Logbuch

HAMLET & HORATIO.

Zu den erdrückendsten Erlebnissen der letzten Zeit gehört die Hamlet-Aufführung des elenden Frank Casdorff am Deutschen Schauspiel zu Hamburg, die um 18 Uhr begann und nicht vor Mitternacht endete. Ohne jede Inspiration schleppte sich eine verwirkte Persiflage über sechs Stunden käsig über die Bühne und ließ das Parkett in Lageweile verzweifeln. Folter ist der Begriff, der mir dazu bis heute einfällt.

Dabei kann, wenn man sich das ursprüngliche Unterfangen Shakespeares ansieht, es seinerzeit, wir sind im frühen 17. Jahrhundert, nicht kürzer gewesen sein. Und das Publikum stand fasziniert im Globe, während der dänische Prinz nicht zu Potte kommt. Denn darum geht es ja in dem Elisabethaner in seinem Stück vom unentschlossenen Sohn, dessen Mutter den Mörder seines Vaters geheiratet hatte und der auch sonst nicht klarkommt mit dem weiblichen Geschlecht. Und das über sechs Stunden.

Man wünscht sich, dass er das dänische Schloss verließe, um mit seinem Kommilitonen Horatio wieder zu studieren; übrigens in Wittenberg, wie Shakespeare ausdrücklich erwähnt. Man fragt sich unwillkürlich, ob das Kaff in Sachsen-Anhalt um 1605 schon den Beinamen Lutherstadt hatte; jedenfalls galt es als angesagteste Alma Mater ihrer Zeit. Womit wir schon wieder beim Ödipuskomplex sind, weil das nämlich „gütige Mutter“ heißt, aber das ist, wie Martial sagt, eine andere Frage.

Wie lernt man eine Rolle, wenn das sechs Stunden Text sind? Es gab noch keine Teleprompter, die heute Redner retten. Vielleicht gab es Souffleusen, vielleicht sogar noch im Orchestergraben in einem kleinen Gestühl vor dem Publikum verborgen. Aber sechs Stunden auswendig, das ist kein Pappenstiel. Das ginge noch, wenn etwas passierte; dem Hamlet ist es aber nicht gegeben, sich zu irgendetwas durchzuringen. Ein Attentist. Prokrastinat.

Das kann man so faszinierend finden, dass man sich sechs Stunden die Beine in den Bauch steht oder seinem Arsch das erbärmliche Gestühl antut, aber mehr als ein Exercitium der Langweile kann es nicht sein. Darüber werden sie bei dem Elisabethaner auch alle irre. Hamlet, Lear, McBeth. Zum Teil anfänglich mit gespieltem Wahnsinn, also vorgetäuschter Geisteskrankheit, dann aber ereilt alle die volle Klatsche.

Womit wir bei der „mad man theory“ sind, die seit Nixon als eine Finesse amerikanischer Regierungskunst gilt. Man will den Gegner glauben machen, dass der eigene König zu allem in der Lage sei, selbst dem größten Irrsinn, ja, sogar um den Preis des eigenen Untergangs auf seinen Eingebungen bestehend. Das kann raffiniert sein, wenn es den Gegner zur Vernunft bringt, setzt aber voraus, dass die Klatsche tatsächlich nur simuliert ist, obwohl beim Gegner genau daran Zweifel bestehen. Schließlich auch in den eigenen Reihen.

Ein Stoff für den Shakespeare! Kann ich unter diesen Umständen bitte mit Horatio nach Wittenberg?

Logbuch

SOZIALE INTELLIGENZ.

Über die Kommunalverwaltung in Berlin wird viel geschimpft. Die aus „Westdeutschland“ (ortsüblicher Terminus) Zugereisten empören sich gerne über den Schlendrian in den „Bezirken“ (dito). Tatsächlich gäbe es eine gewisse Konkurrenz zwischen den Bundesbehörden als Arbeitgeber und dem „Senat“ (dito), da der Bund besser zahlt und sich so der Schrott in der Kommunalverwaltung sammele. Gemach.

Ich habe zwei öffentliche Angelegenheiten zu regeln; die Termine auf den Ämtern werden im Internet vergeben. Wer sich morgens um sechs einloggt, wenn die jüngst stornierten Termine vom Rechner eingestellt werden, kriegt eigentlich immer was und zwar kurzfristig. Man sollte halt nur mobil sein und jede Amtsstube in den Bezirken der Metropole akzeptieren; so fahre ich bei meiner ersten Option von Moabit nach Zehlendorf, was man eigentlich nicht gerne tut, weil da die Piefkes wohnen. Aber die halbe Stunde Anfahrt ist gut investiert. Ich treffe auf eine kreuznette Beamtin. Kompetent. Ruckzuck erledigt.

Der gemeine Bürgergeldempfänger, neuerdings Grundgesicherter genannt, steht nicht gern um Sechs auf, weil die Kneipen, die in Berlin Frühstück anbieten, erst um 11 Uhr öffnen. Wenn er von da wieder nach Hause kommt, sind die Termine wieder aus. Diese Anmerkung ist eine Klassenkampfpolemik, sogenannter „Klassismus“, weil sie Transferempfänger diskriminiert; trifft aber häufiger zu. Trotzdem verpönt. Bürgerliche Arroganz. Westdeutscher!

Ich bin aus Zehlendorf heil zurück, da kommt eine Mail vom Bürgeramt; meine zweite Sache läge auch abholbereit vor. Ich soll mich um einen Termin bemühen. Eine weitere Mission für den Frühaufsteher. Ich ergattere was. In Zehlendorf. Fein, da kenne ich die Dame schon und weiß den Weg. Mit guter Laune und einer gewissen Portion sozialer Intelligenz ist diese Stadt durchaus bewohnbar. Zudem gefällt mir diese Franziska Giffey aus Frankfurt/Oder. Die würde ich zur Regierenden wählen, wenn ihre Partei sie aufstellte. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Logbuch

POMPÖS.

Gestern bei den Berliner Philharmonikern voller Saal bei voller Bühne. Wir haben das große Orchester mit einer blonden Dame im Mezzosopran, vielen Damen des Rundfunkchores und allen Knaben des Staats- und Domchors Berlin, insgesamt gut zweihundert Personen auf der Bühne. Ein kanadischer Dirigent arbeitet sich durch die 3. Symphonie von Gustav Mahler, ein Monstrum in d-moll von gut hundert Minuten Länge.

Zur Vorbereitung hatte ich gestern bereits die Generalprobe besucht und bewundert, wie nett der kleine Mann am Pult mit dem Knabenchor umging. Sie sollten bitte, sagt er ihnen, Fröhlichkeit in ihren Gesang legen, so als gäbe es morgen Ferien. Das Libretto, sprich der von der Hundertschaft zu singende Text lautet: „Bimm, bamm, bimm, bamm.“ Kein Witz. Es ist als „Armer Kinder Bettlerlied“ von Mahler benannt. Wenig später haben dann Frauen- und Knabenchor noch mal einen gemeinsamen Einsatz; er lautet: „Bimm, bamm, bimm, bamm.“ Text nach Achim von Arnim und Clemens Brentano aus „Des Knaben Wunderhorn“; kein Witz.

Auf dem Schnittchenteller Lachs, Camembert, Kartoffeltörtchen und kleine Bulette. Weißwein, wenigstens kalt. Auf dem Heimweg denke ich über den „carbon footprint“ nach. Ich meine, zweihundert Leute, die ja alle ein- und ausatmen: Was das an CO-Zwei bringt? Eigentlich unverantwortlich. Ein einzelner Hornist hatte es nicht mal mehr auf die Bühne geschafft und spielte seine Soli hinten aus dem Saal. Obwohl, das war bei der Generalprobe auch schon so. Irgendwie pompös, dieser böhmische Banause.

Logbuch

Drei drei drei – bei Issos Keilerei: Was Europa ausmacht

Wenn Europa nur ein hohle Vertragsgemeinschaft ist, ein juristisches Konstrukt von Regierungen ohne wirkliche kulturelle Identität, ein internationales Gebilde, das nicht mal eine Verfassung hat, über die die Völker abgestimmt haben, wenn Europa also keine Mitte hat, wird es in sich zusammenfallen. So weit, so schlecht. So weit, so falsch.

Die Wahrheit, sagt Hegel, ist konkret. Fragen wir also konkrete Menschen, wer sie sind, was sie ausmacht. Beginnen wir bei dem vielgescholtenen „american way of life“, wie ihn Alexandre Kojève oder Theodor W. Adorno und jetzt wieder Giorgio Agamben mit Ekel erfüllte. Unter den anglo-amerikanischen Calvinisten in den USA, England oder bei den Mafia-Capos treffen wir auf Menschen, die als erstes erzählen, wieviel sie machen. Die Rede ist von Geld. Man redet offen und kokettierend über Gehälter oder Renditen. Im Geld liegt Gottesgnadentum.

Die Asiaten und Inder und sonstigen fernen Völker, alle über einen Kamm, sind von solchen eschatologischen Fragen völlig frei. Für die meisten ist die Geschichte ohnehin eine kreisförmige Angelegenheit , bei der man sich fragt, ob man als Elefant oder als Affe wiedergeboren wird, aber nicht, ob man bis dahin wohlgefällig gelebt hat. Götter gibt es nur in der Mehrzahl und man sollte sie alle fürchten, insbesondere aber die Zahl 13, weil sie am meisten Unglück bringt. Die eigene Lebenserfahrung ist so prekär, dass man zu Aufschubhaltungen nicht bereit ist: alles, was geht, jetzt! Oder morgen, aber dann immer noch eher als die anderen. In Singapur will eine junge Frau von Leben zwei Dinge, eine Gucci-Handtasche und einen westlichen Lover, in dieser Reihenfolge. Sagt mir Herr Chan, der hier Philosophie lehrt. Natürlich ein Stereotyp, aber darüber reden wir ja hier.

Im alten Europa ist Thema, was man von Beruf ist und dann woher man kommt. Hans Sachs ist Schuster aus Nürnberg, beides ist von großem Gewicht. Cosimo, genannt der Ältere, und viel später Lorenzo, genannt der Prächtige, waren Geldwechsler aus Florenz und eben keine Genueser. Und der Doktor Heinrich Faust aus Leipzig war Universalgelehrter: „…habe nun, ach, Philosophie, Juristerei, Medizin studiert mit heißem Bemühn.“ Europa ist eine gemeinsame Geschichte selbstbewusster Städte mit aufklärerischem Eifer, an deren Spitze bürgerliche Berufe stehen.

Die europäische Geschichte war als Geschichte der nahen Vielfalt eine Geschichte der ständigen Kriege. Noch mein Großvater wusste in Frankreich den Erbfeind. Zwei Weltkriege sind von diesem Kontinent ausgegangen. Cato wollte den phönizisch-afrikanischen Konkurrenten Karthago bis auf die Grundmauern zerstört wissen. Alexander der Große ritt nicht in friedlicher Absicht in die heutige Türkei: Der Muselmane hat in Spanien nicht nur Prachtbauten hinterlassen, sondern auch Witwen. Was also macht die EU aus? Die Abwesenheit von Krieg, euphemistisch Frieden genannt. Wenn das eine Leitidee Europas ist, dass wir uns nicht mehr erschlagen, so war die Nato-Intervention im ehemaligen Jugoslawien eine europäische Idee. Und Afghanistan eine Frage der Bündnispolitik mit den USA, eine fragwürdige. Europa ist Kriegsdienstverweigerung, jedenfalls im Innenverhältnis.

Nachtrag: Im November 333 v. Chr. zeigte Europa den Iranern, wo der Hammer hängt. In der Schlacht bei Issos vernichtete Alexander der Große (gebürtiger Grieche, die da noch was taugten) die Truppen des Perserfürsten Dareios III, angeblich, weil die Iraner 150 Jahre zuvor böse waren, faktisch als Eroberungszug bis nach Syrien und Ägypten, in dessen Folge Alexander als „Herrscher über Asien“ gelten wollte. Aus heutiger Sicht: ein uneuropäisches Projekt. Das machen wir heute nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr so. Wenn Europa die permanente Renaissance ist, wissen schon Schüler, was der Merksatz „Drei, drei, drei, bei Issos Keilerei“ sie lehrt.

Quelle: starke-meinungen.de