Logbuch

SHOOT FIRST.

Der Dichter Franz Kafka, der als erwachsener Mann noch bei seiner Mama zu leben pflegte, und zwar in einem Durchgangszimmer zwischen dem von häufigem Besuch lärmerfüllten Wohnzimner und dem elterlichen Schlafzimmer des sehr lebensfrohen Vaters, hat derweil seiner Verlobten Felice über fünfhundert Briefe geschrieben, ohne dass das Sehnen eine körperliche Erfüllung gefunden hätte.

Es gibt so etwas wie die Überreflexion, die jenen gegeben ist, die das Aufschieben des Allfälligen zu ihrer Leidenschaft gemacht haben. Der Pragmatiker schießt erst und fragt dann; beim Tragiker ist es umgekehrt. Er kommt wegen lauter Fragen nicht zum Schuss. Dann musst Du es Dir im Prokrastinat gemütlich machen. Was früher Brieffreundschaften waren, das erfüllt heutzutage Facebook und TikTok. Alles Hilferufe der Opfer unerfüllter Sehnsüchte.

Kopfgeburten. Der Mensch lebt aber nicht von seinem Kopf. Wie heißt es noch bei Brecht in seiner Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens?

„Der Mensch lebt durch den Kopf.
Sein Kopf reicht ihm nicht aus.
Versuch es nur, von deinem Kopf
Lebt höchstens eine Laus.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlau genug.
Niemals merkt er eben
Diesen Lug und Trug.“

Dagegen steht ein ursprüngliches Leben, wie wir es dem griechischen Fischer oder dem Almbauern zuschreiben, einer Idylle der glückserfüllten Einfachheit. Von keinem Gedanken getrübt. Die Dummen sind die glücklicheren Menschen, aber sie wissen das gar nicht, da sie ja dumm sind. Auch zur Depression muss man begabt sein.

Was bleibt also in dieser nebelverhangenen kalten Karwoche? Wir warten auf Ostern, das Fest der trotzigen Wiederauferstehung. Und lesen etwas anderes als den tieftraurigen Kafka. Ich habe mir einen Aufsatz über die allgemeine Volksbewaffnung in den USA an die Seite gelegt. Dort herrscht das Menschenrecht, eine Waffe zu besitzen und sie zu tragen. Hier hat jeder weiße Kleinbürger mit rechter Gesinnung ein halbautomatisches Gewehr in der Garage, das AR-15 heißt. Das AR-15, also, der Code für amerikanisches Glück. Dazu morgen mehr.

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DIE SIEGESGÖTTIN.

Politik als Beruf. Was geht in dem Politiker als Profi vor, dass er die Frage, welches Leibchen Fußballer tragen, zu einem großen Thema macht, und zwar des PATRIOTISMUS, der Vaterlandsliebe? So jetzt Merz (schwarz), Lauterbach (rot) und Habeck (grün). Warum ist das ein „Triggerpunkt“?

Ich interessiere mich nicht für Fußball und habe keine Ahnung. Ich bin kein Fan eines Vereins und halte alle Zurechnungen dieser Art für albern. Aber dass jetzt die Frage, ob der Sportmittelhersteller Puma den DFB ausrüstet oder Nike, die Firma mit dem Namen der griechischen SIEGESGÖTTIN, eine Entscheidung von nationalem Rang ist, das lässt mich staunen. Das Vaterland verraten? Warum stimmen die wegen Leibchen die Nationalhymne an?

Politiker sind liebeshungrig, aber Huren, nämlich der öffentlichen Meinung. Sobald ein möglicher Freier, sprich ein „Thema“ auftaucht, heben sie das Röckchen. Die Animierpose soll Stimmen bringen, Stimmen aus Stimmungen. Die mediengestützte Demokratie hat diesen Straßenstrich der politischen Prostitution den Parlamenten entrissen und im Internet auf „Dauer“ gestellt. Das Symbol dafür ist der noch von der Bettkante twitternde Donald Trump, dem keine Niedrigkeit zu gemein ist. Es gibt eine neue Vulgarität der politischen Kommunikation.

Wenn die wahre Liebe zur WARE LIEBE wird, die politische Pose zur Posse, der Staatsmann zum Kasper. Und so sieht Friedrich Merz dann aus wie Bernd Stromberg; Lauterbach wie Karl Valentin, Habeck immer mehr wie Heinrich Lübke. Komiker im Modus des gequält verqueren Laienspiels.

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WEATHERMAN.

Der englische Gentleman vom Lande, GENTRY genannt, redet oft und gern über‘s Wetter. Meist ist es beklagenswert. Hierzulande herrscht nicht die idiotische Monotonie der stets warmen Gefilde. Selten nur ist es mal ein zu lobender Tag. Das Gespräch über‘s Wetter ist eine Konversation edelster Art. Drei Gründe.

Es geht um nichts, da es nicht zu ändern ist und niemand zu tadeln. Ein idealer Anlass zu reden. Jedes andere Thema könnte übergriffig sein. Etwa, wen man vom Fluss ins Meer treiben soll. Oder ob Kloppo im Mersey ersäuft werden sollte. Beim Wetter wahrt man Abstand, während man sich distanziert zuneigt. Respekt zollen.

Zweitens drückt es eine Leidkultur aus, die Sehnsucht nach einem schönen Moment in einer widrigen Umwelt. Regen macht sentimental. Das Pendant dieses Sehnens ist die trotzige Einstellung, dass es kein wirklich schlechtes Wetter gebe, nur unpassende Kleidung. Dem Schaf rauben wir die Wolle zu kratzigem Tweed, den nur die ganz Starken ertragen. Man beklagt sich nicht, nie wirklich.

Schließlich ist das Schwätzchen über die Unbill des Himmels Gelegenheit, in sein Gegenüber hinein zu horchen, ob sich hinter dem Gleichmut nicht doch eine ernstere Besorgnis verbirgt. Zeichnet sich ein Schicksal ab? Man fragt dann aber nicht, sondern flechtet es in das nächste Wettergespräch vorsichtig ein. Oberlippe steif.

Übrigens 4 Grad heute morgen, eine Handbreit vor Ostern. Arschkalt. Nachmittags wieder Regen. Palmsonntag leitet die Karwoche ein. Das von Kate gehört? Eine Schande.

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Die Vereinigten Staaten von Europa

Ein Idioten-Argument: Europa ist nicht Amerika! Allen deutschen Provinzseelen sind die USA (die sie nicht kennen) eine Nation aus einem Guss, ein ganzheitlicher Kontinent sui generis. Wer mal drüben war, weiß, dass die Vielfalt erschlagend ist. Und weite Regionen die Bundeshoheit nur widerwillig anerkennen, wenn überhaupt. Selbst der Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten ist noch spürbar.

Man spricht, glaubt der deutsche  Michel, dort allenthalben englisch, genauer amerikanisch. Und er wundert sich, dass der Taxifahrer in New York nur Spanisch kann. Einheitlich ist in den USA nur die Währung, aber dieses Argument passt angesichts der Euro-Krise gerade nicht ins Bild. Europa, das sollen keine Vereinigten Staaten sein. Vielleicht sind wir es aber schon?

Die US of A, das ist ein föderales Konglomerat von widerwillig zusammengehaltenen Regionen, in denen die Zentralstaatlichkeit nach wie vor ein Politikum ist. Es herrscht unter dem Schirm der bundesstaatlichen Regelungen ein Gewirr regionaler Eigenheiten. Man weiß nicht mal so genau, wie viele Sterne die Nationalflagge gerade hat. Wie in Europa.

Es gibt einen wesentlichen Unterschied: die Idee von Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die amerikanische Idee ist ein Gründungsmythos, der bis heute das Einwanderungsland zusammenhält. Menschen unterschiedlichster Völker schwören auf diese Idee einer neuen Freiheit. Und unterhalb der Idee stoßen sich die Dinge hart im Raum. Von Europa aber gibt es nicht mal eine Idee.

Dabei wäre es ganz einfach. Man muss nur historisch bewandert sein. Alles eine Frage der Bildung. Europa, das sind jene Kulturnationen, die sich rund um den Mittelmeerraum gebildet haben. Das liegt nicht an der guten Luft und den schönen Stränden, sondern an der Logistik: Nur über die Seefahrt fanden sich die Völker. Deshalb ist Europa dem Wesen nach mediterran. Europa ist eine lateinische Idee.

Zum Mittelmeer, dem in der Mitte, zählen freilich auch die an den Rändern: Das ist für die Gründerzeit dieses edlen Erdteils rund um das Mittelmeer in Richtung Asien natürlich auch das Schwarze, Kaspische und Asowsche. Und in Richtung Norden zählen wir die atlantischen Küstenregionen und die Ostsee hinzu, soweit die Wikinger kamen. Die nautische Dimension mag nicht überraschen, sie deckt sich mit den Karten, die wir bis heute pflegen.

Zu Europa gehörten für den kundigen Thebaner, der weiß, wo Karthago liegt und Kyrene, natürlich auch das heutige Nordafrika und Ägypten, der Vordere Orient. Alle drei großen monotheistischen Religionen sind europäisch: das Judentum, die Christenheit und die Muslime. Man vergisst zu leicht, dass Spanien eine bedeutende Zeit an Allah glaubte. Der Konflikt zwischen Israel und den Anrainern ist, wir haben es immer gewusst, ein europäischer.

So reicht also Europa historisch von der griechischen und römischen Antike bis an die französische und die englische Revolution, den Westfälischen Frieden, die Niederschlagung des italienischen und deutschen Faschismus, weiter zur Rückkehr Russlands aus der Sowjetunion oder der Befreiung des Baltikums oder der Eigenstaatlichkeit Palästinas und den bürgerlichen Revolutionen in Nordafrika und dem Vorderen Orient.

Sprachlich ist dies ein recht einheitlicher Raum. Man spricht irgendeine Version des Indogermanischen. Ausnahmen in diesem oder jenem Reitervolk bestehen fort. Integrationsnotwendigkeiten bestehen ferner noch gegenüber den muslimisch geprägten Regionen, da sie sich selbst sehr lange separatistisch verstanden haben. Das legt sich aber, wie man in Berlin oder Manchester oder Istambul lernen kann.

Warum ist Europa lateinisch? Ich habe meinem Freund Schorsch (rheinisch für Giorgio; gemeint ist der venezianische Professore Agamben) jetzt eine gute Stunde zugehört. Es war kurzweilig (Essen bei Nöthel’s, dem Nachfolger des Hummerstübchens in Düsseldorf) und will ich es nun auf den Punkt haben. Er sagt: „dolce far niente“. Das hält er für den Kern der Lebensart in bei Italienern, Franzosen, Spaniern, Griechen und zur Not noch bei Portugiesen. Er glaubt, dass hier die Kraft einer neuen Leitidee, ja, einer Hegemonialkultur liegt.

Natürlich leidet er unter dem protestantischen Deutschland „der“  Merkel, die sich wie alle Migranten aus dem Osten anglo-amerikanischer gebe als die Anglo-Amerikaner selbst. Schorsch nennt das Überkompensation. Aber das sei der Vorteil eine Leitkultur, man könne auf ihre Attraktivität setzen. Die anderen kämen dann schon. Das lateinische Reich habe jede Chance gegen das slawisch-asiatische und gegen das anglo-amerikanische, findet der Herr Professor.

In der Wirtschaftsordnung stellt sich mein venezianischer Freund eine Mischung aus Markt- und Planwirtschaft vor. Jetzt gerate ich endgültig ins Grübeln, was der Herr Neomarxist mir da vorträgt. Er hat viel, zu viel Heidegger gelesen, geht mir als erstes durch den Kopf. Dann merke ich, dass er die italienischen Verhältnisse der Schattenwirtschaft für vorbildlich hält: unter staatlichem Schutz kleinteilige Konkurrenz. Und ich raune: „la mafia non esiste…“Beim Dessert angelangt, liegt mir die lateinische Reichsgründung schwer im Magen.

Quelle: starke-meinungen.de