Logbuch

DAS WUNDER DER WURZELN.

Vom Haus der Bundespressekonferenz schlendre ich im streikgelähmten Berlin rüber zur Charité und halte kurz inne am Karlplatz; nicht wegen des Arztes Virchow, der hier brav in Sandstein steht. Eine kleine Tafel verweist auf den dortigen Baumbestand und Bert Brecht, der über die Pappel Anfang der fünfziger Jahre schrieb:

„Eine Pappel steht am Karlsplatz

Mitten in der Trümmerstadt Berlin

Und wenn Leute gehn übern Karlsplatz

Sehen sie ihr freundlich Grün.

 

In dem Winter sechsundvierzig

Fror’n die Menschen, und das Holz war rar

Und es fielen da viele Bäume

Und es wurd ihr letztes Jahr.

 

Doch die Pappel dort am Karlsplatz

Zeigt uns heute noch ihr grünes Blatt:

Seid bedankt, Anwohner vom Karlsplatz

Dass man sie noch immer hat!“

Brecht hat sein bescheidenes Gedicht „Kinderlied“ genannt; das war aber nur zur Täuschung der Zensur. Hier ist böser Spott über die DDR-Diktatur und ihren „Bitterfelder Weg“, der schließlich bitter endete. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Hinter der dichterischen Freiheit, die aus dem profanen Karlplatz den edlen Karlsplatz machte, liegt die hässliche Wirklichkeit, dass die Pappeln immer wieder abgehauen wurden, noch in den Siebzigern; aber stets neu austrieben. Kein Verdienst der Baumschulen, die sich dessen rühmen, sondern eines gewaltigen Wurzelwerkes. Bäume prahlen mit ihren Kronen, leben aber von ihren Wurzeln.

Wer untertage mächtig, kann übertage zur Sonne streben. Der Gedanke hätte Brecht gefallen. Habe ich bei Luther geklaut. Von wegen Apokalypse und Apfelbaum. An der Charité angekommen, denke ich daran, dass der große BB hier verstarb. Nicht ohne Wurzeln zu hinterlassen.

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WELTFLUCHT.

Ich lese, wenn im Anflug auf ein Restaurant, niemals die Kommentare auf Guggel oder im Träffel-Ettweiser. Hier tobt die Querulanz und man erfährt etwas über den miesen Charakter des Rezensenten, niemals aber verlässliches über die Lokalität. Vor allem aber vermisst man HEITERKEIT. Der unzufriedene Gast ist immer ernst; es ist ihm ernst. Er hat den Charakter der Leberwurst. Der mittelalterlichen Medizin galt die Leber als Organ der Lebenssäfte; was heute dem Herzen oder den privaten Organen zugerechnet wird.

Es gibt wenig Hotelrestaurants, die wirklich funktionieren; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Der Niedergang jedes Lokals beginnt zudem damit, dass der Gastraum zum Wohnzimmer der Belegschaft wird. Ich habe hier eine Eckkneipe mit Außentischen, deren erster von Spülhilfe und Koch zum Rauchen genutzt wird. Ohnehin eine Plage, die Tabak-Junkies im Eingangsbereich; hier dann die Küche mit Service beim Perzen und Witzeerzählen, während im Lokal das Geschäft hängt. So wird das nichts.

Sitze gestern in einem noch leeren Hotelrestaurant; aber unangenehm lautes Palavern aus der Küche, im Lokal unüberhörbar. Man nimmt keine Rücksicht. Klar, das einzige, was wirklich stört, ist der Gast. Man macht zudem auf moderne asiatische Küche. Ich habe nichts gegen Fusionsküche; selbst nicht, wenn der Vietnamese Lamm mit Ente anbietet. Man nimmt ja jetzt so cross-over-Gerichte. Ich berichte aus dem DONG A in Tiergarten; sehr laute Küche, aber kein übler Laden. Es gab eine fein aufgeschnittene Entenbrust mit sauscharfem Gemüse. Auch die Spicy Beef Roll zu empfehlen; hatte ich statt Dessert. Da verstand ich dann endlich „Ente Schaf“.

Es ist Zeit, sich von den Widerlichkeiten der Welt und den Plattitüden der Politik wieder den famosen Dingen zuzuwenden. Bis hin, von mir aus, zu Heiterkeiten, und seien es Witze. Kann ich mal Pause von der permanenten Propaganda haben? Habe neulich schon über Kloster nachgedacht. Kapuziner Kresse züchten. Brot brechen, Wein trinken. Von mir aus auch Ente scharf.

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DIE IDEE DES NACHBARN.

Die großen Konditoren stehen mit langen Messern vor der Torte, die unsere Welt bedeutet, und wollen die Aufteilung der Kuchenstücke ändern. Das könnte den Krümeln eigentlich egal sein, aber sie haben gelernt, dass es beim Streit um die Sahnetorte sehr schnell zu Feindlichkeiten kommen kann und die langen Messer zu anderem Einsatz kommen als nur die Tortenstücke zu heben. Nachbarn werde Feinde.

Das Beispiel aus der Backstube ist eigentlich zu läppisch für die Erfahrung, die gerade die Ukrainer mit ihren beiden Schutzmächten machen, der alten, inzwischen ungewollten, und der neuen, die sich plötzlich launisch von einer anderen Seite zu zeigen droht. Osteuropäer und Balten schauen genau hin. Ich habe hier keine geopolitischen Vorlieben auszuloben oder zu verwerfen, weil mich die Sinnlosigkeit jedes Krieges vor solchen Kalkülen sperrt. Ich bin, was der scheidende Kanzler dieser Republik ein pazifistisches Provinzarschloch genannt hat. Bert Brecht hat mich nämlich gelehrt, dass man sich vor Zeiten, die Helden verlangen, als kleiner Mann zu hüten habe.

Die globale Torte wird also neu geteilt. Dabei darf man nicht jeden der großen Zuckerbäcker für ein Genie, gar den Weltgeist, halten. Es mag auch vordergründigere Motive geben, etwa den Neid auf die Kirsche auf dem Sahnestück des anderen. Aus der Clownerie der Stummfilme kennt man noch vordergründigeren Gebrauch von Torten. Mich dauern die Abscheulichkeiten auf allen Seiten, wenn auch unterschiedliche Grade der Entmenschlichung mich zur politischen Parteinahme veranlassen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Habe ich als Krümel, der nicht gefragt wird, wenn der Kuchen spricht, es auch konkreter? Ja, ich würde Europa gerne erhalten wissen. Mir imponiert noch immer die Idee einer Zusammenarbeit westlich gestimmter, sprich liberal gesinnter Rechtsstaaten als Gemeinschaft guter Nachbarn. Wer das als Deutscher zerstört wissen will, hat aus zwei Weltkriegen nichts gelernt. Hier liegt einer der Gründe, warum man die Neue Rechte auch dann nicht gewähren lassen sollte, wenn sie international Beifall erhält. Meine Meinung.

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Die Wende der Energiewende? Das ist sie wieder, die DDR!

Politik soll sinnvoll wirken, selbst dort, wo schlichte Willkür und blanker Irrsinn herrschen, versucht sie den Eindruck zu erwecken, sie folge irgendeiner höheren Logik. Politik will konzise und konsistent erscheinen, als Sachlogik ohne Alternative. Das ist in einer endlosen Folge von Ausreden und Verdrehungen die größte aller Lügen, die Lebenslüge einer machterhaltenden Demokratie.

Nichts ist alternativlos. Nichts ist zweifelsfrei. Der Wähler erwartet ein stimmiges Gesamtbild, ein Gemälde der Welt, so wie sie ihm gefällt. Die Politik hat aber nur ein Sammelsurium an Puzzlen, die sich nicht zusammenfügen, und wenn dann mal einige Puzzle-Stücke zusammenpassen, fügt sich nichts zum Gesamtbild. Die bittere Erkenntnis würde der Wähler, fürchten die Politiker, nicht verzeihen, deshalb heißt Politik in diesem Land: Es wächst zusammen, was nicht zusammen gehört. Wendelogik.

Das Volk will belogen sein. Welche Lügen es hören möchte, das finden die Demoskopen heraus, und liefern so das Herrschaftswissen für die Propagandamaschinerie. Tell me lies, sweet little lies? Nein, nicht ganz. Da der Wähler nämlich  verführt und nicht vergewaltigt werden möchte, gibt die von der Demoskopie geleitete Politik eben diese Logik nie zu. Sie sagt, dass sie die Wahrheit sage, eine Wahrheit ohne Alternativen, weil der Wähler seine Wunschbilder als Wirklichkeit präsentiert haben möchte.

Energiewende: Es begann mit der Erderwärmung und dem Weltuntergang durch Treibhausgase. Danach hätte man nur noch auf die Sonne ( ein galaktischer Kernreaktor) und den durch die Sonne erzeugten Wind setzen dürfen. Warum diese Energieträger als “ erneuerbar“ gelten, versteht niemand, der bei Verstand ist, aber gut; darum geht es ja nicht. Wir wollten angenehm leben, ohne die Natur zu verzehren.

Die rot- grüne Bundesregierung unter Schröder gab dann mit einem sogenannten Ausstiegsbeschluss den Kernkraftwerke eine über Jahrzehnte reichende Bestandsgarantie. Die schwarz- gelbe hätte das gern bis zum Sankt Nimmerleinstag verlängert. Aber dazu hatte die Atomlobby sie in protzigen Anzeigen und durch Prahlen mit Verhandlungsdetails öffentlich billig gemacht, was dem Wähler, der verführt, aber nicht vergewaltigt sein will, nicht gefiel.

Japan wurde von einem unterseeischen Erdbeben heimgesucht und erlitt einen Sunami. Dabei zeigte sich, dass eine sieben Meter Mauer kein hinreichender Schutz gegen eine neun Meter hohe Welle ist. Das hat die Physikerin Merkel angeblich echt überrascht. Die Überraschung teilten große Teile der Atomwirtschaft. Man glaubt es nicht. Wahr war: Fukushima schlug sich in der Demoskopie nieder, also wurde gewendet, was gewendet werden musste.

Jetzt qualmen sie wieder die Braunkohlekraftwerke in der Lausitz und im Rheinland. Der Duft  der DDR erfüllt wieder unsere Luft. Und die Energiepolitik geht in die staatliche Chaosverwaltung zurück, die wir aus der DDR kennen. Die FAZ diagnostiziert Planwirtschaft.  Dazu passt dann freilich auch, dass die Spitze des Staates von zwei ehemaligen DDR-Bürgern besetzt ist. Welcome home!

Will der Wähler das wissen? Ich debattieren mit dem fabelhaften Dottore Marco Scatiggio in Harry’s Bar. Marco weist auf eine Situation an der Theke. Eine sich deutlich dem Rentenaltern nähernde Damengruppe, modisch in jugendlichen Gewändern auftretend, von insgesamt drei Grazien hat sich dort installiert und lässt die Blicke erwartungsvoll durch den Raum schweifen. Man sucht Anschluss. Marco fragt mich nach einem Eröffnungsthema für ein Anbahnungsgespräch. Scherzend rate, die Damen auf ihre Enkel anzusprechen, weil das doch ein Lieblingsthema aller Omas sei.

Ich habe es kaum ausgesprochen, als sich aus der Ecke die bei Harry notorischen Stecher Luigi und Domenico lösen, an die Bar stiefeln und intonieren: „Meine Damen, Sie werden hier nichts bestellen können, weil das das Haus streng auf Volljährigkeit achtet. Dürfen wir Ihnen behilflich sein? “ Ich denke, das ist zu dick, viel zu dick. Marco grinst und sagt, ich solle es abwarten. Er summt den alten Barschlager  „Tell me lies, tell me sweet little lies…“

Der Wähler will belogen werden, und zwar nett. Verantwortlich für diese propagandageleitete Politik ist deshalb der Wähler. Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Ach so, ja, die Ladies sind dann kichernd mit den beiden Stechern abgezogen. Eco qua? Ach, der Marco; als Mediziner kennt er die Menschen. Und als Italiener kann er mit Frauen. Und er weiß, was er tut, ein Philosoph. Vielleicht geht er mal in die Politik. Er könnte es.

Quelle: starke-meinungen.de