Logbuch
PYGMALION.
Wenn es eine Mundart gibt, die selbst Linguisten in die Verzweiflung treibt, so ist es der Slang der Londoner Unterschichten namens Cockney. Er liebt es, reimend gebräuchliche Wörter durch Eigenbildungen ganz oder teilweise zu ersetzen und dabei pragmatische Regeln anzuwenden, keine linguistischen. Es wird gereimt, aber mit willkürlichen Ersatzwörtern, die ähnlich lauten.
Man kann das in Oscar Wildes Stück PYGMALION nachempfunden finden oder in MY FAIR LADY; das ist ein Marktweib (a lady from the fair) aus dem vornehmen Stadtteil Mayfair (sic), also eine vornehm tuende Weiblichkeit niederen Zuschnitts. Man interessiere sich für Wette der Gentlemen in PYGMALION um die Zukunft des Blumenmädchens.
Ich sage das zur Entlastung der amtierenden Bundesministerin des Äußeren, die gerade den TV-Kameras anvertraut hat, dass sie sich um die Regierung des Libanons kümmere, die eine geringe „Durchschlafkraft“ habe. Also schon wieder kein Speck der Hoffnung.
Das ist Cockney. Offensichtlich während des extensiven Studiums des Völkerrechts in London erlernt. Übrigens hat das Blumenmädchen im AA gerade auf die künftige Kanzlerschaft verzichtet. Wenn wir also in der nächsten Legislatur die schwarzgrüne Wende kriegen, muss das jemand anderes machen. Trauzeugen aufgepasst! Bestman Alarm.
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MÄNNERGRIPPE.
Der Mann ist das empfindsamere Wesen. Jedenfalls das empfindlichere. Das hat die Natur so gewollt, weshalb die Frauen die Kinder kriegen. Und die Kitas spielen in der frühkindlichen Erziehung die ganz wesentliche Rolle der Durchseuchung mit insgesamt 60 Infekten. Beides zusammengenommen führte dazu, dass ich Männergrippe habe. Und zwar echt schlimm. So schlimm, dass ich den Hausarzt aufsuche. Wg. Rezept.
Ich will harte Drogen. Weil viel hilft viel. Es ist mir so elend, dass ich gern ein Bombenantibiotikum hätte, so ein Mega-Peniszilin. Und diese Schmerzmittel für Pferde, die man auch auf der Drogenszene verticken kann, weil sie als halal gelten. Gern auch eine Kernspinntonographie. Auf keinen Fall etwas Homopathisches; das ist mir zu schwul. Mein Hausarzt ist von großer Geduld und einiger Erfahrung.
Mein Elend ist viral, sagt er; da hilft kein Peniszilin. Er rät zu Kapuzinerkresse und Mehrrettich. Alta, ich sterbe und die geben mir Brunnenkresse und Radi. Ein pflanzliches Medikament? Ökokacke! Wenn es dann nicht in drei Tagen besser sei, solle ich eine Mail schreiben. „Dann ändern wir die Strategie.“ Ich habe dann vergessen, ausdrücklich nach Fentanyl zu fragen.
Mir ist besser. Vom Totenbett auferstanden. Wird wohl nix mit den Opiaten, die ich auch im Görli verticken kann. Kresse oder Mehrrettich gehen da eher nicht, vermute ich. Das war knapp.
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HOPPLA HOPP.
Gestern habe ich eine wirkliche Überraschung erlebt. Ich biege in der hässlichsten Stadt Deutschlands um die Ecke in ein besonders hässliches Gewerbegebiet und finde unter den industriellen Monstern dort eine Leichtmetallhalle erheblicher Größe, gesichert wie ein Camp in Afghanistan. Hinter dem Stacheldraht erblicke ich dann die Denomination. Ich stehe vor einem Hauptverhandlungssaal des Oberlandesgerichts Frankfurt.
Befinden wir uns im Krieg? Es scheint so. Es wird hier verhandelt gegen HEINRICH XIII PRINZ REUSS. Die Ultranationalisten stehen vor Gericht, weil sie einen Staatssturz geplant haben sollen; ich gestehe, ich hatte das Thema nicht ernstgenommen. Jetzt sehe ich eine improvisierte Aufrüstung, die mich irritiert. In Moabit haben wir eindrucksvollere Gerichtsgebäude, gut, zugestandenermaßen aus einer anderen Zeit. Wahrscheinlich jener, in die HEINRICH XIII zurückwill.
Architektur öffentlicher Gebäude ist immer auch Symbol der Macht gewesen. Es sollte die Würde des Staates zum Ausdruck kommen, wenn in Roben gegen die Würdelosen verhandelt wurde. Ich habe beim Amtsgericht mal die Richterin mit „gnä‘ Frau“ angeredet und wurde scharf dahingehend belehrt, dass es „Frau Vorsitzende“ heißt; meine Sache war so aussichtslos, dass mein eigener Anwalt von einem Plädoyer abgesehen hat. Ich hatte eine Geschwindigkeitsüberschreitung mit einer Fluchtfahrt vor angeblichen Terroristen begründet. Ich bin meine Fleppe natürlich trotzdem losgeworden.
Mir gefällt diese Stacheldrahtlager-Symbolik nicht. Das hat etwas Improvisiertes. Stammheim in Leichtbau. Ich überlege, ob der historische Vergleich angemessen ist, möglicherweise nicht; aber diese ad-hoc-Justiz, die befremdet mich.
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Vorgetäuschter Wahlkampf
Einen Orgasmus, habe ich gelernt, kann man vortäuschen. Nicht, dass ich dies als Junge überhaupt verstehe, aber eine Nachwuchspolitikerin wurde dies vor Jahren bei einem Besuch von Radio Freibier gefragt und sie hat bejaht. Damit stand das Stigma. Jetzt sitzt sie im Zug nach Stuttgart im gleichen Wagen. Ich schaue auf die erwachsen gewordene Frau und denke: Ach, Mädchen, da hast Du den Wulff gemacht.
Männer heucheln, wenn sie sagen, dass sie das überhaupt interessiert, was ein vorgetäuschter oder ein richtiger Orgasmus bei einer Frau ist; Leser von Charlotte Roche und die Warmduscherfraktion vielleicht ausgenommen. Fragt man erfahrene Frauen, so wissen sie zu berichten, dass ihnen viel daran liegt, gerade im Bett als authentisch zu erscheinen.
Authentisch ist, was der Partner wiedererkennt, wenn er in sein Unterbewusstes hineinhorcht. Authentisch ist das Wiedererkennen des Ressentiments. Mädchen, die gut im Bett sind, tun deshalb das, was die Schauspielerinnen in den Pornos tun, die sich die Jungs ansehen, wenn es drängt. Keine Menschin würde ansonsten völlig unmotiviert brüllen: „Ja, ja, oh, zeig‘s mir…“
Sex als Unterwerfungsritual, wie banal. So kommt das Schema für die Lust aus den schlechten Drehbüchern für Onaniervorlagen. Eigentlich deprimierend. Das Intimste äußert sich in der Sprache der Gosse; schlimmer noch, in der Sprache der Geschäftemacher der Gosse. Puff statt Poesie.
Während ich über den Lapsus der jungen Genossin räsonniere, fällt mir auf, dass das Syndrom des vorgetäuschten Orgasmus den gesamten Wahlkampf der Opposition erklärt. P€€R Steinbrück, der peer-spektivenlose, treibt vorgetäuschten Wahlkampf. Er will gar nicht kommen.
Die SPD will unter dem Rock von Frau Merkel, der Retterin aus den Fluten, an die Macht. Sie vergisst, dass die Dame nur Hosenanzüge trägt und Nägel beißt. Wer hier zu Diensten sein will, wird den Dackel machen müssen. Steinmeier zeigte dereinst, wie das geht. Er ist als Merkels Pudel bitter gescheitert.
Das sogenannte Kompetenzteam des Kandidaten Steinbrück wirkt wie die Besetzung einer Reisebühne, die im Stadttheater von Oer-Erkenschwick den Hamlet geben soll und irrtümlich die Truppe aus dem Bauernstadl dabei hat. Sagen wir es lutherisch deutsch: Eine SPD, in der es dem Kandidaten an Potenz fehlt und ersatzweise Helmut Schmidt der Star ist, ist im Arsch. Homestory: Helmut hat nach Loki eine neue, aber die kennt er auch schon vierzig Jahre. Hallo?
Und die Grünen? Nicht weniger enttäuschend. Wo man wilde Szenen der Kohabitation erwarten könnte, die zur Klimax führen, wird der Wähler mit Tändelei bespielt. Die prüde Pfarrersgattin, die dralle Dramaturgin, die anämische Knastanwältin: Großer schmutziger Sex sieht anders aus. Auch Trittin hampelt, auch er will nicht kommen.
Dabei wäre die Flut doch das Thema der Ökologen. Nichts kommt. Mutti gibt den Christopherus und die Grünen bohren in der Nase. Catch 22: das Dilemma liegt darin, dass die Natur verrückt spielt, sich aber im ideologischen Repertoire der Ökos keine zweckmäßige Antwort findet.
Der Umweltpartei sind die Antworten ausgegangen. Am Castor sollte, so die alte Heuchelei, die Menschheit vergehen, jetzt aber, da ganze Landstriche ersaufen: Schweigen im Wald. Hinter den Bio-Pose lukt nur eins hervor, der Wille zur Macht.
Der vorgetäuschte Wahlkampf von Rot-Grün löst den bösen Satz von Schwarz-Gelb ein, dass diese Politik „alternativlos“ sei. Das ist im Grundsatz eine Frechheit, weil es das Wesen von Politik ist, dass es immer mindestens eine Alternative gibt. Und es stimmt doch. Diese Opposition ist keine, Vollversager.
Das alles erinnert mich an das kleine Gedicht von Erich Fried, in dem die Impotenten sagen: „Eines Tages werden wir den Geschlechtsverkehr widerlegen.“
Quelle: starke-meinungen.de