Logbuch
AUTO-ESTIMATION.
Früher waren Pressesprecher graue Mäuse und TV-Moderatoren bunte Vögel. Immer öfter sehen wir diese Rollen getauscht. Mätzchen werden selbst bei Vorstandsvorsitzenden modern. So wird die Hauptversammlung zum Zirkus.
Apropos Zirkus: „Noch nie ist ein Zirkus pleite gegangen, weil er das Publikum unterschätzte.“ Das hat der große Zirkusdirektor Barum gesagt. Meinte: Die Clowns in der Manege können gar nicht doof genug sein. Im Show-Geschäft steht dafür Thomas Gottschalk, den ich neulich mit Bruder und amtierender Gattin auf den Ku’damm sah. Wie immer entschieden zu bunt gekleidet. Kasper.
Für meinen ersten PR-Job habe ich mir graues Flanell gekauft; man wollte damals, was bei Springer „Flanellmännchen“ hieß. Zweireiher und gedeckte Krawatte. Von meinem späteren Kollegen Graf Zedtwitz-Arnim lernte ich die noch geschliffeneren Manieren; er hatte bei Bertolt Beitz auf der Villa Hügel gelernt. Wir wären damals eher nicht in Sauna-Klamotten auf der eigenen Pressekonferenz aufgeschlagen.
Anders als der selbstbewusste Graf ZA habe ich das Eigenlob immer anderen überlassen. Auto-Estimation galt als degoutant. Ein ARALER oder SHELL-Mann überließ das zu meiner Zeit der DEUTSCHEN BP. Die hatten einen Vorsitzer, der über Tisch und Bänke ging, und einen mit Schmissen verzierten PR-Chef, der auch vor Kraft nicht gehen konnte. An der Ruhr sprach man vom idealeren Typus des GRUBENPFERDES. Die Gäule, die ein Pferdeleben lang untertage gearbeitet hatten, wurden, einmal ans Tageslicht geführt, blind. Also kriegten sie ihr Ehrenbrot im Dunklen und scheuten das Licht.
Ein Grubenpferd ist kein Paradeross. Man schmückt sich nicht wie eine Kuh beim Almabtrieb. Und hängt sich selbst keine Glocke um. Das sehen viele der jüngeren PR-KollegInnen heutzutage anders. Dem entspricht, dass PR und Marketing und Vertrieb immer stärker zusammenwachsen. Da ist der Direktvertrieb von Gemüseraspeln in der Fußgängerzone zumindest prinzipiell das gleiche Fach wie eine HV-Rede. Insofern konsequent und modern. Dass Mätzchen dazugehören, das fand Elon Musk eh schon immer. Mit 81 Millionen Followern auf LinkedIn ist die Auto-Estimation ohnehin ein Heimspiel.
Logbuch
ENTZAUBERT.
Der Medienriese Karl Lauterbach ist verzwergt. Ein Schatten seiner selbst. Das Amt hat ihn so schrumpfen lassen. Übrig ist ein rechthaberisch verquerer Zwangsneurotiker in politischer Selbstauflösung.
Das Charisma des Talkshow-Helden ist zerplatzt wie eine Seifenblase. Der Mann ist entmythologisiert. Wenn das SYMBOL leer ist, bleibt nur noch die CHIFFRE. Schon immer hat er seine Expertise nur simulieren können; er ist akademisch gar kein Professor für Epidemiologische Fragen. Lauterbach hat sich in Fach Gesundheitswirtschaft habilitieren lassen, in einem amerikanischen Schnellverfahren. Dünn, sehr dünn. Das mit der Fachlichkeit war allenfalls seine geschiedene Frau, die ihn, so sagt sie heute, verachtet.
Der salzfrei von Tofu ernährte Zwangscharakter hatte sich längst durch seine zwanghafte Besserwisserei zur politischen Unperson gemacht, dann aber durch Dauerbesetzung in den Medien das Charisma des asketischen Wunderheilers erworben. Er hat sich per Medienplebiszit ins Kabinett katapultiert. HEILUNG DURCH ASKESE, das war sein Gospel. Unter der Last von Realpolitik bleibt davon jetzt nicht viel. Entzaubert.
Seine Gesetze widersprechen seiner Rede. Man reibt sich die Augen. Ein leerer Anzug. Das ist bedauerlich. Insbesondere weil der Prozess der ENTMYTHOLOGISIERUNG eines Tages auch die aktuellen Heiligen im Kabinett ereilen könnte. Bin gespannt, was dann von Habrecht & Baerbock bleibt. Scholz ist davor gewahrt; er will gar nicht mehr sein als eine CHIFFRE. Auf eine Art ist das politisch klug.
Logbuch
DIE STIMME DES VOLKES.
Der Wähler wählt falsch. Sein Votum fällt zunehmend nicht mehr mit dem zusammen, was die hiesigen Medien vom ihm erwarten. Wir müssen grundsätzlich über die DELIBERATIVE DEMOKRATIE nachdenken.
In Ungarn gewinnt ein Rechtspopulist namens Victor Urban. In Frankreich droht der Sieg der Faschistentochter Marie Le Pain. Wenn jetzt noch Donald Trunk amerikanischer Präsident wäre und sich mit dem Brexit-Opportunisten Boris Bronson zusammentäte, dann wäre die polnische Piss-Partei dort, wo die AfD den Westen haben möchte. Ein Kontinent wird uns fremd. Politische Entfremdung.
All das geschieht gegen den linksliberalen Tenor unserer Medien, aber offensichtlich im Willen und auf Wirkung jener publizistischen Kräfte, die hinter dem stehen, was man einen REAKTIONÄREN WESTEN nennen könnte. Der zieht auf und er hält offensichtlich nicht viel von der Diskursethik des Jürgen Habermas. Das geht gar nicht, oder? Die DELIBERATIVE DEMOKRATIE wankt. Eine Blase platzt.
Es ist Zeit, neu über PROPAGANDA zu reden. Und über die neuen Wege der Propaganda in den Social Media. Wer kommt denn da an die Macht, wenn Elon Musk zur Sicherung der Pressefreiheit sich Anteile an Twitter kaufen muss? Das Internet ist Petrischale wie Olymp einer tief verborgenen Wirkmacht, die man als Universum der Propaganda bezeichnen muss. Oder vieler dieser Mächte. Die Hoffnung, dass hier, wo jeder mitreden kann, eine intrinsische Vernunft des Souveräns Platz greift, hat sich offensichtlich nicht erfüllt. Ist KANT gar nicht bei LINKED IN? Ja, wie kommt das denn?
Ich rege an, noch mal PARADIGMATISCH über den 6. Januar und die Erstürmung des Capitols nachzudenken, nämlich den Versuch eines agitierten Mobs die Amtseinführung eines gewählten Präsidenten durch einen Putsch zu verhindern, da ihm das Wahlergebnis als gefälscht galt. Welche publizistischen Kräfte bewirkten diese Stimmung wie?
Logbuch
Das Menschenrecht auf Privatheit
Der Mann mit der Pudelfrisur, zutreffend als USA-Verteidigungs-Minister verspottet, rettet sich durch ein neues Wort: Sicherheit sei ein Supergrundrecht. Das rechtfertige das Ausspionieren der Bürger. So steht es für den CSU-Strategen dann wohl in der Verfassung: Die Sicherheit des Staates ist unantastbar. Da muss die Privatsphäre schon mal zurückstehen. Von der Würde des Menschen quatschen folglich nur Spinner, die Anschläge von Terroristen in Kauf nehmen.
Die dummdeutschen Ressentiments gegen die Sicherheitsgewähr unserer amerikanischen Freunde versteht Herr Friedrich nicht so recht. Anders als er, der initiativreisende Herr Innenminister, waren die meisten Bundesbürger auch noch nicht in Gottes Eigenem Land. Und die Väter des dummdeutschen Grundgesetzes waren so wohl teutonische Trottel, die sich an der Unantastbarkeit der Menschenwürde berauscht haben. Bis heute weiß niemand genau, was das ist, die Würde.
Blick in die amerikanische Verfassung, Blick auf Thomas Jefferson und seine „Declaration of Independence“, wo von den „unalienable rights“ die Rede ist. Welch ein schönes Wort: Rechte, derer man nicht entfremdet werden kann. Man spürt sehr stark den Kontext einer Sklavenhaltergesellschaft, die sich eines besseren besinnt. Alle Menschen (meint: auch die afroamerikanischen Sklaven) seien frei geboren, genauer: als Freie von Gott geschaffen und so mit „inherent rights“ versehen.
Nehmen wir mal an, dieses Defizit sei auf die Nachlässigkeit von Thomas Jefferson zurückzuführen und schauen in die Papiere, aus denen er abgeschrieben hat. In der „Virgina Declaration of Rights“ von seinem Kollegen George Mason hatte es noch geheißen: „life & liberty, with the means of acquiring and possessing property & persuing & optaining happiness & safety“. Aufatmen, da ist jetzt das Zimmermannsche Supergrundrecht der Sicherheit, freilich ganz am Schluss.
Vorher aber steht wieder was vom Glück als „inherent natural right“. Und ein Grundrecht wird benannt, dass die notorischen Netz-Anarchisten der Piraten („Eigentum ist Diebstahl, jedenfalls geistiges…“) alarmieren sollte. Nicht allen gehört alles. Wir hören vom Recht auf Privateigentum. Jetzt kommt es nicht nur bei den kleinbürgerlichen Piraten zu reflexhaften Reaktionen, sondern auch bei den Repräsentanten der Arbeiter und Bauern, also der linken Seite des deutschen Parlaments. Die Linke als Nachfolgepartei der kommunistischen SED kramt im Langzeitgedächtnis nach Marxschen Formeln. Teile der SPD suchen aus den Grundgesetz den Passus mit der Sozialbindung des Eigentums. Verbreitetes Unwohlsein links der Mitte. Zu den Naturrechten soll das Privateigentum gehören? Wie ekelhaft kapitalistisch ist das denn?
Die Väter der amerikanischen Verfassung sprechen vom Recht auf Besitz („property“) als Recht auf persönliche Eigenständigkeit. Das meint einen Raum, in dem der Staat weitgehend seine Befugnisse verloren hat, weil der Bürger sie behält; es ist das Recht auf einen Zaum um die eigene Privatheit. Diese bürgerliche Freiheit denkt sich als Raum jenseits der staatlichen Gewalt. Zu diesem Raum gehört in Amerika auch das Recht, ihn mit Waffengewalt gegen jeden Eindringling selbst zu verteidigen.
Wem hier nicht unwohl ist, dem sollte man den europäischen Pass entziehen. Das ist uns fremd; es ist keine europäische Kultur, sondern eine amerikanische. Das ist die evangelikal begründete Selbstbezogenheit einer synthetischen Einwanderungskultur, die zur Weltmacht gekommen ist; sie meinen es, wenn sie sich als Gottes Eigenes Land beschreiben, das sein Glück leben will. Ups. Man muss die Differenz fassen können, um die amerikanische Politik zu verstehen. Man muss aber auch den Zusammenhang von Besitz, sprich Privateigentum, und Privatsphäre begreifen. Das wiederum fällt der europäischen Linke und der internetaffinen Libertinage schwer.
Quelle: starke-meinungen.de