Logbuch
CULTURAL CODES.
Beim Betrachten des offiziellen Fotos der neuen Regierung des Landes Berlin: Frisuren und Kleidung sind Botschafter. Auch des schlechten Geschmacks. Piefig.
Dass eine Uniform ein Nachrichtenträger ist, das bezweifelt niemand. Das ist ja ihr Sinn. Hoheitszeichen, Dienstgrad und so weiter. Auch drei Ohrringe im linken Ohr eines erwachsenen Mannes können Nachrichtencharakter haben. Dieser Code ist nicht festgeschrieben, aber diejenigen, die es angeht, wissen worum es geht.
Dann bei der Chefin diese Kleider und Kostüme aus dem Quellekatalog oder dem Reich der Änne Burda, gezielt gewählt, weil aus der Zeit gefallen. Das hat schon was, wie konsequent die Dame mit dem vorübergehenden Titel den Geschmack der Wilmersdorfer Witwe trifft. Kompliment. Ich mag auch ihre eigenartige Rhetorik, dazu gehört was. Willy Brand in weiblicher Version und aus Frankfurt/Oder. Die wird noch was.
Aber diese anderen Gestalten. Wo kann man sich eine solche Pottfrisur machen lassen? Oder ist das eine Perücke? Dann bitte ich um Entschuldigung. Und der Korpulente; nicht nur dick, das passiert, sondern feist. Angestrengt grinsend. Dann eine ohne jede Frisur. Saccofrei. Wo läuft man so rum und findet es auch noch chic?
Aber politisch passt es ja. Dieses Kabinett, es tut mir leid, spiegelt diese Stadt. Perfekter als Trachten und Volkstanz es könnten, finden sich in diesen Fummeln&Frisuren die Kulturen der Gettos, die sich selbst so lieben. Berlin, Du bist ein piefiger Narzisst.
Logbuch
NINOs NOTIZEN.
Mit Bedacht zu lesen. Ich erhalte als Geschenk das Logbuch eines NINO und erfahre, dass der Autor für seine Gedanken in den Kerker ging, der ihn gesundheitlich ruinierte.
Fünf, sechs Bände liegen vor mir. Tausende Seiten von NOTIZEN. Eigentlich ein Weihnachtsgeschenk, aber ich bin zu neugierig und öffne das Paket, beginne schon zu lesen. Ordentlich editiert beginnt die Sammlung von NINOs NOTIZEN mit einer Chronik. Ich lese von einer großen Tragik: die angegriffene Gesundheit übersteht nicht die Kerker, in die man ihn über Jahrzehnte gepfercht hat.
Kein Titan in der Erscheinung, eher verwachsen, schreibt er sich groß; so jemand wird Journalist. Und Politiker. Recht große Namen fallen. Leo Trotzki zum Beispiel habe an NINO gelobt, dass er der einzige seiner Genossen gewesen sei, die den Aufstieg Benito Mussolinis ernstgenommen habe und kommen sah, was dann das Gesicht der Erde veränderte. Zu lesen mit Bedacht: der Autor dieses Logbuchs hat um Papier und Stifte bitten, ja betteln müssen.
Ein „Pessimist des Verstandes und Optimist des Willens“ wollte er sein. Was mich dabei schon jetzt beeindruckt ist die Attitüde des Autodidakten, dem es nicht an der Wiege gesungen wurde. Wer sich Wissen erkämpfen muss, weiß um seinen Wert. Vor allem jene, die sich als „Hofmeister“, sprich Nachhilfelehrer, ihr karges Brot verdienen mussten. Wie hat Hölderlin darunter gelitten. Von NINO weiß ich das noch nicht, aber bald. Man wird hier noch von ihm lesen, denke ich, der ich gern Gedanken stehle.
Logbuch
GEHEIMNIS.
Ein Geheimnis ist eine gänzlich unbekannte Information, die erst als solche erkannt wird, wenn sie genau das gar nicht mehr ist, was sie einst ausmachte, nämlich geheim.
Der legendäre Sir Humphrey Appleby, der in YES PRIME MINISTER der Behörde für behördliche Angelegenheiten (kein Witz) vorstand, wusste gegenüber seinem Labour-Bundeskanzler trefflich zu definieren, was ein GEHEIMNIS ist. Er sagte: „He who would keep a secret must keep it a secret that he hath a secret to keep.“ Ins Deutsche entschlüsselt: Wer ein Geheimnis zu bewahren hat, der hat als Geheimnis zu bewahren, dass er ein Geheimnis zu bewahren hat.“
Was ist das Gegenteil eines Geheimnisses? Eine Allerweltsweisheit? Was weiß jeder? Nun, es gibt nichts, dass alle wissen, und es gibt niemanden, der alles weiß. Geheimnisse sind sozial radikal begrenzt und vom leichtem Verfall. Wir kennen ihre Bewahrer erst, wenn sie keine mehr sind, weil ihre Verräter erfolgreich waren. Das Geheimnis offenbart sich durch seine Vernichtung.
Transparenz ist sein Tod. Es gibt Staatsgeheimnisse und Spionage; beide nähren sich gegenseitig. Auch unter Freunden, weiß jetzt auch Frau Merkel, werden die Handys abgehört. Ein Staat ist der allzu oft vergebliche Versuch zu Geheimnissen. Denn keine Armee gewinnt eine Schlacht, wenn ihre Strategie verraten. All das lese ich in einer Abhandlung über das geheime Manhattan Projekt, in dem die USA die erste Atombombe entwickelten, die die Welt veränderte. Ihre Gegner sollten das Geheimnis nicht erahnen, Deutschland und Japan. Und ihre Alliierten, jedenfalls die Russen, auch nicht, da die Gegner von morgen.
Als Truman, der vom dem Geheimnis auch erst nach seiner Vereidigung erfahren hatte, damit vor Stalin auf Jalta prahlen wollte, blieb der gänzlich unbeeindruckt. Erstens war es danach kein Geheimnis mehr. Zweitens wusste es Stalin vorher schon, durch den deutschen Spion Klaus Fuchs. Ha! So hieß der. Mehr sage ich nicht; ist ein Geheimnis.
Logbuch
Der Mensch – ein Ersatzteillager
Halbgötter in weiß? Welch ein Scheiß. Mediziner galten früher als bessere Menschen, jedenfalls besser als der gemeine Mechaniker. Das ist vorbei, seit wir wissen, dass man ihn schmieren kann, den Onkel Doktor.
Der Mensch galt früher als die Krone der Schöpfung, und nicht als Maschine. Unsinn! Er ist ein Ersatzteillager. Schon im 18. Jahrhundert, das fasziniert von der aufkommenden Technologie der Uhren war, galt: l‘ homme machine. Aber es gibt Unterschiede.
Manche Menschen sind eine Swatch, andere wiederum eine Rolex. Eine Swatch ist ein Massenartikel, asiatische Industrieware, das Herz ein alberner Quartz, die Optik grell, der Preis bezahlbar. Wenn die Swatch mal streikt, dann versucht es der Libanese im Bahnhof mit einer neuen Batterie. Wenn das auch nicht hilft, dann geht sie in den Müll.
Die Rolex ist ein Manufakturstück, kein elektronischer Mist, ein mechanisches Kunstwerk. Ihr Herz ist eine echtes Federhaus, ein kreisender Automat, eine Unruh, lauter Dinge, von den nur die Experten mit der Lupe wissen, wie sie wirklich funktionieren. Edelste Handarbeit aus geheimnisvollen Manufakturen im Schweizer Jura.
Wenn die Edeluhr mal streikt, dann wird sie in die Klinik geschickt. „Schicken wir ein“, sagt dann die freundliche junge Dame im Fachgeschäft. Ein Schweizer Nerd setzt dann im Jura die Lupe auf und vollbringt Wunderwerke an ihr. Dann tickt sie wieder. Wirklich tolle Uhren vererbt man, über Generationen. Sie sind unsterblich.
Aber das ist nicht das Problem, noch nicht. Stellen wir uns vor, die Ersatzteile werden knapp, verdammt knapp. Stellen wir uns weiter vor, wir wollen unbedingt, dass das Ding weiter tickt. Wir nähern uns mit diesem Gedanken ein ganz kleinwenig der sehr viel ernsteren Situation eines Transplantationspatienten, der auf ein Organ wartet.
Weil die Organe knapp sind, werden sie nach Dringlichkeit zugeteilt. Ich stünde also, wieder zurück in der Bahnhofstraße, sähe mein Ersatzteil in der Auslage und wäre laut Liste jetzt dran, aber ein russischer Kunde schiebt mich an die Seite, stopft der Asiatin tausend Dollar in den BH und kriegt das Ding. Und meine Uhr gibt den Geist auf. Nicht mit mir.
Man fände, ich schwöre, nachts in Zürich einen ermordeten Russen, dem man nichts gestohlen hätte. Nur das linke Handgelenk wiese eine gewisse Lücke auf. Das wäre freilich noch zu verschmerzen. Ich lese, dass man in den Slums Indiens Bettler auffindet, denen man eine Niere entnommen hat. Das soll sich Igor nicht so anstellen, man kann schlechter sterben als vor dem Baur au Lac.
Wäre die nette asiatische Verkäuferin nicht bestechlich, was sie sicher nicht ist, denn sie spricht schwyzerdytsch, müssten die Ersatzteile vom Amts wegen nach Bedarf und Bedürftigkeit zugeteilt werden. Dazu müsste man auf’s Eidgenössische Ersatzteil-Zuteilungs-Amt und sich eine Bescheinigung holen. Der dortige Beamte wäre auch nicht bestechlich, weil er schwyzerdytsch…aber das hatten wir schon.
In diese ökonomische Nische würde sofort ein Schwarzmarkt grätschen. Gegenüber vom Baur au Lac gibt es jeden Samstag einen Trödelmarkt. Hier tauchten jetzt die ersten asiatischen Nachbauten von Original-Teilen auf. Für kleines Geld, aber ohne Prüfsiegel. Und es gibt einen kleinen Stand mit einem Lupenmann, der ambulant macht, wozu andere in die Klinik müssen. Er ist Türke und gelernter Zahnarzt und reist aus Budapest an. Dort macht er die Woche über deutschen Privatpatienten die Zähne.
Es reicht? Der Mensch ist keine Maschine? Die Medizin folgt dem Gebot „Niemals schaden“ ? Einverstanden. Ich achte Ärzte und fordere dazu auf. Das Problem in unserer kleinen Geschichte sind ja auch nicht die Menschen, nicht mal die „Bisiness-Män“ aus Russland, die die Bahnhofstraße bevölkern.
Dagegen hilft nur Verstaatlichung sagt mein Freund Helmut. Das ist deutsch, wenn es wer richten muss, dann Papa Staat. Ja, sage ich, Helmut, weil es bei Behörden ja keine Korruption gibt, vor allem nicht in Russland. Dann müssen es, sagt Helmut mit einem letzten Argument der Verzweiflung, die Krankenkassen richten.
Und bei den Kassen, den guten, weil gesetzlichen, da spielt Geld ja keine Rolex, solange es den Versicherten gut geht. Helmut, Helmut, wo lebst Du? Göttingen ist überall. Aber spielen wir es durch. Ich versichere meine Edeluhr gegen Stillstand. Wenn es dann doch hapert, geht sie in die Schweiz zur Chefarztbehandlung. Und das zahlt dann die AOK.
Nach allem,was man aus der Gesundheitsreform so weiß, schickt mich die AOK zu dem türkischen Zahnarzt auf den Trödelmarkt, der mir einen Re-Import einbaut. Wer übernimmt die Garantie, dass meine Uhr danach wieder tickt? Ein Leben lang? Jedenfalls nicht die AOK. Frühe Mortalität ist ohnehin nicht deren Problem, nur so eine unsinnige Langlebigkeit. Das geht ja auch anders, siehe Swatch.
Quelle: starke-meinungen.de