Logbuch

WUNSCHTRÄUME.

Die Sehnsüchte der Menschen sind ein Spiegel ihrer Nöte. Siehe der HEILIGE GRAL bei König Artus und den Rittern der Tafelrunde. 

Ich komme drauf, weil mir ein Londoner Antiquariat einen Katalog zu „Atheriana“ schickt; alles Bücher zum Mythos von King Arther. Scheint im Norden eine richtige Gattung zu sein, hatte ich noch nie gehört. Der uralten keltischen Sage nach sitzen die Tafelritter auf einer Burg namens Camelot, wenn sie nicht gerade wilde Abenteuer zu bestehen haben, und behüten den HEILIGEN GRAL. Was ist dieses magische Ding? Die Christen haben daraus fast tausend Jahre später den Kelch gemacht, aus dem Jesus beim Abendmahl getrunken haben soll. Eine Nachdichtung. Der Ursprung dessen hat mich interessiert. Dann sieht man, dass die Wunschträume der Menschen sehr nah an ihren Alpträumen waren.

Ursprünglich ist der Gral ein Ess- oder Trinkgefäß, eine Schale oder ein Kelch, dessen Inhalt nie versiegt. Immer zu essen, immer zu trinken. Wir sind in Zeiten, in denen HUNGER & DURST die dringendsten Nöte waren. Für alle Zeiten Brot, für alle Zeiten Wein: das waren die größten Sehnsüchte. So wurde in unzähligen Sagen des Nordens der HEILIGE GRAL verehrt. Weil der Magen knurrte. 

Dass auch noch die Seele knurrte, das kam historisch sehr viel später. Karfreitag ist den gläubigen Christen die Erlösung von der Erbsünde. Da waren die Alten bodenständiger.

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ZUM GRIECHEN.

Ouzo aufs Haus? Klar! Wir gehen „zum Italiener“ oder „zum Chinesen“, der in Berlin Vietnamese ist. Und es gibt die INDER, die Pakistani sind, die Pizza & Pasta anbieten. Störgefühl. Warum? Der Franzose steht für hohe Kochkunst, der Grieche für Tonnen von Fleisch. Geht das auch andersrum? Das beste Fischlokal, das ich kenne, ist „ein Türke.“ Hier mischen sich Vorurteile, also nationalistische Stereotypen, mit Sitten & Gebräuchen, sprich „elementarer Soziokultur.“ In der ETHNISIERUNG der Esskultur schwingt neben dem Kulinarischen viel von kruden Vorstellungen des NATIONALCHARAKTERs. Eigentlich aus den großstädtischen Migrationskulturen entstanden, also jungen Unternehmungen, die die Küche ihrer Heimat anbieten, sind es heute MODEN der Garküchen. Moden mischen sich. Die politisch Korrekten wissen allerdings, sagen die mit hochgezogener Augenbraue, von authentischen Lokalen; auch das, wenn man es genau nimmt, ein Nationalismus. Ich ging früher, als es noch pandemisch erlaubt war, gern zu einem Lokal, das, in welcher Tradition auch immer, DEUTSCHES HAUS hieß, aber jetzt ein „Jugo“ (so der örtliche Straßenslang) war, dessen tüchtiger Inhaber von Kroatien als seiner „Heimat“ sprach. Das hat mir gefallen. Er hatte am Ort Koch gelernt und ist als Inhaber ein toller Gastgeber. Wir aßen nicht authentisch, sondern nach Neigung. Auch standardmäßiges der sogenannten INTERNATIONALEN KÜCHE (eigentlich ein echter Drohbegriff für schlechte Gastronomie). Das Wiener Schnitzel für die Blonde, das Rinderfilet für mich. Ausgezeichnete Bratkartoffeln. Multi-Kulti als entspanntes Zusammenleben. Man wagt es kaum zu sagen: so soll es doch sein.

PS: Bei „dem Türken“ mit dem ausgezeichneten Fisch begrüßt mich ein Kellner herzlich, weil er mich aus einem Nachbarlokal kenne, einem sündhaft teurem „Italiener“, wo er früher gearbeitet habe; der Mann ist aus dem Libanon. Und ich gehe nicht mehr zu dem Italiener, weil er mir für ein Glas Grappa einen deutlich zweistelligen Euro-Betrag abgenommen hat.

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AMBULANT.

Essgewohnheiten. Was hat sich grundlegend geändert? Nun, früher saß man zum Essen an einem Tisch und zwar zusammen zu geregelten Zeiten. Ein Ritual: Gemeinsame Mahlzeiten. Heute laufen die Menschen essend und trinkend irgendwo herum. Allein. Ein Hot Dog an der Straßenecke, ein Leberkäsbrötchen in der U-Bahn, Gemüse-Döner vor dem Supermarkt. Das Glücksversprechen der Garküchen lautet „to go“: zum Mitnehmen. Der ambulante Verzehr. Entsprechend wandelt sich die Zubereitung; man muss den Verzehr nämlich möglichst ohne Besteck einhändig im Laufen bewerkstelligen können. Früher war dies dem „Essen auf der Arbeit“ geschuldet; so entstanden pasty & sandwich, die Pastete und das Butterbrot. Heute liegt der Grund für die „Dehabitualisierung“ von Mahlzeiten in der allseitigen Hektik, die Essen und Trinken in die Ambulanz, das Rumlaufen verweist. Zuerst fiel mir das bei Amerikanern auf, dass sie immer und überall ein Getränk mitführen müssen; so als begänne schon an der nächsten Ecke die Wüste Gobi, auf die man vorbereitet sein müsse. Dann der Trend zum „finger food“, also dem bestecklosen Verzehr von Kleinstportionen für Einarmige. Auf Stehempfängen wesentlich, weil in der anderen Hand das Glas zu halten ist. Jetzt sehe ich ganze Gesichter in muschelförmige Alufolien tauchen, in der eine Teigtasche Röstfleischschnipsel mit Joghurt und Salatschnipseln darbietet, eine Mahlzeit, die aussieht, als sei sie schon mal verzehrt worden. Vielleicht ist das ja das Erfolgsgeheimnis der angebratenen Hackfleischtaler, sprich der Hamburger; das haschierte Fleisch ist faktisch durch den Kutter des Metzgers schon vorverdaut. Wie auch die in kleine Stücke aufgeschnittene Currywurst. „Mit oder ohne Darm? “, fragt die Berlinerin an der Currybude und der Eingeborene ist, seltsame Beobachtung, ob dieser Frage nicht irritiert. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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Die Qualen der Wahlen

Der Wähler ist dumm und frech. Dumm, weil er unsinnig wählt, und frech, weil er trotzdem vernünftig regiert werden will. Die Erkenntnis stammt im Kern von dem Banker Carl Fürstenberg. Er hat gesagt, der Aktionär sei dumm und frech. Dumm, weil er Aktien kauft, und frech, weil er dann noch eine Dividende haben will.

Die Wahlergebnisse sollten Puzzle-Steine sein, die nach der Wahl zusammengelegt ein klares Bild vom Wählerwillen ergeben. Aus den Stimmen der Vielen wird ein Volkswille, idealerweise das Gemeinwohl, jedenfalls ein klarer Auftrag des Souveräns an seine Abgeordneten. Das ist die Theorie.

In der Praxis bricht sich die Politik beide Arme bei dem Versuch, aus bescheuertem Wahlverhalten handlungsfähige Regierungen zu bilden. Wir erleben etwas, für das die Demoskopen einen neuen Begriff haben: die Fragmentierung der Stimmen. Man kennt das vom Turmbau zu Babel.

as Übel liegt an der Wurzel: Wir haben allgemeine, unmittelbare, freie, gleiche und geheime Wahlen. Zu deutsch: Jeder Idiot darf selbst und ohne Kontrolle auf dem Wahlzettel anstellen, was er will. Und es gibt breite Kreise, die ihr Recht auf Dummheit auch tatsächlich in Anspruch nehmen.

Einer der Vorzüge der repräsentativen Demokratie gegenüber einer direkten Volksherrschaft liegt darin, dass die Deputierten sich, sobald sie im Mandat sind, nicht mehr an den Wählerwillen halten. So kann man wenigstens den gröbsten Unsinn anschließend  verhindern.

In meiner Wahlheimat London ist gerade gewählt worden. Und die Welt war in Ordnung. Es war eine wirkliche Freude. London erlebte einen Lagerwahlkampf. Freiheit oder Sozialismus. Hier war noch nichts fragmentiert, sprich die Welt in Ordnung. Upstairs, downstairs, so heißt das hier.

Es gab einen linken Kandidaten, einen gelernten Trotzkisten aus den proletarischen Vororten, der die Sozi-Rezepte der sechziger Jahre noch nicht ganz vergessen hatte und die Segnungen von Old Labour versprach. Ken Livingston, der Held der Armen und Geknechteten, der Migranten und Transfer-Empfänger. Er riecht wie Müntefering nach Pfefferminz und billigem Rasierwasser und ein wenig nach Bohnerwachs und Arbeitsamt. Aber Ken ist eine ehrliche Haut, na ja, dazu später mehr.

Und es gab aus Eton den konservativen Boris Johnson. Ein spleeniger Kerl mit blonder Wuschelfrisur, respektablem Übergewicht und wirtschaftsliberalen Ansichten. Boris ist Kult. Er versprach für die nächsten vier Jahre 200.000 neue Jobs in London, insbesondere für die jungen Londoner. Er will einen neuen Flughafen bauen, auf einer Insel in der Themse. Boris ist, was man hier posh nennt, bürgerlich im sozialen Sinne, ein lustiger Bourgeois.

Ken, der parfümierte Arbeiterführer, wurde in seinem Wahlkampf von unschönen Spesen- und Steuerthemen erwischt. Handgenähte Schuhe auf Budgetkosten, weil er zum Wirtschaftsgipfel nach Davos musste. Ein Absahner aus den Vorstädten. Er hat verloren. Und ich finde, obwohl ich seiner Partei angehöre, er hat zurecht verloren. Ken war Vergangenheit. Old fishermen don’t die, they just smell like it.

Das ist das Dilemma: Soziale Herkunft oder Parteizugehörigkeit bestimmen nicht mehr das Wahlverhalten, jedenfalls nicht vollständig. Ich bin in der SPD und habe seinerzeit Merkel gewählt, weil ich Müntefering & Schröder loswerden wollte. Die SPD kriegt jetzt meine Stimme, wenn sie Gabriel aufstellt; kommen die mit einem der Stones als Kanzlerkandidaten, werde ich FDP-Wähler. Ich kenne eiskalte Investmentbankerinnen, die grün gewählt haben. Junge-Union-Eleven wählen womöglich die Piraten. Und die Hälfte aller Wahlberechtigten geht gar nicht mehr wählen.

Mit der Fragmentierung der Stimmen kommen zunehmend kandidatenbezogene Kriterien in das Wahlverhalten. Wir wollen Stars, jedenfalls keine Langeweiler. Obama war einfach geil; so geil, dass Ken Livingston in London immer von sich und Obama sprach. Hat nicht geholfen, weil er in der südlondoner Tonlage eines Shop Stewart pöbelte, während Boris eine feine Ironie à la Oxbridge pflegte. Ästhetisierung der Politik. Gesetze der Unterhaltungsindustrie. Großes Kino.

Nun könnte man das Wahlrecht einschränken. Apartheits-technisch. Nur noch die Schlauen wählen, und die Doofen gucken RTL. Weniger banal nennt sich das die Hoffnung auf eine Philosophenherrschaft oder Epistokratie. Das ist das, was Helmut Schmidt heute vertritt, obwohl er zu Amtszeiten nichts weniger war als ein Philosoph. Aber wissen die schwätzenden Eliten („chatting classes“), dass sie keine Philosophen sind?

Die Epistokratie oder Eliten-Herrschaft hilft nicht, weil sie natürlich nicht wirklich funktioniert und sofort zur Diktatur verkommt. Das ist ja das Unglück, dass die Doofen eben dies von sich selbst nicht wissen, sondern sich für schlauer als den Rest halten. Eliten ernennen sich selbst. Das ist politisch gefährlich. Es muss also bei allgemeinen, freien, unmittelbaren, gleichen und geheimen Wahlen bleiben.

Der gute alte Kant: „Dass Könige philosophieren oder Philosophen Könige würden, ist nicht zu erwarten und auch nicht zu wünschen; weil der Besitz der Gewalt das freie Urteil der Vernunft unvermeidlich verdirbt.“ An der Macht würden die Schlauen dumm und frech. Und dann sind wir wieder, wo wir eingangs schon waren.

Quelle: starke-meinungen.de