Logbuch
ALPTRAUM.
Panik wegen eines bösen Traums? Träume sind Schäume! Das sagen jedenfalls jene, die ihre Alpträume verharmlosen wollen. Ganz anderer Meinung war der Wiener Psychoanalytiker Sigmund Freud. Er hat sie für eine verstellte Botschaft aus unserem Unterbewusstsein gehalten. Dabei glaubte er sehr stark an eine Verdrängung sexueller Inhalte. Das ES spricht aus uns, der TRIEB. Freud war ein klein wenig spießig, trotz oder wegen seines notorischen Interesses am Sexualtrieb.
Der Psychologe C. G. Jung ging noch weiter. Er nahm an, dass wir nächtens in die kulturelle Vorgeschichte der Menschheit abtauchen und ARCHETYPEN unserer Seele erinnern. Aus der Welt der Urväter und ihrer Götter. Da habe ich mich immer gefragt, woher wissen dass die Doofen, die nie eine Zeile HOMER gelesen haben? Und dann auch noch nachts, schlafend. Ich bin also bei Freud wie bei Jung skeptisch.
Mir ging es heute Nacht so: Ich war in echter Bedrängnis und musste dringend telefonieren. Ich hatte aber mein iPhone verlegt und nur so ein altes NOKIA zur Hand. So ein finnisches Scheißding. Höchste Not: kein SMARTPHONE. Ich wusste die Nummer meines eigenen Büros nicht mehr. Höllenqualen. Gibt es eigentlich noch diese AUSKUNFT, wo ein Frollein vom Amt verbindet? Oder eine Tusse von Wodafon einen Bandansagedienst auslöst, den man gar nicht wollte? „Ich lasse Ihnen die Nummer ansagen!“ Über diese Fragen erwache ich schweißnass aus meinem Alptraum. Ich muss mir deutlich machen, dass es nur ein Traum war. Boooh, in Gefahr und nur ein Nokia. Wünscht man nicht seinem ärgsten Feind.
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MIGRATION WAR IMMER.
Warum heißt der Berliner Ortsteil, den ich am Wochenende besichtige, eigentlich MOABIT? Ich muss etwas ausholen.
Zum Gründungsmythos der ISRAELIS gehört, das sie auf den Baustellen der Ägypter Zwangsarbeit leisten mussten (diese irren Pyramiden bauen, könnte sein) und sich verdrückt haben. Der berühmte EXODUS. Dort geflohen, nahm diese Migranten das Volk der MOABITER auf. Das fand sie gut. So kam MOBIT zu einem guten Ruf im Alten Testament.
Seit dem 17. Jahrhundert wurden aus dem katholischen Frankreich die Evangelischen vertrieben, damals waren das CALVISTEN, also Reformierte nach Schweizer Muster. Das moderne Entwicklungsland PREUSSEN nahm sie auf. In Berlin durften sie im Norden hinter der Spree siedeln. Da sie einen EXODUS hinter sich hatten, benannten sie die neue Heimat nach dem biblischen Vorbild eben MOABIT. Sie waren belesen und fleißig, beides wahrscheinlich im Unterschied zu den Eingeborenen.
Sprung ins 19. Jahrhundert. Es gibt nicht viele DOMINIKANER KLÖSTER, die nach der Reformation gegründet wurden; eines davon in Moabit. Ich rede mit dem Chef der Patres, ein tief gebildeter Mann mit großem Humor. „Na ja,“ sagt er, eine preußische Logik beschreibend, „lieber Katholiken als Kommunisten!“ Moabit sei in der Industrialisierung von sehr vielen POLEN besiedelt worden, die als Migranten in der Schwerindustrie des Fabrikherren BORSIG schufteten. Die waren von Hause aus Katholiken. Und den Dominikanern ans Herz gelegt, bevor die KPD aus dem Wedding ihre Seelen holt. Pater Michael lächelt. Ein kluger Mann.
In den letzten Jahrzehnten kamen auf die Insel MOABIT, das ist sie zwischen Spree, Kanälen und Westhafen, eine innerstädtische Insel, viele TÜRKEN als Gastarbeiter. Und diverse Asylbewerber, auch abgelehnte, die nun hier, wie das im Amtsdeutsch heißt, eine „Duldung“ erfahren. So haben wir, nachdem die Nazis die örtlichen JUDEN zur Vernichtung entführt haben, hier also mindestens zwei christliche Religionen, eine muslimische und ganze Heerscharen von GOTTLOSEN. Und den Hauptbahnhof. Jeder soll nach seiner eigenen Facon selig werden, lautete das preußische Motto. Jeder zweite Bewohner Moabits hat heutzutage einen Migrationshintergrund. Nach neuer Zählung.
Nach alter Zählung müssen es eigentlich alle sein, denn hier war ja nix, nur Sand und eine karge Viehweide. Alles andere ist zugezogen. Die Lokalpatrioten, von denen man gelegentlich hört, nennen den örtlichen Heimatverein, unter Einschluss eines erheblichen Grammatikfehlers: MOABIT IST BESTE. Eine Übertreibung, natürlich.
Vieles gefällt mir nicht. Bei diesen und bei jenen. Ob das historisch immer harmonisch war, im MELTING POT, dem Schmelztiegel jener, die mühselig und beladen waren? Das wäre die gleiche Frage wie danach, ob der Exodus wohl ein Ausflug war. Keiner!
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HARTGELD-LOBBY
In BRÜSSEL sehe ich, durch die Stadt schlendernd, in einem historischen Stadthaus, jetzt als Bürogebäude, Achtung, jetzt kommt es, die „Vertretung der deutschsprachigen Minderheit Belgiens bei der EU“. Das können nur drei Dörfer bei Eupen sein, in denen neben flämisch oder wallonisch noch teutonisch geschwätzt wird. Aber einen eigenen Repräsentanten. Spesenkonto wahrscheinlich nach oben offen. Insgesamt hat die Stadt 25.000 Spesenfähige, davon gut 1000 mit Schwarzen Kreditkarten (ohne Limit); die wollen bedient sein, die Karten. Der dicke Scheck für das dicke Geschäft.
In Straßburg war ich mal mit der Mitarbeiterin eines EU-Parlamentariers essen, in so einem Chicki-Micky-Laden mitten in einem Stadtpark, ich dachte erst, das sei ein Ausflugslokal, da bin ich für zwei Personen, vier Gänge und zwei Flaschen Wein knapp dreistellig geblieben, fast vierstellig. Euro, nicht Lire. Man muss es sich leisten können. Und wissen wo. Da viele dicke Spesenetats haben, ist es am Ende das GEWUSST WO.
Wie funktioniert die EU, sprich BRÜSSEL, wirklich? Ich mache es kurz: unterhalb der KOMMISSARE gibt es den riesigen Apparat der Bediensteten. Das ist aber auch in den nationalen Regierungen so: nicht den Minister, den Referatsleiter muss man kennen. In BRÜSSEL kommen die dann noch aus aller Herrenländer. Und haben Zirkel; aus Heimweh. Da gilt oft: Wer Sorgen hat, der hat Likör.
Bei einem KOMMISSAR, den ich aus Hong Kong gut kannte, habe ich mal dessen Bürochefin kennengelernt, eine fidele Irin. Die hatte jeden Dienstag ein Dinner in einer irischen Kneipe in BRÜSSEL, zu dem eine ganze Kohorte irischer Damen kamen, die an allen möglichen anderen Stellen der Bürokratie arbeiteten. Ein dezentrales Zentrum des Machtwissens. Im Schnitt wussten die alles! Wenn Du schlau warst, lungertest Du im O‘Reilly’s, und zwar dienstags, an einem der Nachbartische rum …
Nach der dritten Runde wurde die HEN‘S PARTY munter. Man musste allerdings vor der sechsten Runde wieder weg sein, sonst konnte es ein langer, ein sehr langer Abend werden. Also: französischer Abgang und zur Pommesbude Maison Antoine am Jordanplein. Hat immer bis um Eins auf. Hier treffen sich die, die den Dinnern und den Damen entfliehen konnten. Ich empfehle die große Tüte Pommes aus der Flämischen Frittüre, und zwar mit frisch gehackten Zwiebeln und Majo („speciale“). Für unter 10€ habe ich hier schon sehr interessante Leute bewirtet. Wie gesagt, mit dicken Schecks können es alle, mit Hartgeld nur die Profis!
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IKEA-Tand aus dem DDR-Knast: das passt!
Reden wir über den grünen Zeitgeist anhand dessen, was in Berlin Bulette heißt und in Bochum Frikadelle; reden wir über die Ökos im Spiegel von gebratenem Hackfleisch. Wenn das Brät flach ist und in einem Brötchen steckt, nennt es sich Hamburger; es wird dann bei McDoof oder WürgerKing serviert und ist der Untergang der Menschheit. Wegen der Regenwälder und der fettleibigen Kinder. Darum auch die Energiewende, wo wir in der Landwirtschaft durch Verstromung von Mais aus Nahrungsmitteln Bio-Brennstoffe herstellen. Das habe ich verstanden.
Rollt man das Brät zu kleinen Kugeln und legt es zu Preisselbeerkompott an Pommes und Erbsen auf einen Teller, dass sind das Köttbullar. Die gibt es bei IKEA, und sie sind moralisch ziemlich erhaben. Amerikanisches fast food richtet die Menschheit zu Grunde. Schwedischer Lachs oder eben Hackfleischbällchen, dabei erklingt ein leises Hosianna. Selbst Hot Dogs werden hier zu Hostien, auf die man sich zudem so viel Senf und Ketchup schmieren darf, wie man will. IKEA, das ist real existierender Sozialismus, konsumtechnisch aber auf hohem Weststandard.
Es gibt eben die Buletten des Bösen, Burger genannt, die aus den USA kommen und wahrscheinlich gerade im Nahen Osten einen Krieg anzetteln. Und es gibt die friedfertigen Bullar mit Preisselbeeren, die dem besseren Menschen munden und die Glöckchen der Freidensengel erklingen lassen. Von wegen, Hack ist Hack. Alles hat, wenn man ökologisch bewusst lebt, seine tieferen Gründe.
Der Gutmensch, das wissen wir längst aus den Schweden-Krimis und von Pipi Langstrumpf, wohnt in Skandinavien. Da kommen ja auch ursprünglich die Piraten her, die missratenen Kinder der Grünen. Aber nicht jeder hat das Glück, sich von Knäckebrot und den genannten Köttbullar vor Ort ernähren zu können. Darum zog diese wunderbare Marke des grünen Lifestyles um die Welt. Die Tempel der Gutmenschen sind nunmehr aller Orten kenntlich als blaue Hallen mit der Aufschrift IKEA.
Wohnst Du noch oder lebst Du schon? Teelichter mit Duft, das ist hier der Schlager. Marketingleute nennen das einen Schnelldreher. Kaum im Regal, schon verkauft. Weihrauch erfüllt als bald die schlecht gelüftete Spießerbude. Das Rezept hatte die katholische Kirche schon bei einer heiligen Handlung, die sich Wandlung nennt. IKEA wandelt das öde Leben in ein glückliches. Man kann sein Glück kaufen, jedenfalls ein ganz kleines Stück.
IKEA bietet einen Devotionalienhandel zu kleinen Preisen. Was früher ein Wässerchen aus Lourdes oder ein Splitter aus dem Kreuz des Herrn war, das ist heute die Duftkerze im Glas. Sie kostet 99 Cent, nicht mal einen Euro. Dafür erklingt das Glöckchen der Wandlung im eigenen Heim. Der Aufbewahrungscontainer für die Infanten heißt hier in der blauen Halle, wo Torben und Inga toben, Kinderparadies. Paradies, drunter tun sie es nicht; man liebt das große Wort.
Wir wissen nun, dass IKEA nicht nur die Fähigkeit war, Pressspanmöbel aus Polen als schwedischen Lifestyle zu verkaufen, sondern auch Sofas aus dem DDR-Knast, gefertigt von Zwangsarbeitern der SED-Diktatur. Wir haben den Schund des Ostens und seine Schande angebetet als Reliquien einer westlichen Welt, als Symbole unserer Freiheit. Dazu erinnere ich ein Wort des Bundespräsident, dem ich in dieser Woche bei einer großen Rede zugehört habe.
Gauck schlug im Berliner Adlon bei einer Werbeveranstaltung der Süddeutschen Zeitung auf und sprach zur Wirtschaftsethik. Das war eine wirklich gute Rede, die sich mit Freiheit und Verantwortung beschäftigte. Gauck predigte lutherisch: in fester Moral und handgreiflichen Beispielen. Ob ausgerechnet das Luxushotel Adlon der richtige Ort für eine solche Ansprache war, daran mag man Zweifel haben, aber wir wollen nicht beckmessern.
Vor dem Adlon bis runter zum Brandenburger Tor war schon am Vorabend eine Demo mit Lichterkette gegen das Unrecht in der Welt. Der Pariser Platz schimmerte weihnachtlich im Glanz der deutschen Gutmenschen. Die dabei massenhaft verwendeten Teelichter kosten im Beutel zu 48 Lichtern 1 € 99 bei IKEA. Das Teelicht wird also für 0,4 Cent verkauft. In einem Aluminiumbecher. Die Herstellung des Alubechers verzehrt etwa das fünfhundertfache an Energie, die das Lichtlein dann erbringt. Aber es kostet halt nichts; nun, dazu später.
Der Satz des Bundespräsidenten lautete: Wer eine Jeans für zehn Euro kauft, kann wissen, dass er damit an Verbrechen an der Menschlichkeit teilnimmt. Ich würde es noch schärfer sage: Mit diesen Spottpreisen finanziert man Kinderarbeit und Umweltzerstörung; man schafft sie geradezu. Denn es ist der Junkie, der die Drogenszene nährt, nicht der Dealer. Wer ein T-Shirt für zwei € erwirbt, macht sich schuldig, ob er das nun wahrhaben will oder nicht. Und wer einen Döner für 99 Cent verzehrt, isst Gammelfleisch; er ist nicht nur ein Idiot, sondern auch ein Verbrecher.
Denn wir tragen als Verbraucher die Verantwortung für die Voraussetzungen unseres Verhaltens. Die wahren Preise werden immer gezahlt; die Frage ist nur, von wem. Dass gerade die grünlackierte Öko-Generation, die die IKEA bevölkert, sich darüber hat hinwegtäuschen lassen, gehört zur Ironie der Geschichte. Und ist typisch zugleich.
Der grüne Zeitgeist ist eine Vulgär-Religion. Es gehört zum Wesen aller Religionen, dass ihnen selbst offenkundige Widersprüche nichts anhaben können. Die Welt retten und auf Kosten der anderen leben, das geht in der Seele des deutschen Hauptschullehrers. Solche Bigotterie ist dem gesamten grünen Milieu nicht fremd. Vielleicht ist es dessen Grundfeste. Es ist diese konsumorientierte Verlogenheit, die den moralischen Anspruch der Weltretter beflügelt. Ob Weihrauch oder Duftkerze, ob alte oder neue Verlogenheit, es stinkt zum Himmel.
Quelle: starke-meinungen.de