Logbuch
WELTENBÜRGER.
Sich fremd fühlen im eigenen Land. Das ist die Grundstimmung bei vielen Bewohnern der Provinz. Die metropole Elite dagegen fühlt sich überall wohl; sie hat in London studiert, fliegt am Wochenende nach Barcelona und hatte die Kinder für zwei Jahre am deutschen Gymnasium in Athen. Wenn im Osten Deutschlands, so lebt man in Leipzig oder Dresden, lieber aber in Berlin.
Man spricht Englisch und kennt sich von LinkedIn und TikTok. Die Welt scheint zu zerfallen in „Citizens of the World“ und den Trotteln vom Land. Im Vereinigten Königreich hat das zum Verlassen der Europäischen Union geführt, dem „Brexit“. Es galt die Ansage der Konservativen, nach der „citizens of the world … citizens of nowhere“ seien. Ein vaterlandsloses Gesindel. So stehen national gestimmte Alte gegen polyglotte Junge, jedenfalls großstädtische Eliten gegen die VERÄNDERUNGSVERLIERER aus dem Ländlichen, eher noch den Kleinstädten, Orte des Gesichtslosen.
Der Schnitt geht auch mitten durch den Kapitalmarkt. Es gibt die Residualen, die in Immobilien machen oder Industrie, old school, und die Hybriden, die aus Starbucks Derivate bewegen. Polyglotte Parasiten als new economy. Man spricht von der Dichotomischen Spaltung der Kultur; das ist wohl übertrieben. Aber unterschiedliche Milieus sind es schon. Das eine drängt euphorisch in die Metropolen, das andere hadert mit dem Zeitgeist in der Provinz. Ich lebe in beiden Welten, ohne leidenschaftliche Präferenz.
Anmerkung zum „Weltbürger“: das meint nicht „Bürger“ als Pendant eines „Staates“; einen solchen globalen Staat haben wir zum Glück nicht. Es geht bei Kant entschieden im Plural um WELTENBÜRGER. Nicht Untertan eines Provinzfürsten, sondern den vielen Welten dieser Erde zugetan. Dann ist die Frage, ob mich diese Vielfalt schreckt oder lockt.
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EIFERSUCHT.
Der Gott der Juden ist eifersüchtig. Er lässt gleich im ERSTEN GEBOT feststellen: „Ich bin der Herr, Dein Gott; Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ So was betont man ja nicht ohne Grund. Die Religionswissenschaften sprechen von „Monolatrie“, wenn man zwar einen Hauptgott hat, aber nebenher noch so ein bissl was geht.
Das Christentum macht gleich eine ganze Familie auf, Vater, Sohn, Heiliger Geist, Maria, die Gottes Mutter (gemeint ist der Sohn), und Maria Magdalena, sein Spusi. Eigentlich geht es um die Festlegung, wer der Messias sei; da sind die Christen für die Juden etwas voreilig.
Den Monotheismus auf die Spitze treibt der Islam, der, wenn ich das richtig verstehe, die einzige und endgültige Gottesverehrung sein will; er gründet zwanzig Generationen später, also sechshundert Jahre nach Christi Geburt. Über die Gleichwertigkeit der drei monotheistischen Religionen gibt es einen Versuch des Braunschweiger Freimaurers G. E. Lessing, den ich nicht für überzeugend halte. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
„Eifersucht ist, was mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“ So lautet der Lehrsatz. Ein verrücktes Unterfangen. Auch im Privaten. Das kommt in den Geboten des Juden Moses dann ja auch gleich an sechster Stelle: „Du sollst nicht ehebrechen!“ Als Konfirmanden haben wir dann stets angefügt, halb laut versteht sich: „bis der Eimer am Bett steht.“ Aber das war natürlich albern; ein Knabenwitz.
Konfirmand war ich als Schüler; als Student galt dann ein expliziterer normativer Anspruch: „Wer zweimal mit der gleichen pennt, der gehört zum Establishment.“ Das wollten die Kulturrevolutionären nicht, zum Establishment gehören. Mit dem Erreichen des Examens erübrigte sich diese Ambition zumeist. Es wurde brav geheiratet. Babyboomer traten an.
Eifersucht ist ein Konstruktionsfehler in der Gottesliebe wie der zwischen Mann und Frau (ja: auch der zwischen Gleichgeschlechtlichen): Warum schon im Kern das Verbot? „Du sollst nicht!“ Die alten Griechen hatten ein entspannteres Verhältnis zu ihren Göttern. Da hat der verklemmte Junggeselle Hölderlin einfach recht, wenn er von den losen Sitten der vielgestaltigen Götter Griechenlands schwärmt. Ich lobe die Melancholie des edlen Simulanten.
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STELLUNG NEHMEN.
Meinungsjournalisten sind eine kleine Gruppe von Gebrauchsschriftstellern, die unter einer doppelten Last leiden. Beginnen wir mit dem Vordergründigen; sie leiden unter Originalitätszwang. Man muss nicht nur regelmäßig eine Meinung haben, sie soll auch noch unterhaltend sein. Niemand würde mit einer Kolumne berühmt, in der bloß Selbstverständliches steht. Der Ball ist rund. Nachts ist dunkel. Gähn. Der Käse ist lecker, der Wein gut.
Der Originalitätszwang kann zu unangenehmen Macken führen. Die berühmten drei Motorjournalisten der BBC sind dafür ein Beispiel, vieles ist der Albernheit ergeben. Jüngst gar ein Genre-Wechsel: Man spielt Bauer (country living). Manches, was Jeremy Clarkson gemacht hat, war „over the top“; aber ich lese alles, was ich von ihm zu packen kriege. Er hat mich übrigens mal „Nazi prat“ genannt. Und dafür um Vergebung gebeten. Vorsichtig, Junge!
Die Routine des Abseitigen kann zu einer „deformation professionelle“ führen. Satire wirkt nämlich nur in kleinen Dosen. Man kann sich um der Pointe willen verlaufen. Das zweite Handicap ist die politische Selbstüberschätzung. Man fühlt die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern und will zu allem Unrecht etwas gesagt haben. Da lastet das Brecht-Wort auf der Seele, nach dem ein Schweigen zu den Untaten ein Verbrechen sein kann.
Aus diesem doppelten Dilemma suchen Meinungsjournalisten zu fliehen, indem sie relativieren. Ich nenne das das Syndrom Jakob Apfelböck. Wo Kriegspropaganda uns in eine binäre Entscheidungssituation drängen will, hält der Kolumnist das Werturteil offen: statt „schwarz gegen weiß“ besteht er auf Grautönen, beidseitig. Relativismus kann freilich auch Feigheit sein.
Und so beschäftigt sich der Kolumnist mit der Frage, wie der Käse sei und der Wein. Läppisches. Oder was der Slogan bedeutet, dass man den Nahen Osten von der deutschen Schuld befreien solle. Nicht läppisch. Wer die Parole ruft „Vom Fluss in die See“ (nicht: „an die See“), der spielt mit der Idee eines Völkermords. Nicht hier: mein Land, meine Regeln.
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Wenn ein Journalist nichts taugt…
Mein Freund Anton Hunger (der Porsche-Toni aus der Zeit, als ich noch der VW-Klaus war) hat ein grandioses Buch über die deutsche Presse geschrieben: Blattkritik heißt es. Toni geht vorsichtig um mit der Journaille, obwohl er im Laufe seines Berufslebens viel Schatten gesehen hat. Er neigt zu Altersmilde. Das ist mir fremd.
Schlagt ihn tot, den Hund, er ist Rezensent. Das soll der gute alte Geheimrat Goethe gesagt haben. Kritiker sind nicht beliebt und sollen es wohl auch nicht sein. Sie wollen und sie sollen meckern. Das Speichellecken gilt hier nicht viel.
Im Falle der Presse hat das Meckern Verfassungsrang. Die Medien wähnen sich als Vierte Gewalt, als ein Verfassungsinstitut. Ihre Macht unterscheidet sich aber in einem wichtigen Punkt von der der Politik. Politiker kann man abwählen, Journalisten nicht.
Die Journaille ist eine sich selbst legitimierende, nicht abwählbare Klasse von Klugscheißern, die glaubt, alles und jedes kontrollieren zu dürfen. Der Berufszugang ist nicht formalisiert. Jeder, der sich so nennt, kann es dann auch. Wem Gott ein Amt gibt, dem schenkt er auch den nötigen Verstand.
Journalisten halten sich für unbestechlich, nehmen aber regelmäßig Geld, und zwar von ihrem Verleger, der mit ihrer Hilfe Anzeigenraum, Sendezeit und Werbemöglichkeiten verkaufen kann. Ökonomisch betrachtet liegt ihre Wertschöpfung in der redaktionellen Ummantelung von Werberaum, der erst dadurch verkaufbar wird.
Dieser normative Anspruch stößt sich im Alltag ein wenig mit den empirischen Befunden. Man sieht, wie sich Skandale aufbauen und zu einem Tsunami entwickeln. Man nimmt wahr, wie eine Vielfalt der Meinungen verschwindet, um im Furor gegen ein Opfer zum Vernichtungswillen aller zu werden. Empörungskommunikation nennt das die Publizistik. Die Historiker sprechen von Pogromen.
Wenn es aber nicht das Gewinnstreben der Verleger oder eine eigene Agenda der Redaktionen ist, die die Gleichförmigkeit von Berichterstattungstrends hervorbringt, so kann es nur der Hegelsche Weltgeist selbst sein. In der Tat ist es für die Journalisten die Vernunft der Aufklärung selbst, das hehre Substrat aller Geschichte, die ihre Geschichten macht. Wer so in höherem Interesse unterwegs ist, darf sich Unterstellungen verbieten.
Der Vater der amerikanischen Verfassung, Thomas Jefferson, hat gesagt: „Vor die Wahl zwischen einer Regierung ohne Zeitung und einer Zeitung ohne Regierung gestellt, nehme ich das zweite.“ Demokratien wollen eine freie Presse. Diese Freiheit bestand zunächst in der Unabhängigkeit vom Staat. Man hat es dann später als verlegerische Vielfalt gedacht, als eine Vielstimmigkeit, die auf einem Wettbewerb um das Leserinteresse beruht.
Das System kippt dann, wenn der Berichterstattungsgegenstand zugleich der Berichterstatter ist. Man kann Stalin schlecht fragen, ob er kritische Anmerkungen zum Stalinismus hat. Oder den Kapitalmarkt fragen, was er vom Kapitalmarkt hält. Die Grundvorstellung ist die von unabhängigen Kräften, die sich im Wettbewerb ausbalancieren. Es ist der Mythos Markt, der hier Wahrheit stiften soll, Vernunft aus Wettbewerb.
Man kann darüber nachdenken, was sich hinter dem Bloomberg-Mythos verbirgt. Ein Geschäftemacher an der Börse, ein Broker, gebiert das dazu passende Mediensystem, wird Verleger und leistet sich Redaktionen und wird als so gestützter Milliardär dann Bürgermeister von New York. Man kann vergleichbare Geschichten über den Einfluss der Investmentbanker auf die nationale Regierung erzählen.
Aber hier soll nicht über den staatsmonopolistischen Kapitalismus unserer Jugend geredet werden, nachdem uns die Altersweisheit schon von der sozialen und ökologischen Marktwirtschaft überzeugt hat. Es geht um die Qualität der Presse. Und die Vernunft der Journalisten. Wir lassen dabei außer acht, dass sie zu einem guten Teil Einflüsterungen unterliegen. Oder Opfer ihrer Faulheit sind. Auch Korruption ist, das sei ausnahmsweise erlaubt, kein Thema. Kontrafaktisch sei angenommen, dass Journalisten reinen Herzens sind.
Zu berichten ist von einem Journalistenwettbewerb seltener Aussagekraft. In jedem Jahr findet im Oxford and Cambridge Club in London ein „blind tasting“ von Weinen statt. Mit einem noblen französischen Sponsor wird die ganze Vielfalt der weltweiten Weine aufgefahren. Auf den Flaschen sind die Etiketten entfernt. Und nun darf in einer Blindverkostung allein der Gaumen herausfinden, welche Traube, welches Gebiet, welcher Winzer, welcher Jahrgang. Die Teams treten in unterschiedlichen Räumen an und hochkarätige Experten überwachen die Einhaltung der Regeln.
Das ist einer der üblichen Oxbridge-Wettkämpfe, in der sich die jungen Eliten messen. Es gab aber auch eine Disziplin, in der Weinkritiker aus der Journaille gegen Weinhändler antraten. Die Blindverkostung lässt kein Schummeln zu. Und wer gewann vor zwei Wochen als top of the pop vor all den Sommeliers des Weinhandels? Der Journalist Anthony Rose (The Independent). Das begeistert mich nachhaltig. Unzweifelhaft ein Experte, der besser ist als die Experten; ich abonniere seine Kolumne.
Von Pall Mall zurück auf dem Weg zu meinem Hotel in Bloomsbury bleibe ich noch in der Museums Tavern hängen, dem Pub gegenüber vom British Museum (Marx verkehrte hier, wenn er abends aus dem Lesesaal des Museums kam, wo er am Kapital bastelte). Und werde es ist zu fortgeschrittener Stunde, Zeuge eines Kneipenspiels. Es werden vier Pints mit unterschiedlichem Bier auf den Tresen gestellt und ein Pint mit Wasser. Zwei Kontrahenten sind die Augen verbunden. Das Spiel läuft in fünf Runden, die ersten vier zum Üben, die fünfte ist die entscheidende. Man stürzt also zehn Halblitergläser, um dann bei den nächsten fünf nach dieser Runde sagen zu können, welches dieser Gläser mit Wasser gefüllt war.
Quelle: starke-meinungen.de