Logbuch
WAS DIE KI NICHT KANN.
Gestern in der Philharmonie Hayden und Mozart. Der erste belanglos, der zweite versöhnlich. Trotz viel freimaurerischem Unsinn im Libretto. Man verlässt den Musentempel angeregt, friedfertiger als man kam. Das können Maschinen nicht, aber Menschen. Am Pult Giovanni Antonini.
In der Wissenschaft war ich zeitlebens eher auf Streit aus und umstritten. Einige Kritik hatte ich auch verdient, weil meine Umgangsformen gelegentlich nun wirklich zu wünschen übrig ließen. Da war oft die pubertäre Freude am Raufen und ich hätte jeden Grund, um Nachsicht zu bitten. Ich wollte nur spielen! War nicht bös gemeint.
Ich lese gerade einen wissenschaftlichen Aufsatz eines emeritierten Professors, der seine alten Gelegenheitsarbeiten noch einmal zusammenräumt, um endgültig Recht zu behalten. Man frage mich nicht, was davon akademisch zu halten ist, da mir selbst ein sachliches Urteil gar nicht möglich ist. Ich habe den Kerl nicht so recht gemocht. Man sollte für solch persönliche Abneigungen keine dritten Gründe suchen. Das wäre nicht redlich. Bei Animositäten liegt die Schuld oft auf beiden Seiten.
Was mir an der Arbeit allerdings beim Lesen zunehmend auffällt: Sie könnte von einem kühlen Apparat geschrieben sein. Der KI wäre dann aufgetragen worden, zu großen Debatten der Vergangenheit noch mal zusammenzutragen, was er, der Auftraggeber der Maschine, dazu an Klugem gesagt hat; das macht sie auch ganz brav, nicht mit großem Stil, aber doch ernstem Fleiß. Nun gut, würde man akademisch sagen, den eigenen Standpunkt noch mal vorgetragen und dazu kompiliert. Eine Eigenplagiate-Parade. Ich halte das, außer vielleicht bei einer Diss, nicht für tadelnswert.
Es ist soviel Boshaftes in der Welt, dass man künftig Beiträge auch nach ihrem menschlichen Gestus beurteilen sollte. Trägt das Vorgetragene zur Verständigung bei? Sind da Zeichen von Demut oder gar Reue? Verzeiht man frühere Fehler? Lasst uns den Maschinen Menschliches entgegenstellen. In der bloßen Rechthaberei liegt keine menschliche Größe; Charakter kann KI nämlich nicht.
Logbuch
MENSCHENMÜLL.
Der amerikanische Wahlkampf wird für Analphabeten geführt, die sich von Bildern leiten lassen, weil sie keine Texte lesen. Es geht in der jüngsten Runde um Symbolisches zu menschlichem Müll. Dabei zeigen die Republikaner, dass Propaganda nicht logisch sein muss, sondern komisch. Es ist wie beim Erzählen von Zoten: vulgäre Vorurteile willkommen, solange man darüber feixen kann.
Mir war geläufig, dass Müll („trash“) im Amerikanischen auch eine soziale Kategorie ist, da die weiße Unterschicht „poor white trash“ genannt wird. Jetzt nennt die eine Partei das amerikanische Puerto Rico „trash island“, die andere wiederum deren politische Anhänger Müll und Donald Trump liefert einen „PR stunt“ als Müllmann. Welch ein Pragmasymbol: Die neue Rechte sammelt den menschlichen Müll ein und entsorgt ihn. Da ist ja die Debatte um Remigration noch gehaltvoll. Ich fürchte mich vor soviel Zynismus.
Wenn man lange in den Abgrund blickt, blickt irgendwann der Abgrund aus einem. Die Würde des Menschen ist antastbar. Er kann Müll sein. Die Latinos erfahren, was die asiatischen Zuwanderer schon kannten und das Erbe der Afroamerikaner ist: ein Mensch kann für andere Menschen eine Sache sein, die man besitzt oder eben wegwirft. Das sind die langen Schatten der Sklavenhaltergesellschaft. Wenn die Wunden verheilt sind, schmerzen die Narben.
Dabei sind die US of A ein Projekt gegen dies alles. Der fortschrittlichste Entwurf der Moderne ist die amerikanische Freiheitserklärung von 1776. Deren Autor war zum Studium in Europa, namentlich Frankreich und in deutschem Lande. Und wir als Nation haben keinen Grund zu Hochmut; die Konzentrationslager waren, furchtbar zu sagen, Müllkippen. Ich leide an den Entgleisungen, weil sie zeigen, wie leicht man den Boden unter den Füßen verliert. Plötzlich geht es ernsthaft um Menschenmüll.
Die Decke der Zivilisation ist dünn; sie wurde für den amerikanischen Traum gewebt und findet sich zerstört in der grellen Warnweste, die der präsidiale Müllwerker voller Stolz auf der Bühne trägt. In einer Berliner Eckkneipe höre ich die Stimme gemeinen Volks, dass dies urkomisch findet und von dem großen Volksunterhalter AfD auch hier erwartet. Man feixt: „Das wär mal was!“ Mir stockt der Atem.
Logbuch
VERLEGER.
Ehrbare Huren sind sie, die Journalisten. Und das sage ich nicht, weil ich Personen beleidigen möchte oder die Profession. Die Betonung liegt auf dem Ehrbaren. Sie fühlen sich der Wirklichkeit verpflichtet („Sagen, was ist!“) und zeigen Mannesmut vor Königsthronen. Viele von ihnen achte ich; einige sind gar zu bewundern, weil sie schreiben können und es auch tun. Salut!
Der Journalist ist zugleich, das muss man schon einräumen, der abhängig Beschäftigte eines Verlegers, für den er Lohnarbeit leistet. Da mag es Lichtgestalten geben wie Jeff Bezos, dem die Washington Post gehört, der seiner Redaktion gerade untersagt hat, eine Wahlempfehlung abzugeben. Das feiert der Bötchen-Publizist Gabor Steingart als Pressefreiheit, den ich auch schon kannte, als er noch im Arsch eines anderen Verlegers steckte. Nun, ich habe eine ganze Reihe von Verlegern kennengelernt.
Bei Springer war ich für Axel Cäsar zu spät, aber den aufgestiegenen Hafenreporter habe ich noch erlebt; den kleinen Burda aus Offenburg, ein recht kluger Mann, und die WAZ-Erben, darunter proletige Pfeffersäcke, die (ich höre sie noch) ihrem Geld nicht böse waren. Wenn wir schon die Ahnenreihe abgehen, so werden wir auch einräumen müssen einen südafrikanischen Autofabrikbesitzer aus Brandenburg gekannt zu haben, der sich Twitter kaufte.
Nun könnte, wenn man dem antikapitalistischen Impuls hinreichend nachgegeben hat und erst mal gut ist mit Klassenkampf, der Weg zum Erhabenen darin bestehen, dass man keinen Oligarchen zu Willen ist, sondern dem Staat. Diese obrigkeitsstaatliche Speichelleckerei versucht uns ja gerade COLLECTIV schmackhaft zu machen. Ich bin da anders gewirkt; meine Söldnerehre kennt keine Ehrfurcht vor Feldherren. Wir lassen keine Kameraden zurück und keine Waffen; das war es dann aber auch. Wir knien nicht vor den Fahnen, denen wir folgen.
Noch ein dritter Weg ist zu würdigen, das sogenannte KRAUT FANDING; dabei sammelt man Kleinspenden ein und gibt sich mit diesem Geld als Agentur des Gemeinwohls aus. Die Spender werden nicht genannt; vielleicht edle Menschen, vielleicht fragwürdige Agenten mit schwarzem Geld, sicher aber immer eine Anonymitas. Meine süditalienischen Freunde nennen diese Zuwendung „pizzo“; so geht dort Schutzgelderpressung. Auch kein Hort hehrer Moral.
Früher konnte man Verleger leichter hassen, weil sie wirklich dramatische Renditen hatten; ich sage nur CITIZEN CANE oder HUGENBERG. Heute scheint das Geschäft mühsamer, jedenfalls bei denen, die noch Papier bedrucken. Trotzdem wäre über den Verleger der Berliner Zeitung mal zu reden. Oder die SPD als Verlagseignerin. Ja, über den großen Döpfner, den Liebling der Witwe. Aber all das verblasst hinter dem, was man heute als den reichsten Mann der Welt und seine Kampagne zugunsten der NEW RIGHT erleben darf.
Ich bin dabei zu Zurückhaltung aufgefordert, denn ich publiziere dort. Es gilt also auch für mich, was eingangs gesagt wurde. Das ist die innere Schmach aller Federn, dass sie beim Tinteklecksen einen Mut zeigen, der auf dem Papier Bestand hat, aber nicht im Leben. „Das Leben möge sich in Acht nehmen“, schrieb der große Lichtenberg voller Ironie, „wenn ich zur Feder greife!“ Kontrafaktisch.
Logbuch
Rübe ab, einsperren, Schlüssel wegwerfen: Neues von Law & Order
Thilo Sarrazin in der Verkleidung eines schwarzen Zuhälters, denke ich, als ich in das Gespräch meiner Nachbarn hinein höre. Die Sprüche des deutschen Stammtisches kann man also auch im Ausland vernehmen. Die bunte Truppe am Nachbartisch intoniert: „Lock the gangsters up und throw away the keys!“ Wir sind im industriellen Herzen Englands, den West Midlands, wo Bandenkriminalität als Kehrseite von Multi-Kulti erscheint.
Die Sarrazinschen Horrorszenarien hatten Birmingham eingeholt, bevor sie in Berlin überhaupt aufschienen. Vor zehn Jahren gab es hier zweimal am Tag einen Schusswechsel im Migrantenmilieu. In die entsprechenden Vororte ging man nicht nach Einbruch der Dunkelheit. Aber Ausgrenzung und Bestrafung lösten das Problem hier so wenig wie in New Jersey, der Heimat berühmter Bandenkriege.
Das ist Thema in Birminghams Island Bar, einer knallvollen Cocktail Lounge, die offensichtlich keine Kleidervorschriften macht. Die Herrschaften um den Pimp-Sarrazin sind so bunt und lasziv gekleidet, dass man sie eher einer Punkband zurechnen würde. Sie sprechen lautrein das proletarische Englisch der Midlands, ihre Familien stammen offensichtlich ursprünglich aus afrikanischen, indischen und sonstigen asiatischen Ländern. Und ich habe mich verhört. Man fordert nicht Rübe ab, sondern macht sich über solche Forderungen lustig.
Mit seinen neuen Waffengesetzen will der amerikanische Präsident einen zweiten Versuch unternehmen, europäisches Denken in den USA einzuführen. Erst eine vernünftige Krankenversicherung, jetzt eine Entmilitarisierung der Zivilgesellschaft. Das sind Vokabeln, die mich endgültig erstaunen. Die Punker sprechen die Sprache europäischer Sozialpolitik. Sie erinnern sich an den Spruch des damaligen französischen Präsidenten, dass man den Schmutz mit dem Kärcher aus den Vororten vertreiben müsse, mit bitterem Humor. Gemeint waren die Jugendgangs von Einwanderern.
Da meine mithörenden Ohren inzwischen eine Größe wie beim afrikanischen Buschelefanten erreicht haben, mein Interesse also bemerkt wird, bittet man mich und meinen Kumpel an den Nachbartisch. Es haut uns um. Die YMCA-Truppe sind Beamte auf einem Absacker nach Dienstschluss. Willkommen bei den Jungs und Mädchen vom West Midlands Mediation and Transformation Service. Sie sehen aus wie ihre Kunden, sagen sie. Das kann ich jetzt bestätigen. Wir wirken in unseren Geschäftsanzügen in der Runde wie Pinguine im Zoo. Eine wirklich wilde Vorstadt-Gang in Begleitung ihrer Anwälte.
In den letzten zehn Jahren haben sich die „gun crime incidents“ von über siebenhundert im Jahr auf weniger als dreihundert mehr als halbiert. Aus vier, fünf ernsthaften Schießereien am Wochenende ist jetzt eine geworden. „Still one too many!“ Die Sensation liegt in der Begründung für den Rückgang: Es ist nicht mehr die Polizei, die sich um die Probleme kümmert, jedenfalls nicht vorderhand. Alle Verantwortlichen der Kommune haben sich an einen Tisch gesetzt und eine gemeinsame und vor allem neue Strategie beschlossen, die auf einer ungewöhnlichen Überzeugung beruht. Law & Order hilft nicht als alleiniges, schon gar nicht als erstes Rezept.
Aus allen Militarisierungen der Parallelgesellschaften kennt man die sich aufwärtsdrehende Spirale von leichten zu mittleren zu schweren Delikten. So rückt Organisierte Kriminalität vom Rand in die Mitte der Gesellschaft. Die volle Wucht der Strafjustiz, sagt mein Sarrazin-Zuhälter, ist eine Bildzeitungsillusion („tabloid illusions“), die die reaktionären Gemüter beruhigt, aber das Problem vergrößert. In Birmingham kümmern sich Mediatoren um die Kommunikation zwischen den Gangs, um die Kultur der Vororte. So wird aus einer (empfundenen) Respektlosigkeit keine Schießerei, aus einen Gerangel kein Krieg. Im Idealfall.
Der baumlange Baseballspieler mit westindischem Hintergrund zeigt sich endgültig als Sozialarbeiter, als er mir vorrechnet, dass ein einziger Mordfall ein bis zwei Millionen Pfund an Aufklärungskosten verzehre, die Verhinderung nicht mal ein Zehntel koste; wohl gemerkt, die Verhinderung von 300 Gang-Morden kostet nicht ein Zehntel, fügt er an. „To be fucking clear, mate: We are spending taxpayer‘s money to save taxpayer‘s money. Full stop.“
Mediation statt Strafjustiz. Das nehme ich jetzt mit nach Moabit, wo ich täglich am Knast vorbei fahre. Neuerdings mit der Vorstellung, dass dort eines Tages ein Schild hängen könnte: Zimmer frei.
Quelle: starke-meinungen.de