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NEUREICH.

Der italienische Geigenbauer Antonius Stradivari hat in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wohl tausend Violinen gefertigt, von denen gut die Hälfte noch erhalten ist. Gehandelt werden diese Instrumente für zweistellige Millionenbeträge; also ist der Sog nach Fälschungen erheblich. Und der Kult des Originalen. Am liebsten an der Wange einer Diva.

Es gehört zu den philanthropischen Gesten vermögender Geigenbesitzer das Instrument einer begabten Musikerin zur Verfügung zu stellen. Einige herausgehobene Geiger haben gar eine eigene. Man kann sich vorstellen, welche Bedingungen die Versicherungen an den Betrieb so alter Holzschachteln stellen, wenn die in die Haftung kommen.

Zum wirklichen Wunder kommen wir zum Schluss; zunächst zum Vordergründigen. Ich bin nach einer Fabrikbesichtigung in den Bergen über‘m Genfer See (Uhren) zum Nachtessen zufällig neben einem Herrn aus dem Russischen gesessen, der etwas zu Zigarren zu erzählen wusste. Da im Beau Rivage (Barschel) aber das Rauchen untersagt ist, sind wir nach dem Dessert zu einer Monte Christo auf sein Boot. Lag drüben bei den Franzosen.

Er hat die Stumpen in einem Feuchtraum, Humidor genannt, der wiederum in einem Safe saß; innen. Auf dem Boot mitten in der Lounge. Die meisten Oligarchen haben nicht alle Latten am Zaun. Als er „übererfrischt“ von all den Wässerchen ist und sentimental, holt er hinter den Zigarrenkisten eine Geige raus. Er nennt sie „strad“ und kann sie nicht spielen. Ich führe ihm vor Augen, dass wenn er mit dem Kahn auf dem Lac Leman absöffe, auch die Fidel ruiniert sei. Eine Strad ersäuft man nicht.

Da sagt er, plötzlich des Deutschen fähig: „Chlaus, dann auch egall!“ Man könne nämlich den Unterschied zwischen einer Strad und einem guten Neubau gar nicht hören. Niemand. Trotz der 18 Millionen, die das Ding gekostet habe. Ich habe das bei Experten geprüft. Es stimmt.

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ELEMENTARSCHÄDEN.

Niemand versteht, warum der Flussanlieger keine Versicherung gegen Hochwasser kriegt. Sauerei. Ich bin kein Versicherungsfachmann, staune aber über die Debatte. Vorweg: Allen Flutopfern jede Hilfe und Gottes Segen. Aber wer hat geraten, so zu bauen, dass man damit der Natur trotzt?

Wenn jemand sein Haus nah am Ufer eines Flusses baut, von dem man geologisch wissen kann, dass er immer wieder über die Ufer tritt und dabei Täler schneidet, sprich Zerstörung anrichtet, dann geht er sehenden Auges ein Risiko ein, von dem er wissen kann, dass es bei ihm wahrscheinlich eintritt. Wer dagegen einen sicheren Ort zum Hausbau sucht, vermeidet dieses Risiko. Warum soll jetzt der Zweite eine Versicherung gegen die Risiken des Ersten mitfinanzieren? Er würde dessen Unvernunft doch quersubventionieren. Das ist die Debatte.

Wenn ein Gesamtrisiko insgesamt für eine Gemeinschaft erwartbar ist, es aber nicht absehbar ist, wen es aus der Gemeinschaft trifft, so kann es Sinn machen, dass jeder einen kleinen Beitrag in einen Topf legt, aus dem dann der seltene große Schaden beglichen wird, von dem man wusste, dass er im Prinzip passieren kann, aber nicht vorher sagen konnte, bei wem. Versicherung wäre dann eine kollektive Vorsorge für ein gemeinschaftlich zu erwartendes Risiko bei denen, die es individuell unerwarteterweise trifft. Unverschuldet.

Aus vielen Gesprächen mit Geschädigten weiß ich, dass man dann als Bürger vom Staat eine allgemeine Lebensfürsorge erwartet, insbesondere bei Schicksalsschlägen. Der Gott-hilf-Effekt. Wenn der dann nicht in Haftung geht, ist man empört. Im Osten wird das dann als typisches Versagen des Westens gelesen. Im Westen als Kapitalismus oder das übliche Staatsversagen. Wenn man ihn mal braucht, kneift er.

Und so ventiliert die Politik Parolen, wie man die Menschen (sic) vor der Natur schützen kann, wenn diese als Gewalt daherkommt. Das wäre aber immer bestenfalls eine Ersatzhandlung. Zuvorderst müsste doch die eigene Sorge stehen. Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott. Die Natur kennt keine Fürsorge, schon gar keine Idylle. Darum haben wir übrigens ein Dach über dem Kopf.

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ADDITIVE ENERGIEN.

Der einzige Backofen des Dorfes gehört mir; Backes genannt. Es gab nur einen je Dorf. Ich habe ihn bei der Renovierung eines Fachwerkhauses erhalten. Er erzählt eine Geschichte. Das knappste Gut der alten Zeiten war nicht das Korn für‘s Brot, sondern der Brennstoff zum Backen. Einmal die Woche wurde der Steinofen beheizt und die Dörfler brauchen ihren Laib, der hier gemeinschaftlich aufgebacken wurde.

Beheizt wurde mit Ästen, deren Sammeln in den Wäldern auch den Armen freigestellt war, kostenloses Brennmaterial. Die kalten Scheunen dieser Zeit waren groß wie Kirchen und die zu beheizenden Häuser winzig. Ein Dorf maß seine Kultur an der Anzahl der Feuerstellen. Energie war knapp, weil Licht, Kraft und Wärme. Knappheit als Wert. Das änderten die Kohle, das Öl, das Gas, dann die Kernkraft. Jeweils im Überfluss. Jedes in seiner Periode. Immer war die hohe Verfügbarkeit, sprich der geringe Preis, das Argument.

Knappheit treibt die Kosten. Billige Energie brachte Wohlstand. Das Argument hat sich verloren. Jetzt lese ich erstmals wieder bei einem französischen Multi: Man wolle die Menschen mit preisgünstiger Energie versorgen. Dazu nutze man alles, was es gibt. Fast kleinlaut die Anfügung, dass man dann irgendwann auch noch frei von Zeh-Oh-Zwei sei. Jedenfalls lese ich seit Jahren erstmals wieder, dass billige Energie Brot bedeutet, Wohlstand. Hier, nicht in China.

Unsere Energiepolitik ist zu einem vulgär-religiösen Institut geworden, jedenfalls ideologisch überlagert. Sie frönt der Vorstellung, dass es mit den erneuerbaren Energien eine vollständige Alternative gebe, die alles andere ersetze. Das mag irgendwann so sein. Für meine Zeiten und die der nächsten Generation wird es aber darum gehen, dass man alles nutzt, was man hat. Die Tesco-Regel: „Every little bit helps.“ Additive Energien eben.

Na gut, ohne die Energien des Bösen, Atom und Russengas. Das zweite haben andere uns verboten, das erste wir uns selbst. War beides wohl zu billig.

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Peer, der Patzige, schenkt reinen Wein ein

Der diskrete Charme der Bourgeoisie und die Volksnähe. Upstairs, downstairs. Peer hat wieder gepatzt und BILD hat es gemerkt. Er werde keinen Wein kaufen, der unter fünf Euro koste. Das gilt jetzt als arrogant, als abgehoben: Steinbrück, der Schnösel.

Der SPD-Kanzlerkandidat läuft damit in die Merkel-Falle. Mutti ist immer bescheiden, nicht nur, weil die Natur es ihr nahegelegt hat, sondern weil sie eine preußische Protestantin ist: Dienend verzehrt sie sich im Amt. Damit verdient man sich in deutschen Landen zugleich den Respekt des Volkes. Schon Heinrich Heine hatte uns gewarnt vor Politikern, die Wasser predigen, aber Wein saufen. Meint: teuren Wein, nicht das Aldi-Gesöff für 2,49€.

Steinbrück ist tragisch, denn er hat natürlich recht. Jeder Winzer, etwa an Rhein und Mosel, wo diese wunderbaren Rieslinge herkommen, kann erklären, was in der Flasche ist, wenn man sie als hippen Pinott Gritscho über die Alpen gefahren hat und nun für einen Spottpreis ins Regal stellt. Der Preis im Einzelhandel wird erkauft mit einer ökologisch fragwürdigen Landwirtschaft, mit Hungerlöhnen bei Herstellung und Transport, einer notwendig miesen Qualität: Aber der Verbraucher will es, jedenfalls erzeugt er diese Kaisalkette durch sein Kaufverhalten.

Abgestimmt wird an der Kasse. Wir sollten uns auf anständigen Riesling vom Rhein konzentrieren, auch wenn es dann nur für eine halbe Flasche reicht. Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken. Aber ist das eine sozialdemokratische Position? Ist das für den Boulevard politisch korrekt? Darf man das sagen? Nein, es klingt dekadent.

Das erinnert mich an Karl-Heinz, der zu Hause einen 5-Liter-Tetra-Pak-Sack mit Zapfventil hat, wo ihn die Null-Sieben umgerechnet keine 2 € kostet. Der Wein kommt aus Neuseeland oder Südafrika oder Australien und hat etwas, das Karl-Heinz „vollmundig“ nennt. Im Keller hat er noch zwei Säcke zu je 5 Litern, falls mal Besuch kommt. Ich war dabei, als er das einem Italiener erzählte, der daraufhin in blankem Entsetzen zu verzweifeln drohte. Aber der Reihe nach.

Federico überschüttet mich mit Entschuldigungen, weil er zu spät sei, um dann sogleich nach dem Befinden meiner Frau Mutter, den Kindern und dem Privatleben zu fragen. Die dritte Frage in dieser Reihe meint die Freundin, deren Existenz wie selbstverständlich unterstellt wird. Es wird nicht erwartet, dass man in Details geht. Man teilt hier das Leben generell in drei Bereiche, die absolut nichts miteinander zu tun haben: Geschäft, Familie, Privates. In jedem Bereich gelten völlig unterschiedliche Gesetze. Mit keinem Wort erwähnt der Ökonomie-Professor das Wirtschaftliche.

Hinzu kommt, eine halbe Stunde ist ins Land gegangen, der deutsche General Manager der italienischen Tochter eines internationalen Chemieriesen. Er heißt Karl-Heinz, erlaubt uns aber, ihn Charly zu nennen. Noch im Anlauf legt er sein gelbes Sakko, zu dem er eine braune Hose trägt, ab, und wir werden der Tatsache angesichtig, dass er Hemden mit kurzen Ärmeln bevorzugt.

Schlimmer noch: Das zur Kombination (so nennt man bei C&A wohl den Anzugersatz, den er schleppt) getragene Freizeithemd hat angeknöpfte Kragenecken („button-down“), unter die er einen Schlips gebunden hat. Button-down, short sleeves and tie: Das gilt weltweit als Killer-Kombi. Charly hat Chemie studiert und sich dann aus dem Labor („Per aspera ad astra, das ist Latein, meine Freunde…“) um die Welt bewegt, bis er „global-assignment-mäßig“ dran war. Er fragt zur Eröffnung, was der Laden (die Raffinierie) wohl kosten wird. Die Olive nimmt er mit den Fingern und grinst uns, das restliche Öl von den Fingern ableckend, grundfröhlich an.

Die Italiener bezweifeln, dass die Deutschen eine Kulturnation sind. Ich spüre den verhaltenen Ekel, das routinierte Entsetzen vor dem Karl-Heinz aus dem Labor. Federico versucht gleichwohl die Situation zu retten, in dem er erzählt, er habe den englischen Thronfolger, den er aus Oxbridge kenne, zur Eröffnung seines Institutes eingeladen.

Leider habe Charles abgesagt. Er fingert einen Brief aus seinem Sacco und liest vor: „His Royal Highness was very grateful for the invitation, however, after considering the possibilities, I regret that he has reluctantly concluded that this is not something he will be able to take on. I am sure you will understand that the pressures on his diary mean it is not possible to include all the engagements he would wish to undertake. He is so sorry.“ Die Lebensart besserer Kreise.

Was sagt da der „Namensvetter“ (Karl-Heinz über sich als Charly) über Prince Charles? „Wie, er hat nicht mal selbst geschrieben? Nur sein Privatsekretär. Da habe ich aber bessere Beziehungen, lieber Frederico…“ Federico versucht sich in dem Hinweis, dass er nicht Frederico heißt. Ohne Erfolg. Charly kennt sogar den Besitzer von Chelsea, aus alten Zeiten in Moskau, wo sie im „Nightflight“ waren, was ein ganz schlimmer Laden ist. Lautes Lachen. Bedeutungsvolles Anschauen.

Ganz ausrasten sehen wir ihn, als er entdeckt, dass der Wein mit einem dreistelligen Betrag auf der Rechnung steht. Das findet er dekadent. Womit wir wieder bei Peer Steinbrück und Angela Merkel sind. Der deutsche Karl-Heinz wird Mutti wählen. Peer wird Muttis Kassenwart. Nix wie wech: Gen Italien!

Quelle: starke-meinungen.de