Logbuch
DER DSCHUNGEL.
Eine ursprünglich aus Afrika stammende Freundin erzählt mir, dass sie ihr Sicherheitsgefühl verloren habe, seit ihr in Berlin ein Junkie den Rucksack entrissen habe, im Hauseingang ihrer eigenen Wohnung. Berlin sei ein Dschungel. Sie hasse es. Das ist ja ein Wort, wenn man mit Zulu und Afrikaans aufgewachsen ist.
Die große Stadt ist ein böses Habitat für junge Frauen, weil in dunklen Ecken und missbräuchlich genutzten Parks allfällige Kriminalität lauert; ein Alptraum ständiger Gefährdung für Gut, Seele, Leib und Leben. Man spürt das als alter weißer Mann nicht so. Mich fragt mal der gewaltsozialisierte Nordafrikaner im Tiergarten: „Brauchst Du was, Alta?“. Nö, danke. Oder der selbstbewusste Pubertant aus Arabistan redet mich dreist mit „Na, Meister!“ an, was nur scheinbar Respekt ausdrückt. Ich überhöre es. Und, das ist wichtig, sie gehen mir nicht an die Wäsche. Jungen Frauen rät man hier gar, nicht allein zur Schule zu gehen und Gruppen zu bilden. Für den Schulweg! Strukturelle Gewalt ist ein Thema, mit dem ich mich nicht abfinden werde.
Um 1900 hat man die bedrohliche Stadt THE JUNGLE genannt; damals war Chicago gemeint. Eigentlich stammt die Metapher aus dem britisch besetzten Indien. Die sprichwörtlichen Gesetze des Dschungels sind die der Raubtiere, sprich „Fressen oder gefressen werden“. Mit der drogengestützten und daher irren Beschaffungskriminalität im metropolen Dschungel kommt ein weiteres Moment der Skrupellosigkeit hinzu. Der Junkie gehört sich nicht mehr selbst und ist sich für nichts zu schade. Die Idylle, die Kipling dem Dschungel in seinen berühmten Kinderbüchern gegeben hat, die findet sich in der großen Stadt allenfalls im Hellen. Und den noch bürgerlichen Vierteln. Nicht in den dunklen Ecken der Verwahrlosten Bezirke, in Parkhäusern und Bahnhöfen.
Man komme mir nicht mit dem ortsüblichen Lokalpatriotismus. Ich will meinen Kiez nicht als Dschungel. Es gehört ja schon ein eigener Mut dazu, zu später Stunde oder gar am sehr frühen Morgen die U-Bahn zu nutzen. Für Frauen fast eine „no go area“: Das ist nicht in Ordnung. Mein Mitleid mit pöbelnden Alks aus Osteuropa auf dem S-Bahnsteig hält sich in Grenzen. Nein, ich finde das Ausrufen von „bitches“ durch Gruppen junger Männer nicht komisch, deren Schwestern sich zu verhüllen haben. Und man komme mir nicht mit der Warnung vor Diskriminierung, solange der Täterschutz vor der Vermeidung von Opfern steht. Keine Toleranz gegenüber den Intoleranten.
Wir sind, wen wir schützen. Das ist der Kernsatz von Zivilisation. Das beginnt, nennt mich altmodisch, bei Kindern und Frauen.
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DAS LEERE BLATT.
Ich berate zur Zeit keine Zeitung. Meint: keine Redaktion. Gott schütz die Kunst! Was würde ich dem leeren Blatt aus dem Süden raten, fragte es ausgerechnet mich um Rat? Es fragt nicht, schon gar nicht mich, aber nur mal so gesponnen. Die Simulation eines Mandates.
Stelle als Blatt alles in Frage, aber niemals den Informantenschutz. Wer nach einer Indiskretion in einem Micky-Maus-Dienst durch einen einzelnen, Marvin genannten Schülerzeitungsredakteur die komplette Redaktion ausforschen lässt, stellt klar, dass er bei jedwedem Druck auf die Redaktion seine Informanten enttarnen lässt. Einer solchen Redaktion gibt man als Informant nichts mehr. Das Blatt ist leer.
Ich lese Rat von anderen Redakteuren in den Sozialen Medien, dergestalt dass man vertrauliche Kommunikation nicht über den Mailserver des Verlages laufen lasse. Das zeigt aber nur das ganze Elend, wenn ich am Ende nur noch der privaten Person des Redakteurs trauen kann und der von seinem Verlag in den Regen gestellt wird. Dann gehe ich als Whistleblower doch lieber zu einem anderen Blatt. Oder in ein Trappistenkloster.
Nebenbemerkung für naiv beseelte Denunzianten: Lass es ganz. Ich kenne keine Whistleblower, denen das Glück gebracht hat. Weitere Nebenbemerkung: Es gibt immer einen Bias, sei es über den Verlag oder den Verleger oder die Rechtsabteilung oder deren Anwälte. Wenn Du als Informant auf Vertrauen angewiesen bist, lass es ganz.
Wenn Du als Redaktion eine Kampagne gegen böse Mächtige in der Politik führen willst, lass es bitte nicht wie eine Kampagne aussehen. Man trägt seine Intention nicht als Vorsatz vor sich her. Und man erwägt vor dem ersten Schritt den letzten, für den Fall, dass das Ding ärschlings geht. Versäum ich das, sehe ich sonst wie ein Idiot aus, nur weil ein vermeintlicher Nazibub seinen großen Bruder bemüht hat oder die braune Heraldine akademisch eben kein Treschen. Ohne Strategie geht es nie. Du stehst sonst da wie ein leeres Blatt.
Schütze Deine eigenen Leute. Wenn Du als braver Redakteur kein PR kannst, lass es die machen, die es können. Es gibt für ein solches Zusammenspiel von weißer Redaktion und schwarzer PR ja historische Fallbeispiele. Falle also nicht selbst auf den journalistischen Mythos rein, dass man sich seiner Feinde nur durch Lauterkeit zu erwehren habe. Das mag ja in einer besseren Welt so sein, dass Tintenklecksen hilft, aber nicht in dieser. Und, ganz wichtig zu sagen, schütze Deine Leute vor ihren Gegnern und dann auch vor sich selbst.
Das alles ist bloß aus dem Schulbuch. Ich habe keine Insider-Kenntnisse. Persönliche Anmerkungen erspare ich mir, vor allem Anmerkungen zu Personen. Das hilft einem leeren Blatt nicht. Jedenfalls jetzt nicht. Gott schütz die Kunst!
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RELEGATION.
Höhere Bildungseinrichtungen haben sich früher das Recht vorbehalten, Studenten wie Dozenten bei unehrenhaftem Verhalten zu sperren. Die „relegatio cum infamia“ war natürlich immer umstritten, weil ihr Missbrauch zu politischen Zwecken naheliegt. Relegation atmet einen autoritären Geist.
An der Freien Universität zu Berlin (FU) soll einem Studenten jüdischen Glaubens Gewalt angetan worden sein, von einem Kommilitonen, dem antisemitische Motive für den Übergriff nachgesagt werden können. Der gehört relegiert, finden auch liberale Charaktere; und andere Stimmen seines Milieus widersprechen. Vor der Mensa sammelten sich gestern 85 Demonstranten, die, ich war Zeuge, Parolen riefen, die sich auf den aktuellen Konflikt zwischen der Armee Israels und der islamistischen HAMAS beziehen, die diesen aktuellen Konflikt durch ein unvorstellbar grausames Pogrom an Juden ausgelöst hat.
Die kundgebenden Kommilitonen in Berlin Dahlem riefen „Free Palestine“. Dazu hätte ich ein ganzes Dutzend an Nachfragen. Denn ich höre auch: „From the river to the sea“, was der Code of Conduct nicht mehr deckt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Es geht bei der Relegation akademisch um die Garantie des universitären Raumes als gewaltfrei. Hier ist Meinungsfreiheit in einem geradezu exzessiven Maße sicherzustellen. Hier darf prinzipiell alles gedacht und gesagt werden. Wer die Nase seines Kontrahenten deshalb brechen will, gehört hier nicht hin. Wohl auch nicht, wer zum Völkermord anstiften will.
Nun geraten Universitätsleitungen von Harvard bis Dahlem in den Sog politischer Debatten, ab wann eine MEINUNG etwas anderes ist als der Ausdruck einer individuellen Ansicht, nämlich der politisch gemeinte Aufruf zu Gewalt, etwa mit antisemitischen Zielen. Es zeigen sich Präsident:innen als politische Tölpel. Ich bin trotzdem sehr zögerlich bei der normativen Sanktionierung von dieser oder jener Ansicht als „keine Meinung, sondern…“, jedenfalls akademisch und auf dem Campus. Das ist das eine. Das andere ist, dass die übelste Propaganda ihre Gewaltaufrufe gerade als freie Meinung zu tarnen weiß: „Man wird ja noch sagen dürfen…“.
Der akademische Freiraum für jedwede Meinung schließt nicht deren Recht ein, unwidersprochen zu bleiben. Im Gegenteil, hier darf und muss alles in Frage gestellt werden. Man erkennt Propaganda am rigorosen Anspruch, sich nicht rechtfertigen zu wollen. Das ist der ALMA MATER, der weisen Mutter namens Wissenschaft, aber fremd. Hier gilt uneingeschränkt das Lob des Zweifels.
Ob die „walk ins“ meiner Studentenzeit rechtens waren und die „Besetzung“ eines Dekanats, dazu habe ich heute eine andere Meinung als damals. Wo ich seinerzeit (wahrscheinlich aus Feigheit) nicht zu den Aktiven der passiven Gewalt gehörte, aber als Zuschauer doch nicht frei von klammheimlicher Freude war. Aber körperliche Gewalt unter Kommilitonen, da ging gar nicht und geht nicht. Also sage ich: droht dem Delinquenten die Relegation für den Fall der Wiederholung an. So hätte er Gelegenheit klüger zu werden.
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Journalisten machen kein PR – das ist leider wahr
Der SPIEGEL zerlegt gerade seine Reputation; es tut in der Seele weh, wie jämmerlich sich das „Sturmgeschütz der Demokratie“ selbst darstellt. Es gehört ja zur Ehre der Investigativen Journalisten, dass sie kein PR machen. Ganz offensichtlich können sie es auch nicht. Das ist wie Moral im Alter: der Verzicht auf sexuelle Abenteuer fällt leichter, wenn auch die versagenden Lendenkräfte ihn nahe legen.
Man muss das dem Rest der Menschheit, der nicht zur hochwohl gelobten (ab-)schreibenden Zunft gehört, erklären: Was in der Liebe wahre Gefühle sind und was bezahlter Sex, dieser Unterschied bestimmt auch die Differenz von Journalismus und PR. Das sagen jedenfalls die Anhänger der wahren Liebe, die Redakteure, Inhaber der Vierten Gewalt. Und PR ist ihnen fremd. Die Ware Liebe wird von den PR-Leute betrieben, die Auftragsarbeiten ausführen.
Wer erwachsen ist und zu oft auf moralische Verklärungen reingefallen, weiß gleich: Hier stimmt was nicht. Aber es soll uns nicht darum gehen, die vermeintliche Ehre der PR-Leute zu retten (das macht schon deren Ethik-Rat in atemberaubender Peinlichkeit). Es geht uns um die Jammergestalt, die Journalisten abgeben, wenn es um ihre Zunft und ihre Blätter geht. Mein Anliegen ist die Autorität des gehobenen Journalismus, der Respekt vor einem Blatt wie dem SPIEGEL; mein Schmerz, die Posse, mit der beim SPIEGEL gerade die Chefredaktion ausgetauscht wird. Dabei wird unfreiwillig eine böse Geschichte über das Blatt erzählt, die wenig Respekt zurücklässt.
Was ist passiert? Man durfte in einem Blatt der nun wirklich anders gestrickten Springer-Presse lesen, dass die Chefredakteure für das gewichtige Blatt und den leichtfüßigeren Internetdienst rausfliegen, weil sie zerstritten sind und ein Geschäftsführer des Verlages findet, der eine tue nicht, was er wolle. Aha! Die Redakteure gelten als überrascht. Zuvor hörte man schon Dinge über das Betriebsklima und die Frauenquote in der Berliner Dependance und andere Grillen.
Wieso war man intern überrascht? Das verwundert, weil seit einigen Tagen alle möglichen Publizisten der Republik angemeiert werden, ob sie den oder die Jobs nicht wollen. Den Nachfolger suchen, um den Vorgänger los zu werden, das gehört zu den wirklich schmutzigen Verfahren im Personalmanagement. Wie Sauerbier wird Hans und Franz angeboten, was einst als der Olymp des Journalismus galt.
Zweiter Vorwurf: Der Online-Mann wolle keine Integration von Papier und Netz. Und er wolle die Gratis-Kultur, während die Springerleute angeblich zeigen, wie es geht. Zur Zusammenführung seien auch Redakteure des Blattes nicht geneigt, weil sie dann am Ende mehr als ein Stück im Monat machen müssten, was dann nun wirklich an Lohnschreiberei grenze. Hallo? Wer sich jemals die Stückchen aus SPON angesehen hat, weiß, das solche Häppchen zwischen Fahrstuhl und WC runterzudiktieren sind. Das alles mögen aber böswillige Gerüchte sein.
Jetzt aber kommt es. Was sagt die Pressestelle des Sturmgeschützes angesichts des Kommunikationsdesasters? Sie sagt, man werde keine Gerüchte kommentieren. Punkt, Ende, aus, Micky Maus. Das ist der absolute Dummfick-Satz der PR, für den selbst in PR-Agenturen der Provinz die Praktikanten rausfliegen. Und die Pressestelle sagt eben auch „off-the-records“ nichts mehr. So verschiebt sich die Schuld für das Elend spekulativ auf ein Wesen namens Mitarbeiter-KG. Das ist so schlecht, dass es schon Methode haben könnte.
Jetzt werden als neue Führer gehandelt: ein Leitender Redakteur der BILD, und der schon beim letzten Desaster vergraulte Grüne aus Bielefeld, inzwischen Herausgeber und Mitbesitzer eines Wirtschaftsblattes, eine Agentur-Mops, der gelernte Staatsanwalt und Ständige Vertreter Gottvaters bei der SZ, der Verlegersohn TGIF, der Pizzabäcker von der Leine, zur Zeit an der Spitze der Lehrerzeitung, ein Chefredakteur von Kölner Gnaden, der schon längst auf die schwarze Seite (vulgo: PR) gewechselt ist, es aber könnte…You name it.
Beenden wir die wilden Spekulationen und kommen zu den harten Fakten: das Problem heißt Mitarbeiter-KG. Der Altverleger Augstein hatte in einer eher philanthropischen als sozialistischen Anwandlung seinen Mitarbeitern die Hälfte des Unternehmens geschenkt. Die sind nun in Mielkes Letztem Kombinat, der Mitarbeiter-KG, organisiert. Schon beim unwürdigen Abgang der letzten Redaktionsspitze hatte man das Gefühl, dass hier das Heckenschützentum zur Königsdisziplin entwickelt ist. Aber nichts genaues, weiß man nicht. Denn Journalisten machen kein PR.
Was geht uns das als Leser an? Bitte ruiniert nicht ein Blatt, das wir schätzen und fürchten gelernt haben. Was geht uns das als Bürger an? Bitte ruiniert nicht einen Beruf, den wir schätzen und fürchten gelernt haben. Was geht uns das als PR-Menschen an? Gebt einem unserer Kollegen einen Job, damit diese Posse nicht ewig währt. Wenn wir nämlich in einer SPON-Welt wach werden, dann braucht es weder gute Journalisten noch gute PR-Leute. Das, was dann noch SPIEGEL heißt, kann der Leser oder ein paar Werbetussen sich selbst zurecht bloggen. Dann bliebe von der wahren Liebe noch der Quickie. Ach.
Quelle: starke-meinungen.de