Logbuch

STURMREIF.

Olaf als Deichgraf war nix; Ricarda sich nicht zu blöd, es auch mal zu probieren. Laue Lüftchen gegen den Sturm. Schnee legt sich nun auf das Land. Möge er Deiche gefrieren und die Fluten verschönen.

Vizekanzler Habeck hat sein Urlaubsdomizil nicht verlassen können, weil ein wütender Mob die Fähre stürmen wollte. Die Geister, die ich rief? Was bei den jugendlichen Klimaklebern eine Heldentat, ist bei den Bauern jetzt verachtenswerter Terror. Über die Doppelmoral der NÖTIGUNG als Mittel der Politik.

Habeck war auf Hallig Hooge, eine der nordfriesischen Hügel im Meer, die dem blanken Hans, der Naturgewalt trotzen. Fragile Angelegenheit. Ich kenne das Eiland, weil ich da als Pfadfinder mal einen Sommer verbracht habe und einem der Seeleute zur Hand gehen durfte. Habecks Wahl des Urlaubsortes war symbolisch; seine Klimakleber freilich reisen urlaubstechnisch heimlich nach Bali. Nachdem sie das Land mittels Nötigung belehren wollten. Verlust der Unschuld.

Was als Protest gegen den Diesel-SUV berechtigt ist, hat sich beim Diesel-Trecker als änderungsbedürftig erwiesen: der Bauer wird weiter mit billigem Diesel belohnt, wofür der Städter bestraft werden soll. Hier war die NÖTIGUNG also angebracht. Ein Volkssturm hat diese Wendehalslogik erzwungen. Aber ich zögere beim Begriff des Sturms, der historisch belastet ist. Das stürmende Meer, Nordsee ist Mordsee, und die grüne Entrüstung der „Extinction Rebellion“ und der aktuelle Bauernaufstand, das ist ja nicht das Gleiche.

Mir fiele noch die NÖTIGUNG durch die Lokführer ein. Da ich an die Tarifautonomie glaube, bin ich bei der Kritik von Gewerkschaften zurückhaltend. Für das fortgesetzte Versagen des Bahn-Managements trägt zudem der Staat die Verantwortung, der das durch stattliche Boni auch noch belohnt. Deshalb fahre ich ja den Selbstzünder, den sie mir nehmen wollen.

Die Stürme der Entrüstung zur Anti-Seuchen-Politik und dem sogenannten Heizungsgesetz überfordern den Kommentator endgültig. Ach je, das Hochwasser wäre auch noch im Symbolischen unterzubringen. Das Volk, der gehorsame Trottel, ist langsam überfordert. Ich rate der Ampel, den Verkauf von gelben Westen („gilets jaunes“) vorbeugend zu verbieten. Man könnte sagen: weil sie aus Plastik sind.

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POWERTEH.

Die Armut kommt von der Powerteh, so heißt es an den Stammtischen, jedenfalls im Plattdeutschen. Falsch ist das nicht. In einer süddeutschen Zeitung lese ich heute morgen, dass im Vorjahr erstmals mehr als die Hälfte des Stroms aus Erneuerbarer Energie stammte. Dann der Satz: „Das liegt auch am Wetter.“ Potzblitz.

Ein anderer Artikel, eine weitere Erkenntnis. Es geht um das Gas CO2, dass die gegenwärtige Dürre auslöst. Erstmals sei 2023 die unfreiwillige Abgabe von Kohlendioxid geringer als im Vorjahr gewesen. Das liege an der schlechteren Konjunktur. Da hatte die Dame von der „taz“ also doch recht. Potzblitz. Mit mehr Industrie geht das nie.

Mit der Erklärung der Welt in und aus ihren Ursachen ist das so ein Ding. Es sinkt ja die Geburtenrate in gleichem Maß wie die Anzahl der freilebenden Störche. Meine Frau Mutter hat mich als Knabe irgendwann angehalten, Zuckerwürfel auf die Fensterbank zu legen, um den Klapperstorch anzulocken. Hat geklappt. Ich bekam prompt ein Geschwisterchen.

Follow the science, welch ein Unsinn. Das ist doch das Kreuz mit den Fachleuten; sie haben zu allem mindestens zwei Meinungen. Der Laie bringt es da zu mehr Entschiedenheit. Darum gehört er ja auch in die Politik.

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REDEFREIHEIT.

Die moderne Präsidentin der amerikanischen Elite-Uni namens Harvard ist nach einer politischen Kampagne gegen ihre Person zurückgetreten. Obwohl sie die erste afroamerikanische Frau in diesem Amt war und Gay hieß. Pun intended.

In einer politischen Anhörung, die im Stil einem Verhör glich, hat sie und renommierte Kolleginnen nicht mit „Ja oder Nein“ antworten wollen, ob an ihrer Uni Aufrufe zum Völkermord an Juden dem Comment widersprächen. Die Antwort lautete, das käme auf den Kontext an. Das war politisch nicht gut genug.

FREEDOM OF SPEECH ist ein hohes Gut, weil es Symbol aller Freiheiten des Menschen als Individuum ist. Die schwarze Professorin Gay soll dann auch noch eine gewisse Laxheit im Wissenschaftlichen gezeigt haben; es wurden Plagiatsvorwürfe laut. Auch ihre Einlassung darauf hatte rhetorische Schwächen. Sie habe halt nur ein paar Gänsefüßchen vergessen. Das war akademisch nicht gut genug.

Mir gefallen schon diese inquisitorischen Debatten nicht, die insbesondere aus dem rechtspopulistischen Lager angestimmt werden. Das hat sich Bertolt Brecht schon von Herrn McCarthy anhören müssen. Überhaupt nicht gefällt mir aber der Genozid-Vorwurf als billige Spielkarte politischer Schlammschlachten. Egal von welcher Seite.

Ein Aufruf zu Mord, das ist keine Meinung, die auf Toleranz hoffen darf. Ein Aufruf zum Völkermord wird nicht erhaben dadurch, dass es Andersgläubige sind, die da als Kollektiv vernichtet werden sollen. Mord ist keine Meinung. In keinem Kontext.

Jetzt stünde die Debatte um Tyrannenmord an. Man darf den Ami-Buden Harvard und Penn Köpfe an der Spitze wünschen, die sowas können. An einer deutschen Hochschule wären intellektuelle Peinlichkeiten ausgeschlossen. Unsere Unis, die macht uns nämlich weltweit niemand nach. Meine Meinung.

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Das Griechische Schicksal: Staatenlos

Griechenland ist eine edle Nation, beheimatet ein sympathisches Volk und hat keinen Staat. Daran gehen jetzt Nation und Volk zugrunde. Und Europa wird das Problem durch Amputation zu lösen suchen.

Kann das denn sein? Wo doch das Heil für die einen, die Linken, aus der Gesellschaft kommt, für die anderen, die Liberalen, aus dem Markt. Da soll es an so etwas Hässlichem fehlen wie dem Staat? Und das gefährdet die anderen Länder in Europa mit schwachen Staaten? Darf man da von fatalem Krebs reden? Ja, man muss. Darf ich erzählen?

Vor drei Jahren habe ich Freunde in Athen besucht. Wir schliefen, großzügig eingeladen, im Hotel Grand Bretagne am Syntagma Platz. Man isst dort im obersten Stock, eine sonnendurchflutete Terrasse mit direktem Blick auf die Akropolis. Der Standard des Hotels ergeht sich in einem Luxus, den man nur noch aus Romanen des vorigen Jahrhunderts kennt.

Jedes größere Zimmer hat einen Butler, der auf Knopfdruck Champagner serviert oder die Schuhe wienert oder Zeitungen aus aller Welt herbeischafft. Klima-Anlagen säuseln. Die Servietten in der Bar sind aus feinstem Leinen und mit dem Emblem des Hauses bestickt.

Beim Frühstück Blick auf die Akropolis, auf der die Bauarbeiten mal wieder ruhen, am Nachbartisch ein englischer Banker, zwei griechische Reeder, ein Militär und ein orthodoxer Pope. Tee für den Geistlichen, Gin `n Tonic für die anderen Herren; es ist noch keine zehn. Von hier blickt man herab auf den großen Platz namens Syntagma und auf das Parlament, vor dem die folkloristisch kostümierten Wachen paradieren.

Shopping. Das größte Kaufhaus am Platz, ein Harrods in Athen. Alle Luxusmarken, bildhübsche Verkäuferinnen, kaum Kunden. Während wir durch die Etagen schlendern, eine Frau mit Gummihandschuhen und  einem Müllsack auf dem Rücken, der sich immer mehr füllt. Sie sucht in allen Etagen die Toiletten auf und entfernt händisch das benutzte und verschmutzte Klopapier.

Die griechische Hauptstadt hat zwar eine Kanalisation, die ist aber in einem miserablen Zustand. Und daher nicht in der Lage, auch Toilettenpapier zu transportieren. Es ist daher grundsätzlich untersagt, Papier hinunterzuspülen. Das benutzte Papier kommt in bereitgestellt Eimer, die die Dame nun händisch leert. Eine europäische Metropole ohne vernünftiges WC. Versprochen hat die Politik die Sanierung der Infrastruktur seit Jahren. Nichts passiert.

Auf der Ferieninsel unserer Freunde sind mehr als die Hälfte aller Einwohner blind. Weil es dafür Staatsknete gibt und der örtliche Arzt mit dem Bürgermeister paktiert, gibt es gegen einen kleinen Stapel Scheinchen für jedermann eine Blindenbescheinigung. Unser Taxifahrer, ein Blinder, findet das lustig. Und typisch deutsch, dass wir das nicht verstehen. Auch nicht, dass selbst gut verdienende Reeder steuerfrei sind, wegen der türkischen Konkurrenz.

Die Staatsgewalt muss Recht und Gesetz durchsetzen, Korruption unterbinden und Steuern von jedermann eintreiben, um die öffentlichen Aufgaben zu erfüllen. Alles andere ist vormodern.

Eine demokratische Gesellschaft, eine freie Nation, ein selbstbestimmtes Volk, all das sind Folgen des staatlichen Gewaltmonopols. Gewiss, einer Staatsmacht in einer repräsentativen Demokratie. Gewiss, Macht nur auf Zeit. Sicher, die Macht geht vom Volke aus.

Aber das griechische Gemeinwesen hat sich aus der Vormoderne und dem Faschismus noch nicht dahin entwickelt, wo wir es mit unserer Westminsterbrille sehen wollen. Vielleicht gilt das auch für die ehemaligen Diktaturen Portugal und Spanien.

Quelle: starke-meinungen.de