Logbuch

SINTFLUT.

Ein ganztägiger Dauerregen hat in North Devon, England einen ganzen Ort ins Meer gerissen. In dem ansonsten idyllischen Hafenstädtchen Lynmouth am Bristol Channel treffen East und West Lynn aufeinander, Bäche würde man sie nennen, die den Wäldern entrinnen und der Irischen See zustreben. Der Lachs steigt die Bäche zum Laichen hoch. Ein Paradies. Durch die Sintflut wurde Middleham, das Örtchen zwischen Lynmouth und Watersmeet, ein Opfer der Flut, vom Erdboden getilgt.

Klimawandel? Das Ereignis ist exakt so alt wie der hier Berichtende; es geschah 1952. Man hatte so gebaut, dass die Sintflut wüten konnte. In zahlreichen Urlauben an der wunderschönen Lynn habe ich Jahrzehnte später studieren können, wie man auf ein „flood desaster“ reagiert. Breite Brücken überspannten danach die Bäche und eine riesige Auslauffläche bot jene Weite, die die Fluten bezähmt. Mit dem örtlichen Pfarrer sprach ich über die Historie. Der Mann war von einer überzeugenden Klugheit.

Die ins Gebirge geschnittenen Täler der East und West Lynn gäbe es geologisch nicht, wären erdgeschichtlich nicht immer wieder solche Katastrophen vorgekommen, referiert er. Und immer wieder habe man den Fluss verbaut. Er vergleicht es mit dem Vesuv. Kein Ausbruch habe die Anwohner daran hindern können, unmittelbar zu seinem Fuße neue Siedlungen zu errichten. Ich erzähle davon dem Hotelbesitzer, einem wunderbaren Mann mit italienisch klingenden Namen. Spitzname Mister D. Er nennt den Geistlichen einen alten Idioten.

Jetzt die Version von Mister D.: Die Royal Air Force habe in der historischen Nacht, die auch das halbe Hotel weggerissen habe, ein Experiment mit einer neuen Entwässerungstechnik von Wolken durchgeführt; er nennt es Geo-Engineering. Deshalb habe es so geschüttet. Die RAF also. Eine veritable Verschwörungstheorie. Weil man das Offensichtliche nicht glauben will. Diesen Hang zum Unsinn gibt es also solange wie mich. Wahrscheinlich schon ewig. So wie es die Corona-Verschwörung schon zur Zeit der Pest gab, sprich tausend Jahre zuvor. Dialektik der Aufklärung: Wenn der Glaube verloren ist, zieht mit dem neuen Wissen der Irrglaube ein.

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HELDEN.

Mir gehen zwei Polizisten nicht aus dem Kopf. Der eine, ein junger Mann von keinen dreißig Jahren, verlor sein Leben im Dienst. Bei einem Attentat auf einen Anti-Islamisten stach ihn ein Islamist nieder. Zu beiden habe ich eine Meinung, die spezifischer ist als das Geschwurbel des Herrn Bundespräsidenten, der die allgemeine Verrohung im Land beklagt.

Mit dem getöteten Polizisten hält die Demokratie den Kopf hin, so wie sie es mit jedem Lehrer, jedem Sanitäter, jedem Feuerwehrmann tut. Wir bezahlen diese Helden nicht mal anständig. Wir schulden ihnen Respekt, weil sie jene sind, die Frau Merkel meinte, als sie anordnete, dass „wir“ das schaffen.

Und dann ist da im gleichen Einsatz der Polizist, der seine Waffe zog und schoss und den Attentäter traf. So, wie man um seinen Kollegen zu trauern hat, ist er zu loben. Er sollte um seiner Sicherheit Willen anonym bleiben können, aber ich weiß ihn zu schätzen. Danke!

Am Ende der Ursachenkette steht der Satz, dass unsere Sicherheit am Hindukusch verteidigt werde. Den höre ich heute wieder, mit anderen Ortschaften. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Es gibt kein letztes Ende der Ursachen und nicht nur eine Kette. Aber vieles hat mit amerikanischer Außenpolitik zu tun. Der bayrische Jude Henry Kissinger konnte das gut erklären, weil er sie zugleich verkörperte. Ich habe mit ihm darüber gesprochen, als ich ihn für ein Buch über seinen Fürther-Fußball-Verein begeistern wollte. Alles hängt mit allem zusammen.

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MORGENSTUND.

Es ist fünf Uhr - Paris erwacht. Das ist der Refrain eines Liedes, das mich Ende der Sechziger Jahre faszinierte. Ich hatte als Pennäler das Glück eines Parisbesuches und erlebte die Metropole mit den noch frischen Spuren der Studentenrebellionen. Man idealisierte das und skandierte klammheimlich mit: „flic, faschist, assassin“. Was falsch und dumm war, aber revolutionsromantisch.

Das erwachende Paris sah, so der Chansonsänger, neben den Bäckern und Arbeitern auch die Stripteasetänzerinnen und Transvestiten, die die Bars verließen. Paris erwacht. Das war für einen Pubertären aus der deutschen Provinz natürlich schon als Vorstellung aufregend. Die Gaslaternen der Großstadt haben das „carpe noctem“ geschaffen, die Erfüllung des Molochs mit Verruchtheit. Rote Mühle. Strangers in the night, für die Romantiker englischer Zunge.

Warum schlafen wir? Eine ungeklärte Frage. War das in der biologischen Evolution ein Diktat der Dunkelheit? Alle Säugetiere machen das wohl, sich auf‘s Ohr zu legen. Wir sind, wie die Batterie-Autos, für Dauerbetrieb irgendwie nicht gebaut. Und dem Schlaflosen künden morgens um vier, dass es bald hell wird, die Vögel mit einem Gesang, dessen biologischer Sinn sich mir auch verschließt.

Aber so ist Evolution. Es gibt keinen erhabenen oder gar vorausgehenden Sinn, der umzusetzen ist. Die Natur hat keine Ziele höherer Art. Sie lässt langfristig bestimmte Eigenarten leichter überleben als andere. Und warum dann ausgerechnet der Homo Sapiens aus Afrika es geschafft hat, der Neandertaler aus Düsseldorf aber nicht (obwohl man sich verkuppelte), das weiß man nicht. War das mit der Düsseldorferin Agnes Strack-Rheinmetall abgestimmt? Und warum verlieren die Borussen gegen die krummbeinigen Spanier? Die Natur hat keinen Verstand, sie lässt gedeihen oder nicht. Wie man das für eine Idylle halten kann, wissen die Götter.

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Gott grüß die Kunst!

So war die selbstbewusste Ansage, wenn Drucker sich trafen. Gott grüß die Kunst! Ein Imperativ, keine Fürbitte. Gemeint war das Schriftsetzen und Drucken mit beweglichen Lettern.

Jetzt aber lamentieren die „chatting classes“ über das Zeitungssterben. Web-zwei-null, Twitter, Fratzenbuch…Geheimwörter werden geraunt. Was ist passiert? Die neue Welt erklärt sich für die Alten nur aus der alten. Was also ist anders? Wenn früher die Alsbecker Neuesten Nachrichten dem pfeifeschmauchenden Hausvater zum Tagesausklang davon berichteten, dass in China ein Sack Reis umgefallen war, so bestand die Sensation weniger in dem umgefallenen Sack als in der raumzeitlichen Differenz. Man konnte in Alsbeck etwas wissen, das auf der anderen Seite des Erdballs passiert war, eine Weltreise entfernt. Und falls man Abonnent des Blattes war, wusste man dies eher als jene, die es erst erfuhren, wenn sie den Fisch vom Wochenmarkt aus dem Zeitungspapier wickelten. In jedem Fall war die Qualifizierung des Alsbecker Blattes ein Euphemismus; wirklich neu war hier nichts, Monate waren bestimmt vergangen.

Bei der notorischen Unzuverlässigkeit von Reiseberichten war der zweite Euphemismus möglicherweise die Qualifizierung der Geschichte als Nachricht. Ins Blatt gehoben hätten die Redakteure die „neueste Nachricht“ ohnehin nur, wenn das Umfallen des Reissackes eine „Geschichte“ gewesen wäre, also etwa einen Einblick in den Nationalcharakter der Chinesen gewährt hätte.

Hier hätte die Politik Rahmenbedingungen gesetzt, die darüber entschieden hätten,ob man das Ereignis für belanglos oder aber für bedeutungsvoll gehalten hätte. Etwa so: Englische Lady stolpert beim Verlassen einer Opiumhöhle über umgefallenen Reissack, was im Chaos eines solchen Ameisenstaates kein Wunder ist, hier aber von Rebellen übler Art herbeigeführt worden sein soll; aber das haben sie jetzt davon, diese dekadenten englischen Kolonialherren! Man lernte in Alsbeck aus den Neuesten Nachrichten, es werde Zeit, den Boxeraufstand niederzuschlagen und die Kanonenboote loszuschicken.

Was ist heute anders? Sicher nicht die Kriegspropaganda um einen casus belli. Verändert hat sich unser Koordinatensystem. Die raumzeitliche Differenz besteht nicht mehr. Die Welt ist für einen bestimmten Kreis von Kommunikationsteilnehmern ubiquitär und simultan. Alle jene, die immer mit ihren Smartphones unterwegs und in den Social Media miteinander verbunden sind, wissen fast zeitgleich, was vor der Opiumhöhle passierte, weil ein facebook-Freund ein richtig gutes Foto gepostet hat; es zeigt die stolpernde Lady mit hochgerutschtem Rock und einem skandalösen Tattoo am Oberschenkel.

Zwischenzeitlich verflossene Zeit: zwei, drei Stunden. Bevor eine Zeitung überhaupt die Möglichkeit hat, zum umgefallenen Reissack etwas zu vermelden, werden weitere 12 oder 24 Stunden vergehen, früher Wochen und Monate. Am nächsten Morgen ist die Geschichte um den hochgerutschten Rock für die Social Media schon Geschichte. Inzwischen hat es nämlich hundert andere dieser Art gegeben. Noch viel geiler, wo man sagen konnte: „Ja, wie geil ist das denn?“ Und zur nächsten Geilheit.

Von der Ermordung John F. Kennedys würden wir heute wissen, bevor er überhaupt einen Notarzt sähe. Noch schlimmer: Hätten die Alsbecker Neuesten Nachrichten dessen Erschießung wirklich exklusiv, würde es zwar Papa im Lehnstuhl erfahren, aber nicht mehr seine Kinder und Enkel, weil die gar kein Papier mehr anfassen. Über die Hälfte der jüngeren Generation, der unter 40jährigen, erfährt von Nachrichten nur noch aus elektronischen Medien.

Eine Zeitung ist etwas Ominöses, auf das Twitter-Kurznachrichten verweisen; richtiger: Eine Zeitung ist etwas,auf dessen Internetausgabe Twitter verweist. Der alte Euphemismus der neuesten Nachrichten als bedrucktes Papier ist zur Groteske geworden. Noch nicht überall, noch nicht für alle, nur für die nachwachsende Generation.

Wen das Argument beruhigt, der ist senil. Wir haben es mit einer kreativen Zerstörung im Schumpeter´schen Sinne zu tun. Und was nachkommt, das ist ein Universum neuer Möglichkeiten. Wäre der Herrgott ein kluger Mann, hätte er den deutschen Verlegern den Verstand gegeben, das zu verstehen. Hat er nicht. Ohnehin haben sich Verleger um den Herrgott nie geschert.

Wer bleibt auf der Strecke? Der Fortschritt wird nicht den Journalismus abschaffen, nur das Verlegertum. Wahrlich kein Verlust.

Quelle: starke-meinungen.de