Logbuch
INDISKRETION.
Über Privates tratscht man nicht. Vertrauliches hinterträgt man nicht. Der kleine Verrat ist moralisch so übel wie der große. Indiskretion ist verachtenswürdig.
Viel gelernt diese Woche. Eine Journalistin verteidigt, nach Vorhaltung durch eine Berufskollegin, den Vorstandsvorsitzenden der Springer AG, als eine im Privaten gefallene Äußerung des Granden gegen ihn verwendet werden soll. „Wer hat nicht schon mal im Privaten völligen Mist gesagt? Das verwendet man nicht.“ Sie hat recht.
Ein Lobbyist, zweites Ereignis, fordert einen beamteten Staatssekretär im Bundeskanzleramt auf, die Vertraulichkeit einer internen Arbeitsgruppe der Ampelkoalitionäre zu brechen. Der weigert sich. Ansprache: „Ach komm, da kann man doch mal eine Ausnahme machen.“ Sagt jemand, der früher für die Vergiftung mancher politischer Kreise mittels Durchstechen verantwortlich war.
Wüsste man jetzt gerne, wer die beiden Journalistinnen waren und wer der Lobbyist? Wieso ich zwei davon ein Vierteljahrhundert kenne, aber aus ganz unterschiedlichen Welten und die Tischmanieren des Herren unter aller Kanone sind? Das wüsste man vielleicht gerne. Oder auch nicht. Aber da gibt es hier keine STILLEN NACHRICHTEN.
Drittes Lernerlebnis der Woche. Stille Nachrichten? Das ist, höre ich, ein Zitat von dem legendären Friedel Neuber, dem Chef der Landesbank WestLB, der den Firmenflieger immer voller Fernet Branca hatte, wenn sie mit der halben Landesregierung das vertrauliche Ibiza-Wochenende machten. Friedel nannte seine Indiskretionen „stille Nachrichten“. Und mein Confident ist sich nicht sicher, ob die Flugbegleiterinnen wirklich Stewardessen waren. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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STAMMTISCH.
Ein vernichtendes Urteil: Das ist ja Stammtisch! Wenn etwas reaktionär klingt oder rassistisch oder gänzlich „un-woke“. Dann ist das Stammtisch. Warum eigentlich?
Ich hatte mal eine Meinungskolumne in der FR, der linksliberalen Frankfurter Rundschau, die in der Redaktion selbst wenig beliebt war. Die Damen der Kommentarredaktion empfanden mich als Fremdkörper. Der Chefredakteur erzählte mir, dass sie oft gegen meine Beiträge bei ihm zu intervenieren suchten, indem sie das Urteil verhängten, das sei ja STAMMTISCH-NIVEAU. Irgendwann hatte ich dann keine Lust mehr. Gestern traf ich die Nachfolgerin jenes Chefs und hörte sie, eine kluge Frau, öffentlich gendern; das provinziellere Publikum murrte.
Einst war der Stammtisch ein Ehrentisch in der Dorfkneipe, an dem die Honoratioren Platz nahmen, Konversation trieben und sich mit Speis und Trank erfrischten, mitten im saufenden Plebs. Der Bürgermeister, der Herr Pfarrer, der Arzt, der Apotheker und der Lehrer. Man übte sich kultiviert im Abusus von Alkohol, während das Vieh Haxen fraß und halt soff. Es ist zu vermuten, dass man eher konservativ war, vaterländisch und von jener Männlichkeit, die Kellnerinnen in das Dirndl schielt und auf den Hintern haut.
Den STAMMTISCHPAROLEN ist gemein, dass sie, wie alle Vorurteile, ein Körnchen Wahrheit enthalten, aber eine Hetze herbeischwadronieren, die so polarisiert, dass schließlich ein Feind zur Vernichtung ansteht und das härteste Mittel gerade recht ist. Hier kann man sich im Klartext über Erbfeinde auslassen und das Böse überhaupt. In allem ist man sich ganz gewiss. Es ist der Geburtsort dessen, was in heutiger Parteienlandschaft AfD heißt.
Aus dem Honoratiorentisch ist wohl die Petrischale geworden, in der das gesunde Volksempfinden wuchert. Hier übt sich die Stimme des Volkes; genauer gesagt, die Stimme jenes Teils, der sich durch die Eliten verachtet sieht. In Frankreich tragen sie dann gelegentlich GELBE WESTEN. In den USA wohnen sie in FLY OVER STATES, riesigen Provinzen, über die man nur hinwegfliegen kann. In Deutschland wohnen sie im Osten.
Neuerdings haben sie auch ein iPhone und äußern sich in den ASOZIALEN MEDIEN. Sie sind soziologisch nicht aus Akademikerhaushalten, sie wohnen nicht in den Metropolen, sie trinken keinen Latte mit Hafermilch, sie gendern nicht. Nur eine Minderheit? Nun, da bin ich mir nicht so sicher. Houston, wir haben ein Problem.
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SCHAUSPÜLER.
Wer den Rummel um die Stars verachtet, kann den berühmten Schauspieler schon mal scherzend SCHAUSPÜLER nennen oder Schausteller. Nichts als Fratzenschneider. Ein Darsteller ist noch kein Künstler.
Mein Freund Jürgen, Gott habe ihn selig, liebte solche Wortwitze. Selbst Plattitüde waren ihm da nicht peinlich. Der proletarische Spott des Ruhrpotts war sein Metier, gerade wenn er peinlich wurde und beißend und zynisch. Also: Kein Starkult mit den Fratzenschneidern. Allenfalls für Robert De Niro, da hätte er mich sich reden lassen. Aber wenn ein Mafia-Boss hinter einer Rolle gesteckt hätte, das hätte er wissen wollen.
Wenn es keine Schauspielkunst als KUNST gibt, was bringt den Ruhm? Nun, die ROLLE, nicht der Darsteller. Und hinter dieser das STÜCK, das aufgeführt wird, das WERK. Dann wüsste ich noch gern, wer der DICHTER ist und was er sonst so geschrieben hat. Ich will wissen, wem das THEATER gehört, der SENDER. Und was der MEDIENKONZERN sonst so macht. Insbesondere wenn sich dahinter die Tycoons und Oligarchen verstecken. Folge der Spur des Geldes!
All das will ich auch dann wissen, wenn ein Volk, man denke an DONALD TRUMP, eine TV-Rolle mit einer Person verwechselt und den Darsteller der Rolle zum Präsidenten wählt. Die Welt kann ein Theater sein, eh klar. Wenn aber das Theater die Welt zu regieren beginnt, wird man fragen müssen, wessen Werk sie da aufführt. Mit wessen Geld, zu wessen Nutzen?
Das galt vor dem TV-Star Trump für den Schauspieler Ronald Reagan wie den Medienmogul Silvio Berlusconi, wie es für jede Besetzung der Rolle „Diener des Volkes“ gilt. Hätte mein Freund Jürgen gefunden.
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Kanzler geht nur als Hosenrolle
Sorry, Peer, das wird nichts. Merkel ist wie Thatcher unersetzlich, jedenfalls in der Bewältigung der Krise. Steinbrück, der hanseatische Schnösel, hat keine Chance, weil er ein (alter) Mann ist. Das Kanzlern können nur (ewig junge) Frauen.
Man versteht die Finanzkrise nur, wenn man sie durch das Kaleidoskop der Gender-Forschung betrachtet. Banker sind Jungs, die nur spielen wollen, aber die Ökonomie, das ist ein Mädchen. Und die Göttinnen, das ist bekannt auf dem Olymp, verstehen keinen Spaß. Das mit den Griechen, die auf Pump leben, und den Spaniern, die Siesta machen, und den Italienern, die auch nur morgens und abends ein wenig Fleiß zeigen, das ginge alles gut, wenn da nicht die Göttin der Ökonomie wäre, eine humorlose Frau.
Es toben in Harry’s Bar vier englische Gentlemen, die in der City arbeiten, eine bürgerliche Klientel, aber doch unter der Wirkung etlicher Martinis, die die weißgekleideten Kellner aus einer Kühllade zaubern. Ein Schauspiel besonderer Art bietet sich mir, still hocke ich in der Ecke, in der Hemingway immer saß, und bin fasziniert. Die Bartender sind von ausgesuchter Höflichkeit und übersehen mit Grandezza, wie die Investmentbankerbengel Wirkung zeigen.
Man ist mit RyanAir eingeflogen und will nun Venedig ertränken. Die Party steigt, und der mittlerweile beim Vornamen gerufene Italiener soll mal eine Runde geben. Es gibt keine Runden bei Harry, aber die Gläser kommen doch. Das Spiel geht in die Endrunde, als die Treffer im Sprachzentrum nun auch die Gehwerkzeuge irritieren. Die Rechnung kommt und die Herren aus der City ziehen 1200€ über eine Kreditkarte. Von wegen Freibier, das glauben eben nur Jungs.
Beim Rausgehen sehe ich sie dann. Sie sitzt aufrecht, kerzengerade am Ende der Bar auf einem Hochstuhl vor einem kleinen Tischchen mit einem PC und einer Kasse. Eine kluge und nüchterne Frau. Mit freundlichem Ernst hat sie die Kellner verfolgt und jeden flüchtigen Zettel eingetippt. Die Herren Kellner, die groß tun, schleppen Gläser, aber kein Geld. Hier wird addiert, eingenommen, verrechnet, ein Beleg erzeugt. Das Geheimnis der Nonchalence von Betrunkenen und Trankgewährenden ist, dass die Jungs spielen, aber nicht abrechnen. Wie im wirklichen Leben.
Danach ins Theater. Eine Komödie des großen William Shakespeare, in der es um das Kreditwesen geht. Ein Kaufmann aus Venedig federt seine Liquiditätslücke, entstanden durch ausstehende Handelsschiffe, mit einer Zwischenfinanzierung, für die der Kreditgeber aber weder Zinsen noch Sicherheiten will, sondern als Kreditausfallversicherung ein Pfund aus dem Fleisch des Beliehenen. Seltsame Gepflogenheiten, aber der Banker war pissig, weil der Kaufmann ihn ansonsten wie einen Hund behandelt habe. Am Ende, wie gesagt, es war eine Komödie, siegt die Gnade vor Recht, und alles liegt sich in den Armen. Es fehlte halt im Theater die ernste jungeDame des wirklichen Lebens. Im Leben wie bei Harry werden keine Schulden erlassen.
Quelle: starke-meinungen.de