Logbuch
GLAUBENSBEWEIS.
Das ist das größte Glück des Philisters, dass er RECHT hat. Recht zu haben, das ist ihm aber kein trauter Trost, sondern ein Dorn im Fleisch, steter Anlass für böswillige Drohungen. Eine Hass-Geste gegen Andersgläubige. MICHAEL KOHLHAAS ist der Säulenheilige der ewigen Rechthaber. Ein Urgrund der Spießerseele. Letztinstanzlich, so lautet sein Zauberwort.
Der letztgültige Beweis des Rechthabers ist ein Gerichtsurteil. Deshalb wird er manisch zum Prozesshansel. Bei Glaubensfragen kommt der ultimative Ratschluss aus Rom, von dem Nachfolger Petri, „Papa“ oder Papst genannt, egal, wer da gerade sitzt. Hier herrscht eine gottgegebene Macht. Unfehlbar, so das Zauberwort.
Für den einfachen Gläubigen sind es die Riten und Reliquien. Ein Schicksalsschlag. Sein Fläschchen mit dem geweihten Wasser aus Lourdes. Ein Kruzifix. Das Grabtuch Jesu, der Schweißabdruck seines Antlitzes, ein Holzsplitter vom Kreuz, die Gebeine der Heiligen Drei Könige. Glaubensbeweise, das ist ihm heilig. Hexen sind zu verbrennen. Die Spanische Inquisition. Und ab und zu ein veritabler Krieg.
Herr K. hielt aus sportlichen Gründen viel von dem Kampf zwischen Aberglauben und der rechten Gesinnung. Die Kämpfe amüsierten ihn. „Immer irren beide Seiten“, pflegte er zu sagen, „und genau darin, was sie also eint, werden sie sich nie einig sein.“ Denn der Glaube beweise die Reliquie, nicht die Reliquie den Glauben.
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VORPFUSCHEN.
Wenn der Engländer, dieses sagenhafte Kulturwesen, auf den Bus wartet, steht er brav in der Schlange. JUMPING THE QUEUE, sich vorzudrängeln, das gilt als Unding. Macht man nicht. Das gilt für den Hafenarbeiter Andy the Cap wie für den Banker Lord Pommeroy mit Schirm, Charme und Melone. Eine Frage der Zivilisation. So sollte es auch beim Impfen sein.
Herr K. berichtet, dass sein alter Herr mit 98 durch sei, die Siebzigjährigen mit Vorerkrankung kurz davor stünden und die Mittdreißiger sich in Geduld üben. Ausnahmen verständlicherweise für Ärzte und Lehrer. Aber es gebe, bemerkt Herr K., auch Glücksritter, die eine der Ausnahmen clever nutzten. Die Cleveren pfuschen vor? Jeder wie er kann? Herr K. hat dazu keine Meinung, also eigentlich zwei.
Es ist klug von der Admiralität, eine Meuterei auf der BOUNTY zu verhindern und Extraportionen Rum auszugeben. Es ist dumm von der Admiralität, weil damit die Disziplin durchbrochen wird. Wie aber verhindern man eine Meuterei? So ernst scheint die Lage. Jedenfalls bei den Schauspielern unter den Matrosen. 53 von ihnen verlangten schon, dass die Offiziere im Beiboot ausgesetzt werden.
Man kann das alles nachlesen. Das offizielle Logbuch
des Captain Bligh, und sein privates, die liegen wohlverwahrt in australischen Archiven. MEUTEREI AUF DER BOUNTY. Captain Bligh war nicht der Unmensch, als den ihn die Meuterer und später selbst sein eigener Bruder geschildert haben. Er hat das Kommando über die HMS Bounty verloren, weil er inkonsequent war. Das reicht. Mal das Kommando „Alles unter Deck“, dann wieder ein Landgang zu den Schönheiten Haitis, dann wieder alles unter Deck. Disziplin geht nur konsequent. Und nicht mit einem ständigen Wechsel in Spendiermanier von Brackwasser zu Rum und wieder zurück zu fauligem Wasser.
Aber, um konsequent sein zu können, da braucht man das Sagen. Die Macht hat nur, wer den Notstand beherrscht. Deshalb geht mit der Disziplin auch das Kommando verloren. Beziehungsweise von der BRÜCKE in die KOMBÜSE. An den Koch mit dem Holzbein; John Silver, oder? Ein Lehrstück, findet Herr K.
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OVERBECK.
Gegen eine Göttin hat der Spießer keine Chance. Jeanne d’Arc und Overbeck. Ich meine den Hilfskommissar aus dem Wilsberg, früher Tatort Münster. OVERBECK ohne Vornamen. E-Mail: „l.overbeck“, in tiefer Ironie. So ist der Deutsche. Kein 007, aber doch ein Mann, der etwas von sich hält. Wenn die Volksparteien recht haben, dann wird Overbeck Kanzler. Armin Overbeck oder Olaf Overbeck. Das halten sie, die Volksparteien, für eine Vision, die den Wähler begeistern wird.
Tja, der Overbeck. Im Englischen ist das der Typ BASIL FAWLTY, der Besitzer von FAWLTY TOWERS, dem Grundmodell des Patrons, eines Hausherren. Der Kleinbürger als solcher, ein Olaf, ein Armin. John Cleese hat klar gesagt: Eine Doku. Es sei das Gleneagles in Tankerton-on-Sea gewesen, das ihn auf die Idee gebracht hätte. Das Leben selbst schreibt die Komödie. Unsere Kanzlerkandidaten sind ihr eigenes Kabarett.
Ich hatte so einen Westentaschen-Napoleon wie Basil Fawlty mal in Penzance in einer Pension namens GAY VIEW. Er war Colonel der British Legion und zackig, wenn er den Gästen Spiegeleier offerierte. Das Ding lobte also im Eigennamen mit GAY VIEW den FRÖHLICHEN AUSBLICK; ich fragte ihn übermütig, ob es nicht auch der Ausblick auf die Bucht, sprich BAY VIEW getan hätte. Warum unbedingt das „gay“ da stehen müsste. Frostige Reaktion, sehr frostig. Sie können über sich selbst nicht lachen, die Overbecks. Sie grinsen; das ist nicht das gleiche.
Kleine Männer, kleine Menschen. Wie Alfred Tetzlaff. EKEL ALFRED hieß eine Erfolgsserie, die zur Hälfte von einem ARCHIE BUNKER aus den USA gekupfert und zur anderen nur Doku des ganz normalen Kleinbürgeralltags war. Und in diese Welt der langweiligen Männer tritt nun eine Alternative: „la déesse“, die Göttin, jung, weiblich, schön, von hoher Geburt und edler Gesinnung, eine Weise. Eine Jungfrau von Orléans. So würde ich das machen, wenn ich Baerbocks „Spin Doctor“ wäre.
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Die Vereinigten Staaten von Europa
Ein Idioten-Argument: Europa ist nicht Amerika! Allen deutschen Provinzseelen sind die USA (die sie nicht kennen) eine Nation aus einem Guss, ein ganzheitlicher Kontinent sui generis. Wer mal drüben war, weiß, dass die Vielfalt erschlagend ist. Und weite Regionen die Bundeshoheit nur widerwillig anerkennen, wenn überhaupt. Selbst der Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten ist noch spürbar.
Man spricht, glaubt der deutsche Michel, dort allenthalben englisch, genauer amerikanisch. Und er wundert sich, dass der Taxifahrer in New York nur Spanisch kann. Einheitlich ist in den USA nur die Währung, aber dieses Argument passt angesichts der Euro-Krise gerade nicht ins Bild. Europa, das sollen keine Vereinigten Staaten sein. Vielleicht sind wir es aber schon?
Die US of A, das ist ein föderales Konglomerat von widerwillig zusammengehaltenen Regionen, in denen die Zentralstaatlichkeit nach wie vor ein Politikum ist. Es herrscht unter dem Schirm der bundesstaatlichen Regelungen ein Gewirr regionaler Eigenheiten. Man weiß nicht mal so genau, wie viele Sterne die Nationalflagge gerade hat. Wie in Europa.
Es gibt einen wesentlichen Unterschied: die Idee von Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die amerikanische Idee ist ein Gründungsmythos, der bis heute das Einwanderungsland zusammenhält. Menschen unterschiedlichster Völker schwören auf diese Idee einer neuen Freiheit. Und unterhalb der Idee stoßen sich die Dinge hart im Raum. Von Europa aber gibt es nicht mal eine Idee.
Dabei wäre es ganz einfach. Man muss nur historisch bewandert sein. Alles eine Frage der Bildung. Europa, das sind jene Kulturnationen, die sich rund um den Mittelmeerraum gebildet haben. Das liegt nicht an der guten Luft und den schönen Stränden, sondern an der Logistik: Nur über die Seefahrt fanden sich die Völker. Deshalb ist Europa dem Wesen nach mediterran. Europa ist eine lateinische Idee.
Zum Mittelmeer, dem in der Mitte, zählen freilich auch die an den Rändern: Das ist für die Gründerzeit dieses edlen Erdteils rund um das Mittelmeer in Richtung Asien natürlich auch das Schwarze, Kaspische und Asowsche. Und in Richtung Norden zählen wir die atlantischen Küstenregionen und die Ostsee hinzu, soweit die Wikinger kamen. Die nautische Dimension mag nicht überraschen, sie deckt sich mit den Karten, die wir bis heute pflegen.
Zu Europa gehörten für den kundigen Thebaner, der weiß, wo Karthago liegt und Kyrene, natürlich auch das heutige Nordafrika und Ägypten, der Vordere Orient. Alle drei großen monotheistischen Religionen sind europäisch: das Judentum, die Christenheit und die Muslime. Man vergisst zu leicht, dass Spanien eine bedeutende Zeit an Allah glaubte. Der Konflikt zwischen Israel und den Anrainern ist, wir haben es immer gewusst, ein europäischer.
So reicht also Europa historisch von der griechischen und römischen Antike bis an die französische und die englische Revolution, den Westfälischen Frieden, die Niederschlagung des italienischen und deutschen Faschismus, weiter zur Rückkehr Russlands aus der Sowjetunion oder der Befreiung des Baltikums oder der Eigenstaatlichkeit Palästinas und den bürgerlichen Revolutionen in Nordafrika und dem Vorderen Orient.
Sprachlich ist dies ein recht einheitlicher Raum. Man spricht irgendeine Version des Indogermanischen. Ausnahmen in diesem oder jenem Reitervolk bestehen fort. Integrationsnotwendigkeiten bestehen ferner noch gegenüber den muslimisch geprägten Regionen, da sie sich selbst sehr lange separatistisch verstanden haben. Das legt sich aber, wie man in Berlin oder Manchester oder Istambul lernen kann.
Warum ist Europa lateinisch? Ich habe meinem Freund Schorsch (rheinisch für Giorgio; gemeint ist der venezianische Professore Agamben) jetzt eine gute Stunde zugehört. Es war kurzweilig (Essen bei Nöthel’s, dem Nachfolger des Hummerstübchens in Düsseldorf) und will ich es nun auf den Punkt haben. Er sagt: „dolce far niente“. Das hält er für den Kern der Lebensart in bei Italienern, Franzosen, Spaniern, Griechen und zur Not noch bei Portugiesen. Er glaubt, dass hier die Kraft einer neuen Leitidee, ja, einer Hegemonialkultur liegt.
Natürlich leidet er unter dem protestantischen Deutschland „der“ Merkel, die sich wie alle Migranten aus dem Osten anglo-amerikanischer gebe als die Anglo-Amerikaner selbst. Schorsch nennt das Überkompensation. Aber das sei der Vorteil eine Leitkultur, man könne auf ihre Attraktivität setzen. Die anderen kämen dann schon. Das lateinische Reich habe jede Chance gegen das slawisch-asiatische und gegen das anglo-amerikanische, findet der Herr Professor.
In der Wirtschaftsordnung stellt sich mein venezianischer Freund eine Mischung aus Markt- und Planwirtschaft vor. Jetzt gerate ich endgültig ins Grübeln, was der Herr Neomarxist mir da vorträgt. Er hat viel, zu viel Heidegger gelesen, geht mir als erstes durch den Kopf. Dann merke ich, dass er die italienischen Verhältnisse der Schattenwirtschaft für vorbildlich hält: unter staatlichem Schutz kleinteilige Konkurrenz. Und ich raune: „la mafia non esiste…“Beim Dessert angelangt, liegt mir die lateinische Reichsgründung schwer im Magen.
Quelle: starke-meinungen.de