Logbuch

REDE AN MEINE BÄUME.

In diesem Jahr muss ich Euch loben. Ich sehe zwar an der alten Kirsche und der jungen Birne schon braune Blätter. Aber im Wuchs haben alle sehr gut zugelegt, selbst der einst verfrorene Ahorn findet ins Leben zurück.

Sonderlob für die Walnuss, eine prächtige Krone, massiver Stamm. Außer Konkurrenz wie immer die neun Ginkgos. Der nasse Frühsommer und die folgende Hitze habt Ihr genutzt; zurückhaltend, aber deutlich. Ihr seid keine lauten Pflanzen, auf Euch ruht das Wissen der Erdgeschichte.

Anmerkung: 150 Millionen Jahre alt ist der Ginkgo ein „lebendes Fossil“ im Sinne des Charles Darwin. Die Dinosaurier hat der Klimawandel geholt, den Ginkgo nicht. Übrigens bilden sich lebende Fossilien im auskömmlichen Habitat, in dem ihnen keine Fressfeinde zu Leibe rücken. Allerdings gibt es dann auch keine Evolution, sprich keinen Fortschritt. Gilt auch für die Säugetiere; manches lebende Fossil. Hauptargument gegen den Sozialstaat.

Zurück: die Eiben lobe ich, weil dem Fremden giftig. Zur Lärche sage ich mal nix, wächst wie blöd, steht aber unter persönlichem Schutz der Dame des Hauses. Und die Magnolie ist eine eitle Sau. So das wär es, verehrte Bäume. Die Nichtgenannten mögen sich bitte ihren Teil denken.

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IDYLLEN.

Zur nachhaltigsten Idylle meiner Kindheit gehört das Örtchen Aschau im Chiemgau. Wir hatten ein Zimmer mit Frühstück und den unverstellten Blick auf die Kampenwand, eine Art örtlicher Alpen. In dem Bauernhaus der Familie Wörndl floss ein Bach durch den Keller, was mich, den Buben aus der Industriestadt, endlos faszinierte. Locus amoenus bavariae.

Dann wurde das Idyll ein kleiner Hafen im Bristol Channel, Wales zugewandt mit dramatischer Steilküste. Lynmouth in N. Devon. Wasserbahn hoch nach Linton. Ein Badehotel unter Leitung des fabelhaften Mister D. und in der Nähe das Jagdhaus namens Watersmeet. Country living, very nice.

Jetzt lese ich, dass in Lynmouth die traditionellen Schwimmmeisterschaften in der See gerade abgesagt wurden, da das Hafenbecken mit dem Inhalt des Klärwerkes gefüllt war. Und in Aschau begrüßte Herr Aiwanger seine Wähler als die „Partei des gesunden Menschenverstandes“. Zwei Unfälle, ein Unglück.

Mal sehen, ob das Elsass am Hochrhein die neue Idylle werden kann. Land, Leute, Küche und Keller sprechen dafür. Allerdings hat Marine Le Pen hier 30 Prozent. Ich werde berichten.

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NOTLÜGEN.

Der September bricht an, der Sommer ist vorbei. Gestern noch sagt im wunderschönen Aschau im Chiemgau ein Bierzeltpolitiker, dass die Bauern die wahren Umweltschützer seien. Eine halbe Wahrheit. Die Lügengespinste des Hubert Aiwanger.

Zur ganzen Wahrheit gehört, dass die Landwirtschaft, insbesondere die Tierzucht, zu den massivsten Veränderungen gegenüber der unberührten Natur führt; wenn diese denn nun erstrebenswert sein sollte. Dabei kommt den Rindviechern eine besondere prominente Rolle zu, jenen Wesen, die Gras verzehren und Methan produzieren, damit wir Steaks essen können. Nichts ist weniger „grün“ als das.

Der Sommer des Hubert Aiwanger ist vorbei. Er wird Opfer der unerbittlichen Logik, dass eine halbe Wahrheit immer eine halbe Lüge bleibt. Das ist das eine: Notlügen führen nicht aus der Not, sondern in die hinein; sie schaffen sie.

Das hängt damit zusammen, dass wer um Vergebung bitten will, seine Sünde bereuen muss; da ist das Christentum rigoros. Reue zeigen, das konnte er nicht, der erwachsene Mann namens Hubsy. Eine schmallippige Entschuldigungsformel hat er sich nach Tagen widerwillig abpressen lassen. Um im selben Atemzug in Selbstmitleid zu versinken.

Wohlgemerkt: ob die Gebrüder Aiwanger als Buben wirklich Nazibengel waren oder das nur damit gespielt haben, das ist nicht das Problem. Die Frage ist, wie sie sich als Erwachsene dazu stellen. Es geht hier um eine staatspolitische Frage, Herr Staatsminister! Das Damoklesschwert über Ihrem Schädel hat die Aufschrift: „It‘s never the crime, it‘s always the cover up!“

Was soll also das Geschwurbel darum, dass Sie Ihrerseits Holocaustverhöhnungen „weder dementieren noch bestätigen“ können? Wer schreibt Ihnen so etwas auf, Herr stellvertretender Ministerpräsident? Die Aiwanger-Brüder, der Politiker und Verteiler des Flugblatts Hubert wie der Waffenhändler und Autor dieses Nazidokuments Helmut, hätten mit einem einzigen Auftritt dem Treibsand entgehen können, indem sie nun versinken. Voraussetzung unter erwachsenen Männern: Rückgrat und Arsch in der Hose. Fehlanzeige. Braun getönt und feige gestimmt, das sieht nicht gut aus.

Statt Männermut zur Reue hängt Hubsy, dem Mistgabel-Trump, noch immer seine rechtspopulistische Ankündigung nach, dass er mit dem grölenden Mob im Putsch die gestohlene Demokratie zurückholen will. Ich habe das noch genau so im Ohr. Oder dürfen wir jetzt dazu auch ein halbes Dementi erwarten? Die CSU durchleidet mit ihrem Konkubinat mit den FREIEN WÄHLERN gerade eine weitere Lebensregel: Man wird morgens in dem Bett wach, in das man sich abends gelegt hat.

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FDP light: immer im Anschein blasierter Arroganz

Die FDP kommt nicht wieder auf die Füße. Ob nun der Sockenpuppen-Doktor Rösler ihr vorsteht oder der jüngst genannte Yuppie Lindner. Die Partei wird dem nächsten Bundestag leider nicht mehr angehören. Das bedauern viele; es beeindruckt die Partei selbst aber nicht. Eitle Herablassung, eine blasierte Arroganz beherrscht den Ton dieser Liberalen. Wegen des falschen Tons gehen die Westerwelles und Röslers nach Volkes Willen unter.

Ein kleiner Beweis für diesen bösen Befund. Wann immer irgendeiner der FDP-Granden in den Medien einen Auftritt hat und dabei Wortlaut absondern darf, vermeldet das die Pressestelle der Partei via Pressemitteilung an den Rest der Presse. Manchmal sogar mit einer Sperrfrist, weil man schon mit etwas prahlt, dass noch gar nicht gesendet worden ist. Das mag gut sein, insbesondere für jene Redaktionen, die keinen Internetanschluss haben. Es ist aber das Gackern der Hähnchen, bevor die Hühner Eier gelegt haben.

Wie, wir schauen mal genau hin, überschreiben die liberalen Partei-Strategen das Prahlen mit Interviews? Sie nennen es „ein Interview für die Welt“ oder „ein Interview für den Deutschlandfunk“, um dann auszuführen, dass Herr So-Und-So „der Welt ein Interview gab“. Dann nennen sie noch namentlich, wer aus der Redaktion die Fragen stellen durfte. Der Ton macht die Musik. Die Sprache ist verräterisch.

Ein „Interview für die Welt“ ist kein Gespräch mit der „Welt“, schon gar keine Diskussion ( siehe: „die Fragen stellte…“). Es ist die Benutzung der „Welt“ für eine Mitteilung an die Welt (da draußen, wie man in Bonn und Berlin sagt). Wir kennen diesen Gestus von Wilhelm II und Madonna. Vielleicht sollte man treffender von gewährten Audienzen reden.

Denn was die PR-Leute in der Parteizentrale meinen, ist: Herr Rösler gewährte ein Interview; deshalb ist es dann ein Interview „für“ die Welt. Man kann aber ein Gespräch nicht „für“ jemanden führen, sondern nur „mit“ jemandem. Es gibt ein Interview „in“ der Zeitung oder „mit“ der Zeitung. Ein Wortlaut „für“ die Zeitung, das zeigt das Denken. Es handelt sich um einen hoheitlichen Akt. Seine Majestät haben ein Interview gewährt, für diesen oder jenen Schreiberling. Der Rest der Tintenkleckser möge es jetzt bitte abkupfern.

Diese Boygroup agiert wie die Hähnchen auf dem Mist. Sie krähen, wo sie staatsmännisch sein sollten. Wir haben noch Genschman im Ohr oder Graf Lambsdorff, wenn wir die Westerwelles kikerikien und die Röslers Witze über Fröschetöten machen hören. Not good enough. Diese FDP redet nicht mit dem Wähler, sie redet „für“ ihn. Deshalb, bitter genug, empfindet selbst die eigene Wählerklientel: gewogen und für zu leicht befunden.

Quelle: starke-meinungen.de