Logbuch

GRAVITAS.

Die Traumhochzeit des FDP-Granden auf Sylt war so makellos inszeniert, dass dagegen kein Kraut gewachsen schien. Ein deutscher Macron, der neue JFK. Jugend an die Macht. Hat aber nicht geklappt.

Wenn eine Wahl gelaufen ist, endet alles Wunschdenken. Dann ist es vorbei mit „hätte-hätte-Fahrradkette“. Mit dem parlamentarischen Ergebnis muss die künftige Regierung leben. Im Dschungel gibt es keinen Konjunktiv, hätte Kipling gesagt. Trotzdem nagt ein Konjunktiv an mir. Eigentlich hätte die FDP in Hannover im Landtag sein sollen und in einer linken Regierung des Rotgrünen das liberale Gegengewicht zu Spinnereien der Sozen und der Ökos bilden sollen. Eigentlich hätte man sich eine Ampel wünschen können. Warum nur schmiert die Truppe von Christian Lindner so ab? Nun, im Dschungel… das hatten wir schon. Das Schlüsselwort lautet „affektive Dissonanz“.

Ich kenne viele Zeitgenossen, die intellektuell ein liberales Gemüt auszeichnet, die aber mit der FDP nun stimmungsmässig gar nicht können. Sie räumen ein, dass die Freie Demokraten staatsbürgerlich von Bedeutung sein könnten, werden dann aber in ihrem Urteil bruchartig emotional: diese Bubis mögen sie nicht. Ich höre dann: „Dieser Buschmann vielleicht, aber Lindner geht gar nicht!“ Wenn überhaupt einem FDPler positiver Charakter zugebilligt wird, fallen die Namen von Altvorderen.

Sagen wir es offen: Den Bubis der Libertären fehlt es an charakterlichem Gewicht. Gebrüder Leichtfuß. Der Rhetoriker nennt, was hier so schmerzlich fehlt: GRAVITAS. Dieses Gelbe hat etwas flapsig Grelles, das die alten Menschen, die rot vertrauen, ebenso irritiert wie junge Menschen, die ihr Herz an Grünes hängen. Während der Zeitgeist neuerdings mal zu rotgrüner Musik, mal zu schwarzgrüner Weise tanzt, sitzt die FDP wie ein pickliger Teenager verloren neben der Tanzfläche und erscheint versetzt. Lieber nicht tanzen als falsch tanzen. Wie ein schwuler Pubertant in der Tanzschule der Heteros. Nicht bestellt und nicht abgeholt.

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DIE GUILLOTINE.

Wenn Sie eine Hohe Küche für ein Architektenmass halten, habe ich heute nichts für Sie. Wir reden heute kulinarisch von Haute Cuisine. Über wirkliche Sterne-Küche. Für feine Gaumen und gegen stramme Rechnung.

Hätten Sie drei Sterne und ein Restaurant, so würden Sie die Kritiker fürchten, die für diesen Ruhm sorgen. Oder eben nicht. Test-Esser. Sie fürchten dann Resto-Führer wie den Gault Millau oder den Guide Michelin. Und deren Rezensenten. Sie würden einen Stefan Durand-Saufland kennen (so Gallier zu Paris) oder einen Jürgen Dieblase (so teutscher Zunge). Oder den wirklichen Star aller Resto-Kritiker, Giles Coran, der als Waliser die Tommys in der TIMES beglückt.

Jüngster Skandal: Im Pariser Resto namens Apero gab es Zucchini (ein gurkenhaftes Gemüse) und darin lag ein Stück Plastik. Die stockseröse, eher konservative Zeitung FIGARO (kein Frisörblatt) hatte die Story. SKANDAL. Stephane Duroc-Saufland, deren Edelfeder für NOUVELLE CUISINE, zeigt sich ungehalten. Er zieht ein weiteres Ass aus dem Ärmel: Das Essen habe ihn insgesamt traurig gemacht; welch ein Todesurteil durch die genialische Gabel-Garbo. Die Guillotine. Es war bloße Routine, also traurig. Dafür zahlt man dann ungern 500€ pro Menu, ohne Getränke, versteht sich.

Fremdes im Essen? Ich hatte schon eitriges Pflaster im Hühnerfrikassee (Mensa der Ruhr Universität Bochum, Großer Saal). Silberfischchen in der Brotschublade (Vier Jahreszeiten Hamburg). Hosenknopf im Baeckeoffe (Zum Storch im Elsässischen). Haare unterschiedlicher Farbe und Länge (weltweit). Ein Tampon unter Seetang in den Muscheln in Weißweinsud (Dubrovnik).

Und unendlich viele Essen, die mich traurig ins Leben entließen. Weil nicht mal eklig. Es gibt Ausnahmen. Gestern Abend etwa: Austern, Rindstartar, Rehschulter geschmort mit Wirsing. Wein aus der Wachau. Großartig. Nicht ganz billig, aber auch nicht abgehoben. Wo? Sag ich nicht.

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SALZ DER ERDE.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat ein Eigenformat namens ZAPP, das so medioker ist, dass man im Fremdschämen schon einige Routine braucht. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.

Ich war zeitlebens Publizist, aber habe nie den hehren Anspruch des Journalismus als Vierter Gewalt für mich reklamiert. Oft war ich in Konflikten auf der anderen Seite des Schreibtisches, wie man so sagt. Und ich habe innerhalb der Journaille wenig Licht sowie viel Schatten gesehen; gelegentlich tiefe Finsternis.

All das gesagt habend: Ich habe den Beruf und die dazu Berufenen immer geschätzt. Mein Respekt ist eigentlich ungebrochen. Viele Journalistinnen und Journalisten waren meine Freunde; einige sind es noch immer (worüber ich nie öffentlich reden würde). Deshalb mit Emphase: Salz der Erde. Vielleicht lässt sich dies Verhältnis mit dem Respekt eines Strafverteidigers vor einem guten Staatsanwalt vergleichen. Die andere Seite, ein Gegner, aber jeder Ehre wert.

Das Bild, das jetzt aber die Chatting Classes beim NDR von sich malen, das schmerzt. Ich meine das nicht vordergründig. Etwa bezogen darauf, dass beim NETZWERK RECHERCHE die Verschlossene Auster von einem Journalisten des SPRINGER VERLAGES verliehen wird. Ich kenne den Mann und habe einschlägige Erfahrung mit ihm. Der Rest ist Schweigen. Schließlich ist Stefan Aust inzwischen Herausgeber von SPRINGERS WELT. Das mag alles sein, wie es will.

Was aber die Beschwerdeführer:innen beim NDR, die unter einem ach so schlechten Betriebsklima litten, jetzt an Hasenmut vortragen, das nimmt mir den Atem. Mein Gott, was für gekränkte Seelchen. Sie beklagen sich, dass ihnen der Arbeitgeber die vorherige Absolution für Kollegenschelte verweigert habe. Obwohl die Anwälte des Journalistenverbandes DJV danach gefragt hätten. Echt, Geschäftsschädigung nicht gratis?

Wehleidige Heckenschützen! Wie deutsch. Wie beamtenhaft. Welch ein Mangel an Charakter. Aber es gibt natürlich auch die Stehaufmännchen aus der Hierarchie. Die jetzt ihre zweite Reihe vors Rohr ziehen. Poooh, ist das alles klein. Mein Respekt vor dem Journalismus ist, ich gestehe es, kontrafaktisch. Und gesunken.

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Nelson Mandela- kein Held?

Hat sie Mandela noch alle? Vor drei Jahren traf ich einen britischen Journalisten, der mir von einer Audienz bei Nelson Mandela erzählte. Der ältere Herr habe ihn, den Motorredakteur der BBC, allen Ernstes gefragt, ob er ein Astronaut sei. Und wie es denn so wäre auf dem Mond? Mein Freund Jeremy erzählt solche Geschichten nicht ohne Absicht. Er hat Zweifel am Heiligenstatus des südafrikanischen Politikers. Ich glaube, er verachtet ihn. Als Engländer kennt er sich mit Eingeborenen in Kolonien aus.

Ist Mandela sauber? Hatten seine Gegner, die Buren der Rassentrennung, doch Recht, da sie ihn als Kriminellen schmähten? Man kann weit in die Geschichte gehen und sich den Revolutionär Mandela und seine Anwälte ansehen. Und nach der Herkunft dieses oder jenes Vermögens fragen. Da mag es Meineide gegeben haben und regelrechte Verbrechen. Es war Bürgerkrieg. Und Networking, to say the least.

Spinnt der Clan des Mandela? Man kann sich in der Familie Mandela umsehen und trifft auf wenig Licht und viel Schatten. Es gibt oder gab da eine Gattin mit schlechtem Ruf und allerlei Nachkommen mit recht profanem Erscheinungsbild. Die schwarzen Südafrikaner sind offensichtlich keine besseren Menschen. Und nicht alle Erben werden der Würde des Erblassers gerecht.

Einmal mehr Spott und Verachtung gegenüber einem Helden?  Was mich mehr prägt als der Zynismus der Publizisten, ist ein Erlebnis, das ich vor fünfzehn Jahren hatte. Ich flog mit dem Hubschrauber auf die Gefangeneninsel zu, die den Freiheitskämpfer Jahrzehnte seines Lebens beherbergt hatte. Mein Begleiter, ein Bure durchaus bürgerlichen Zuschnitts, wies mich landeskundlich ein. Hier hätten nur Terroristen gesessen, und dieser Mandela sei der schlimmste von ihnen: „a fuckin crook.“

Dann stand ich in der Zelle Mandelas. Ein kleiner Raum kargen Zuschnitts. Hinter diesen Gitterstäben hatte er fast ein ganzes Leben zubringen müssen; Pausen durch Sklavenarbeit im Steinbruch ausgenommen. Seine Mitgefangenen hatten ihn wie ihren König behandelt. Und seine Wächter wohl wie ein Stück Vieh. Durch meinen Kopf ging ein Dylan-Lied, das die Geschichte eines Boxers namens Hurricane („the authorities came to blame“) erzählt. Mir imponierte, dass er dies überlebt hat.

Noch weit mehr hat mir imponiert, dass Nelson Mandela danach Aussöhnung zwischen den Rassen gepredigt und politisch auf den Weg gebracht hat. Es gibt historische Leistungen, die nicht durch dritte Umstände dementiert werden können. Nicht mal durch bescheuerte Ehefrauen und geldgeile, strohdumme Kinder. Die Geschichte ist keine Koranschule; das Leben kein Ponyhof. Helden müssen keine Heiligen sein.

Der genannte BBC-Journalist rühmt sich ferner, den greisen Mandela nach der Astronautenepisode gefragt zu haben, ob er schon mal in einer Table-Dance-Bar war. Das habe dieser verneint. Diese Episode, in allen Archiven verbürgt, sagt mehr über Journalisten, jedenfalls den Boulevard, und über das Selbstverständnis des englischen Kolonialismus als über schwarze Bürgerrechtler. Dem Gemeinen ist alles gemein.

Quelle: starke-meinungen.de