Logbuch
AM FETTEN DIENSTAG.
Mardi Gras, das ist heute, der Fette Dienstag. Ab morgen, dem Aschermittwoch, wird vierzig Tage lang gefastet. Erst Ostern geht es wieder rund mit Müßiggang und Völlerei. Bevor wir uns mit Luther beschäftigen, dem feisten und verheirateten Mönch, der alle Regeln zu brechen erlaubte, ein Blick auf die Rituale des Fastens. Die Passionszeit sollte uns vor allem klüger machen. Demut ist angesagt, vor allem für Dicke.
Die Geschichte der Askese ist, typisch für alle moralischen Regime, ein Bilderbogen der Umgehung ihrer eigenen Regeln, also des trickreichen Brechens der Enthaltsamkeit. Im Kloster gibt es Starkbier und fetten Fisch, nur das Fleisch von warmen Tieren ist untersagt. Teigtaschen verbergen die fleischliche Füllung und für Exzesse der Süßigkeit gibt es eine Extrarunde an Bußgebeten. Strittig, ob Kaffee dazugehört, aber den Alkohol, den trifft es fast immer. Bier ist daher den Scheinheiligen nur ein Nahrungsmittel.
Alle Religionen kennen das Fasten als Buße. Ich drehe daher das Argument empirisch: Es gehört offensichtlich zu den tiefsten Erfahrungen, dass gelegentliches Fasten gesund; unterschiedlich sind nur die Rituale. Und auch die abgezählten 40 Tage dienen eher der Sportlichkeit als einer historischen Wahrheit. Fasten ist also archaisch gesund. Wir sind biologisch Mangelwesen, die im ununterbrochenen Überfluss gesundheitlich verkommen. Adipositas ist die neue Volkskrankheit, erlernter Diabetes die kulturelle Folge, Disziplinmangel die Ursache.
Es geht nicht um Fett, es geht im Kern um den Heileffekt der Askese. Luther dereguliert daher alles: „Ich will jetzt davon schweigen, dass manche so fasten, dass sie sich dennoch vollsaufen; dass manche so reichlich mit Fischen und anderen Speisen fasten, dass sie mit Fleisch, Eiern und Butter dem Fasten viel näher kämen. Wenn nun jemand fände, dass auf Fische hin sich mehr Mutwillen regte in seinem Fleisch als auf Eier und Fleisch hin, so soll er Fleisch und nicht Eier essen. Andererseits, wenn er fände, dass ihm vom Fasten der Kopf wüst und toll oder der Leib und der Magen verderbt würde, so soll er das Fasten ganz gehen lassen und essen, schlafen, müßig gehen, so viel ihm zur Gesundheit nötig ist.“
Was also bleibt? Mir leuchtet der Ramadan ein, obwohl ich vom Islam nichts verstehe oder wissen will. Aber auch Philip, der Gatte von Elisabeth der Zweiten, hatte den Rat des Ramadan als eine weltlichere Regel: Man isst und trinkt nur ein Mal am Tag („high tea“); zwischendurch ist Tee erlaubt oder Kaffee, aber stets ohne Gin oder Rum, Milch oder Zucker. Die Prinz-Philip-Diät. Hier mein Beschluss zum Mardi Gras: Ab morgen Prinz Philip. Vielleicht schon ab heute. Ostern habe ich dann voll das Seelenheil, Alta.
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KAMELLE.
Mein Kollege, der Meinungskolumnist Martenstein, hat auf einem theatralischen Schauprozess eine vielbeachtete Rede gehalten, die an ein politisches Tabu rührte, nämlich das der Stigmatisierung des neuen Rechtspopulismus durch die angestammten Parteien, insbesondere das linksgrüne Lager. Wer solche moralischen Rundumschläge versucht, kann wissen, dass er dabei im Konkreten scheitert.
Mein Kollege ist, nach Jahren des Glossenschreibens in der linksliberalen Presse, im Boulevard gelandet und macht mittels „Mail von Martenstein“ Stimmung in der BILD. Das ist lesbar, wenn man weiß, was es ist. Einen groben Keil auf einen groben Klotz setzen. Das Kind regelmäßig mit dem Bade ausschütten. Aber Machtergreifung? Hitler in der Tür? Auch ich freue mich, wenn die BILD mich anruft und es mir erlaubt ist, mal so richtig zuzulangen. Stolz renne ich dann am nächsten Morgen ans Kiosk und kaufe das Blatt mit meinem Zitat. Ein fideles Rosenmontagsvergnügen.
Demokratie braucht Boulevard; das ist, wo die Leute sind. Wenn allerdings die Straße dazu genutzt wird, dass die tiefste Gosse an die Macht kommt, dann gilt das Gebot des Hohen Hauses: Wir machen Politik im Parlament; in zahlreichen Parlamenten, in denen Entscheidungen frei erörtert werden und nach der jeweiligen Mehrheit getroffen. Wir haben Meinungsfreiheit, auch für falsche, selbst für braune, wenn Sie mich fragen. Wir sind eine Republik, die allerdings darauf zu achten darf, nicht von ihren prinzipiellen Feinden erledigt zu werden.
Droht so was, wird der Kampf gegen die Diktatur legitim und wohl auch der Tyrannenmord. Dieses Widerstandsrecht steht so in der Verfassung. Es kann aber nicht dadurch ausgelöst werden, dass ich innerhalb des frei gewählten Parlaments einen Teil der Mandatsträger zu Unpersonen erkläre. Auch wenn die rechtsgewirkt bis reaktionär. Die Verfassung, da hat der unbeholfene Martenstein recht, kennt gegenüber Abgeordneten keine Brandmauer.
Wir reden hier vom deliberativen Prinzip einer liberalen und repräsentativen Demokratie. Das kann man begrifflich ganz entspannt. Martenstein muss aber der Linken den Völkermord Stalins und Maos zurechnen. Das ist rhetorisch wie intellektuell schlicht daneben. Eine Geschichtsklitterung fundamentalen Ausmaßes. Sie soll beweisen, dass rechts nicht böse ist, weil links nicht gut. Freund-Feind-Possen. Man bekämpft Doppelmoral aber nicht mit noch einer Moral. Da hebt er sich einen Bruch, der Glossenschreiber.
So jetzt gibt es Hausaufgaben: Wir lesen mal nach, was der kluge Habermas zum Wesen der westlichen Demokratie gesagt hat. Und winken durch, dass der „Kampf gegen Rechts“ des linksgrünen Lagers ein Selbsttor war. Alles Nazis außer ich. Echt? So einfach ist das nicht. Nicht mal an Rosenmontag. Kamelle!
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KERNENERGIE UND KÖFTE.
Gestern Einladung zum Abendessen bei grünem Lobbyisten, den ich lange kenne. Neue Adresse. Bei der Anfahrt mit dem Uber-Taxi bemerke ich, dass es nach Dahlem geht. War früher X-Hain. Hinter diesem Code, Berlinkenner staunen, verbirgt sich eine kleine Sensation.
Der Laden hat früher Kommunen in grüne Abenteuer gelockt. Die Energiewende scheint weltweit mittlerweile vor der Wand, sagt jedenfalls der Kubaner, der den US-Außenminister gibt, in München. Aber die Lobby von Gülle-Kraftwerken und Aggro-PV (Mais, Mist & Sonne) hat zwischenzeitlich richtig Kasse gemacht. Villa in Dahlem für kleines Geld geschnappt, sagt der ehemalige Kreuzberger. Ich höre bei Köfte und Erbsenbrei, dass Wind noch immer super laufe, aber auch Gas. Das freut meine Seele, der ich ja aus dem Karbonischen komme.
Wir sind beim Nachtisch und über Honiggebäck und Mokka fällt mir ein, dass ich hier schon mal war. Ich kenne diese Bude im piefigen Dahlem. Es muss eine Tagung der Kerntechnik gewesen sein, die sich damals Dahlem noch leisten konnte, als ich vortrug, dass die Kernenergie in Deutschland politisch eine Chance habe, wenn Rotgrün sie wolle. Ich wurde damals zwar nicht direkt ausgelacht, aber belächelt, was noch mehr schmerzte.
Jetzt redet man hier über Wasserstoff aus der Elektrolyse mittels Atomstrom. Ich staune. Spaßeshalber erzähle ich von der Hydrierung heimischer Steinkohle zu Öl und Gas, wie in Essen 1937 und 1980 geplant. Ich dachte, jetzt geht es zur Sache, aber ich blicke in interessierte Gesichter. Und der grüne Gastgeber erwähnt, Merz habe mit Macron darüber gesprochen, wie wir auch in den militärisch-industriellen Komplex kommen. Da könne man ja noch mal über den Ausstieg aus dem Ausstieg reden. Habe ich ja gesagt, mit den Grünen geht alles.
Kurzum, ich bin zu lange dabei; die Geschichte wiederholt sich. Jedenfalls hat der Abend bewirkt, dass ich jetzt Köfte in mein Standardwerk zur Kulturgeschichte der Boulette aufnehme. Wir hatten ja bisher nur von Köttbullar, Hamburgern und Königsberger Klopsen gesprochen.
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Ach, wie gut, dass niemand weiß…
Man hatte früher, jedenfalls bei News International, in jeder Redaktion einen Alk, dem man eine Flasche mitbrachte, wenn man jemanden brauchte, der was schrieb, was nicht so ganz gerade war. Oder wenigstens seinen Namen dafür hergab. Das Problem war nur, der Alk wollte Gesellschaft, man musste Stunden mit ihm in irgendeinem dieser elenden Fleet-Street-Pubs abgeben. Und ob er dann die Klappe hielt, das war auch ungewiss. Diese Nöte nimmt uns heute das Netz.
Es ist in der Blogosphäre normal geworden, anonym zu kommunizieren. Das finde ich wunderbar. Und all die lustigen Spitznamen, die man sich dann ausdenken kann. Cool. Es macht mir das Leben wirklich leichter. Ab und zu holt man sich eine kleine Beule, aber mehr wegen der äußeren Umstände, nicht wegen des Rufmords selbst. Das ist inzwischen ein Kinderspiel, a piece of cake, wie der Engländer sagt. Zwischen Salon und Unterwelt, Milieu und Kanzlei gibt es keinen Unterschied mehr.
Man weiß aus dem Kino, dass man in den Bauch der Stadt Paris hinabsteigen kann. Nun erfahre ich es denkwürdig mittels einer veritablen Beule, dass das auch in London geht. Während ich mit Paul die engen Stufen hinabsteige und ein Souterrain sich an das nächste reiht, schlage ich mit dem Schädel an. Schlecht ist mir eh vom Geruch nach Bier und Bratfett, diesem Odem der miserablen englischen Küche. Vorbei an unsäglichen Toiletten, aus denen weht, was die Werbung frische Brise nennt, landen wir schließlich in einem kleinen fensterlosen Essraum.
Hier hocken Anwälte und Broker, die Flanellmännchen aus den Büros, die heutzutage die Fleet Street ausmachen. Die Tische kleben, Serviette wie Brot aus Pappe, nur der Yorkshire Pudding, der schmeckt nach brauner Instantsauce, dazu Rind in Scheiben, Aufschnittstärke, und ein Rotwein aus Chile. Willkommen in den privaten Räumen des Ye Olde Cheshire Cheese. Charles Dickens hat hier schon getrunken, als er noch kein Poet des Molochs London war, sondern nur Journalist, Fleet-Street-Journalist, eine Kanalratte im ratpack dessen, was Rupert Murdoch erst Mitte der neunziger Jahre zerschlug, indem er schlicht in die Docklands floh. Das Gelände hatte Herr Göring zuvor freigeräumt.
Beim Käse, einem schottischen Schimmelmonstrum namens Stilton, kommt Paul zur Sache. Er hatte da Ärger mit diesem Politiker. Er will Rache. Das sagt er natürlich nicht so. Er will der gerechten Sache, seiner, zu ihrem Recht verhelfen, seinem. Aber er möchte dabei nicht missverstanden werden. Damit meint er, man soll ihn hinter dem Rufmord an seinem Konkurrenten nicht erkennen können. Denn ein Gentleman ist kein Heckenschütze. Natürlich nicht.
Quelle: starke-meinungen.de