Logbuch

BÖRSENGANG.

Man kann ein Unternehmen aus eigener Kraft und mit eigenem Geld gründen. Das ist altbacken. Moderner ist es, eine Idee zu kupfern, sagen wir aus den USA oder einem asiatischen Kometen, sie im Internet zu bewerben und dann das Geld anderer Leute einzusammeln. Wenn die Idee geil ist (Szenejargon), dann klappt das. Man hat dann, sagen wir 300 Millionen US-Dollar zu verbraten. Der kluge START-UP-UNTERNEHMER errechnet jetzt die „burning rate“, um zu wissen, wann die Knete verbraucht sein wird. Und er überlegt sich eine EXIT-STRATEGIE. Das ist der Dreh, mit dem man sich vom Acker macht, wenn es eng wird.

Denn die Anleger sind ja keine windigen Wohltäter, sondern in aller Regel solide Spekulanten. Die machen das Spiel mit, weil sie mit mehr Geld rauskommen wollen, als sie reingegangen sind. Es gibt nur dies eine Motiv, nämlich GIER. Das ist in Ordnung, weil eine unsichtbare Hand dafür sorgt, dass trotzdem alles im Lot bleibt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Manche rechnen auch mit der sogenannten Dividende, aber das sind ältere Herrschaften, denen die Erbschaftssteuer noch was übergelassen hat; die zählen eigentlich nicht. Unterentwickelte Gier.

Ich bin kein Börsenexperte. Ich bin es so wenig, dass ich gar nicht erst den Eindruck erwecken will, davon etwas zu verstehen. Ich glaube nämlich, dass es ein SPIEL ist, bei dem die Spieler selbst Wetten auf den Ausgang des Spiels abschließen. Da stimmt ja im Prinzip was nicht. Man kann von der Tribünen aus auf ein Spiel wetten. Oder man kann auf dem Platz, ein Spiel nach bestem Vermögen zu gewinnen suchen. Wenn aber die Spieler die Wetter sind und auch der Schiedsrichter finanziell engagiert, dann, ja, wie soll ich sagen, dann ist das keine Sache, an der ich als kleines Licht mittun möchte.

Zum IPO, dem Initial Public Offering, sprich dem BÖRSENGANG, gehört eine vorinformierte Anlegerschaft. Das besorgen Nachrichtenagenturen, die unabhängigen Rat geben. Wem die gehören? Na, soliden Spekulanten, nicht irgendwelchen windigen Wohltätern. Oder, um ein wirklich seriöses Blatt zu nennen, den Banken. Alles spielerfahrene Fachleute, siehe oben. Die haben natürlich den Wunsch, dass ihnen die Spekulation nicht durch eine schlechte Presse kaputtgemacht wird. Das macht gerade Schlagzeilen, weil die Einschränkung der Pressefreiheit bei uns den Besitzern der Medien vorbehalten ist. Da muss sich die Politik raushalten.

Den Rat habe ich zu den besten Zeiten von NEW LABOUR von dem Spin-Doctor Tony Blairs, dem allenthalben unterschätzten Alastair Campbell: „Don‘t talk to the editor, talk to the proprietor“, zu gut deutsch meint das, man solle sich erst gar nicht mit der Redaktion rumärgern, sondern gleich zu den Verlegern gehen, wenn man was will. Der Besitzer hat das Sagen. Fragen?

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HÖHERE INTELLIGENZ.

Es gibt Themen, die schreien nach Fachleuten. Experten. KI zum Beispiel. Man sagt der KI, kurz für KÜNSTLICHE INTELLIGENZ, nach, dass sie sich bemühe, so schlau zu werden wie die natürliche. Womit unsere grauen Zellen gemeint sind, das menschliche Hirn. Wir reden jetzt schon mit Computern und bald die mit uns. Dass der Rechner sich schwer dabei tun wird, mit uns zu plaudern, das ist ein falsches Menschenbild. Die meisten Menschen kommen gut damit zurecht, das sie relativ doof sind. Der Rechner aber lernt gnadenlos dazu. Das Auto wird bald intelligenter als der Fahrer sein. Schon der Opel Manta war schlauer als der sprichwörtliche Mantafahrer. Vom autonom fahrenden Tesla ganz zu schweigen…

ARTIFICAL INTELLIGENCE hat den Vorteil, sich nicht selbst clever geben zu müssen, sich nicht rechtfertigen zu müssen; sie bastelt sich ihre eigenen Algorithmen, egal wie unplausibel man das als Laie nun finden mag. Nur der Erfolg zählt. Die Black Box ist nicht eitel. Ich habe dafür gestern ein schlagendes Beispiel gehört.

Stichwort HOSPITALISIERUNG. Zu der Frage, wo eine Pandemie-Welle wann ausgebrochen sein könnte, wertet ein befreundeter Geheimdienst weltweit die Überflugfotos von Parkplätzen aus. Parkplätze an Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen. Wenn es hier zu Ungewöhnlichem, sprich Signifikanzen der Mobilität, kommt (insbesondere im Vergleich in der längeren Zeitreihe), also eine atypische Belegung stattfindet, dann hat das Gründe. Man misst also HOSPITALISIERUNG an der Parkplatznutzung. Das ist ja auch bei uns das neue Stichwort, die Hospitalisierung.

Mit der Parkplatzanalyse ist dann die jeweilige Regierungspolitik in Propagandafragen machtlos, weil man das zwar in Pressekonferenzen dementieren kann, aber eben nicht in der Sache entkräften. Der Parkplatz weiß es nämlich vor dem Arzt, also auch vor dem Gesundheitsamt und vor der Politik. Überall auf der Welt. Mit sehr interessanten Vergleichszahlen. Man hat so den verlässlichsten Indikator, ein Quartal vor der WHO und unabhängig von Staatsgrenzen.

Sage ich ja, die KÜNSTLICHE INTELLIGENZ in der BLACK BOX ist ein echt pragmatischer Hund. Jetzt hoffe ich nur, dass mein Beispiel auch stimmt. Denn bei Geheimdiensten, da kann „künstlich“ auch „artifiziell“ im Sinne von „gefälscht“ bedeuten. DESINFORMATION ist deren Spezialität. Man müsste wirkliche Experten fragen können. Nein, nicht Alexa. Einen klugen Akademiker dieses Fachs. „Siri, nenne mir Experten für KI!“

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UMSTEIGEN IN KÖLN.

Köln hat schon etwas Erhabenes. Was Rom den Italienern, das ist Köln dem Rheinland, die Ewige Stadt. Man atmet EWIGKEIT. Ich komme mit dem Zug aus Düsseldorf, was hier als namenlose Stadt gilt. Aufzüge und Rolltreppen defekt, Gelegenheit zu einem Spaziergang.

Ein Meer von Vorhängeschlössern ziert die Gitter auf der Brücke rüber nach Deutz , unmittelbar hinter dem Hauptbahnhof. Ich sehe mir das näher an. Unterschiedlichste Gravierungen deuten auf Pärchen, die ihre Beziehung mittels Herzchen und anderen Emotionalia Ausdruck geben. Die Liebenden gestalten hier offensichtlich mittels Gravur ein Schloss als Symbol ihrer Verbindung, bringen es an der Hohenzollernbrücke über dem großen Strom an und werfen den Schlüssel in den Rhein. Auf immer! Das ist kitschig, aber, aller Ehre wert, Ausdruck des Wunsches nach EWIGER LIEBE.

Am Beginn der Brücke, auf der Stadtseite, die die Römer Kolonie oder Colonia nannten, das beträchtlich größere Symbol des gleichen Wunsches, der KÖLNER DOM. Im 13. Jahrhundert begonnen, allerdings auf Fundamenten religiöser Art aus dem 5. Jahrhundert oder Älterem, Heimstätte der Gebeine der Heiligen Drei Könige, gilt er baulich als perfekte Kathedrale. Selbst den Zweiten Weltkrieg hat er unbeschadet überstanden. Der Wunsch nach einem EWIGEN DENKMAL der Religion vom EWIGEN LEBEN. In den Worten des Ketzers Luther der Glaube an die NÄCHSTEN LIEBE (oder schreibt man das in einem Wort?).

Hier residiert ein Kardinal als Würdenträger, der angeblich damit hadert, dass sein Verein das Naturrecht auf Kindesmissbrauch zu verlieren scheint. So sagen seine Kritiker, die sich auf Opfer berufen. Knabenliebe vermeintlich als Teil der NÄCHSTEN LIEBE. An der Brücke montiert ein Bautrupp ganze Geländer ab; sie werden, sagt mir der Bauarbeiter, zu schwer für das alte Stahlungetüm. Und die jungen Lieben von der Brücke haben bestimmt nicht alle gehalten. Mancher wird da schon bald bei der nächsten Liebe gelandet sein. Und mein Zug bleibt auf der anderen Rheinseite nach zehn Minuten Fahrt schon im Bahnhof Deutz stecken, weil die Bahn es wieder nicht geregelt kriegt. Ich nehme mir notgedrungen für die nächsten hundert Kilometer ein Taxi. Der türkischstämmige Fahrer freut sich über die 200€-Fahrt und erzählt mir, weil wir ins Plaudern über das Leben und die Liebe kommen, in freundlichem Kölsch, er sei früh verwaist, sein Vater, früher bei Ford in Köln, sei mit 43 beim privaten Autohandel nach Rumänien dort tödlich verunglückt. Ich denke: Zahn der Zeit.

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Der europäische Zoo zu Pfingsten

Ein frankophones Affentheater sei Europa. Sagt der englischste aller Engländer. Der brillante Kolumnist Jeremy Clarkson hält die EU für einen irren Zoo, in dem die Eulen und die Mäuse in einem Käfig gehalten werden. Das sei so, als wenn man in einem Streichelzoo auch noch ein paar Krokodile in den Teich lege. Am Ende gäbe keine Zieglein mehr oder Schweinchen und eben auch keine Kinder. In Brandtschem Deutsch ist im EU-Zoo zusammengewachsen, was nicht zusammen gehört.

Damit formuliert, nach dem venezianischen Professor Giorgio Agamben, eine zweite Stimme Unbehagen an der fehlenden Idee für die Vereinigten Staaten von Europa. Der italienische Philosoph will einen lateinischen Gründungsmythos rund um die mediterrane Lebensart: „dolce far niente“ als europäisches Kulturprinzip. Da greift sich der Engländer an den Kopf. Das sei von Leuten, die den Tag damit verbrächten, auf einem Plastikstuhl am Straßenrand zu sitzen. Aber die Idee eines Kern-Europa teilt er auch; nur liegt das nicht bei den Mittelmeeranrainern.

Deutschland, England, Dänemark und Holland. Das ist der Kern. Europa soll, wenn es nach Clarkson geht, aus diesen vier Staaten bestehen, weil die Menschen hier eine gemeinsame Auffassung von Arbeit und Leben haben. Wohlgemerkt: in der Reihenfolge. Und von Schottland oder Wales war nicht die Rede. Aber es gäbe auch eine industrielle Idee für Kerneuropa. In der neuen Arbeitsteilung läge das Design bei den Dänen, die Herstellung bei den Deutschen,die Holländer würden den Handel übernehmen und die Engländer hätten das Geld. Doch keine politische Idee, nur ein Partywitz?

Skandinavien wäre eine eigene Region für Leute, die gerne Strickjacken tragen und ihre gesamten Einkünfte beim Staat abliefern. Frankreich, Italien und Spanien (der lateinische Komplex nach Professore Agamben) wäre eine weitere eignen Zone in der EU, „where everyone spends nine months of the year on the beach“. Die zänkischen Belgier kriegen in der EU das Sagen, weil sie es so vorbildlich schaffen, in unendlichen Separationen endlos zu streiten und dabei nichts geregelt kriegen, man also keine Folgen befürchten muss. Alle anderen fliegen raus und müssen sich neu bewerben.

Also doch nur ein Partywitz? Ja und nein. Ja, weil Engländer sich das Recht nehmen, so zu reden. Clarkson nennt mich voller Sympathie „the Nazi prat“ (was wir nicht übersetzen werden). Nein, weil alle Ideen von Nationen auf solchen banalen Vorurteilen beruhen. Wenn Professoren reden, wie der Stammtisch pöbelt, dann nennt man das „nationale Stereotypen“ (siehe Agamben in La Repubblica). Clarkson bemängelt, dass man heute, wenn man eine schrecklich zutreffende Bemerkung über eine andere Nation mache, sofort von den linksliberalen Weicheiern Rassist genannt werde. Außer bei Witzen über die Zänkischen Belgier, da gäbe es eigentlich immer Beifall.

Was also ist eine Nation? Eine Nation ist ein staatlicher Homunculus, ein ganz abstraktes rechtliches Konstrukt, das sich einen Gründungsmythos zulegt, für den die Geschichte und die Kultur so lange geklittert werden, bis eine „natürliche“ Einheit angenommen wird, die anderen Nationen gegenüber überlegen ist. Der Mechanismus bei Staaten ist der gleiche wie bei Alltagsmenschen. Wenn der Italiener schon zu doof ist, in einem gekachelten Badezimmer den Bodenabfluss an den tiefsten Punkt des Raumes zu legen, so will er doch wenigstens im Bett ein echter Zampano sein: latin lover. Das ist sie wieder, die lateinische EU.

Auch die USA sind keine authentische Nation, sondern ein Konglomerat abgespaltener Kolonien, von Puritanern gegründet, mit exzessiver Immigration bevölkert und über allem von einer schlichten Idee der „neuen“ Freiheit repräsentiert. Können Staatengemeinschaften auf den Nationalcharakter verzichten? Ja und nein. Ja, am deutschen Wesen soll die Welt nicht mehr genesen, jedenfalls sagen wir das nicht mehr offen. Nein, denn die Alltagsmenschen brauchen einfache und plausible Geschichten dazu, wer sie als Gemeinschaft sind und wofür sie stehen. Der Soziologe Niklas Luhmann hat deshalb gesagt: Man braucht „Sinn“ zur Reduktion von Komplexität. Also werden wir die EU-Idee schmieden müssen. Der Wettbewerb ist einfacher, wenn er in der Abgrenzung von anderen Gemeinschaften möglich ist. Feinde schmieden ihre Gegner zu Freunden zusammen. Aber die Hetze über die slawischen Untermenschen oder die Gelbe Gefahr oder den pistolenverrückten Yankee gehen den Agitatoren aller Länder nicht mehr so leicht von der Feder.

Und doch müssen Europa und die EU Sinn machen. Wo sind die großen Symbole? Westminster war das lange Zeit für die Demokratie und die Französische Revolution für die Menschenrechte, Immanuel Kant für die Philosophie und die bissfeste, längliche Teigware für die Kulinaristik. Aber das reicht ja nicht mehr. Wir müssen hinter der Vielfalt der europäischen Regionen und Staaten eine einheitliche Idee konstruieren. Das ist Friedenspflicht. Ein Pfingst-Gebot: Der Heilige Geist des europäischen Glaubens mögen über uns kommen, auch wenn er in tausend Zungen spricht. Lasst uns die Geschichte klittern, bis die Schwarte kracht.

Quelle: starke-meinungen.de