Logbuch
EREMIT.
Wenn wir jeder in eine Wüste gingen oder auf eine Berghütte oder in den Keller, dann wäre gut. Leprastation, mehr fällt denen nicht ein.
Tagträume. Am Anfang habe ich mich noch gewundert, dass der Chef der höchsten Bundesbehörde, des Robert Koch Instituts, ein Tierarzt ist. Dann kam das mit der Herdenimmunität. Da wusste ich, ich bin deren Schaf. Grasfressen. Der Lauterbach ernährt sich schon salzfrei und von Tofu.
Fieberfantasien. Jetzt sagt der mit den schwarz gefärbten Haaren, der dünne Drosten, dass das mit den Schweinen auf Dauer auch nicht gut gehen könne, deren Herden seien zu groß. Überbevölkerung. Und der dicke Narkosearzt von Mutti hadert mit dem zögerlichen Schlumpf. Woher hat der seine Adipositas?
Alpträume. Was macht eigentlich der Freund von Pferde-Micky in Bonn? Dieser HIV-Forscher? Und dass die im vorderen Orient Kamele verspeisen, warnt der mit den gefärbten Haaren. Mit Fledermäusen fing es ja an.
Ich plane ein Eremitendasein auf veganer Basis. Ich ziehe zu meinen Kaninchen.
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EITELKEIT.
Man erkennt den eitlen Gecken daran, dass sein Name ins Hemd gestickt ist. Oder er ein tolles Nummernschild hat. Der ganze Stolz bei Frisören oder Luden.
Ein SPRECHENDER NAME, das ist ein Eigenname mit einer zusätzlichen Bedeutung. Zum Beispiel „Gotthold“ für den Frommen oder „Hartmut“ für den Kühnen, „Tusnelda“ für das Treschen… Es gibt das aber auch bei Kfz-Nummernschildern. Sprechende Auto-Nummern. Nazi-Kürzel werden in Deutschland neuerdings vermieden. In England ein Kult, schon immer.
Es gibt einen regelrechten Handel mit Kennzeichen, die teurer als das Auto sein können. Ich sehe gestern in Chelsea vor dem THE IVY einen schwarzen Bentley mit der Reg.-No. , so heißt hier die Zulassungsnummer: „BOSS“. Boss im Bentley. Russen, vermute ich. Getönte Scheiben im Fonds. Handelswert des Schildes bestimmt 250.000 Pfund Sterling. Für das Nummernschild. Ich habe mal für „KK1“ an einem Defender einen Tausender gegeben.
Heute machen das bei uns vor allem Fahrlehrer und Zuhälter. Da gibt es dann die Initialen der Freundin oder den Hochzeitstag im Nummernschild. Ich verzichte darauf ganz bewusst; seit jenem Jahr, in dem mir mein Fahrer bei einem Frankfurter Laden meinen Dienst-Daimler mit meinen Initialen anmeldete. Oskar, so hieß er, war stolz wie Oskar. Ich nicht.
Ein Jahr lang fuhr ich eine Karre mit dem Kennzeichen: „F - KK 69“. Spott der Welt.
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REAKTANZ.
Menschen sind vernunftbegabt. Sie wollen von dieser Begabung gelegentlich auch mal keinen Gebrauch machen. Darum Alkohol und Drogen, darum Karneval. Den tierischen Ernst verlieren wollen.
Der Karnevalist ist gegen den tierischen Ernst. Er besäuft sich und ist albern. Überhaupt ist die Sesshaftigkeit des Jägers & Sammlers darauf zurückzuführen, dass er nur so zu Korn und Traube kommt, sprich Bier und Wein. Alles eine Frage des Menschenbildes.
Auf ein Übermaß an verlangter Vernunft reagiert der Überforderte mit Unwillen. Man nennt das REAKTANZ, wenn die rational Verzweifelten in Trotz und Wahn fliehen. Wenn Mengen zum Mob werden. Da verliert der kalte Staat sein Recht, reagiert er nicht mit Gewalt. Und auch das hat Grenzen.
Was uns von den Tieren unterscheidet, ist FEIERN WOLLEN, also das Maß der Veredelung des Dionysischen, nicht das Dionysische selbst (SEX & SUFF). Und immer schon mit einer Spur TODESSEHNSUCHT. Anders kann man nicht verstehen, was die Bilder vom Straßenkarneval aus dem Rheinland zeigen.
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Piraten drohen an Paradoxien zu scheitern: Blütenträume enden im Irrenhaus
Weil die Piraten so viele tolle Ideen haben, weil die Piraten so große politische Erfolge haben, weil sie den Muff der anderen Parteien so erfrischend wegwehen, weil so viele meine Freunde sie mögen, mache ich mir Sorgen.
Es ist zu hoffen, dass all diese Sorgen grundlos sind. Aber wenn ich sehe, wie eine junge Frau, Spitzenkraft der Piraten, nicht nur von Michel Friedman zerlegt wird, sondern auch von Markus Lanz, und in der Charité endet, weil sie noch zu Maybrit Illner muss, dann mache ich mir Sorgen.
Gut, nicht jeder ist den Talkshows von Michel Friedman gewachsen; der Junge ist ein intellektuell scharfer Hund. Alle Achtung. Aber bei Lanz beantwortet die junge Frau freiwillig dessen Fragen nach dem letzten Joint und ihrer Entjungferung. Wegen weil Transparenz… Sie unterbietet noch den Frösche-Killer Rösler. Erbärmlich. Wann hatten Sie den ersten Verkehr? Ja, hallo, geht’s noch? Die junge Frau hat mir echt leid getan.
Das Internet als Technik hat nicht nur Anhänger, Nutznießer. Freunde ausgebildet, sondern eine eigene Kultur. Das müssen die Alten, die Analogen, noch kapieren. Diese Soziokultur der Piraten ist modern, sympathisch, wahlfähig und von Paradoxien bestimmt. Ins Extrem gesetzt, kann sie nur im Irrenhaus enden. Paradoxien enden oft in der Paranoia. Piraten-Paranoia, die politische Krankheit der Stuttgart-21-Zeiten.
Man kann das philosophisch erörtern. Oder handfest machen. Machen wir es handfest. Denn die Techniken sind neu und heißen fremd. Die sozialen Irrtümer, die sie reproduzieren, sind alt. Wenn das mit den Piraten klappen könnte, dann hätten früher auch die Kommunen genannten Wohngemeinschaften funktioniert. Oder der Anarchismus als politisches Konzept.
Zwei Beispiele: Der schwedische Staat veröffentlicht die Steuererklärungen aller Bürger im Internet; das ist sozial verbrämter Terror. Big Brother lässt grüßen. In den guten alten Wohngemeinschaften der Alt-68er sollten nicht nur die Schlafzimmertüren beim Verkehr offen stehen; es wurden auch die Toilettentüren ausgehängt, weil alles Private auch politisch sei.
Totale Information ist kein Glücksversprechen, sondern bloßes Rauschen, in gar keinem Fall wirkliches Wissen. Intelligenz besteht in der Selektion und Bewertung von Wissen, nicht darin, immer alles von allen wissen zu müssen. Wir erleben eine neue Generation von charmanten Soziopathen, die in einem Gespräch keinen Blickkontakt mehr halten, ohne auf die neue Twitter-Nachricht zu blicken oder in Universen unnützen Wissens zu surfen. Nur Irre wollen immer und überall alle Stimmen hören.
Totale Partizipation ist nicht die Vollendung der Demokratie, das Paradies auf Erden, sondern die Herrschaft des unfreiwilligen Chaos über eine wünschbare Ordnung. An allem teilnehmen zu dürfen, das heißt irre werden in den endlosen Debatten um Kaffeeautomaten, barrierefreien Bahnhofsklos, dem Krieg in Afghanistan, dem Ozonloch. Die Alt-68er haben gezeigt, dass „ausdiskutieren“ das Regime der Psychopathen ist, die immer Recht behalten müssen, selbst wenn es alle um den Verstand bringt. Am Ende auch sie. Piraten-Paranoia.
Totale Meinungsfreiheit ist nicht ein Zustand allgemeinen Glücks, sondern ein Magnet für die übelsten Ideologen. Schon heute toben bei den Piraten die Faschisten und Rassisten aller Arten. Es wird einen Sog geben auf Trolle. Die Piraten gewähren solchen Zwangscharakteren ungeahnt große Foren, ohne dass jemals eine Chance auf vernunftgeleiteten Konsens besteht. Respekt vor Privatheit ist die Grundlage der Zivilgesellschaft und faires Diskutieren ihr Medium. Mit offenem Visier.
Totale Freiheit des Ausdrucks, auch aus der Anonymität, führt zum Verlust jeden zivilen Umgangs und einem Hooligan-Stil, in dem die Schwachen schweigen und die Brutalen obsiegen. Rufmord wird zum Allgemeingut. Wer abschaltete, muß fürchten ermordet zu werden, also dranbleiben, Tage, Nächte. Gehst Du off-line, hast Du verloren. Hier bilden sich schon heute bei Internet-Süchtigen spezifische Formen der Paranoia aus.
Die Vergesellschaftung jedweden geistigen Eigentums macht das Wikipedia-Prinzip zum Maßstab allen geistigen Schaffens: Nur was alle wissen und niemand mehr korrigieren will, das stimmt. Der kleinste gemeinsame Nenner. Diktatur des Mittelmaßes, bestenfalls; eher schon: Pöbel als Prinzip. Eine Prinzip des ubiqitären Boulevards. Dabei bleibt die Aufklärung auf der Stecke, die Moderne, die Individualität, die persönliche Freiheit… alles, was dieses Land liebens- und lebenswert macht.
Quelle: starke-meinungen.de