Logbuch

DISKRETION.

Die schottische Regierung hat alle Artikel zur Menstruationshygiene gratis gestellt. Nun gut. Und einen PR-Menschen eingestellt, der als „Perioden Würde Offizier“ jetzt auf Staatsknete wirken wird. Die TIMES ist tiefenverwirrt. Ich teile das.

Es handelt sich um einen „jungen“ Mann mit dem Erscheinungsbild eines Bademeisters, der zuvor PR-Manager bei einem Tabakkonzern war und sich frei von jedweder medizinischen Vorkenntnis weiß. Die Kommentatorin der englischen Zeitung ist sprachlos; wortreich sprachlos. Ihr Entsetzen entspringt den Paradoxien, dass die Menstruation junger Frauen nun einer staatlich verordneten Fürsorge der PR durch einen mittelalten Mann anvertraut wird, der zuvor suchterzeugende Drogen verscheuert hat. Der darf nun Onkel Doktor spielen?

Ich sage zu dem eigentlichen Thema nix, weil es etwas ist, zudem ich als alter Mann nun wirklich nichts beizutragen habe. RESPEKT zeigt sich auch in DISKRETION. Vielleicht sogar vor allem darin. Punkt und Absatz.

Vielleicht doch das: Mir gefallen diese Schwimmtrainertypen mit notorischem Interesse an Kindern und Jugendlichen und deren Intimitäten nicht. Da habe ich ein Vorurteil; tiefsitzend, auch wenn ich dem schottischen Kollegen in der Periodenwürdebrigade da jetzt Unrecht tue. Man lese die jüngsten Nachrichten aus den Sportverbänden.

Aber ich lese jetzt auch, dass es einen öffentlichen Auftrag zur generellen Reduzierung von Hygiene gibt, Stichwort DUSCHEN. Der gute alte Waschlappen kommt zu neuer Ehre. Und das ebenso seltene wie vorwiegend kalte Duschen. Lieber die ganze Familie in eine Wanne. Wg. Gas. Wg. Ukraine. Mir wäre lieb, wenn das Duschen keiner staatlichen Regulierung unterläge. Obwohl: Regulationsbedarf bestünde schon. Männer nehmen nämlich auf eine fünftägige Reise fünf Oberhemden mit, zwei Paar Socken und eine Unterhose. Der Rest ist Schweigen.

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DAS AUTO ALS GOTT.

Ein bayrischer Autohersteller verneint mit Recht, dass eines seiner Unfallfahrzeug AUTONOM gefahren sei. Autonom? Diese Begriffsverwirrung hat System. Das der Kurspflege vom Hohen Priester der Spekulation Elon Musk.

AUTONOM hieße “eigengesetzlich“, frei von jeder Fremdbestimmung. Autonom ist der Herrgott, aber nicht eine Karre für Freude am Fahren. Insofern hat BMW sowieso recht. Es wird „autonomes Fahren“ übrigens niemals geben. Nicht nur wegen der Ehefrau auf dem Beifahrersitz. Wenn irgendjemand nicht autonom ist, nie, dann der Automat. Selbst wenn er versucht, mir das Denken abzugewöhnen (was er versucht).

Man kann bestimmte Hilfstätigkeiten im Auto einem Automaten anvertrauen, so dass etwa ein Elektromotor beim Bremsen den Beinmuskel ersetzt. Oder komplizierter: Automatikgetriebe statt Handschalter. Gemerkt? Das heißt nicht „Autonomes Getriebe“, und zwar zurecht. Mit einer koordinierten Ansammlung von Sensoren und Rechnern und Elektromotoren fährt ein Auto fast (!) von selbst. Es hat eine Teilautomatisierung. Vielleicht eines Tages fast vollautomatisiert.

Das schwindelte der Guru Musk zu dem von seinem Genie beseelten Wesen eines jeden Tesla hoch. In der Antike ist das der Mythos vom jungen PHAETON: „Autonomes Fahren!“ Was die Kybernetik heute kann, das geht nur auf Autobahnen und nur bis Tempo 65, also nur im Stau. Alles andere ist Harakiri oder Börsen-Mythologie. Die Kybernetik weiß, dass nur die Standardisierung der Regelstrecke hilft, nicht die Komplizierung der Regler. Nennt sich REGELPARADOX. Beim Anrauschen eines Porsche mit 240 km/h von hinten, darf der Opelfahrer aus Erfurt nicht einfach autonom mit 92kmh, seinem Lieblingstempo, rausziehen. Weiß die Kybernetik. Und der Kenner der griechischen Mythen weiß, wie das mit dem jungen PHAETON ausging. So hieß übrigens auch das beste Auto, das Ferdinand Piëch gebaut hat. Habe ich sehr gern gefahren. Wurde eingestellt.

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HEIMAT.

Der gelernte Talkmaster (welch ein Wort) Harald Schmidt bekennt sich zu Köln als seiner selbstgewählten Heimat. Die Internet-Gemeinde staunt. Wie immer versucht er geistreich zu sein. Pointenzwang: es sei halt billiger als London oder Paris.

Kann eine Metropole Heimat sein? Sind sie nicht alle gleich, die großen Städte? Fragt man das die Bewohner der Nachbarstädte Köln und Düsseldorf, so kommt es zu entschiedenen Bekenntnissen der wechselseitigen Ablehnung. Dabei trinkt man an beiden Orten eine obergärige Plörre und feiert Karneval bis in die gemeinschaftliche Verblödung. Hat ein Häusermeer Charakter? Kann man in grauen Straßenschluchten verwurzelt sein?

München etwa hat den Vorzug, dass es nett liegt, man also bei der notorischen Stadtflucht in attraktiven Gegenden landet. Kitzbühel zum Beispiel. Auch Hamburg hat was; nämlich Sylt. Und zu Stuttgart, dem Moloch in einer stickigen Talenge, da fällt mir gar nichts ein. Man übertrage das Harald-Schmidt-Wort zur geliebten Heimat auf ein Mädchen: nicht hübsch, aber billig. Geht gar nicht, richtig?

Nun, dann vielleicht der Geburtsort. Wo stand Deine Wiege? Wo drücktest Du die Schulbank? Wo ist Deiner Eltern Grab? Wessen Mundart prägte Deine Sprache? Hier mögen die Völker mit unauslöschlichen Dialekten aus der Not eine Tugend machen; ich nenne nur die schwäbelnden Schwaben in Berlin als unbeliebteste Gruppe von Zuwanderern. Oder der Sachse, der immer und überall am Tonfall zu erkennen ist. Ich kann dem allen wenig abgewinnen. Die Trauben, die zu hoch hängen, sind dem Fuchs aber immer zu sauer. Ich gestehe, ich bin mit Emscherwasser getauft. Da hat man keine Heimatstadt als Idylle.

Vielleicht sind es nicht Städte, aber Landstriche, die unser Herz binden? Ich bitte Sie. Wie kann Ostwestfalen-Lippe oder Meck-Pomm als Region Heimat sein? Oder der vordere Taunus? Die fanatischste Heimatliebe stammt immer von den Zugereisten, die rechtfertigen wollen, warum sie jetzt am Arsch der Welt wohnen. Oder von den angestammten Dorftrotteln, die nie unter Mamas Rock hervorgelugt haben.

Was bleibt? Die Cowboy-Logik: „Home is, where I hang my hat.“

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Moral als Waffe: von der Logik der Säuberungen aus nichtigem Anlass

Es ging um eine alberne Petitesse, aber eine peinliche. Leider hatte Richard, der Rächer, so hieß er damals, daraus keine Schlinge knüpfen können, die er im Blatt über einen Galgen werfen konnte. Der Magazin-Journalist, den ich meine, stand in seinem Regionalbüro und schlug mit der Faust an die Wand: „Das Schwein kriege ich noch!“ Man hatte ihm in der Zentrale seine Meinung kaputtrecherchiert; leider für ihn somit ein Halali ohne Beute.

Seine Kollegen erinnern sich an diesen Moment bis heute als Beginn ihres Befremdens darüber, wie weit Presse gehen sollte. Mittlerweile erleben wir, dass sich der Säuberungswille auch auf die eigene Berufsgruppe richtet. Es gibt jetzt – ganz selbstbewusst und mit erhobener Stimme – Krähen, die den anderen ein Auge aushacken. Aus berufsethischen Gründen, sagen sie. Sie nehmen dafür öffentliche Ehrungen an. Das Leben sei kein Ponyhof, heißt es.

Mit den Gepflogenheiten in Reitschulen kenne ich mich nicht aus. Als Gewerkschaftler ist mir der ganze Angang suspekt. Aber gut, das Leben ist sicher kein Debattierklub.

In Oxbridge lernt man zu streiten, ohne sich zerstören zu wollen. Man ist anderer Meinung, man schmäht schon mal spielerisch, aber man ächtet nicht. Das hält dieser Kampagnen-Journalismus anders. Er will erniedrigen und sich selbst erhöhen. Das ist der Kausalnexus der Übung: Selbstinszenierung als moralisch erhaben. Weiße Engel fliegen durch die Hölle. Und die Engel verbitten sich, dass man ihnen falsche Motive unterstellt. Es gehe ihnen um Sauberkeit, um nichts sonst. Sie sind ja die Sendboten Gottes. Räumen wir ein: Es geht den Inquisitoren nicht mehr um Leib oder Leben ihrer Opfer. Nur um den Ruf und den Job. Diese Inquisition zündet nur symbolische Scheiterhaufen an, sie ächtet die modernen Hexen und Ketzer, aber bringt sie nicht um. Soviel zum Fortschritt.

Die Säuberungswellen, die auf der Basis von wirklich beiläufigen Verfehlungen prominenter Opfer durch die Medien laufen, befremden mich immer mehr. Ja, da hat eine ihren Dienstwagen missbraucht oder einer ein Hotelzimmer geschnorrt oder im Flieger drei Reihen zu weit vorne gesessen. Deshalb muss ich ihn als Politiker outen, als Manager diskreditieren oder gar als Kollegen denunzieren?

Herdentrieb als Aufklärung getarnt: Die Meute beobachte sich in lauernder Hysterie selbst. Sie achte dabei durchaus auf Feinheiten, auf Nuancen der Abweichung. Die Inbrunst, mit der die anderen, alle anderen, vor allem aber jene, die zu Neid Anlass geben, zur Beobachtung anstehen, erkläre sich daraus, dass die Konformität Zeichen des Heils und die Abweichung der Vorbote größten Unheils sei. Ist ein Abweichler entdeckt und das delinquente Detail zur Menschheitsfrage aufgeblasen, wird er hinausgebissen aus der Meute. Er darf nun als Sündenbock in die Wüste getrieben werden, womit die Oase der Konformität wieder rein ist. Das ist die Logik dieser Säuberungen aus nichtigem Anlass.

Verhältnismäßigkeit ist hier kein Argument, weil der Zweck die Mittel heiligt. Die Sittenwächter sind moralisch rigoros. Das wirklich Monströse liegt in der Diskrepanz zwischen Vergehen und Strafe. Ein Fleck auf der weißen Weste wird entdeckt, und der Westenträger steht zur bürgerlichen Ächtung an. Es fehlt ein wenig an Humanismus, an christlicher Gesinnung, an rheinischer Gelassenheit, an westfälischem Wegschauen, an Liberalität, an mitmenschlicher Nachsicht, an Vergebenwollen…stattdessen eine Spur von Rache, Vergeltung…  und zwar bei wirklich banalen Anlässen. Und vom Publikum dieser Teufelsaustreibungen wird Unterstützung verlangt. Wer nicht für uns ist, knurren die Leitwölfe aus ihren Schafspelzen, ist gegen uns.

Unser Chef-Philosoph, der berühmte Professor aus Karlsruhe, begründet das moralische Halali dieser medialen Treibjagden mit dem Unbehagen in der Kultur, eine Vorstellung von Sigmund Freud, ein tiefes Unbehagen an unserer  Kulturisation, das sich atavistisch zu entladen sucht. Und weil er belesen ist und gebildet, holt er die ganz große Keule raus. Er wird historisch grundsätzlich: „Nur in der jakobinischen Phase der Französischen Revolution, in der völkischen Revolution der Deutschen und in der Russischen Revolution sah man das  Phänomen, dass Kinder aufgefordert wurden, ihre Eltern bei den Instanzen der volonté générale zu denunzieren.“ Es handle sich um „moralgeschichtliche Singularitäten“, an die man hier erinnert werde.

Die Erinnerung an den Terror des Robespierre verortet die Säuberung dort, wo sie ethisch hingehört: außerhalb einer humanistischen Kultur, außerhalb des Christentums, außerhalb der Aufklärung und außerhalb einer demokratischen Zivilgesellschaft. Säuberungen gehören als politisches Konzept in das Verhaltensspektrum des Wolfsrudels: homo homini lupus. Es mag vielleicht große Verbrechen geben, die die Guillotine rechtfertigen; ein lächerlicher Spesenbetrug gehört sicher nicht dazu. Nicht in jener Welt, in der ich leben möchte.

Quelle: starke-meinungen.de