Logbuch

KEINE DUMMEN FRAGEN.

Der Herr Bundeskanzler hatte bei der Abschlusspressekonferenz zu G7 einen schweren SCHOLZOMAT-RÜCKFALL. Dabei ironisierte er eine dumme Frage als solche. Das geht gar nicht.

Die Unberührbaren (vulgo Journalisten) heulen auf; wie immer auf Twitter, der Plattform der larmoyanten Medienblase. Scholz sei arrogant, da er drei Tabus breche: es fragte nämlich eine Journalistin, eine Frau und eine Ausländerin. Ich lasse mal außen vor, dass die Dame der DEUTSCHEN WELLE zuzurechnen ist, also einem staatseigenen Organ, also eine Mitarbeiterin des Kanzlers war, der geneigtere Fragen von seinem eigenen Propagandasender erwarten darf. Geschenkt. Der Lehrsatz lautet: Es gibt keine dummen Fragen.

Der Lehrsatz ist falsch. Es gibt Legionen von dummen Fragen. Der Satz entstand in der Sonderpädagogik, wo er eine Berechtigung in der Ermutigung von Menschen mit Lernschwierigkeiten haben mag. Das sage ich ohne Unterton; Pädagogik muss immer vorgeben, was sie erst erreichen möchte. Zum Beispiel im Willen, Kinder als Erwachsene zu behandeln; ohnehin klug. In der Wissenschaft weiß man aber, dass es nie die tolle Antworten sind, die weiterbringen, sondern nur die vertrackten Fragen. Weise ist, wer richtig fragt. Egal, ob er die Antwort schon hat oder noch nicht. Den Philosophen erkennen wir an der Frage.

Erfahrene Journalisten stellen auf Pressekonferenzen niemals sogenannte KLUGE FRAGEN. Was würde passieren? Das ganze Pressechor würde die Frage mitkriegen und wäre schlauer; ein erster Fehler im Wettbewerb der Medien. Zweiter Fehler: Alle hören die Antwort. Wenn TV-Sender die Pressekonferenz übertragen, hört die ganze Welt mit. Wie will ich so mein Blatt verkaufen, indem ich mich selbst jedes Wettbewerbsvorteils beraube? Gute Journalisten fragen öffentlich nix schlaues, Punkt.

Und kluge Kanzler erläutern die militärische Strategie der G7 gegen den russischen Aggressor nicht auf Pressekonferenzen. Darum ging es: „Könnten Sie das ausplaudern? Ja, könnte ich; mache ich aber nicht.“ Das gehört nicht in die Presse. Wozu hätte der Russe sonst einen eigenen Geheimdienst? Gerade an dem Punkt ist Putin ehrpusselig; schließlich seine Profession.

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KÖRPERSPRACHE. HEIKEL.

Es lassen sich fotografieren vor spektakulärer Alpenkulisse die Führer der sieben führenden Industrienationen. Und die Welt liest deren Körpersprache. Dabei gibt es auch heikles.

Der adipöse Inglese namens Boris Brexit Johnson verliert fast die Hosen. Nun ist der Herr ohnehin Teil jener Bourgeoisie, die die kleinbürgerliche Attitüde des Adretten verlassen hat, um ungekämmt und schlecht gekleidet ihre Souveränität zu beweisen. Dekadenz gehört zum populistischen Inszenierungsstil. Seine Lässigkeit ist in rechts, was Herr Habeck in links vorführt. Aber der war nicht da.

Peinlicher noch als der englische Populist erschien der Lokalmatador, der den Umstand nutzte, dass die Weltenführer in München, Bayern, landeten, bevor der Hubschrauber sie ins entlegene Elmau flog, der Franke Markus Söder. Er führte Trachtenvereine vor, bayrische Folkloristik eines vermodernen Bauernvolkes, nett anzusehen. Ich hatte als Kind auch eine KRACHLEDERNE und habe sie gehasst. Er selbst, der Herr Söder, der seine Gattin in einem Freibad kennengelernt hat, war gekleidet in einer Jankerl genannten Jacke mit fehlfarbenem Schlips (Trumpsche Länge) und einer hellbeigen Hose, über die zu reden ist.

Das Chino genannte Beinkleid war deutlich zu lang; über den schwarzen Straßenschuhen, auch ein Stilbruch, stülpen sich an den Knöcheln die überlangen Hosenbeine wie leere Wurstpellen. Wanderte der Blick des Betrachters an die Hüftgegend malt sich dort deutlich eine weitere Wurst ab, die zu entdecken nicht schicklich ist. Wir erröten ob der Peinlichkeit. Man ist gehalten über HEIKLES vorsichtig zu reden.

Söder hat sich einen Verstoß gegen die ZWICKEL-VERORDNUNG von 1932 zuschulden kommen lassen. Danach ist es für Männer unangebracht, Bademode so zu tragen, dass das Verborgene in Form und Volumen erkennbar wird. Man habe in die Herrenhose ein Stoffdreieck einzunähen, den sogenannten ZWICKEL, der das verhindere. Herren in abmalender Badehose galten als peinlich; man frage Friedrich Ebert. Nun, hat Markus Söder seine Gattin im Nürnberger Freibad trotz des fehlenden ZWICKELS kennengelernt oder wegen? Man wagt gar nicht seinen Gedanken zu folgen.

Privates gehört nicht in die Politik. Aber der amerikanische Präsident Joe Biden, bestens gekleidet, und neben ihm der fränkische Strolch mit HASENPFOTE, das war fast ein Politikum. Die HASENPFOTE hat eine entsprechende Geschichte seit dem frühen Mittelalter, zu Zwecken des Prahlens. Heute noch bei Balletttänzern beliebt. Übrigens gilt das ZWICKEL-GEBOT nicht nur für Männer; den Frauen ist aufgegeben, den KAMELZEH zu vermeiden. Mein Gott, bis gestern wusste ich nicht mal, was ein „camel toe“ ist; das kriege ich jetzt nicht mehr aus dem Sinn. Unfreiwilliges Kopfkino. Und das alles nur, weil G7 nicht mehr G8 ist. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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BILDUNGSDÜNKEL.

Für das Fachgebiet „Investor Relations“ habe ich mal eine brillante Engländerin eingestellt, die einen Abschluss in „literature“ hatte. Sie wurde von einem BWLer gefragt, ob das reiche. Typisch deutsch.

Nicht mehr. An englischen Universitäten werden jetzt auch die GEISTESWISSENSCHAFTEN abgewertet, weil ein Abschluss in „humanities“ nicht direkt zu einem aussichtsreichen BERUF führe. Darin liegt der Glaube, dass BILDUNG nichts tauge. Man will an Universitäten eine AUSBILDUNG liefern. Ein Irrweg.

Es ist nicht zufällig, dass ich diesen Unsinn von einer Hochschule in Sheffield lese, die mal ein Polytechnikum war. Man hat dort einst Schrauber (vulgo Ingenieure) ausgebildet; da will man frühzeitig wissen, für welches Fach. Fächer sind diesen Flachköpfen zum Beispiel „Elektro“ oder „Gas, Wasser, Scheiße“. In der Tat unterschiedliche Welten. Für diese Horizonte gibt es bei uns aber eine MEISTER-Prüfung im Handwerk (aller Ehren wert) oder FACHHOCHSCHULEN, sogenannte „universities of applied scienties“: eine Ausbildung zum Anwendungstechniker (auch aller Ehren wert).

Ein akademisches Studium fragt nicht nach Berufsmöglichkeiten, weil das den wissenschaftlichen Blick verstellt. Man kann Humanmedizin studieren, aber nicht auf Kassenarzt für Fußpilz. Ich bin zudem großer Anhänger der zweigliedrigen Ausbildung für Staatsämter, wo nach dem ersten Staatsexamen ein Referendariat abzulegen ist, das mit einem zweiten Staatsexamen abschließt. Im Ernst: Der Mensch beginnt eigentlich erst beim Assessor.

Das gilt für den Volljuristen (wie bei den netten Notar, der mein Nachbar ist) oder der Archivarin (die in einem Unternehmensarchiv mal meine Mitarbeiterin war) oder dem Studiendirektor (dessen germanistischer Ruf von der Ruhr bis nach Reval reicht). Was dem Staatsdiener der Assessor, das ist dem Akademiker die Promotion, jedenfalls akademisch (!) das FACH. Dazu bilden die geschmähten GEISTESWISSENSCHAFTEN nun mal die Grundlage. Ja, man muss HOMER und die BIBEL gelesen haben; übrigens auch das KAPITAL.

Allgemeinbildung schützt vor Fachidiotentum. Jetzt die Rehabilitation der Ingenieure. Noch mehr, die der Physiker. Ich rede nicht mit Leuten, die nicht den „Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik“ erläutern können. Und die Mathematik ist eine Geisteswissenschaft (die ich leider nicht beherrsche, ein klarer Charaktermangel). Das alles klingt reichlich arrogant. Ist es nicht. Ich selbst habe nur „humanities“ studiert und lehre an einer Hochschule, die mal Fachhochschule war. Und lobpreise den geachteten Meister des Handwerks; wenn er denn mal kommt.

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Schattenkabinett: weil der Wähler es will, kriegt er es nicht

Wir haben wieder, was die Wahlforschung ein „horse race“ nennt. Die Bundestagswahl steht an, und ein Patt zeichnet sich ab. Die Demoskopen wollen jetzt schon wissen: Gegen den Regierungsblock Schwarz-Gelb mit 45% steht die Opposition Rot-Grün mit ebenfalls 45%. Rechnet man die Links-Partei als möglichen Tolerierer eines linken Bündnisses hinzu, kommt die Opposition rechnerisch auf 50%. Und über Merkel hängt das Damoklesschwert der Fünf-Prozent-Hürde für die schwächelnde FDP.

Das hat zwei Botschaften an jene Wesen, die die Politik „die Menschen draußen im Land“ nennt. Erstens: Es wird eng; jede Stimme zählt. Die Wahlbeteiligung wird zum entscheidenden Faktor. Zweitens: Das Ende von Merkel ist nah. Es könnte sich bei aller Popularität der vagen Lady herausstellen, dass der Wähler, dieses launische Kind, Mutti leid ist. Genau aus dieser Stimmung heraus hat Gerd Schröder den angeblich unbesiegbaren Helmut Kohl ablösen können. So ist auch Lady Thatcher gegangen worden.

Wer aber wird dann Kanzler? Und wer Finanzminister? Wer kümmert sich um das neue Energieministerium, etwa ein grüner Spinner? Wer darf uns im Ausland blamieren, oder eben nicht? Fragen über Fragen, die der Wähler in unserem Land zwar stellen darf. Aber er kriegt keine Antwort. Weil die Posten im neuen Kabinett nach der Wahl in den Hinterzimmern der Politik zwischen der Parteien ausgekaspert werden. Dabei muss Sachverstand nicht stören, im Kern geht es aber um Interessenklüngel und den altbekannten Kuhhandel.

Das unwürdige Schauspiel erhöht den Handlungsspielraum der Politiker, es erschwert aber die Wahl. Es ist demokratiefeindlich. Der Wähler sollte es nicht länger tolerieren. Die Opposition könnte schon heute ein Schattenkabinett aufstellen. Klare Kante, das wird doch immer wieder versprochen. Die Botschaft könnte lauten: Dies sind die Gesichter, die nach der Wahl für die jeweilige Politik stehen. Auch die Debatten würden einfacher: Jedes Regierungsmitglied hätte einen geborenen Gegner in der Opposition. Da könnte man ein Gefühl bekommen, ob die Kandidaten ihr Thema beherrschen.

Warum wird das Verlangen nach einem Schattenkabinett nicht erfüllt werden? Weil es eine klare Strategie voraussetzt. Und damit wären eine ganze Reihe von  Erkenntnissen unumgänglich. Etwa die, dass Peer Steinbrück ganz offensichtlich Kanzler nicht kann. Dass Sigmar Gabriel es machen muss. Und die, dass der Wähler im Energieministerium keinen grünen Spinner sehen will. Und dass man auf den Stuhl von Ludwig Erhard niemanden setzt, der auf einem Feldbett im Büro pennt. Oder dass Jürgen Trittin in der Folge von Joschka Fischer ein ganz passabler Außenminister wäre. Oder eben nicht.

Quelle: starke-meinungen.de