Logbuch

DIE GELBE GEFAHR.

Mein Großvater mütterlicherseits war von tiefgründigem Humor. Er pflegte gelegentlich das Liedgut der KPD aus seiner Jugend, und zwar auch noch, als die Braunen, wie er zu sagen pflegte, schon herrschten. Trotzdem stimmte er an: „Der Rosa Luxemburg haben wir‘s geschworen…“ Seine Gattin darauf: „Eines Tages werden sie auch Dich noch holen.“ Er hatte Glück. Eine andere seiner Provokationen war die stete Warnung vor der GELBEN GEFAHR. Der Geier weiß, wo er das herhatte. Und er meinte als Tiefroter nicht die heutigen Gelben von der FDP.

Mein Opa Heini, lebte er noch, hätte die anstehenden Vorgänge in Hamburg sicher ironisch kommentiert. Ich rede davon, dass der Hamburger Hafen von der Viktualienschwester, die ihn leitet, jetzt an die chinesische KP vertickt werden soll. Was einer Strategie Chinas entspricht, das sich weltweit Häfen zusammenkauft. Duisburg Ruhrort gehört ihnen schon. Das ist der weltweit größte Binnenhafen, jedenfalls an der Ruhr. ARA ist eine Lachtablette dagegen. Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen. Und die sind nicht mal binnen.

Dass der chinesische Imperialismus das Konzept der historischen HANSE geklaut hat, haben wir gestern hier schon abgehandelt. CULTURAL APPROPRIATION. Ein echter Skandal. Die Viktualienschwestern an der Alster unterschätzen, wie weit das gehen wird. Zum Herzstück des Hanseatischen gehört die Herbertstraße auf der Reeperbahn. Dort geht man essenstechnisch ins Cuneo, das ist der Italiener an der Ecke zur Herbertstraße, ein Pflichtort des angetrunkenen SPIEGEL-Redakteurs. Nun, die Leuchtreklame wird gerade ausgetauscht. Das Restaurant heißt jetzt GREAT WALL und man isst mit Stäbchen.

So ist er der chinesische Hanseat: Sich selbst schützt er durch dicke Mauern, aber bei uns will er im Containerterminal Ansagen machen. Und Haifischflossensuppen löffeln. Mit Stäbchen. Wie gut, dass wir als GOTTHILF da von der FDP die gelbe Bellizistin namens Agnes haben, die auf die Reinheit der Kultur achtet und vor dem Chinamann warnt.

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HANSE GOES CHINA.

Von der Seidenstraße habe ich vor Jahren erstmals in Brüssel gehört und es nicht kapiert. Mein Französisch ist nicht gut genug. Und ich dachte dieHerren in dem Edelrestaurant reden von Seidenstrümpfen, also etwas Pikantem.

Der Aufstieg der modernen westlichen Welt begann mit der Hanse. Die Fernhändler organisierten ein Kartell und stellten etwas sicher, das man heute eine kritische Infrastruktur nennt. In der Verteidigung des Kartells war man durchaus rigoros. Ich weiß das, weil meine Vorfahren Viktualienbrüder waren und die Hanse zu plündern suchten.

Mein Ahne namens KLAUS STÖRTEBEKER („Klaus, stürz den Becher!“) wurde als Viktualiendeeler enthauptet und sein Schädel den Möwen auf einer Lanze zum Frühstück geboten. So war Hamburg als Hansestadt. Also, nie hätte die Hanse ihre Stapelplätze an Dritte verscheuert. Und dann auch noch an einen Opiumlieferanten; da war doch was. Aber damals hieß der Chef der Hanseaten auch noch nicht Olaf Sine Ex Scholz.

Spoiler: Die Chefin des Hamburger Hafens ist eine kluge Frau. Wenn die jetzt als Viktualienschwester enttarnt wird, dann ist mehr dahinter als der gemeine Leichtmatrose ahnt. Ich bin gespannt.

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WORTE DES VORSITZENDEN.

Ja, auch ich hatte 1968 ff. so ein kleines rotes Buch, das ich mir aus Peking hatte kommen lassen. Daraus zitierte man die Worte Maos. „Wenn der Feind Dich hasst, dann ist das gut und nicht schlecht.“ Solche Kaliber.

Am 19. Oktober 1956 hatte der Große Vorsitzende Mao Tse-tung in der Verbotenen Stadt die folgend aufgeführten Dinge zum Abendbrot. Eine leichte Suppe vom Schwalbennest mit Fliegenpilzen. Eine Haifischflosse in brauner Soße. Gemüseröllchen in drei Farben. Gewürztes Brathühnchen. Obstsalat. Geröstete Pekingente. Sahne mit Walnüssen und Datteln. Ausgesuchte Backwaren. Früchte.

Natürlich war das ein Bankett. Und zwar für den amtierenden pakistanischen Ministerpräsidenten. Der Große Vorsitzende war in Begleitung von Premier Zhou Enlai und Marschall Zhu De sowie anderer großer Namen der Nomenklatur. Madame Mao war, wie immer, im Hintergrund, vermute ich. Da ich zu dem Zeitpunkt noch im Kindergarten war, beschränkt sich meine Zeitzeugenschaft auf eine Menükarte, die jetzt in London zum Kauf steht. Seit zwanzig Jahren war das Blättchen (217 x 115 mm) in Besitz eines privaten Sammlers in Deutschland. Es muss auch Alkohol gegeben haben. Die chinesischen Herren haben die Karte damals nämlich frohgemut gezeichnet. Maos Autogramm, Himmel hilf! Jetzt für 250.000 Pfund Sterling auf dem Markt. Eine Viertel Mille.

Ich nutze das zu einer erschöpfenden Definition, was Reichtum ist. Wenn Du eine Menükarte angeboten kriegst, die eine Viertel Million kostet, und Du denkst: Och, die kauf ich mir! Dann bist Du reich. Ein Wort an den Rest meiner Leser: Eure Armut kotzt mich an.

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Gott grüß die Kunst!

So war die selbstbewusste Ansage, wenn Drucker sich trafen. Gott grüß die Kunst! Ein Imperativ, keine Fürbitte. Gemeint war das Schriftsetzen und Drucken mit beweglichen Lettern.

Jetzt aber lamentieren die „chatting classes“ über das Zeitungssterben. Web-zwei-null, Twitter, Fratzenbuch…Geheimwörter werden geraunt. Was ist passiert? Die neue Welt erklärt sich für die Alten nur aus der alten. Was also ist anders? Wenn früher die Alsbecker Neuesten Nachrichten dem pfeifeschmauchenden Hausvater zum Tagesausklang davon berichteten, dass in China ein Sack Reis umgefallen war, so bestand die Sensation weniger in dem umgefallenen Sack als in der raumzeitlichen Differenz. Man konnte in Alsbeck etwas wissen, das auf der anderen Seite des Erdballs passiert war, eine Weltreise entfernt. Und falls man Abonnent des Blattes war, wusste man dies eher als jene, die es erst erfuhren, wenn sie den Fisch vom Wochenmarkt aus dem Zeitungspapier wickelten. In jedem Fall war die Qualifizierung des Alsbecker Blattes ein Euphemismus; wirklich neu war hier nichts, Monate waren bestimmt vergangen.

Bei der notorischen Unzuverlässigkeit von Reiseberichten war der zweite Euphemismus möglicherweise die Qualifizierung der Geschichte als Nachricht. Ins Blatt gehoben hätten die Redakteure die „neueste Nachricht“ ohnehin nur, wenn das Umfallen des Reissackes eine „Geschichte“ gewesen wäre, also etwa einen Einblick in den Nationalcharakter der Chinesen gewährt hätte.

Hier hätte die Politik Rahmenbedingungen gesetzt, die darüber entschieden hätten,ob man das Ereignis für belanglos oder aber für bedeutungsvoll gehalten hätte. Etwa so: Englische Lady stolpert beim Verlassen einer Opiumhöhle über umgefallenen Reissack, was im Chaos eines solchen Ameisenstaates kein Wunder ist, hier aber von Rebellen übler Art herbeigeführt worden sein soll; aber das haben sie jetzt davon, diese dekadenten englischen Kolonialherren! Man lernte in Alsbeck aus den Neuesten Nachrichten, es werde Zeit, den Boxeraufstand niederzuschlagen und die Kanonenboote loszuschicken.

Was ist heute anders? Sicher nicht die Kriegspropaganda um einen casus belli. Verändert hat sich unser Koordinatensystem. Die raumzeitliche Differenz besteht nicht mehr. Die Welt ist für einen bestimmten Kreis von Kommunikationsteilnehmern ubiquitär und simultan. Alle jene, die immer mit ihren Smartphones unterwegs und in den Social Media miteinander verbunden sind, wissen fast zeitgleich, was vor der Opiumhöhle passierte, weil ein facebook-Freund ein richtig gutes Foto gepostet hat; es zeigt die stolpernde Lady mit hochgerutschtem Rock und einem skandalösen Tattoo am Oberschenkel.

Zwischenzeitlich verflossene Zeit: zwei, drei Stunden. Bevor eine Zeitung überhaupt die Möglichkeit hat, zum umgefallenen Reissack etwas zu vermelden, werden weitere 12 oder 24 Stunden vergehen, früher Wochen und Monate. Am nächsten Morgen ist die Geschichte um den hochgerutschten Rock für die Social Media schon Geschichte. Inzwischen hat es nämlich hundert andere dieser Art gegeben. Noch viel geiler, wo man sagen konnte: „Ja, wie geil ist das denn?“ Und zur nächsten Geilheit.

Von der Ermordung John F. Kennedys würden wir heute wissen, bevor er überhaupt einen Notarzt sähe. Noch schlimmer: Hätten die Alsbecker Neuesten Nachrichten dessen Erschießung wirklich exklusiv, würde es zwar Papa im Lehnstuhl erfahren, aber nicht mehr seine Kinder und Enkel, weil die gar kein Papier mehr anfassen. Über die Hälfte der jüngeren Generation, der unter 40jährigen, erfährt von Nachrichten nur noch aus elektronischen Medien.

Eine Zeitung ist etwas Ominöses, auf das Twitter-Kurznachrichten verweisen; richtiger: Eine Zeitung ist etwas,auf dessen Internetausgabe Twitter verweist. Der alte Euphemismus der neuesten Nachrichten als bedrucktes Papier ist zur Groteske geworden. Noch nicht überall, noch nicht für alle, nur für die nachwachsende Generation.

Wen das Argument beruhigt, der ist senil. Wir haben es mit einer kreativen Zerstörung im Schumpeter´schen Sinne zu tun. Und was nachkommt, das ist ein Universum neuer Möglichkeiten. Wäre der Herrgott ein kluger Mann, hätte er den deutschen Verlegern den Verstand gegeben, das zu verstehen. Hat er nicht. Ohnehin haben sich Verleger um den Herrgott nie geschert.

Wer bleibt auf der Strecke? Der Fortschritt wird nicht den Journalismus abschaffen, nur das Verlegertum. Wahrlich kein Verlust.

Quelle: starke-meinungen.de