Logbuch

Was essen wir heute zur Feier des Tages?

Kein Geflügel, schon gar nicht Gans, aus polnischer Mast. Peking Ente nur in Soho, so einem abgerockten Laden, der NOW AND ZEN hieß. Kein rotweingetränktes Wild vom örtlichen Waidmann. Obwohl da noch eine leichte Grundstrahlung aus dem Osten drin ist und kleine Dosen heilen. Kein Karpfen blau, weil der Fisch, wenn im Ganzen gesotten, einen aus so glasigen Augen stumm anblickt. Raus können wir nicht, also müssen wir ja an den eigenen Herd. Ich sehe gerade in der BBC, dass wieder modern ist, was ich als Student regelmäßig verzehrte. Wir nannten es in der Bochumer WG am Hustadtring BUNTE PFANNE. Das war alles, was noch in dem schon geplünderten Kühlschrank über war, in einer Pfanne scharf überbraten und oben drauf ein Spiegelei. Das Ei ist wichtig. HOLSTEINER ART nennt das der Sternekoch. Man kann alles, wirklich alles essen, wo ein Spiegelei drauf passt. Gewürzt wird mit Sambal Olek, dem Chili vom Chinamann, in den kleinen fies verklebten Gläschen. Wir haben damals nicht mal gewusst, was ein Ablaufdatum ist. Für BUNTE PFANNNE war das eh egal. Die Tommys haben ein hübsches Wort für die Ingredienzen der BUNTEN PFANNE: „left overs“, welch eine tolle Sprache. Übrigens sind in GB die Supermärkte wegen Brexit leer. Es wird mit neuem Interesse zugeschaut, wie Fernsehkoch JAMIE OLIVIER wunderbare Gerichte zaubert, aus left overs. Was vom Tage übrig blieb, vom Vortage.

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WELT GING VERLOREN.

Wäre ich Pope oder Pastor, was mir fremd ist, müsste ich auf die Kanzel, wofür zum Glück kein Dom gebaut ist, und das alles in diesen bitteren Zeiten, die schon hinreichend Laienprediger und Verschwörungstheoretiker, sprich Spinner, haben, dann würde ich über das Frohlockenslied nachdenken. O DU FRÖHLICHE , o Du Selige. Ist in deutschen Landen das bekannteste Weihnachtslied. Fordert die Christenheit hallejulia-technisch auf, sich über die Geburt ihres Religionsstifters zu freuen, weil der nun, da er einmal da ist, alle „versühnen“ könne. Nicht versöhnen, sondern eher entsühnen. Meint wohl, von der Erbsünde befreien. Seltsam mittelalterliche Vorstellung, das mit der Erbsünde; sagt mir gar nichts mehr. Aber diese Relativierung der wirklichen Welt, das ist interessant: „Welt ging verloren / Christ ward geboren“. Was will der Dichter uns damit sagen? Berühmte Frage aus üblem Deutschunterricht, Pennäler erinnern Oberstudienrat Piepenbrink. Hmmm, Welt ging verloren? Ist das eine Anspielung auf tausend Seuchetote pro Tag, wie wir sie allein in Deutschland laut RKI zu beklagen haben? Da wird Singen nicht helfen, im Gegenteil. Erstens hilft gegen CORONA nur Isolation und Impfen. Zweitens ja, so ist es. Als O DU FRÖHLICHE gedichtet wurde, grassierte in Thüringen der Typhus. Städte wie Weimar liefen über an Waisen, deren Eltern die Seuche dahingerafft hatte. Waisenhäuser wurden gegründet. Diakonie / Caritas wurde zur Bürgerpflicht. FREUNDE IN DER NOTH , so hieß tatsächlich der Verein, der damals gegründet wurde, um sich zu kümmern. Sich kümmern. Da bin ich dann doch noch ans Predigen gekommen. Verdammte Weihnachtslieder. Zu Weihnachten werden selbst die schlimmsten Atheisten zu Christen. Soll, klingt es mir im Ohr, der Bärtige aus Trier gesagt haben.

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Die Sozialen Medien werden zunehmend von INSTITUTIONEN zu einer PERSONALEN Kommunikation genutzt. Das kann ja Methode haben. Ein Präsident einer Nation ist eigentlich ein AMT, nicht irgendein Typ, der irgendwelche Ansichten hat. Dagegen zu verstoßen, ist der Kern der Trumpschen Propaganda gewesen. Sein Erfolg war der fortgesetzte Regelverstoß des MAVERICK. Volksnähe durch Distanzverlust. Frau Merkel ist vor allem, finde ich, die BUNDESKANZLERIN, ein Amt, das nicht nur ihr Würde abverlangt, sondern auch ihren Kritikern Würdewahrung auferlegt. Jedenfalls früher. Früher hatte auch PR für Bosse in der Wirtschaft gewisse Grenzen. Ein VORSTANDSVORSITZENDER einer AG war vor allem ein Organ des Aktiengesetzes, nicht irgendein Typ, der in kurzen Hosen tolle Witze reißt. Oder Kollegen kameradschaftlich in aller Öffentlichkeit auf die Rippen boxt. Schon gar nicht innerhalb der inneren Gemeinschaft der Krähen, weil ja die eine Krähe... War das ehrlich? Nein, es war Etikette. Keep it real, das war Getto. Parkett war anders.
So war das früher. Man wahrte in Relation zum Amt einen gewissen Ton. Man war nicht immer automatisch auch BOULEVARD. If they go low, we go high. Kleiderordnung. Das ändert sich gerade; allen voran auf LinkedIn. Das ist, lerne ich, fortschrittlich, weil es ELON MUSK auch macht. Alle Grenzen fallen, so wie in der Kleidung , jetzt auch im Ton. Wir sind locker. Vom Hocker. Keep it real, Bro! Der Boss als Getto-Boxer. Alta, alles paletti? Modern Times. Ich zögere.

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Piraten: Nicht Freiheit wovon, sondern Freiheit wozu?

Die Piraten wollen von einer außerparlamentarischen Bürgerinitiative zu einer ernst zu nehmenden Partei werden. Das wird ein weiter Weg. Ich treffe bei der Jubiläumsfeier des Medienmagazins ZAPP einen prominenten Piraten, Rechtsanwalt in Münster, der mir, dem analogen älteren Herrn, die digitale Welt der Nerds erklärt.

Er ist sichtbar stolz auf einen Satz  folgenden Wortlauts, gesprochen auf einem der Parteitage: „Wir haben dort vorne einen Shitstorm-Kristallisationspunkt aufgestellt.“ Diesen Satz übersetzt er mir mit: „Redner begeben sich bitte an das Saalmikrofon.“ Das nennt er, sichtlich stolz, die nerdige Sprache der Piraten. Mir erscheint sie ein wenig pubertär, wie alle Jugend-Jargons.

Es geht rhetorisch zu wie bei Astrid Lindgrens Kalle Blomquist, dessen Clique sich vor Stolz auf ihre Geheimsprache nicht lassen konnte. Von Trollen ist die Rede, von den Shitstorms und Sockenpuppen wie anderen Vokabeln einer Blogger-Subkultur. Zum Teil sind das angemessene Begriffe aus einer anglizistischen Technosophie, die das Internet mit sich gebracht hat, zum Teil einfach jene exkludierenden Albernheiten, die jeden Jargon auszeichnen.

Pfadfindermentalität statt am Lagerfeuer jetzt im weltweiten Web, Pippi Langstrumpf online für Vernetzte. Wichtiger als diese Nabelschauen der Wikipedia-Schlauen ist aber ihre Sicht der Welt, auf die wirkliche Welt, in der sie nun Partei werden wollen. Es drängt sie in die Parlamente oder der Wähler treibt sie da hin. Wes Geistes Kind sind sie? Wie gehen sie mit Kritik um?

Hier hört man Überraschendes: „Die Medien verstehen die Piratenpartei nicht.“ Das sagt mir der Medienanwalt von den Piraten. Die Medien (gemeint wohl Zeitungen, die Holzklasse, und das TV, insbesondere das öffentlich-rechtliche Fernsehen) würden sich eine virtuelle Realität „herbeischreiben“. Die „unbedarften“ Journalisten seien durch die Piraten „überfordert“.

Man reibt sich die Augen: Das also ist die Argumentation der wahren Freunde der Meinungsfreiheit über ihre Kollegen, die nun möglicherweise traditionelle Presse sind, aber doch zweifelsfrei wichtige Repräsentanten eben dieser Meinungsfreiheit. Was ich hier von einem Piraten höre, das klingt genau wie die altbekannte reaktionäre Presseschelte mit einem fundamentalistischen Unterton.

Man muss fragen, welche Freiheit gemeint ist, wenn das Paradigma dieser demokratischen Kultur ausgerechnet die USA sind. Das hört sich so an:  „Die vorwiegend aus dem IT-Bereich stammenden Piraten huldigen dem Prinzip der Meinungsfreiheit, wie sie in fundamentaler Weise etwa in den USA gilt.“ Fundamental in den US of A?

Freedom of expression also, auch für offenkundig faschistische Ansichten einzelner Piraten. Na ja, sagt er, bei den Grünen habe es ja auch Pädophile gegeben. Der basisdemokratischen Struktur der Partei entspreche es, dass auch „geisteskranke Bewerber“ anträten. Da müsse die gescholtene Presse „die offensichtlich nicht repräsentativen Trolle nachvollziehbar gewichten“. Dem sei „die“ Presse aber nicht durchgehend nachgekommen.

Man lehne Machtmenschen, Selbstdarsteller und Lobby ab und setze auf das „Authentische“. Dass es „das“ Authentische immer nur als den Anschein des Authentischen gibt, dass es sich also um eine besonders glaubwürdige Inszenierung von Ressentiments handelt, das überfordert meinen Piraten-Freund.

Er belehrt mich: „Noch immer verstehen etliche Journalisten nicht, dass die Piratenpartei in erster Linie ein Betriebssystem testet und anbietet, um die ehrenwerte Idee der Demokratie ins Informationszeitalter zu überführen.“ Das klingt mir ein wenig funktionalistisch, das mit dem Betriebssystem. Aber geschenkt.

Wesentlich ist, dass die Piraten Zweifel daran erlauben, wo sie publizistisch stehen. Denn, da hat die gute alte Rosa L. einfach recht, Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.

Quelle: starke-meinungen.de