Logbuch

KOCH ODER KELLNER?

Mit der rhetorischen Frage, ob man Koch oder Kellner sei, wird nach Über- und Unterordnung gefragt. Welch ein Unsinn, wenn der Kellner dabei verliert. Eine kleine Soziologie des Restaurants.

Historisch ist der Vergleich mit Koch & Kellner von Gerd Schröder und Joschka Fischer. Fiel zu Beginn von Rot-Grün an der Macht. Dann hungerte sich der Grüne runter und der Rote trainierte seine Leber. Mittlerweile fressen und saufen beide wieder notorisch. Vor allem war der Vergleich schon damals falsch.

Ein Restaurant ist eine Bühne, auf der der Restaurantleiter (vulgo: Kellner) wunderbare Stücke aufführt; an jedem Tisch ein anderes. Er unterhält seine Gäste mit Witz und Charme, schmeichelt ihnen, wird auch mal keck, zuweilen sogar frech. Nie langweilig. Ein Entertainer, der es bis zum virtuosen Künstler bringen kann. Allen voran der Sommelier, der Weinkellner. Meist ein Philosoph, oft ein Lyriker.

Welche Suppe er dabei aus der Kombüse rausschleppt, das ist eher zweitrangig. Ein guter Kellner empfiehlt ohnehin, was weg muss. Er offeriert Zur-Neige-Gehendes als kulinarische Kunstwerke, die sonst, was er verschweigt, bald in die Tonne müssten. Eine rhetorische Kunst! Die meisten Köche können nicht kochen; sie tauen ohnehin nur im Wasserbad auf, was der Lieferant („Convenience Food“) in Plastikbeuteln angeliefert hat.

Ein Restaurant kann einen mittelmäßigen Koch überleben, niemals aber einen schlechten Kellner. Disclaimer: Alle Restaurants, in denen ich verkehre, haben fabelhafte Köche. Haben die Kellner mir versichert.

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AUTORITÄT.

„Die Macht schafft das Gesetz, nicht die Wahrheit.“ Wir haben es in der Corona-Pandemie gelernt, es gibt sie nicht, DIE Wahrheit. Der Anspruch der Medizin ist sehr viel bescheidener: „Zumindest nicht schaden!“ Der Rest ist staatliche Autorität.

Ich gehe gleich zu einer Auffrischungsimpfung und frage vorher den Doc, ob er findet, dass ich das tun sollte und hoffe, dass sein Rat mir nicht schadet. NOLI NOCERE („zumindest nicht schaden“), mehr kann Medizin nicht als Wahrheit vorbringen, wenn sie ehrlich ist. Weder für den Politiker Lauterbach noch den Facharzt Drosten gilt, dass sie eine Wahrheit im Singular anzubieten haben. Einer von diesen beiden ist zwar vom Fach (Drosten), aber auch das schützt nur vor ganz groben Fehlern.

Die Lateiner sagen, dass die Autorität das Gesetz macht, nicht die Wahrheit. So ist der Staat als Staat, eine Machtausübung, die ich für legitimiert halten kann oder nicht. Aber auch das hat etwas mit MEINUNG zu tun, mit Mehrheitsmeinungen, nicht mit Wahrheit. Der Bürger der Moderne sagt: Ich beuge mich. Noch ein Mal oder noch eine Zeit. Und dann wähle ich Dich ab! Er sagt nicht: Schenke mir die Wahrheit.

Was wahr ist, wissen wir gewiss erst, wenn wir wieder mal entdeckt haben, geirrt zu haben, zum Beispiel weil wir belogen wurden. Die Macht neigt zur Lüge, wenn es ihr nützt. Deshalb frage ich lieber nach dem Nutzen, nicht nach Wahrheiten. CUI BONO: Wem nützt das?

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DER JOE VON DER ZEIT.

Ein Hoher Priester der Publizistik, notorisch mit moralischer Bugwelle, erweist sich als zwielichtig biederer Hanseat. Die übliche Doppelmoral der Sich-Besser-Stellenden. Meine Bitte um Nachsicht.

Im Zusammenhang mit dem Steuerbetrug, der sich in vermeintlichem Latein CUM EX nennt, wird ein privater Brief von Josef „Joe“ Joffe, Herausgeber der ZEIT, bekannt, in dem er zugibt, einen von investigativer Recherche betroffenen Bankier (WARBURG) vorgewarnt zu haben. Er habe den anstehenden Artikel verzögert, rühmt er sich wohl. Intern einen milde Form von Verrat oder extern eben ein Freundschaftsdienst.

Und im gleichen Brief eine Klage darüber, dass sein Depot bei eben dieser Bank schlecht geführt sei. Es gab Verluste. Eine Krähe… Man pflegt eine hanseatische Freundschaft. Es ist diese DOPPELMORAL, die die ZEIT schon lange für mich schwer erträglich macht. Zudem hat mich ein Redakteur aus diesem Haus mal wirklich übel vorgeführt. Ich hätte ihn damals verklagen sollen, war aber zu feige. Heutzutage würde es gerichtlich Prügel setzen.

Also, der Brief ist privat und gehört eigentlich nicht in die Öffentlichkeit. Er zeigt auch nur, dass die Philister Philister sind. Und erklärt, warum man sich vor den Moralaposteln hüten soll, die in ihren Blättern Wasser predigen, aber heimlich Wein saufen. Schließlich: der „Joe“ hat den Journalisten OLIVER SCHRÖM (ein harter Hund!) am Ende gar nicht aufhalten können. Die Geschichte erschien. Der Investigative erfreut sich jetzt seines Sieges über die Bourgeoise im eigenen Haus und bei der Bank. Gegönnt.

Warum bin ich so milde gestimmt? Wegen einer Empfehlung, die der Editor in dem Brief an den Banker gab. Er leistete meiner Profession AKQUISE-HILFE. Der beschuldigte Banker solle eine exzellente PR-Agentur engagieren, war sein Rat. Gute Idee! Every little bit helps.

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Das Ende der rosa Zeiten: Warum eine Zeitung starb

War sie nun pink oder lachsfarben, die deutsche Financial Times? Jedenfalls nie schwarz. Eine viertel Million Euro oder eine halbe hat das Blatt in den Sand gesetzt. Wie kann man eigentlich dem Rest der Welt Lektionen über Wirtschaft erteilen wollen, aber selbst nichts davon verstehen? Man kann, als Journalisten, weil dies der Berufsstand mit besonderem Recht auf das Paradoxe ist.

Paradox ist die Wehmut der Lachsfarbenen. Es hat sie jener Neoliberalismus gerichtet, zu dessen Lob und Preis die Rosa Gang angetreten war. Christoph Keese hatte aus allen Redaktionen Journalisten zusammengekauft, wenn sie denn nur plietsch genug waren. Die Tempel dieser Frischen standen in der City und der Wall Street. Die Deutschland AG roch nach Muff. Die Plietschen wollten ein Blatt für den Casino-Kapitalismus. Der ist aber, welch eine Neuheit, zyklisch. Im Moment sind wir unten, ganz unten. Und Schuld haben, wen wundert es, die anderen.

Bei Barbie sitzt eine larmoyante Schar geschasster Journalisten. Sie nennen Barbie nicht bei ihrem Spitznamen, sondern sagen brav Karin. Die Fischküche um die Ecke von Gruner & Jahr ist in zwei Jahrzehnten zu einem Medientreff geworden; das gekachelte Restaurant mit dem Charme einer Aufbahrungshalle hat die FTD von Kindertagen an erlebt. Damals konnten die Herrschaften vom rosa Blatt vor Kraft nicht gehen und rissen Witzchen über die Inhaberin, die mit einem Fischrestaurantmogul aus dem Hafen in Verbindung gebracht wurde. Heute ist die „Schülerzeitung“ (Karin über das Blatt ihrer Gäste) platt, und die als Barbie verspöttelte Karin gibt der Fischküche selbstbewusst ihren Nachnamen. Willkommen in Brahms Restaurant, Kajen 12 am Binnenhafen.

Im Schein der roten Lampions, mit denen Brahm die Leichenhalle anheimelig zu gestalten sucht, werden die Wangen der Gescheiterten rot. Die Industrie habe versagt, weil sie nicht hinreichend Anzeigen geschaltet habe und nicht massenhaft Abos gezeichnet. Das habe sie jetzt davon, die Industrie. Ich sitze nicht zum ersten Mal hier und wundere mich. Die jetzt der mangelnden Unterstützung gescholtenen Unternehmen waren früher eigentlich immer nur die Arschlöcher, denen man es schon zeigen werde. Und deren Pressesprecher die Oberdeppen.

Einer der Gründungschefredakteure hat den Plan jetzt noch mal in einem Nachruf bekräftigt. Man habe nicht mit Pressesprechern reden wollen, sondern nur direkt mit den Vorstandsvorsitzenden, referiert Christoph Keese in der WELT. Und sein Redakteur Smolka leckte im eigenen Blatt die Wunden: Eine diktatorische Medienpolitik der PR-Leute habe sie gar nicht an die Vorstände rangelassen. Wohl wahr, als Ersatz gingen dann einschlägige Spin-Doctoren beim späteren Chef Klusmann ein und aus. Statt stolzem Angeln von Lachsen wurde dann im Trüben gefischt. Nicht immer, nicht von allen, aber doch allzu oft. Wir, die stigmatisierten Pressesprecher, wissen, wer bei der FTD platzieren durfte; nicht die Gentlemen der Branche.

Keese sagt, sie hätten sich nur den Aktionären der Unternehmen gegenüber verantwortlich gefühlt, nicht dem Management oder der Belegschaft. Gowers feiert das Blatt als Fanfare des Shareholder Value. Hier liegt die bittere Wahrheit. Der Tunnelblick galt der Börse. Kultur hieß hier Aktionärskultur. Die FTD war, die Herren räumen das noch immer freimütig ein, ein Spekulantenblatt. Shareholder Value ist das Mantra eines entfesselten Finanzkapitalismus; richtiger gesagt: war das Mantra. Tempi passati.

Wo ging Andrew Gowers nach seiner Zeit als Chefredakteur der FT hin? Als PR-Chef zu Lehman Bros., ja, der berühmt-berüchtigten Investmentbank, deren Pleite die internationale Finanzkrise auslöste. Dann zu BP. Ja, Deepwater Horizon… Und Christoph Keese, das Talent von Bertelsmann, ist heute Public-Affairs-Manager bei Springer, ja, bei Axel Springer. Das erscheint nun den Arbeitslosen in Barbies Fischküche wie ein Menetekel.

Die FTD ist nicht journalistisch gescheitert, nun gut, aber sie hat sich journalistisch auf Kreise und auf Zeiten abonniert, die vorbei sind. Und dafür tragen nicht Schicksalsschläge die Schuld, sondern eben jene Helden, zu deren Verehrung Gowers und Keese angetreten sind. Tragisch. Karin bringt noch eine Runde billigen Grauburgunders. Der zu kalte Wein wird gestürzt. Der Abend, sage ich voraus, wird auf der Reeperbahn enden. Genau, böse enden, sagt Barbie. Und die kennt sich aus. Denn sie ist wirklich plietsch.

Quelle: starke-meinungen.de