Logbuch
STILBRUCH.
Was ein Stil ist, erkennt man, wenn er gebrochen wird. Stilbruch ist ein künstlerisches Verfahren. Aber nicht jeder SCHLECHT GEKLEIDETE ist ein Künstler. Zum Beispiel: Schuhe, Sandalen, Latschen.
Früher trug man im Dienst und sonntags einen anständigen LEDERSCHUH. In schwarz, braun oder, wenn sehr kühn, weinrot. Das war natürlich ein geschlossenes Schuhwerk, keine Sandale. Schon gar keine Latschen. Wir waren hier ja nicht bei den Taliban. Sandalen mit Socken, das ist der Prototyp von schlechtem Geschmack. Kurze Hosen ("Shorts"), Sandale & Socken, so geht man nur auf einem deutschbesetzten Campingplatz. Damit kam man in HARRY'S BAR gar nicht rein; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Dann kam der Einbruch des Sportschuhwerks in die Alltagskultur als modisches Attribut. ADDI DASSLER und andere. Wo bisher ein Fuß atmen und, ja, transpirieren konnte, da wurde er nun in einer Plastikkapsel luftdicht verschlossen. So kam der Terminus der TENNISSOCKE zu weitergehender Bedeutung. Hautärzte berichten von ausführlichem Pilzgeschehen. Mir bleibt der Geruch von Turnhallen (ein absolutes "no go" für mich) in der Durchmischung dessen mit Bohnerwachs ein Leben lang in Erinnerung.
Man sah dann TV-Moderatoren mit Baseball-Schuhen und, ganz wichtig, offenen Schnürsenkeln. Noch bevor die weiblichen Moderatoren dazu übergingen, PUMPS mit Bleistift- oder Pfennigabsätzen zu tragen, die sich sonst bei dem russischen Publikum auf dem Ku-Damm einer gewissen Beliebtheit erfreuen. Und dann auch Anzugträger mit Sneakern, wie sich die Freizeitware mittlerweile nannte. Als Covid uns die Cravatten nahm und alle auch im Büro so aussahen, als kämen sie gerade aus der gemischten Sauna. Aber immer noch geschlossener Schuh. Ich trug zu meiner Studentenzeit übrigens, peinlich genug, Cowboy-Stiefel (wichtig: schräger Absatz, texanische Ware, direkt importiert) zum Trenchcoat und der RIDER-JEANS (enge Röhren). Aus heutiger Sicht mir eher peinlich.
Deshalb sehe ich der jungen Dame im Restaurant nach, dass sie zu dem Outfit "business smart" (das berühmte KLEINE SCHWARZE) einen englischen Arbeitsschuh mit Luftkissensohle ("Doc Martens") trägt. Ein Stilbruch, gelungen, sehr nett. Übrigens habe ich den Burberry Raincoat aus den Uni-Jahren immer noch; der hat dann bald 40 Jahre gehalten. Aus reiner Baumwolle. Gemacht für den Tommy im Schützengraben; da kommt der Name "trenchcoat" nämlich her.
Was sich aber wirklich gewandelt hat, jenseits der Moden, ist die Politisierung der Materialien: Baumwolle ist nicht mehr unproblematisch. Man fragt, wer sie wo und vor allem wie gepflückt hat. Und Leder ist völlig "raus": man fragt, wessen Haut das mal war. Das geht so weit, dass mein neuer Original Budapester Schuh gar nicht mehr zugibt, dass er aus nordamerikanischem Pferdeleder gefertigt ist. FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE. Der Schuh gesteht nur noch verdruckst in einer Ecke der Sohle: "Cordovan". Das meint Rossnappa, also Fury. Politisch nicht mehr korrekt.
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RIKSCHA.
Rikscha also. Ende des 19. Jahrhunderts in Japan erfunden. Übrigens von einem Kolonialherren, der offensichtlich keine Lust hatte, zu laufen. Immer schon waren sie für mich das Symbol des Kolonialismus. Vorne zieht sich ein dünner Mann, ärmlich gekleidet, die Seele aus dem Leib. Hinten sitzt der dicke, fette Wohlstandsbürger und lässt sich durch die Gegend schaukeln. Moralisch verwerflich.
Jetzt aber ziehe ich die Rikscha selbst. Die soziale Frage ist damit gelöst. An die Stelle der Ausbeutung tritt die Selbstausbeutung. Und das alte Problem der körperlichen Arbeit, die die Gesundheit zerstört, auch. Wir alle müssen uns mehr bewegen; wenn schon nicht Sport treiben, so dann doch mindestens tausend Schritte am Tag laufen. Oder waren das zehntausend? Und bei Gepäck oder Kindersegen?
Lastenfahrräder also. Man muss gesehen haben, wie die überforderte Mutter damit drei Kinder ungeschickt durch das Gewühl bugsiert, um zu wissen, welche Opfer sie bringt. Im Hauseingang eines Mehrfamilienhauses versperrt eines dieser sperrigen Monstren fast den Weg, ein zweites ginge noch, aber keine drei oder vier. Aber die Autos versperren ja auch die ganze Stadt. Das ist wahr, ein Auto, das nicht fährt, ist noch ein größeres Hindernis als eines das rollt. Aber auch das ließe sich raumordnerisch ja lösen. Taxis, Busse und Bahnen. Verkehrswende.
Ich bin immer Bahn gefahren, als sie noch fuhr. Es war teuer, es war servicearm, es war unfreundlich, aber ich habe es getan. Die Bahn ist in schlechtem Zustand. Und das ändert niemand. Der Streckenausbau für Schienenfahrzeuge braucht ewig und wird deshalb verschoben. Wie diese Nation Flughäfen baut, das hat sie in der Hauptstadt schon bewiesen. Neuerdings: wie die staatseigene Bahn ihre Tarifkonflikte löst, das wissen wir jetzt auch. Kann ich bitte noch mal die Rikscha sehen?
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FAKE ODER FAKT.
Die Gegenüberstellung von Faktischem und Fiktivem springt zu kurz; sie ist vorkritisch. Es gibt etwas, dass die These vom Faktischen und deren Antithese vom Fiktiven im Hegelschen Sinne in einer Synthese aufhebt, im Fiktionalen.
Der Mensch ist ein geschichtenerzählendes Tier. Wir erzählen uns Geschichten, übrigens immer wieder und immer wieder ganz ähnliche, weil wir in Geschichten denken und nach Geschichten handeln. Das Kulturprinzip ist das der Verfassung von Mensch und Gesellschaft als narrativem Netzwerk. Ich rede von Homer, der Bibel, den Märchen der Brüder Grimm, der historischen Anekdote, dem Witz, Tik Tok.
Eine Sondergattung unter den Fabeln sind solche, die von sich behaupten, dass sie „neu“ sind und „zutreffend“; das sind die Geschichten, die Journalisten erzählen. Historisch betrachtet ist der Anspruch der Zeitung die „Neuesten Nachrichten“ zu bringen eher ein Marketingtrick; vieles wiederholt sich und nicht alles hat gestimmt.
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Aufschrei: Opfer sexistischer Behördenwillkür erwägt Auswanderung
Die nicht mehr ganz junge Frau heißt Ilona Irgendwie, trägt einen Lorexpullover, dessen Oberweite ein Dirndl ausfüllen könnte und deren Hüften eine Litfaßsäule, und nennt mich „junger Mann“, barsch und mit abfälligem Ton. Sie fragt mich mit erhobener Stimme, wo ich die Sonnenbräune her hätte, und unterrichtet dann sogleich, dass „die mitte Schlipse“ es immer eilig hätten. Aber nicht mir ihr.
Um einige Fotokopien beglaubigen zu lassen, hatte ich eine Nummer auf dem Rathaus gezogen, um dann eine dreiviertel Stunde zu warten. Endlich an der Reihe, erfahre ich von der missmutigen Dame vom Amt, dass immer nur eine Kopie beglaubigt wird und ich für jede weitere wieder zurück in den Warteraum darf. Damit ist der Vormittag um.
Ich brüderle nicht, mache eine Faust in der Tasche und will auch nicht wieder mit der Großbaustelle des Berliner Flughafens anfangen. Bestimmt nicht. Aber es wächst doch in mir die Gewissheit, dass dieser Staat nicht kann, was wir von ihm erwarten. Weil die Staatsdiener alles sind, aber keine Diener des Staates, zumindest nicht der Staatsbürger.
Ich bin kein Gewerkschaftsfresser, im Gegenteil. Mindestens einen vollen Monat soll der Arbeitnehmer Urlaub machen dürfen, bezahlten, versteht sich. In vielen Arbeitsverträgen stehen heute meist 30 Tage. Zehn, elf Monate arbeiten und ein, zwei Monate urlauben, das gilt als fair.
Berliner Beamte fehlen aber fast vier Monate im Jahr. Knapp drei Quartale arbeiten, gut ein ganzes Quartal blau, das ist von den Unkündbaren besonders schlau. Das Geheimnis liegt in der Möglichkeit, sich krank zu melden.
An der Spitze liegen aber die Beamten des Berliner Senats, bundesweit: Sie melden sich pro Jahr 37,6 Tage krank. Mit Urlaub kommt man also als Staatsdiener in der Hauptstadt auf vierzehn Wochen Abwesenheit.
Man kann vernünftigerweise nur einen Schluss ziehen: Mörderjobs, die den Menschen da zugemutet werden. Unvernünftigerweise liegt noch der Schluss nahe, dass die Motivation schlecht ist und der Arbeitsdruck gering.
Beides, Überforderung wie Unterforderung, zeugen von einem Versagen des Arbeitgebers, der Vorgesetzten. Die Behörde animiert zu Gammeldienst. In Berlin ist Missmanagement noch mehr die Regel als im Rest der Republik. Arm, aber faul.
Jeder Malermeister, der so seinen Job anginge, würde im Konkurs landen. Von der Arbeitsverdichtung in der Industrie wollen wir gar nicht reden. Hier regiert der Weltmarkt durch. Für die Selbstständigen des Mittelstandes ist der Name die Botschaft. Man arbeitet selbst und ständig.
Die kleinen Familienbetriebe erweisen sich als Hamsterrad, in dem ein wirtschaftliches Überleben ununterbrochenen Fleiß erfordert. Wer eine Berliner Amtsstube betritt, wird hiervon nichts bemerken. So ist die menschenleere Baustelle des BER vielleicht doch ein treffendes Symbol.
Zur Faulheit kommt die Querulanz und mit der Missstimmung steigt der Krankenstand. Insbesondere an Freitagen, wenn der Donnerstag ein Feiertag war. Überhaupt zeigt sich in der Anfälligkeit für Krankheit eine Struktur.
Die Betriebsräte mögen dem widersprechen, was ihr gutes Recht ist; der Zweifel des Bürgers bleibt.
In Pankow ist sie jetzt aber eifrig, die Bessermenschen der Kommunalverwaltung. Die Häuser werden durchforstet nach Ferienwohnungen. Luxussanierungen sind behördlich untersagt. Man erkennt sie an Durchbrüchen, an Hängeklos und Fußbodenheizungen. Da kommt dann der Blockwart.
Was mit der Wiedervereinigung passiert ist? An der Oberfläche hat der Westen den Osten annektiert; im Wesen die DDR ganz Deutschland. Überall hört man diesen Ton der Preußen aus dem Osten.
Und so ist die Spitze des Staates adäquat besetzt; mit den salbadernden Ossis Merkel und Gauck. Pläne, auszuwandern.
Quelle: starke-meinungen.de