Logbuch

HOODIE, DIE KAPUZE.

Junge Leute und finstere Typen tragen Pullover mit Kapuze. Auch Mütze und Kappe kommen wieder. Und natürliche Schutzwolle, sprich Vollbart. Neue Wilde.

Meine Frau Mutter war stets alarmiert, wenn man mit nassen Haaren an die frische Luft ging; sie wähnte das als Ursache von Erkältung, wenn nicht der Grippe. Ich habe aber Schal und Mütze gehasst. Man sah dann immer aus wie ein Muttersöhnchen. Oder, was schlimmer war, wie ein Mädchen.

Nun hatten die, die unter die Haube sollten, prächtiges Haupthaar, die Jungens wurde geschoren. Froren also leichter. Das haben dann erst der Rock-and-Roll und die „Pilzköpfe“ geändert. Man trug sodann auch als Mann „Matte“. Heute wird mindestens eine Seitenfläche des Schädels wieder geschoren. Aber wir waren bei Kapuze, der Cappa oder Haube.

Ich sehe mit dem Huddie auch erwachsene Männer, die sogenannte Start-up-Unternehmen betreiben, wozu unbedingt auch weiße Turnschuhe gehören. Es gibt einen strikten DRESS CODE, für jene, die dress codes ablehnen. Im Nacken den Huddie und im Gesicht einen wilden Bart. Hippster nennt sie eine junge Frau, die sich in der Szene auskennt.

Was ich noch von ihr über die Vollbärtigen erfahre, die sich wilde Haarmonster um die Mundwinkel sprießen lassen, denen gelegentlich auch Hinweise auf das gestrige Mittagessen zu entnehmen sind: die Herren rasieren sich die Beine und dazwischen. Nicht ihr Ernst!

Manchmal fühle ich mich wie ein Anthropologe im metropolen Urwald auf Entdeckungsreise zu neuen Wilden.

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VERTEUFELT.

Wer das absolut Böse kennt und bekämpft, kann schlecht Kompromisse machen. Aus der Verteufelung gibt es keinen Ausweg. Die Grünen sitzen in dieser Lebendfalle.

Wenn das vordringlichste Problem das des Klimawandels ist (und der durch Verbrennungen verursacht wird, vulgo menschengemacht ist) und alles, aber auch alles an der Emission von Kohlendioxid gemessen werden muss, dann muss man unter allen Umständen aus jeder VERBRENNUNG raus. Greta-Logik.

Wenn Importenergie die Exporteure mächtig macht, sei es den islamistischen Scheich via Öl oder den russischen Imperialist via Gas (und die amerikanischen Multis das wissen) und man deren Übermacht nicht will, dann braucht man eine HEIMISCHE Energieversorgung.

Nach diesem Chiasmus bleiben nur Sonne, Wind und Atom. Sonne und Wind sind teuer, sehr teuer. Atom könnte helfen. Auch als WIRTSCHAFTSFÖRDERUNG durch günstigen Strom. Das zerreißt die AKW-Rentner bei den Grünen. Politiker der ersten Stunde, die schon in Castor-Transporten den Weltuntergang sahen. Oder simulierten. Halt, stopp! Bei den Grünen in Deutschland. In Frankreich versteht man das, in England, in Schweden, in Finnland, you name it. Von den USA und China nicht zu reden.

Jetzt kommen die Hilfsargumente. Uran werde knapp, deshalb sei die Kernenergie nicht nachhaltig. Himmel hilf. Die Brütertechnologie kommt so wieder zu Ehren. Es gebe noch kein Endlager. Ach, das erste in Finnland steht zur Eröffnung. Die Baukosten stiegen. Ja, wie bei der Elbphilharmonie. Die Abfälle strahlten über Generationen. Stimmt, aber das emittierte Kohlendioxid stirbt ja wohl auch nicht freiwillig und friedlich mit siebzig. Alles Scheingefechte.

Das Problem der Zauberlehrlinge: So hilfreich die Verteufelung in der Opposition ist, so vertrackt ist sie in der Regierung, wenn es gilt mit Augenmaß Kompromisse zu schließen. Jetzt gilt es mit Beelzebub zu buhlen.

Die grüne Revolution frisst ihre Kinder. Stimmt das? Schwerer Gedanke.

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WASSER DES LEBENS.

Der Dichter Heiner Müller, der sich der DDR zurechnete, pflegte Zigarren zu rauchen und Whisky zu trinken. Als notorisch Depressiver beides übermäßig. Darüber wurde er immer lakonischer.

Nun halte ich ein mäßig lektoriertes Buch in den Händen, in dem im Titel des ihm gewidmeten Kapitels von „Whiskey“ die Rede ist. Das wäre die irische Variante. Heiner Müller trank aber das Original, den schottischen Whisky. Der Namen stammt von den klösterlichen Marketingexperten die AQUA VITAE (Wasser des Levens) so ins Gälische übersetzten. Müller: Whisky, weil der nach seiner Jugend schmecke. Hat er mir mal so erzählt.

In Schottland wird die Keimung der Gerste durch ein Darren mittels Torffeuer unterbrochen; das nennt der Eingeborene „peaty“, was dabei an Raucharoma entsteht. Peat ist Torf. In Sachsen, wo Heiner Müller aufwuchs, wurde mit Briketts aus Braunkohle in Einzelöfen geheizt; die Luft zeugte davon. Beides der gleichen Stoff, mit unterschiedlichem Grad der Romantisierung.

Ob man das literarische Schaffen von „Max Messer“ (so sein Pseudonym) für wesentlich hält, ist eine Frage des Standpunkts. Ich stimmte mit ihm jedenfalls in der Beurteilung vom irischen Whiskey überein. Eignet sich hervorragend zum Abbeizen alter Möbel.

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Pressefreiheit : Freiheit wovon und Freiheit wozu?

Entlassungswelle bei Journalisten, niemals seit 1949 wurden mehr auf die Straße geworfen. Die Verzweifelten werden nun in der PR, was der Pole beim Fliesenlegen, Schwarzarbeiter mit Prekariatsverträgen. Das tut aus mehr als einem Grund weh. Das eine sind Journalisten ohne Zeitung, das andere Zeitungen ohne Journalisten.

Wir sitzen im Restaurant des „Le Chambard“, eines modernen Familienhotels im elsässischen Kaysersberg, dem Geburtsort von Albert Schweitzer. Kaysersberg ist ein bezaubernder mittelalterlicher Ort mit einer wunderbaren Steinbrücke über dem Flüsschen, das früher die Mühlen antrieb. Der Bruder des Kochs gibt den Weinkenner und verkostet einen Pinot Gris von  Madame Keller der Domaine Weinbach, danach einen Gewurztraminer Cuvee Laurence 2009. Nicht ganz stilecht, er liebt offensichtlich Cowboystiefel und Bi-Color-Hemden, weiß er doch, was er ausschenkt, und fragt schließlich, wie wir zu ihm gefunden hätten.

Das Restaurant hatte, so erfahren wir, gerade heute eine Empfehlung in der WELT am SONNTAG. Nein, keine Anzeige. Ein redaktioneller Artikel, gezeichnet von einer Journalistin. Sie schreibt die vorgenannte Empfehlung einer Catherine Faller zu (was sich besser macht als ein Bruder des Kochs, der Cowboy-Stiefel trägt), was sicherlich nicht nur authentisch, sondern auch zutreffend ist. Der Artikel in der WELT ruft zum Besuch der Weihnachtsmärkte im Elsass auf, das sich „in den Wochen vor Weihnachten in ein Märchenland“ verwandle. Und nennt die Adresse vor Ort und im Netz des gelobten Lokals.

Uns hat hierhin aber nicht die geschätzte Sonntagszeitung gelockt, sondern eine Erinnerung an den Restaurant-Kritiker der FAZ, den wir vor einigen Monaten in der Weinstube eben dieses Hauses trafen. Jürgen Dollase gab sich nicht zu erkennen, aß mit Frau und Hund, bezahlte selbst und wohl auch privat und schrieb in seiner Zeitung anschließend nichts, jedenfalls keinen plumpen Werbetext. Als ich ihn nach dem Essen ansprach, war er fast peinlich berührt ob seiner Enttarnung, aber liebenswürdig wie immer. Wir sprachen über die Spitzengastronomie der Region. Er fragte nach unseren Lieblingslokalen daheim. Ich lasse seitdem keinen seiner Artikel in der FAZ aus. Er ist einer der letzten seiner Art. Nun aber von der FAZ zurück zur WELT, die den „Elsässer Charme“ (Titel) lobt.

Der Artikel in der WELT hat eine, nein, zwei Fußnoten. Die erste lautet: „Die Reise wurde unterstützt von Elsass Tourismus (Comité Régional du Tourisme d’Alsace).“ Die aus französischen Steuermitteln finanzierten Tourismusförderer hatten also statt einer Werbeanzeige eine Journalistin eingeladen. Dagegen spricht nichts. Für sie hat Emmanuel Nasti (der mit den Stecherschuhen) sogar eine reifen, hochwertigen Pinot Gris Altenbourg Quintessence de Grains Nobles 2008 entkorkt, wie sie schreibt. „Eine echte Bombe“, zitiert sie die charmante Catherine Faller. Na dann.

Quelle: starke-meinungen.de