Logbuch

PUBLISH OR PERISH.

Wer nicht mehr publiziert, der geht unter. Erzähl was, oder Du bist tot. Dieses erbarmungslose Gesetz galt schon immer für Wissenschaftler. Deren Geltung wird daran gemessen, wieviel und wie oft sie veröffentlichen. Es gilt heute für jedermann und -frau. Man sieht die im Lichte, aber die im Dunklen, die sieht man nicht.

Die Sozialen Medien sind ein Dschungelkrieg um Aufmerksamkeit. Wer da eine Woche still bleibt, riskiert als verstorben zu gelten. Bevor wir gleich zu den Sagen und Märchen des Orients kommen, ein Wort zum Publikationszwang in der Wissenschaft. Das führt zu sogenannten SELBSTPLAGIATEN. Weil man nicht jedes Quartal die Welt neu erfinden kann, schreibt man bei sich selbst ab. Es entsteht ein akademisches Schwätzertum. Man kopiert sich selbst bis an den Rand der Vergeblichkeit. Die Dreisten schreiben bei anderen ab, Plagiate sind aber kein Kavaliersdelikt, jedenfalls in Doktorarbeiten. 

Man spürt viel von der Not der Doofen, schlau sein zu müssen in den Sozialen Medien. Oder der Drögen, lustig sein zu wollen. Und der Bösen, nicht verbergen zu können, dass ihre Herzen bitter sind. Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. 

Jetzt aber zu TAUSEND UND EINE NACHT. So zauberhaft die Situation zu sein scheint, sie ist eigentlich böse. Die Märchenerzählerin stirbt dort nämlich solange nicht, wie sie neue Geschichten aufzutischen weiß. Solange sie Mythen spinnt, muss der Henker warten. Eine Weisheit aus dem Orient, behauptet Goethe, auch für den Okzident. Eigentlich die bittere Wahrheit über all jene, die Twitter, Instagram und LinkedIn bevölkern. Publish or perish. Ein endloser Kampf gegen das Vergessen. Denn hier werden keine Denkmäler errichtet, die die Jahrhunderte überdauern: „Wanderer, kommst Du nach Sparta, so erzähle, Du habest uns hier liegen gesehen, wie das Vaterland es befahl.“ Ein Tweet, das ist eine Seifenblase. Im Idealfall eine Seifenblase, auf die weitere folgen; aber immer nur das Glück des Augenblicks. 

Oder die Peinlichkeit des Tages. Man sollte nicht verschweigen, dass es auch größere Unglücke des kollektiven Zorns gibt, wenn sich eine Stimmung aufbaut. Aber das ist, wie Kipling, der den Dschungel kennt, sagt, eine andere Geschichte.

Logbuch

SEINES GLÜCKES SCHMIED

Die USA sind, lerne ich, eine Meritokratie. Wenn da einer was geworden ist, dann verdankt er das sich selbst. Jeder ist dort seines Glückes Schmied. Will sagen: Wer nicht reich ist, der hat selbst Schuld.

Zum amerikanischen Traum gehört der Tellerwäscher-Mythos. Wir reden vom großen Glück des Niedriglohns aus ungelernter Hilfsarbeit im Gastro-Gewerbe. In diesem Land der Zuwanderer konnte es, davon träumten die Pauper aus aller Welt, jedermann zu etwas bringen. Aus Lumpen („from rags“ / “per aspera“) zum Millionär („to riches“ / “ad astra“). Es bedurfte nicht des besonderen Stammbaums oder der höheren Bildung oder eines bestimmten Standes, Fleiß und Geschick, die reichten. Wie gesagt, ein Mythos. Der jene verhöhnt, die die Klassengesellschaft erst gar nicht zu jenen guten Gelegenheiten kommen ließ, die dann das Lebensglück ermöglichten. Zynisch.

In der mittelalterlichen Ständegesellschaft erfreut sich die Witwen von Handwerksmeistern einer ganz besonderen Beleibtheit; sie hatten eine eigene erotische Ausstrahlung. Begehrt. Da es keine Gewerbefreiheit gab und das Regime der Zünfte und Gilden in den Städten streng war, konnte ein eifriger Geselle seinem Aufstiegswillen nur Ausdruck verleihen, sprich ein Handwerk ausüben, wenn er die Witwe eines Meisters ehelichte. Den lustigen Witwen soll das gar nicht so missfallen haben, liest man.

Meritokratie ist die Herrschaft des neuen Geldes über den frisch abgezockten Plebs; jener Gestus, den uns Elon Musk vorführt und für den er belohnt wird, mit grenzenloser Bewunderung und ebensolchem Verdienst aus den Taschen jener mit kleinem Verdienst. Das meint also die Herrschaft der Verdienstvollen über jene, die sich keine Verdienste erworben hatten. Verdienter Verdienst.

RAUM & ZEIT.

Büros, wie wir sie kannten, die wird es bald nicht mehr geben. Bürotürme in Innenstädten, zu denen Menschen jeden Tag wie Ameisen an- und abreisen, die weit draußen in Vorstädten leben, werden selten. Bürovölker, ganze Belegschaftsgruppen werden in die Heimarbeit geschickt und dort reduziert. Das spart, sagt der Herr im Fernsehen, Zeh-Oh-Zwei. Wir werden damit KLIMANEUTRAL. Er freut sich.
Die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber. Es geht nicht wirklich um das Klima. Denn die ABSONDERUNG & VERNETZUNG spart Kosten und erlaubt eine enorme Arbeitsverdichtung. Die atomisierten Rädchen, das Heer der Ameisen kontrolliert zunehmend der Computer, strenger als es der Herr Bürovorsteher vermocht hätte. Die beiden Ritter der Corona und der Digitalisierung sind zwei Reiter, die, obwohl weiß und schwarz, gut miteinander können. Sie reiten gemeinsam gegen RAUM & ZEIT.
Selbstständige kennen den Scherz: man arbeitet selbst und ständig. Jederzeit und überall. Jede und jeder für sich. Die Ketten dieser Sklaven sind aus einem Stahl, der WLAN heißt. Das Versprechen einer „work-life-balance“ im „agilen Zeitalter“ war eine Falle. Es geht um nicht weniger als um die Aufhebung von RAUM & ZEIT. Ich sehe apokalyptische Reiter am Horizont.

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HUMOR

Wenn man „trotzdem“ lache, dann sei das Humor. Sprichwörtlich. Also so etwas wie SCHADENFREUDE in eigener Sache. Über sich selbst Spott empfinden können. Seltene Gabe.

Ein gelungener Witz ist ein seltenes Glück. Viele Scherze sind einfach fad. Man hat sie schon so oft gehört, dass es peinlich wirkt, wenn der Erzähler des abgedroschenen Humors erneut Beifall erwartet. Noch peinlicher wirkt, wenn der Tabubruch, den der Witz begeht, ein Tabu bricht, das uns heilig erscheint, unberührbar, jedenfalls als ein zu vermeidendes Thema. Vermintes Gelände.

Wie bei allem, es liegt das Gift in der Dosis. Ein leichte Peinlichkeit mag noch erheiternd wirken, eine Grobheit erfreut nur derbe Charaktere. Was aber allzu oft verunglückt, ist IRONIE. Das Ironische meint das Gegenteil des Gesagten, verlangt also einen feinsinnigen Zuhörer, der das versteckte Ironiesignal auch empfängt. Man muss das Paradox wahrgenommen haben, wenn man es komisch finden will. Ironie geht bei Böswilligen und bei Dummen immer schief. Gleichzeitig gilt sie aber als Königsdisziplin des Humors.

Der englische Gentleman, der MISTER BEAN spielt, hat behauptet, dass das Recht, jemanden zu beleidigen, über dem Recht stehe, nicht beleidigt zu werden. Das ist strittig, insbesondere bei jenen Zeitgenossen, die Tabubrüche nur zulassen wollen, wenn es nicht ihre eigenen Tabus sind, sondern die der anderen. Man lerne also, dass Ironie fast immer schief geht, Humor oft und werde schweigend bitter. Echt? Oder war das ironisch?

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Der europäische Zoo zu Pfingsten

Ein frankophones Affentheater sei Europa. Sagt der englischste aller Engländer. Der brillante Kolumnist Jeremy Clarkson hält die EU für einen irren Zoo, in dem die Eulen und die Mäuse in einem Käfig gehalten werden. Das sei so, als wenn man in einem Streichelzoo auch noch ein paar Krokodile in den Teich lege. Am Ende gäbe keine Zieglein mehr oder Schweinchen und eben auch keine Kinder. In Brandtschem Deutsch ist im EU-Zoo zusammengewachsen, was nicht zusammen gehört.

Damit formuliert, nach dem venezianischen Professor Giorgio Agamben, eine zweite Stimme Unbehagen an der fehlenden Idee für die Vereinigten Staaten von Europa. Der italienische Philosoph will einen lateinischen Gründungsmythos rund um die mediterrane Lebensart: „dolce far niente“ als europäisches Kulturprinzip. Da greift sich der Engländer an den Kopf. Das sei von Leuten, die den Tag damit verbrächten, auf einem Plastikstuhl am Straßenrand zu sitzen. Aber die Idee eines Kern-Europa teilt er auch; nur liegt das nicht bei den Mittelmeeranrainern.

Deutschland, England, Dänemark und Holland. Das ist der Kern. Europa soll, wenn es nach Clarkson geht, aus diesen vier Staaten bestehen, weil die Menschen hier eine gemeinsame Auffassung von Arbeit und Leben haben. Wohlgemerkt: in der Reihenfolge. Und von Schottland oder Wales war nicht die Rede. Aber es gäbe auch eine industrielle Idee für Kerneuropa. In der neuen Arbeitsteilung läge das Design bei den Dänen, die Herstellung bei den Deutschen,die Holländer würden den Handel übernehmen und die Engländer hätten das Geld. Doch keine politische Idee, nur ein Partywitz?

Skandinavien wäre eine eigene Region für Leute, die gerne Strickjacken tragen und ihre gesamten Einkünfte beim Staat abliefern. Frankreich, Italien und Spanien (der lateinische Komplex nach Professore Agamben) wäre eine weitere eignen Zone in der EU, „where everyone spends nine months of the year on the beach“. Die zänkischen Belgier kriegen in der EU das Sagen, weil sie es so vorbildlich schaffen, in unendlichen Separationen endlos zu streiten und dabei nichts geregelt kriegen, man also keine Folgen befürchten muss. Alle anderen fliegen raus und müssen sich neu bewerben.

Also doch nur ein Partywitz? Ja und nein. Ja, weil Engländer sich das Recht nehmen, so zu reden. Clarkson nennt mich voller Sympathie „the Nazi prat“ (was wir nicht übersetzen werden). Nein, weil alle Ideen von Nationen auf solchen banalen Vorurteilen beruhen. Wenn Professoren reden, wie der Stammtisch pöbelt, dann nennt man das „nationale Stereotypen“ (siehe Agamben in La Repubblica). Clarkson bemängelt, dass man heute, wenn man eine schrecklich zutreffende Bemerkung über eine andere Nation mache, sofort von den linksliberalen Weicheiern Rassist genannt werde. Außer bei Witzen über die Zänkischen Belgier, da gäbe es eigentlich immer Beifall.

Was also ist eine Nation? Eine Nation ist ein staatlicher Homunculus, ein ganz abstraktes rechtliches Konstrukt, das sich einen Gründungsmythos zulegt, für den die Geschichte und die Kultur so lange geklittert werden, bis eine „natürliche“ Einheit angenommen wird, die anderen Nationen gegenüber überlegen ist. Der Mechanismus bei Staaten ist der gleiche wie bei Alltagsmenschen. Wenn der Italiener schon zu doof ist, in einem gekachelten Badezimmer den Bodenabfluss an den tiefsten Punkt des Raumes zu legen, so will er doch wenigstens im Bett ein echter Zampano sein: latin lover. Das ist sie wieder, die lateinische EU.

Auch die USA sind keine authentische Nation, sondern ein Konglomerat abgespaltener Kolonien, von Puritanern gegründet, mit exzessiver Immigration bevölkert und über allem von einer schlichten Idee der „neuen“ Freiheit repräsentiert. Können Staatengemeinschaften auf den Nationalcharakter verzichten? Ja und nein. Ja, am deutschen Wesen soll die Welt nicht mehr genesen, jedenfalls sagen wir das nicht mehr offen. Nein, denn die Alltagsmenschen brauchen einfache und plausible Geschichten dazu, wer sie als Gemeinschaft sind und wofür sie stehen. Der Soziologe Niklas Luhmann hat deshalb gesagt: Man braucht „Sinn“ zur Reduktion von Komplexität. Also werden wir die EU-Idee schmieden müssen. Der Wettbewerb ist einfacher, wenn er in der Abgrenzung von anderen Gemeinschaften möglich ist. Feinde schmieden ihre Gegner zu Freunden zusammen. Aber die Hetze über die slawischen Untermenschen oder die Gelbe Gefahr oder den pistolenverrückten Yankee gehen den Agitatoren aller Länder nicht mehr so leicht von der Feder.

Und doch müssen Europa und die EU Sinn machen. Wo sind die großen Symbole? Westminster war das lange Zeit für die Demokratie und die Französische Revolution für die Menschenrechte, Immanuel Kant für die Philosophie und die bissfeste, längliche Teigware für die Kulinaristik. Aber das reicht ja nicht mehr. Wir müssen hinter der Vielfalt der europäischen Regionen und Staaten eine einheitliche Idee konstruieren. Das ist Friedenspflicht. Ein Pfingst-Gebot: Der Heilige Geist des europäischen Glaubens mögen über uns kommen, auch wenn er in tausend Zungen spricht. Lasst uns die Geschichte klittern, bis die Schwarte kracht.

Quelle: starke-meinungen.de