Logbuch

SOZIOLOGIE WIE NIE.

Der kalifornische Oligarch Elon Musk hat soeben angekündigt, eine politische Partei zu gründen. Das weckt den Soziologen in mir, weil hier ein gesellschaftliches Abenteuer beginnt. Und ein politisches, am Ende vielleicht sogar ein historisches. Früher hätte man für ein solches Vorhaben zunächst das Hinterzimmer einer Kneipe gebraucht, dann Flugblätter und eine Putztruppe, schließlich eine Zeitung. Der geborene Bure Musk hat sich eine Internetplattform gekauft, früher Twitter, jetzt X. Er hat dort 221.749.366 Follower, so heißen die Abonnenten oder Jünger. Das sind über zweihundert Millionen. Wahlberechtigt sind in den USA lediglich 170 Millionen. Read my lips.

Was ein Gemeinwesen ausmacht, das fragt sich der Soziologe. Dabei kann er einen tragischen Dreier meinen, einen bunten Kiez oder katholischen Kegelclub, eine politische Partei, am Ende eine Nation oder Gottes ganzen Zoo. Der Tesla-Eigner Musk wird erfahren, wie schwer es ist, aus einer Stimmung im Netz eine Bewegung zu formen und dann eine Partei zu führen. Die erste interessante Erfahrung wird sein, wie die etablierten Parteien auf seinen WILLEN ZUR MACHT reagieren. Die Demokratie in Amerika, sie wankt.

Gänzlich anderes Thema, aber wieder soziologisch. Der bei VW ausgeschiedene Arbeitsdirektor, man sagt wohl neuerdings HR-Kopf (für Human Relations), hat auf LinkedIn eine Abschiedsnote geschrieben. Wie schon gestern hier notiert, ein kluges Stück. Der „Ex-Konzernvorstand“ (Selbstbeschreibung) hat hier 58.695 Follower; das ist mehr als man in Wolfsburg in eine Werkshalle kriegt. Davon haben 2.683 auf seine Dankesnote reagiert und 214 sogar eine kleine Erwiderung verfasst. Jetzt ist der Soziologe hellwach. Er liest sie alle und vermag sogar ihm nicht geläufigen Biografien leichterdings nachzugehen.

Früher hat man nie genau gewusst, wie eine Stimmungslage so war, jetzt ist die Quellenlage dokumentiert. So flüchtig das Internet scheint, so gnadenlos ist sein Gedächtnis. Sehr aufschlussreich. Die Konsensdichte bei dem Medium LinkedIn ist zudem so groß, dass möglicherweise auch die Quote der Reaktionsverweigerung signifikant ist. Kann ich mal die Daten der „impressions“ haben? Mit den wirklichen Entscheidungsträgern hat das alles übrigens nichts zu tun; die twittern nicht. Aus Altersgründen, weil andere Generation, oder politischer Klugheit, die ich mal bei dem neuen niedersächsischen Ministerpräsidenten und damit Anteilseigner von VW unterstelle. Da ist Olaf deutlich klüger als noch Christian W., der vor Präsidiumssitzungen dem NDR erzählte, wie er dort abzustimmen gedenke. Ich meldete es meinem Boss in die Sitzung. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

„Soziologie soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. ‚Handeln‘ soll dabei ein menschliches Verhalten heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ‚Soziales‘ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ (Max Weber)

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BIG BOSS.

Jeder Manager ist ersetzbar. Der Satz stammt von einem meiner ehemaligen Chefs und bezog sich auf einen VW-Vorstand früherer Jahre; er war dessen Aufsichtsratsvorsitzender. Ich hab den damals für ihn in ein Interview mit der ZEIT reingeschrieben und dafür viel Prügel bekommen. Aber ich hatte am Ende wohl Recht. Tempi passati.

Bei Volkswagen gab es gestern wieder ein spontanes Ausscheiden eines Konzernvorstandes, ein gewichtiges Ereignis, das nur sehr wenige Auguren haben kommen sehen. Während mein Handy klingelt (und ich nicht rangehe), lese ich auf LinkedIn zweitausend Reaktionen. Darunter auch für Insider aufschlussreiche Verbindungen und interessante Rückschlüsse. Er hat es gestalten können; gut so.

Es geht ein guter Mann, ein sehr guter; und er geht mit einer Dankbarkeitsbekundung. Klug. Sehr klug. Weiteres habe ich dazu nicht zu sagen, weil ich zu jenen Ehemaligen gehören, deren Loyalität sich nicht durch den Einfluss von Altersbosheit erschöpft. Zudem weiß ich keine Geheimnisse. Und wenn ich welche wüsste, würde ich sie nicht erzählen. Aber ich weiß ohnehin keine. Verstanden? Doppelt genäht, hält besser. Über meinen damaligen Chef bei VW, den ebenso leutseligen wie argwöhnischen Ferdinand Piëch, habe ich mal gesagt: Seine wirklichen Geheimnisse erzählt er nicht mal sich selbst. Das ist der Geist.

Unbescheiden darf ich aber doch erwähnen, dass ich den mächtigen Konzernvorstand, der jetzt als Arbeitsdirektor geht, zu Beginn seiner Industriekarriere einst eingestellt habe. Er war gelernter Journalist und dann in meinem Beritt Werkredakteur. Bei LinkedIn dankt ihm heute ein Kollege dieser Jahre und berichtet von vielen gemeinsamen Überstunden bis tief in die Nacht. Das wiederum freut mich. Sogar sehr. Denn dafür war ich verantwortlich, die unzähligen Überstunden.

Ja, wir hatten damals was vor der Brust und die Aufgabe gestemmt. Das Wort „work-life-balance“ gab es noch nicht. Und mindestens einer aus der Truppe hat es bis ganz oben geschafft. Jetzt gilt die Weisheit, dass Wolfsburg nicht das Ende der Welt ist. Überstunden kann man auch woanders und auf deutlich höherem Niveau machen. Näheres wüsste die Presse gern. Aber ich gehe nicht an mein Handy. Und ich weiß nix. Und wenn ich was wüsste… Das hatten wir schon.

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MISTVIECHER.

Da können sie von mir aus ins Bundesnaturschutzgesetz reinschreiben, was sie wollen, Wespen sind das letzte. Zu rein gar nichts nütze und eine echte Plage. Ins Gesicht wollten sie mir fliegen, vielleicht sogar den gerade essenden Mund, eine leichte Wischbewegung mit der linken Hand, und was macht das Mistvieh? Es sticht mich mittels giftbewehrtem Stachel in den Zeigefinger der linken Hand. Ich kann nun nur mit der rechten und einem Stift tippen, während Soventol und Verband die Linke verhüllen. Wounded soldier.

Ich bin Rechtshänder, was die Verfertigung von Manuskripten angeht, also das Handschriftliche. Und habe eine Handschrift von Charakter, nicht so ein Realschüler-Gekrakel. Rechtshänder. Tintenfüller. Das galt mein ganzes Leben, auch im Handwerklichen, das mir allerdings eher nicht lag. Man hätte mich ungeschickt nennen können. Was den Händen versagt blieb, kompensierte ich mit dem Mund; so wurde kein Stargeiger oder Goldschmied aus mir, nur ein Rhetor. Jetzt die Entdeckung vor zwei, drei Jahren. Ich halte unbewusst das iPhone mit rechts und tippe mit links. Dieses Logbuch wird mit Links geschrieben. Ich bin wirklich überrascht.

Das weckt den Verdacht in mir, dass ich ein umgeschulter Linkshänder bin; das wäre eine dramatische Fehlentscheidung meiner Frau Mutter gewesen, die auch in protokollarischen Fragen so etwas kannte, wie das schöne Händchen, das man zu geben hatte. Heute glaube ich, dass die Bevorzugung der Linken eine Gabe der Götter ist, eine Auszeichnung für besonders feine Seelen. Ein solches Stigma der besonderen Anmut trainiert man nicht weg. Ich erinnere mich, dass meine Mutter die Hausaufgaben für mich machte und die Lehrerin erst gar nicht an meine Schrift gewöhnte.

Man konditioniert Linkshänder heutzutage nicht mehr um. Das ist pädagogisch klug und dem Willen des Himmels entsprechend. Sie sind gewollt etwas Besonderes. Das macht den Frevel der Wespe von gestern besonders bös. In den linken Zeigefinger, digitus poetae, elendes Mistvieh.

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Doppelkopf: eine politische Missgeburt, die zu uns passt

Der preußische Adler hat zwei Köpfe auf seinem gefiederten Rumpf. Diese politische Missgeburt passt zu uns, einem immer noch schizophrenen Land. Wappentiere mögen auf den ersten Blick eigenartig sein, sie sind immer typisch. Stichwort: Nationalcharakter. Wir wollen Politiker nicht nur als Gewählte sehen, sie müssen auch noch gesalbt sein. Dieses Land (eigentlich eine Häuptlingskultur) hat als Nation nie nur Könige erkoren, sie sollten immer auch Kaiser von Gottes Gnaden sein.

Beim Abendessen im Berliner „Grill Royal“ empört sich der Nachbartisch über das Kandidatengerangel in der SPD, Troika genannt. Dann schweift die Politikerverachtung zu den Grünen, die gar vier KandidatInnen hätten. Und der ältere Herr sagt der jungen Dame: „Weil sie alle nichts taugen. Da braucht es dann drei oder vier.“ Man schwärmt von Strauß und Kohl und dem alten Bismarck, und ich gehe, bevor die Gesellschaft noch entdeckt, dass sie Hitler ausgelassen hat.

Wer vom „Grill“ über die Brücke zum Bahnhof Friedrichstraße geht, sieht ihn dann. Stolz und gusseisern prangt er im Brückengeländer, der Doppelkopf. Ich meine, Wolf Biermann hätte zu DDR-Zeiten schon über diesen Vogel gesungen. Man konnte von hier den Tränenpalast sehen. Seit alters her meint der Doppelkopf das Weltliche und das Geistige. Früher mal das irdische Rom und das heilige Konstantinopel, danach König, den politischen Herrscher, und obendrauf Kaiser, den gesalbten.

In Amerika macht man einen Sport aus den Vorwahlkämpfen; das ist zutiefst demokratisch. Die Jungs kämpfen sich aus der Provinz nach vorne. Das Volk schaut sich das Show-Laufen an. Hier herrscht ein sauberer Geist des Wettkampfs. Kein mythisches Geschnurgel von Charisma und natürlicher Autorität, kein Charakterkopf-Mystizismus.

Wie will man bei der dicken Claudia oder der dünnen Renate, bei dem bräsigen Frank-Walter oder dem schneidigen Peer einen Tiefgang entdecken, der unsere Seelen erleuchtet? Oder dieser türkischstämmige schwäbische Herr bei den Grünen, der gelernter Kindergärtner ist. Joschka war wenigsten Straßenkämpfer. Wir verlangen zu viel; wir verlangen das falsche.

Und so stehe ich auf der Brücke an der Friedrichstraße und schaue zurück in den Schiffbauerdamm. Hier residiert das Berliner Ensemble des Bertolt Brecht. Was hätte der Alte zu „Pussy Riot“ gesagt, das geht mir, dem Angetrunkenen, sentimental durch den Kopf. Das hätte ihm gefallen. Junge Frauen, die gegen die Staat-Kirche-Symbiose einer „lupenreinen Demokratie“ (Schröder, Altkanzler, jetzt Gazprom) mit einer kleinen Tanzeinlage im Popen-Dom ein Fanal gesetzt haben.

Und ich sehe den Alten auf seinem Denkmal neben dem Berliner Ensemble, wie er mir ein Auge zu kneift. Ich weiß, was er meint. Der doppelköpfige Adler ist das Wappen von Putins neuem Russland. Auch hier, wieder hier. Brecht hätte „Pussy Riots“ gemocht, nicht nur, weil er ein Schwerenöter war. Es hätte ihm gefallen, wie man den Doppelkopf demaskiert, indem man ihm Schlüpfer über die Schädel zieht.

Großes Theater. Nicht zur Nachahmung empfohlen. Weil das bei Merkel eben gar keinen Sinn macht.

Quelle: starke-meinungen.de