Logbuch
KARTENSTÄNDER.
In Berlin sind nur noch 45,8 % aller Lehrer auch dafür fit und ausgebildet; der Rest sind Quereinsteiger, Studenten und reaktivierte Pensionäre. Folge der verwahrlosenden Politik. Aber das muss ja nicht nur falsch sein.
Wenn da mal originäres Fachwissen zeitnah in die Schulen geriete, das könnte den Horizont der Kids erweitern. Bis die modernen Zeiten sich in die Schulbücher durchgeschlagen haben, sollen schon mal Generationen ins Feld gegangen sein.
Ich erinnere noch einen Besuch in Braunschweig beim Westermann Verlag. Da gab es die DDR noch und ich hatte auf dem Bahnhofsvorplatz den Verdacht, irrtümlich zu weit gefahren zu sein und schon in der Ostzone. Westermann verlegte den legendären Diercke-Atlas, ein schweres Miststück in den Tornistern aller Schüler.
Ich wollte mit denen einen Foliensatz machen zur Regionalgeschichte der Ruhr. PR gesteuertes Lehrmaterial. Folien? Diese Dinger legte der Pauker auf einen Tageslichtprojektor (OHP genannt für overhead projector) und warf so ein Bild an die Wand. Mir ging es um ein industriefreundlicheres.
Der eher gemächliche Verlagsmitarbeiter faszinierte mich, weil er während der Arbeit Radio hörte, aus einem ausgebauten Autoradio, das er als Bastler an ein Netzteil gehängt hatte. Ein blanker Lautsprecher daneben. Er hörte was Französisches auf Kurzwelle, die man am Fiepsen der Frequenz erkannte.
Papier, Dias, Radio. Alles aus der Zeit gefallen. In den Schulen gab es Kartenzimmer mit dutzenden Landkarten riesigen Formats, für die in den Klassenzimmern eigens Kartenständer vorgehalten wurden. Was ist aus all den Kartenständern geworden?
Tempi passati. Macht heute Google Earth und Konsorten. Nutzen Schüler ohnehin heimlich, während ChatGPT ihnen die Referate schreibt.
Logbuch
PLEITE.
Können Staaten Pleite gehen? Schließlich kann man die Notenpresse anstellen und Geld drucken. Oder Sondervermögen auflegen. Unkomisch wird es wohl, wenn man seine Auslandsschulden nicht mehr bedienen kann und die Mittel ausgehen, um Weizen zu kaufen oder Öl.
Für die Generation meiner Großeltern waren die KRISEN um 1923 und dann 1929 das Paradigma von Katastrophen, wenn auch universeller. Man sah nicht, wer dabei gewann; jedenfalls 1929. Der Zerfall der Sowjetunion hatte eine andere Qualität, jedenfalls für sie selbst. Ich interessiere mich für deren Sicht.
In einer Rückschau am TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT sagt der seinerzeitige Finanzminister Theo Waigel, die DDR sei selbst nach ihrer eigenen Einschätzung spätestens 1991 pleite gewesen. Die russische Regierung könnte das auch von der Sowjetunion geglaubt haben. Das muss bitter gewesen sein. Die Geschichte der TREUHAND als welthistorisches Exempel ist noch nicht geschrieben.
War also das Geschick der Herren Franz Josef Strauß und Helmut Kohl das des reichen Onkels? Ich höre, dass man für die aus der DDR abziehenden russischen Truppen in deren Heimat 36.000 Wohnungen habe bauen dürfen und 12 Milliarden zahlen.
Pleiten sind nie schön, weil sie eine wirtschaftliche Niederlage mit einer moralischen Note verbinden. Besonders bitter muss das sein, wenn man ideologisch gar nicht hat verlieren können. Oder politisch der Sieger hätte sein sollen.
Das mit der welthistorischen Bedeutung der TREUHAND lässt mich nicht los; eine große Studie tiefer Demütigung. Ich schreibe das nicht, aber es könnte lehrreich sein.
Logbuch
VATERLAND.
Nationalfeiertag, ein Tag der Deutschen Einheit. Das finde ich als Begriff etwas schwülstig. Obwohl man ihn historisch als Hoffnung verstehen könnte, die feudale Kleinstaaterei zu überwinden und eine freiheitliche Republik zu bilden, wie damals die Franzosen.
Gestern sammelten sich die Außenminister Europas in Kiew und der ukrainische Außenminister drohte damit, dass er bald dazugehören würde. Kann man das jetzt einseitig erklären, den Beitritt? Ich erspare mir den Hinweis, dass Ungarn den Termin schwänzte, weil ich deren Traum von einer Demokratie ohne Liberalität auch nicht mag.
Der Bärtige aus Trier hat gesagt, dass der Proletarier kein Vaterland habe. Nun entstamme ich zwar der heroischen Elite der Pauper, nämlich der Montanindustrie, namentlich dem Bergbau, aber gehöre selbst soziologisch ins Kleinbürgertum, der elendesten aller Klassen, war gar Beamter, also Transferleistungsempfänger. Dem Herzen nach bin ich ohnehin Pauker geblieben, ein Besserwisser.
Also zum Vaterland. Was war dieses Land meinem Vater und seinem Vater? Die Bürde zweier Weltkriege und ein Wiederaufbau unter den alten Herren. Nie werde ich die Abfälligkeit vergessen, mit der mein Herr Vater von „den Braunen“ sprach, deren Regime er nur knapp überlebt hatte. Wir waren der Herkunft nach protestantische Ostpreußen, da gab es eine Bestimmung nur darin, dass man den Herrgott einen Guten Mann sein ließ und stolz von seiner Hände Arbeit lebte.
Nun höre ich zu diesem Feiertag das Staatsoberhaupt und die Bundesministerin des Äußeren sowie die ewige Kanzlerin von ehedem. Ich fremdle. Hohl scheinen mir die Worte der alten wie der neuen Zeiten. Ich mache mir Kaffee und lese das begonnene Buch weiter. Von der Macht des gefesselten Prometheus, dem Gegenspieler des tyrannischen Zeus, der den Menschen das Feuer schenkte. Ein Titan.
Logbuch
Mainz ist überall: Von der Lust am Lynchen
Journalisten rufen mich in diesen Tagen an und erbitten eine Stellungnahme zur Krisen-PR der Deutschen Bahn im Fall der personellen Unterbesetzung eines Stellwerkes bei Mainz. Das Ereignis muss totalisiert werden. Man erwartet, dass ich draufhaue. Man erwartet, dass ich noch einen drauflege. Ich soll einer Rolle als verbaler Kraftmeier gerecht werden. Leider muss ich absagen.
Ich bin leidenschaftlicher Bahnfahrer, und ein alter Freund arbeitet bei der Bahn. „Conflicted“ nennt man das, Absage wegen Befangenheit. Das finden die Kollegen der Medien schlapp, wo ich doch immer für eine starke Meinung gut sein sollte.
Fukushima, Wulff, Mainz: was läuft hier eigentlich? So verschieden die Vorgänge sind, die hinter diesen Stichworten stehen, so sehr sind sie alle durch die gleiche Paradoxie gekennzeichnet. Die allgemeine Aufregung fragt nach den Hintergründen eines Vorfalls. Und sie will nichts weniger wissen als diese Hintergründe. In der „auf Permanenz gestellten Apokalypse“ (Norbert Bolz) ist Fukushima keine Flutkatastrophe nach einem Erdbeben, sondern die verdiente Quittung für die friedliche Nutzung der Kernenergie.
Der Westentaschen-Berlusconi Wulff ist nicht mehr das mediokre Opfer seiner uninspirierten Ambition und der Liaison mit dem Boulevard. Aus zwei armseligen Provinzfeten und einer gesponsorten Nacht konnte man plötzlich in den Orkus eines korrupten Systems schauen. Das war so überzogen, dass man im Nachgang einige der Rufmörder dabei bewundern konnte, wie sie Krokodilstränen weinten. Reue der Journaille über dem Sarg, in dem sich schon die Würmer der Wulffschen Reputation annahmen.
Der Vorwurf eines Kampagnenjournalismus ist irreführend. Darum weisen die Damen und Herren Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionen ihn auch zu Recht zurück. Die Vorstellung einer Kampagne setzt voraus, dass es einen „spiritus rector“ gibt, der die Gleichschaltung anordnet und überwacht. Den gibt es nicht. Weil es ihn nicht braucht. Die Medien werden nicht gleichgeschaltet, sie schalten sich selbst gleich. Auch das Publikum begeht in Skandalen diesen kollektiven Akt der Selbstentmündigung.
Plötzlich reden alle all überall über den jüngsten Skandal. Buchstäblich jeder hat etwas beizutragen, mit der Empörung wächst das Problem, nicht umgekehrt. Die Rechtfertigung über das bestimmte Thema mit stürmischer Intensität zu reden, ergibt sich daraus, dass es ein Skandal ist. Ein Skandal ist es, weil alle darüber reden. Ein Riesenskandal entsteht, wenn noch mehr als alle noch öfter als immer über das Thema reden.
Der römische Rhetor Cato, der Ältere hat es so gefasst: „Das Gerücht wächst, indem es sich verbreitet.“ Er brandmarkt damit eine autoreferentielle Logik, einen Zirkelschluss, der sich selbst zu legitimieren sucht. Das Fatale der Fama ist, dass sie vorgibt über das wirkliche Leben eine überaus berechtigte Beschwerde zu führen, aber ihr Momentum aus sich selbst bezieht.
Das Gerücht ist selbstbewahrheitend, weil es ab einem gewissen Stadium der Verbreitung egal ist, ob es nun stimmt oder nicht. Deshalb helfen auch keine Dementis. Es gibt bei Rufmord für den Gemeuchelten nur sehr selten eine Auferstehung von den Toten. Meist wird keine natürliche Person umgebracht, sondern nur deren guter Ruf.
Sentimentalitäten sind hier wie im Krieg selten. Einem Boulevard-Chef wird das Motto zugeschrieben: „Wer mit uns im Aufzug nach oben fährt, fährt mit uns auf wieder nach unten.“ Man versteht das, wenn man mal im Paternoster des Verlagshauses gefahren ist. Oder Christian Wulff am Maschsee trifft, einen Schatten seiner selbst. Selbst seine Gegner wünschen ihm ein Comeback.
Wellenreiten in der Empörungskommunikation kennt eben nicht nur die fröhlichen Beach Boys und Bitch Girls, die ihren Spaß haben. Dies ist kein Spiel, sondern Krieg. Und wenn der vorbei ist, stehen nicht alle wieder auf und gehen nach Hause. Das Kanonenfutter bleibt im Graben liegen. Na ja, bisschen Schwund ist immer.
Quelle: starke-meinungen.de