.