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FUCKER.

Man unterscheide die „Wahrheit über was“ bitte von der „Werbung für was“. Einige meiner ProfessorenkollegInnen gehen da notorisch fehl. Ein Missionar ist deshalb kein Schriftgelehrter und schon gar nicht umgekehrt.

Mittagessen mit einer sehr netten Medizinpädagogin in einem kleinen Lokal in Augsburg am Eingang zur FUGGEREI. Das ist die erste Sozialsiedlung Europas, lerne ich. Ein karitatives Symbol der reichsten Familie der damaligen Zeit. Schindet Eindruck bis heute, über mehr als 500 Jahre. Sie finanzierten Kurfürsten und den Kaiser sowie eine Handvoll Bettler.

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts verzeichnet die schwäbische Siedlung „fucker advenit“, die Fugger sind angekommen. Aus Webern wurden Textilhändler, daraus Welthändler aller Güter, Bankiers schließlich, die reicher als der feudale Adel waren, die Herren ihrer Zeit, und die selbst dem Kaiser seine Politik bezahlten.

Kuriose Orte der Weltgeschichte, wo die BEGRIFFE zu sich selbst kommen; mein neues Buchprojekt. Heute die Fuggerei. Warum füttert jemand ostentativ eine Handvoll Obdachlose durch, der Heerscharen von Kurfürsten alimentiert? Weil er ein Exempel christlicher Nächstenliebe vorzeigen können will. Nennt sich „Corporate Social Responsibility“ (CSR), ein PR-Trick.

Die Fugger werden weniger als ein Prozent für Soziales spendiert haben, wahrscheinlich weniger als ein Promille. Zur Erringung der Herrschaft reicht aber nicht das Scheckbuch (das die Fugger der Lilie erfanden); man muss auch die symbolische Herrschaft über das andere große Buch wollen, hier die Bibel. Das Ganze ist eine Frage der HEGEMONIE, aber das ist theoretisches Neuland.

Mit einem Motto belegt ist allerdings schon das Prinzip dieser repräsentativen SYMBOLIK: „Tue nur so und rede darüber.“ Der Kernsatz der PR. Die andere Version („Tue Gutes und rede darüber.“) ist eine alternative Wahrheit, nämlich PR für PR, also PR. Das eine Seelenfängerei, das andere Wissenschaft. Ein Unterschied. Soviel Zeit muss sein.

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ENTFREMDUNG.

Wenn König Artus nicht mehr der Held der Tafelrunde ist, sieht der Heilige Gral auch nur noch aus wie irgendeine Schüssel. Geschirr halt. Macht ist vergänglich.

Wer Kindern oder Enkeln beim Aufwachsen zusieht, erlebt eine Phase des FREMDELNS, in der das infantile Urvertrauen einer skeptischen Distanz weicht. Das kommt überraschend. Die Erwachsenen sind sich keiner Schuld bewusst. Man sah sie nicht kommen, aber plötzlich ist sie da, die ENTFREMDUNG.

Von innigen Beziehungen wird Ähnliches berichtet, dass ein Glück zerbrochen ist, ohne dass es einer Ankündigung bedurft hätte. Da irrt er, der Drafi Deutscher. Sie brechen eben doch: Marmor, Stein, Eisen und die Liebe. Was unzertrennlich schien, hat sich unbemerkt, aber endgültig entfremdet.

Der moderne Begriff stammt von Karl Marx, der damit seine Wehmut über den Niedergang eines anderen Begriffs beschrieb, den der ARBEIT. Er glaubte, dass es die ARBEIT sei, die unser Wesen ausmache, wenn man sich mit ihr identifizieren könne. Die Jungs waren da recht grundsätzlich unterwegs. Die Menschwerdung des Affen durch und mit der Arbeit; so lautete ein Aufsatz seines Kumpels Friedrich Engels. Davon entfremdet die Lohnarbeit, ein Verhängnis des Kapitalismus.

Über einen Managementwechsel lese ich gerade auch etwas unter der Überschrift der ENTFREMDUNG. Natürlich bezogen auf das „Ancien Régime“, das sind die jeweils Geschassten. In der Politik spricht man vom Phänomen der ENTZAUBERUNG, das den Niedergang des Charismatikers zum Komiker begleitet. Wo liegt der Grund für diese schleichende Vergänglichkeit?

Bei allen genannten Fällen in der unterstellten IDYLLE. Große Lieben können scheitern, Zweckehen aber halten.

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DIE WISSENSCHAFT.

Es gibt Kontroversen, die mehr sind als bloße Streitereien, nämlich paradigmatisch. Also aufschlussreich im übergeordneten Sinne. Dazu gehört die Aggro-Forderung, DER Wissenschaft zu folgen.

Eine Professorin, die aus einem Wirtschaftsforschungsinstitut heraus den Ausbau von Solar- und Windenergie fördert, sieht eine „fossile Lobby“ erfolgreich gegen DIE Wissenschaft, DIE Frauen und DIE Zivilgesellschaft. Sie fordert ein Ende der „Zweifel“ an DER Wissenschaft und damit Gehorsam gegenüber DER Regierung. Blinde Glaubensgewissheit.

So sieht das jedenfalls ein anderer Wissenschaftler, dessen Qualifikation als Philosoph unzweifelhaft ist, der aber seine Zitierwürdigkeit riskiert, weil er sich aggressiv konservativ äußert, wo er es auch liberal könnte. Ich höre auch Reaktionäres bei seinem Publikum. Zudem ist er ein ALTER WEISSER MANN; er nutzt dieses Verdikt geradezu als Marke. Sein Haus ist nah am Wasser gebaut; jenen Sümpfen, in denen die Malaria der Propaganda brütet. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Nun zur Kontroverse mein Wort: DIE Wissenschaft gibt es nicht als politische Handlungsanweisung, schon gar nicht als Gehorsamsbegründung gegenüber der Politik. Der ZWEIFEL ist das Medium der Aufklärung, nicht eine satanische Unart. Man kann DAS Klima nicht leugnen, weder in die eine noch in die andere Richtung. Und der Gegner DER Wissenschaft ist auch keine Weltverschwörung, ganz gleich, ob das Satanische jetzt fossil, viril oder zivil sei. Oder alles drei. Verfolgungswahn der Inquisition, gnä Frau!

Natürlich gibt es Dinge, die relativ zweifelsfrei vernünftig sind nach gegenwärtigem Stand der Diskussion. Zum Beispiel das Kriterium der Effizienz. Geringerer Schaden bei höherem Nutzen, gesamthaft betrachtet. Nennt sich Ökobilanz. Ein wissenschaftliches Instrument begründeten Zweifels.

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Moral als Waffe: von der Logik der Säuberungen aus nichtigem Anlass

Es ging um eine alberne Petitesse, aber eine peinliche. Leider hatte Richard, der Rächer, so hieß er damals, daraus keine Schlinge knüpfen können, die er im Blatt über einen Galgen werfen konnte. Der Magazin-Journalist, den ich meine, stand in seinem Regionalbüro und schlug mit der Faust an die Wand: „Das Schwein kriege ich noch!“ Man hatte ihm in der Zentrale seine Meinung kaputtrecherchiert; leider für ihn somit ein Halali ohne Beute.

Seine Kollegen erinnern sich an diesen Moment bis heute als Beginn ihres Befremdens darüber, wie weit Presse gehen sollte. Mittlerweile erleben wir, dass sich der Säuberungswille auch auf die eigene Berufsgruppe richtet. Es gibt jetzt – ganz selbstbewusst und mit erhobener Stimme – Krähen, die den anderen ein Auge aushacken. Aus berufsethischen Gründen, sagen sie. Sie nehmen dafür öffentliche Ehrungen an. Das Leben sei kein Ponyhof, heißt es.

Mit den Gepflogenheiten in Reitschulen kenne ich mich nicht aus. Als Gewerkschaftler ist mir der ganze Angang suspekt. Aber gut, das Leben ist sicher kein Debattierklub.

In Oxbridge lernt man zu streiten, ohne sich zerstören zu wollen. Man ist anderer Meinung, man schmäht schon mal spielerisch, aber man ächtet nicht. Das hält dieser Kampagnen-Journalismus anders. Er will erniedrigen und sich selbst erhöhen. Das ist der Kausalnexus der Übung: Selbstinszenierung als moralisch erhaben. Weiße Engel fliegen durch die Hölle. Und die Engel verbitten sich, dass man ihnen falsche Motive unterstellt. Es gehe ihnen um Sauberkeit, um nichts sonst. Sie sind ja die Sendboten Gottes. Räumen wir ein: Es geht den Inquisitoren nicht mehr um Leib oder Leben ihrer Opfer. Nur um den Ruf und den Job. Diese Inquisition zündet nur symbolische Scheiterhaufen an, sie ächtet die modernen Hexen und Ketzer, aber bringt sie nicht um. Soviel zum Fortschritt.

Die Säuberungswellen, die auf der Basis von wirklich beiläufigen Verfehlungen prominenter Opfer durch die Medien laufen, befremden mich immer mehr. Ja, da hat eine ihren Dienstwagen missbraucht oder einer ein Hotelzimmer geschnorrt oder im Flieger drei Reihen zu weit vorne gesessen. Deshalb muss ich ihn als Politiker outen, als Manager diskreditieren oder gar als Kollegen denunzieren?

Herdentrieb als Aufklärung getarnt: Die Meute beobachte sich in lauernder Hysterie selbst. Sie achte dabei durchaus auf Feinheiten, auf Nuancen der Abweichung. Die Inbrunst, mit der die anderen, alle anderen, vor allem aber jene, die zu Neid Anlass geben, zur Beobachtung anstehen, erkläre sich daraus, dass die Konformität Zeichen des Heils und die Abweichung der Vorbote größten Unheils sei. Ist ein Abweichler entdeckt und das delinquente Detail zur Menschheitsfrage aufgeblasen, wird er hinausgebissen aus der Meute. Er darf nun als Sündenbock in die Wüste getrieben werden, womit die Oase der Konformität wieder rein ist. Das ist die Logik dieser Säuberungen aus nichtigem Anlass.

Verhältnismäßigkeit ist hier kein Argument, weil der Zweck die Mittel heiligt. Die Sittenwächter sind moralisch rigoros. Das wirklich Monströse liegt in der Diskrepanz zwischen Vergehen und Strafe. Ein Fleck auf der weißen Weste wird entdeckt, und der Westenträger steht zur bürgerlichen Ächtung an. Es fehlt ein wenig an Humanismus, an christlicher Gesinnung, an rheinischer Gelassenheit, an westfälischem Wegschauen, an Liberalität, an mitmenschlicher Nachsicht, an Vergebenwollen…stattdessen eine Spur von Rache, Vergeltung…  und zwar bei wirklich banalen Anlässen. Und vom Publikum dieser Teufelsaustreibungen wird Unterstützung verlangt. Wer nicht für uns ist, knurren die Leitwölfe aus ihren Schafspelzen, ist gegen uns.

Unser Chef-Philosoph, der berühmte Professor aus Karlsruhe, begründet das moralische Halali dieser medialen Treibjagden mit dem Unbehagen in der Kultur, eine Vorstellung von Sigmund Freud, ein tiefes Unbehagen an unserer  Kulturisation, das sich atavistisch zu entladen sucht. Und weil er belesen ist und gebildet, holt er die ganz große Keule raus. Er wird historisch grundsätzlich: „Nur in der jakobinischen Phase der Französischen Revolution, in der völkischen Revolution der Deutschen und in der Russischen Revolution sah man das  Phänomen, dass Kinder aufgefordert wurden, ihre Eltern bei den Instanzen der volonté générale zu denunzieren.“ Es handle sich um „moralgeschichtliche Singularitäten“, an die man hier erinnert werde.

Die Erinnerung an den Terror des Robespierre verortet die Säuberung dort, wo sie ethisch hingehört: außerhalb einer humanistischen Kultur, außerhalb des Christentums, außerhalb der Aufklärung und außerhalb einer demokratischen Zivilgesellschaft. Säuberungen gehören als politisches Konzept in das Verhaltensspektrum des Wolfsrudels: homo homini lupus. Es mag vielleicht große Verbrechen geben, die die Guillotine rechtfertigen; ein lächerlicher Spesenbetrug gehört sicher nicht dazu. Nicht in jener Welt, in der ich leben möchte.

Quelle: starke-meinungen.de