Logbuch

DIE LUST ZU FABULIEREN.

Der hier geschätzte Brecht hat den Rat zu verantworten, dass man sich in großen Geschäften und wichtiger Politik „immer streng an die Unwahrheit zu halten“ habe. Eine Kettenreaktion erreicht man nicht mit lauen Notlügen.

Sollten Sie sich in Kreisen bolivianischer Dragqueens, sprich Fummeltunten, bewegen, die als Söhne portugiesisch sprechender Putzfrauen nachts die billigeren Clubs in New Yorker Stadtteil Queens bevölkern, nachdem sie tagsüber in Call Center als Drücker die Schmutzarbeit der Wall Street erledigt haben, dann könnten Sie den talentierten George Anthony Devolder Santos kennengelernt haben.

Gegen den Mann läuft schon einige Monate eine Hexenjagd, eine „witch hunt“, wie sie auch der Hausherr von Mar-a-Lago beklagt. Dabei ist Congressman Santos ein Grundguter, wie sein republikanisches Vorbild. Man leidet halt an „pseudologia fantastica“, dem Zwang, den Banalitäten des Lebens eine literarische Krone aufzusetzen: „living a fictionalized life“.

Santos erfand sich eine anständige Schule, eine gute Uni, einen bedeutenden Arbeitgeber. Das nennt man „Pimp up your CV“, wenn das Aufgehübschte noch halbwegs stimmt. Congressman Santos macht sich aber nicht die Mühe einer halben Lüge. Keine der vorgenannten Autoritären hatte je von ihm auch nur gehört. Aufgeklärt haben das Lügenjäger, sprich Journalisten der alten Schule, wie wir sie hierzulande nicht mehr so gern haben; aber das ist, wie Kipling sagt eine andere Geschichte.

Santos, der einer Familie von belgischen Brasilienmigranten entstammt, machte sich dann auch noch zum amerikanischen Juden mit Holocaustvergangenheit und ließ seine Mutter bei 9/11 in einem der Twin Towers sterben, die ihn einst nach einer 24wöchigen Schwangerschaft zur Welt gebracht hatte. Lug und Trug. Alles Geschichten, die seiner Fabalierlust geschuldet sind. Erkennbar gelogen, aber mit eitler Inbrunst erzählt.

Ich entnehme das dem neuen Buch von Mark Chuisano über Santos und teile sein Urteil. Das ist sehr amerikanisch. Das ist sehr aktuell. Das wird auf immer mit dem Namen Donald Trump verbunden bleiben. Dessen Staatsstreich vom 6. Januar des Vorjahres, sagt mir mein amerikanischer Freund, noch nicht gescheitert ist. Dabei ist jede Lüge recht, wenn sie nur monströs genug ist.

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NOTAUSGABE.

Es gibt Premium-Hotels mit allem Drum und Dran. Und es gibt die Budget-Versionen, die mit dem Nötigsten auskommen. Notausgaben des Luxus.

Hamburg hat ein neues Flagschiff der „motel one“ genannten Kette, die zu vernünftigen Preisen einen sehr selektiven Luxus bieten. Ein wirklich großartiges Bett und eine Bar, die schlicht immer geöffnet ist; alles andere fällt aus oder ist auf ein Minimum reduziert. Kostet 100€ die Nacht; man zahlt sonst leicht das Vier- oder Fünffache. Wenn man das Konzept versteht, kommt man zurecht.

Das neue  „clouds one“ gefällt mir insoweit. Ich blicke über die Straße auf ein Hochhaus, das vergleichsweise in die Jahre gekommen ist. Scheint jetzt eine „law firm“ zu beherbergen. Irgendetwas rumort in meinem Hinterkopf. Dann klingelt es: Mensch, das alte SPIEGEL-Hochhaus. Sitz einer Redaktion, vor der wir PR-Leute wirklich Respekt hatten. Ich habe hier matte Chefredakteure erlebt und lebendige, eine wache Redaktion und auch mehrere eher selbstbezügliche. Aber man gibt als PR-Mann Journalisten keine Noten, jedenfalls keine guten.

Für alle Informanten, das sind die wahren Lieferanten von „content“, gilt,  dass sie ein drittes Motiv haben, jenseits der Wahrheitsliebe. Immer ist der Informant auch Verräter, der Revanche übt. Das weiß man. Der erfahrene Journalist pflegt ihn gleichwohl. Niemals geht er ihm im Blatt persönlich an. Oder er will ihn bewusst verlieren oder gar Seinesgleichen rächen; aber das ist dann eine andere Geschichte, wie Kipling sagt.

So war das jedenfalls früher. Man hat keine „insultatio ad hominem“ ins Blatt gehoben. Solche Niedertracht war dem Selbstverständnis des SPIEGEL nach bei Springers zuhause, aber nicht bei Augsteins. Das hat sich geändert. Ich könnte das am frischen Blatt konkretisieren, will es aber nicht.

Ein paar Blöcke weiter die Straße runter ist das neue SPIEGEL-Gebäude. Schmale Aussengebäude um einen gigantischen Innenhof. Ein Bau von deutlich größerem Volumen. Und innen eben leider leer.

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FIESE MÖPP.

Ich habe mit 16 Lenzen als Autor des Politischen Kabaretts zu schreiben begonnen und werde daran nichts ändern wollen, dass die Tinte gallig zu sein hat. Nur Trottel lecken Stiefel. Mir schauen Heine und Brecht über die Schulter, wenn ich Tinte kleckse, zumindest bilde ich mir das ein. Aber ich habe es auch eine Nummer kleiner.

Der Anlass ist: Es meldet sich ein gelernter Journalist der klassischen Prägung mit dem Eindruck, dass amtierende Politiker hier einseitig abgekanzelt würden. Ob ich denn gar keinen mal cool fände. Da bin ich baff. Wenn dem so wäre, würde ich doch darüber kein Wort verlieren. Es ist nicht meine Aufgabe, die Inhaber der Macht auch noch mit Charisma zu versorgen. Jedenfalls nicht unbezahlt; und dann eben auch nicht hier.

Der große Georg Christoph Lichtenberg hat seine zeitkritischen Schriften schlicht und klar SUDELBÜCHER genannt. Die Einseitigkeit des KRITIKERS ist ein Vorsatz. Man darf von ihm kein ausgewogenes Urteil erwarten, weil er das als intellektuellen Bruch verstehen würde. Sei ne fiese Möpp. Das ist das eine.

Das andere ist, dass hier laufend über Personen gesagt wird, dass man sie schätze. Leider oft über solche, die die BLASE (siehe diese) nicht schätzt oder gar stigmatisiert. Wie es überhaupt hier von Menschenliebe nur so trieft. Verstören könnte nur, dass alle damit gemeint sind, ungeachtet der Stellung, der Herkunft und des Glaubens.

Eine gewisse Unduldsamkeit herrscht allerdings gegen die Unduldsamkeit; das ist wahr. Und man muss als Preuße nicht den Stiefel, der einen tritt, auch noch lecken wollen.

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Gott grüß die Kunst!

So war die selbstbewusste Ansage, wenn Drucker sich trafen. Gott grüß die Kunst! Ein Imperativ, keine Fürbitte. Gemeint war das Schriftsetzen und Drucken mit beweglichen Lettern.

Jetzt aber lamentieren die „chatting classes“ über das Zeitungssterben. Web-zwei-null, Twitter, Fratzenbuch…Geheimwörter werden geraunt. Was ist passiert? Die neue Welt erklärt sich für die Alten nur aus der alten. Was also ist anders? Wenn früher die Alsbecker Neuesten Nachrichten dem pfeifeschmauchenden Hausvater zum Tagesausklang davon berichteten, dass in China ein Sack Reis umgefallen war, so bestand die Sensation weniger in dem umgefallenen Sack als in der raumzeitlichen Differenz. Man konnte in Alsbeck etwas wissen, das auf der anderen Seite des Erdballs passiert war, eine Weltreise entfernt. Und falls man Abonnent des Blattes war, wusste man dies eher als jene, die es erst erfuhren, wenn sie den Fisch vom Wochenmarkt aus dem Zeitungspapier wickelten. In jedem Fall war die Qualifizierung des Alsbecker Blattes ein Euphemismus; wirklich neu war hier nichts, Monate waren bestimmt vergangen.

Bei der notorischen Unzuverlässigkeit von Reiseberichten war der zweite Euphemismus möglicherweise die Qualifizierung der Geschichte als Nachricht. Ins Blatt gehoben hätten die Redakteure die „neueste Nachricht“ ohnehin nur, wenn das Umfallen des Reissackes eine „Geschichte“ gewesen wäre, also etwa einen Einblick in den Nationalcharakter der Chinesen gewährt hätte.

Hier hätte die Politik Rahmenbedingungen gesetzt, die darüber entschieden hätten,ob man das Ereignis für belanglos oder aber für bedeutungsvoll gehalten hätte. Etwa so: Englische Lady stolpert beim Verlassen einer Opiumhöhle über umgefallenen Reissack, was im Chaos eines solchen Ameisenstaates kein Wunder ist, hier aber von Rebellen übler Art herbeigeführt worden sein soll; aber das haben sie jetzt davon, diese dekadenten englischen Kolonialherren! Man lernte in Alsbeck aus den Neuesten Nachrichten, es werde Zeit, den Boxeraufstand niederzuschlagen und die Kanonenboote loszuschicken.

Was ist heute anders? Sicher nicht die Kriegspropaganda um einen casus belli. Verändert hat sich unser Koordinatensystem. Die raumzeitliche Differenz besteht nicht mehr. Die Welt ist für einen bestimmten Kreis von Kommunikationsteilnehmern ubiquitär und simultan. Alle jene, die immer mit ihren Smartphones unterwegs und in den Social Media miteinander verbunden sind, wissen fast zeitgleich, was vor der Opiumhöhle passierte, weil ein facebook-Freund ein richtig gutes Foto gepostet hat; es zeigt die stolpernde Lady mit hochgerutschtem Rock und einem skandalösen Tattoo am Oberschenkel.

Zwischenzeitlich verflossene Zeit: zwei, drei Stunden. Bevor eine Zeitung überhaupt die Möglichkeit hat, zum umgefallenen Reissack etwas zu vermelden, werden weitere 12 oder 24 Stunden vergehen, früher Wochen und Monate. Am nächsten Morgen ist die Geschichte um den hochgerutschten Rock für die Social Media schon Geschichte. Inzwischen hat es nämlich hundert andere dieser Art gegeben. Noch viel geiler, wo man sagen konnte: „Ja, wie geil ist das denn?“ Und zur nächsten Geilheit.

Von der Ermordung John F. Kennedys würden wir heute wissen, bevor er überhaupt einen Notarzt sähe. Noch schlimmer: Hätten die Alsbecker Neuesten Nachrichten dessen Erschießung wirklich exklusiv, würde es zwar Papa im Lehnstuhl erfahren, aber nicht mehr seine Kinder und Enkel, weil die gar kein Papier mehr anfassen. Über die Hälfte der jüngeren Generation, der unter 40jährigen, erfährt von Nachrichten nur noch aus elektronischen Medien.

Eine Zeitung ist etwas Ominöses, auf das Twitter-Kurznachrichten verweisen; richtiger: Eine Zeitung ist etwas,auf dessen Internetausgabe Twitter verweist. Der alte Euphemismus der neuesten Nachrichten als bedrucktes Papier ist zur Groteske geworden. Noch nicht überall, noch nicht für alle, nur für die nachwachsende Generation.

Wen das Argument beruhigt, der ist senil. Wir haben es mit einer kreativen Zerstörung im Schumpeter´schen Sinne zu tun. Und was nachkommt, das ist ein Universum neuer Möglichkeiten. Wäre der Herrgott ein kluger Mann, hätte er den deutschen Verlegern den Verstand gegeben, das zu verstehen. Hat er nicht. Ohnehin haben sich Verleger um den Herrgott nie geschert.

Wer bleibt auf der Strecke? Der Fortschritt wird nicht den Journalismus abschaffen, nur das Verlegertum. Wahrlich kein Verlust.

Quelle: starke-meinungen.de