Logbuch
DEM KARL MARX SEIN MANTEL.
Der Bärtige aus Trier lebte im Londoner Exil ist so ärmlichen Verhältnissen, dass er gelegentlich seinen Mantel ins Leihhaus bringen musste, um sich das tägliche Brot vom Mund abzusparen. Oft half der besser gestellte Freund Friedrich Engels aus. Es wird in der Literatur berichtet, dass die Arbeit an seinem Hauptwerk, dem KAPITAL, dadurch stark behindert wurde, da er den Lesesaal des Britischen Museums nur in stattlicher Kleidung betreten durfte. Ohne Mantel gar nicht. Zudem gibt es eine Debatte, ob es sich um einen Wollmantel gehandelt habe oder einen aus Leinen. Diesen Fragen habe ich mich gewidmet.
Die zeitgenössischen englischen Zeitungen bezeichnen den Winter 1858 auf 1859 als arschkalt. Marx musste von seiner Wohnung in Soho bis nach Bloomsbury durch die Kälte stapfen. Ich bin es gestern unter sommerlichen Bedingungen mal abgelaufen und habe eine gute Stunde gebraucht. Es ist völlig unplausibel, dass der Bärtige das in einem Leinenmantel erledigte, einer Naturfaser, die wegen ihrer kühlenden Wirkung im Commonwealth populär war, aber doch nicht im garstigen Wetter an der Themse. Marx wird einen schweren Wollstoff getragen haben.
Wegen der protokollarischen Anforderungen im British Museum wird es ein Blackwatch gewesen sein, ein schweres schottisches Stück blau-schwarzer Art; vermute ich. Keine Militärkleidung in Khaki oder eines der heute noch populären Kleidungsstücke aus dem Schützengraben, sogenannte „trench coats“ (trench ist der Schützengraben). Wolle also. Ich tippe auf „wool melton“. Aber das ist pragmatisch argumentiert. Untersucht man die Anekdoten um den „coat of Marx“ philologisch ergibt sich noch eine andere Spur.
Im KAPITAL verwendet Marx einige Mühe auf die sogenannte Wertanalyse. Er will den Warenfetischismus entzaubern und wählt das Beispiel von einem Ballen Leinwand und einem Mantel. Das mag oberflächliche Leser zu der Annahme verleitet haben, der Mantel sei aus Leinen. Unsinn. Zu doof für das KAPITAL und keine Ahnung vom Wetter im winterlichen London.
Da wir über Regenmäntel sprachen. Ich trage einen fünfzig Jahre alten der Marke Burberry und ein jüngeres Stück von Aquascutum. Beide unverwüstlich, aber der zweite exklusiver. Wurde just in dem Jahr, da Marx in London fror, dort patentiert. Aqua: Wasser. Scutum: Schild.
Wasserdicht. Ja, das Londoner Wetter. Wie sind wir jetzt darauf gekommen?
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DER FLIEGENDE HOLLÄNDER.
Spräche mich ein bankrotter Komponist auf der Flucht vor seinen Gläubigern an, ob mir an einer Auftragsarbeit läge, etwa der Fassung meiner Lebensgeschichte als Oper, so würde ich die günstige Gelegenheit nutzen und mein Schicksal als die Tragik des fliegenden Holländers auf die Bühne bringen. Dessen Fluch liegt ja seit Alters her darin, dass er durch alle Stürme zu gehen hat, aber niemals einen ruhigen Hafen findet. Als Geisterschiff erscheint er den braven Fahrensleuten, die das Kap der Guten Hoffnung zu umsegeln haben, um die Verlockungen Indiens zu erreichen. Mag es Vasco da Gama gelungen sein, Afrika zu umschiffen, ihm ist es auf ewig ebenso verwehrt wie den Seuchenschiffen, die Venedigs Doge verbannt. Auf ewig hat er den Stürmen zu trotzen.
Mein Leben als Wagner Oper. Darüber ließe sich ja reden, aber wer will schon als Holländer enden? Nun, da hilft die Aufklärung eines früher unter Seeleuten gängigen Übersetzungsfehlers. THE FLYING DUTCHMAN war unter Seefahrern ein Deutscher. So wie „dutch courage“ bis heute im Englischen jener Mut ist, dem reichlich Bierkonsum vorausging. Wagner will das Stück zudem nach Norwegen verlegen, was mir recht wäre. Lieber ein Vikinger als ein Moff. Oder gar ein windiger Portugiese wie dieser Vasco da Gama (siehe Roger Crowley, Conquers, How Portugal Dorfes the first global empire, Faber&Faber).
Die Norweger sind zwar nicht in der EU, aber wahre Europäer. Ferner mit Öl & Gas gesegnet. Sie haben sich ferner gerade unter den Atomschirm Frankreichs gestellt. Das alles scheint mir schlau für einen Anrainer Russlands. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Wagner hat seine Idee vom fliegenden Deutschmann von Heinrich Heine, der die alte Seefahrersage mit der schwachsinnigen Idee verknüpft hat, dass der Fluch über den Heimatlosen sich erst auflöse, wenn er die Zuneigung einer stets treuen Frau gefunden habe. Das wiederum ist typisch für den sentimentalen Düsseldorfer Heine; er selbst ein notorischer Rumtreiber, den sehr früh zu Paris die Syphilis dahinraffte. Frauen sind nicht selten treu, sie haben es erfunden.
Kann ich, nachdem ich das freiwillig eingeräumt habe, mit der Aufhebung des Fluches rechnen?
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POLITISCH LIED - GARSTIG LIED.
Heute nur Langweiliges. Beiläufige Erlebnisse aus der Welt der Systemparteien. Bitte um Nachsicht.
Ganz tief in der Provinz Brandenburgs treffe ich auf den Schwager. Och, denke ich, der Schwager, schau mal einer an. Er setzt sich an die Spitze einer Bürgerinitiative zur Erhaltung von unbewachten Badestegen. Das verbietet das Bürgerliche Gesetzbuch, aber Michael Kellner hat es geschafft, dafür den RBB zu interessieren. Kellner ist der Schwager von Patrick Graichen, dem Zuschläger von Robert Habeck, der sich bei Besetzungen nicht mehr an seinen Trauzeugen erinnerte. Hier macht er das, was so ein Volksdeputierter in seinem Wahlkreis macht; ich vermute das nur und sehe es aber trotzdem mit Respekt.
Mittags noch habe ich an einem Info-Stand vor der Heiland-Kirche zu Moabit den Deutsch-Italiener Federico Quadrelli kennengelernt, der für die SPD in Moabit und dem Belgischen Viertel vom Wedding kandidiert. Straßenwahlkampf. Ein kreuznetter Soziologe der jüngsten Generation, der sich in die Pflicht nehmen lässt für einen Verein, dem es im Moment nicht an der Wiege gesungen wird. Ich hoffe, er hat eine Chance in der Partei des Herrn aus Palästina und sehe sein Engagement mit Respekt. Ciao bello ciao!
Abends dann im TV die Wahl von Wolfgang Kubicki aus Braunschweig zum FDP-Vorsitzenden mit einer Side-Show der Dame, die man laut jüngerer Rechtsprechung straffrei als Flintenweib empfinden kann. Ich habe dem gelegentlich schon mal windigen Advokaten Kubicki erst vor zwei Wochen persönlich per Handschlag meinen Respekt mitgeteilt, dafür dass er noch mal ins Geschirr geht.
Zu den CDU-Granden Friedrich Merz und Henne Wüst, der die Haare schön hat, habe ich hier schon was gesagt. Grüne, Sozen, Liberale, Konservative… Was soll dieser Zirkus mit abgeschmackter Politik der Altparteien? Wieso ausgerechnet dazu Respektsbezeugungen? Weil all das besser ist als das rechte Regime, dem ein Viertel meines Vaterlandes neue Politik zutraut, das aber im Kern nur Volksgemeinschaft kann und nur Volksgemeinschaft will.
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Politisch korrekt: demokratisch defekt
Die Grüne Woche in Berlin geht zu Ende. Das Bio-Öko-Pille-Palle-Geschwätz aller Orten verebbt. Reden wir wieder von dem Recht, dass wir uns als Staatsbürger mit Messer und Gabel umbringen dürfen, auf jede uns genehme Art. Treten wir den hohlwangigen Agenten der Gesundheitsdiktatur entgegen. Es gibt ein Leben vor dem Tode. Beginnen wir mit dem Rauchverbot.
Das Rauchverbot gilt auch im Land des Marlboro-Manns. Schluss mit Freiheit und Abenteuer. Da es sich um einen Fall von „politischer Korrektheit“ handelt, wird der Bann mit ganz eigenem Nachdruck umgesetzt. Der weitgereiste Jeremy Clarkson erzählt, dass man im „land of the free“, den Vereinigten Staaten von Amerika, ein Gebäude im Besitz der Bundesregierung („federal building“) nicht mehr mit Rauchermaterial betreten dürfe, jedwedem Material, nicht nur nicht mit den Blättchen, die die Selbstdreher nutzen (und dann so eigenartig dicke Zigaretten haben, die so anheimelnd riechen).
Die Benutzung von Parkplätzen der Polizei sei unmöglich, berichtet Clarkson, wenn man einen Zigarettenanzünder im Auto habe. Das Recht, Feuerwaffen zu tragen, ist aber Menschenrecht. Bei einer Minderheit der amerikanischen Öffentlichkeit gibt es inzwischen Zweifel an der Sozialverträglichkeit von automatischen Angriffswaffen.
Die Waffenlobby setzt den Gedanken der allgemeinen Lehrerbewaffnung dagegen. Als gelernter Pauker kann ich nur sagen: Es hat ein paar Momente gegeben, da hätte ich gerne mal das Eisen sprechen lassen. Insbesondere im Lehrerzimmer, vor allem aber beim Elternsprechtag. Warum nicht auch allgemeine Bewaffnung der Schüler? Ach ja, „under-law“. Alkohol dürfen ja auch nur Volljährige. Und Trinken auf der Straße, gar aus unverpackten Schnapsflaschen, das verbietet sich eh; jetzt auch in Tübingen, schreibt der grün-alternative Herr Palmer, der OB, in seinem Blog. Er kommt aus einer Bewegung, die mal mit „free dope“ angetreten ist. Der harte Kern hat sogar die allgemeine Volksbewaffnung gefordert und sich in klammheimlicher Freude ergötzt; aber daran wollen die früheren Kommunisten nicht mehr so gern erinnert werden, gell, Herr Trittin?
Abendessen im St. John. Hinter den riesigen Schlachthöfen Londons liegt das Restaurant in einem unscheinbaren Hinterhof. Freunde haben uns gesagt: Achtet auf das Schwein im Galopp. Wir finden es auf einem Türschild, es wirbt für Außerhausverkauf. Brot und Wein werden zum Verkauf angeboten. Durch eine Einfahrt betreten wir den Innenhof vor einem Pub (überdacht, ein Fenster auf, aus juristischen Gründen): Man sitzt an Tischen und raucht zum Getränk Pfeife, Zigarre, Zigaretten. Links eine Bäckerei unter Glas, rechts die Treppe rauf zum Speisesaal.
BSE, hier „mad cow disease“ genannt, stand im Verdacht, durch „meat on the bone“ oder durch das Knochenmark verursacht worden zu sein. Das gibt der Vorspeise den Thrill. Man sitzt auf Gartenstühlen an kargen Holztischen, lutscht Kuhknochen aus und trinkt einen Weißwein aus dem Libanon. Wegen BSE bei Lebensgefahr, wunderbar. Danach eine rauchen im Hof. Dann etwas, das am Ort „unresponsible drinking“ heißt und sich großer Beliebtheit schon bei Heranwachsenden, auch jungen Frauen,erfreut. Das „land of the free“ ist, das sei den Deppen der tea-party-Bewegung in USA mal gesagt, an der Themse.
Ich berichte der trunkenen Gesellschaft, dass in Deutschland Rumpelstilzchen umbenannt werden soll, weil das diskriminierend ist als Ausdruck. Der Wicht heißt am Ort ganz nach deutscher Lautung Rumpelstiltskin und gilt als Deutscher. Das sagen sie aber anders, ein Hunne heißt es, „a nazi prat“. Dabei haben sie richtig Spaß und knuffen mich. Englische Diskussionskultur. Diese perfiden Albinos, denke ich, sage es aber nicht laut, weil der Tommy bei Kneipenschlägereien auch nicht schlecht ist.
Quelle: starke-meinungen.de