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VERGÖTTERT.
Als die zivilisierten Weltentdecker bei den primitiven Völkern landeten und deren Gebiete besetzten, glaubte die Wilden, sie hätten Götter vor sich. Darüber amüsierten sich Christoph Columbus und Marco Polo. Ganz nett, aber doof, diese Indigenen, war ihr Eindruck.
Wie konnte Columbus das wissen? Er beherrschte die Sprache der Wilden nicht. Vielleicht missdeutete er deren Freundlichkeit, während er sie mit läppischen Glasperlen und tödlichen Viren versah. Die katholischen Eroberer im Namen der spanischen Krone haben sich den Quatsch nur ausgedacht, vermute ich, weil sie ihren Herrschaftsanspruch im Namen von Kirche und Krone rechtfertigen wollten. Während die Missionare den Blick der Eingeborenen gen Himmel richteten, raubten die Truppen deren Häuser und die Böden aus. Glücklich, wer nicht auf einem Sklavenschiff endete.
Dass man Herrschaft dadurch rechtfertigen wollte, dass man sich göttlichen Ursprungs wähnte, war im Alten Rom nichts ungewöhnliches. Cicero vergötterte seine Tochter Tullia. Hadrian wollte seine Ehefrau und die Schwiegermutter aus dem Himmel stammend gewürdigt wissen; und seinen Geliebten, einen griechischen Knaben namens Antinous. Zustände, unglaublich. Diese Vergöttlichungen, Apotheosen genannt, stammten von den Alten Griechen, wo ohnehin alles durcheinander ging: Götter beschliefen, was immer ihnen unter die Hüften kam. Also bitte keinen Hohn über die Indigenen, die die Portugiesen für himmlischen Ursprungs hielten. Oder sie damit verarschten. Auch eine mögliche Variante.
Mahatma („große Seele“) Ghandi betonte immer wieder, schon in den früher 1920er Jahren, er sei gar kein Heiliger, sondern nur ein Mensch. Man möge seine Füße berühren. Mit dem Trick hat er am Ende die Engländer entmachtet. „He that humbleth himself, shall be exalted!“ (Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.) Man kann aus dem göttlichen Charisma kein Stigma machen. Menschen, die sich zu Göttern erheben.
Ohnehin wäre ich vorsichtig mit hohen Tönen bei Apotheosen. Wenn ich das richtig sehe, hat unserer Religionsstifter seinerzeit auch behauptet, göttlichen Ursprungs zu sein; sogar der Sohn des Alten.
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MACHTGEIL.
Das englische Königshaus der Windsors wurde von Lady Di als „die Deutschen“ getadelt. Stimmt mehrfach. Westminster & Windsor waren immer Vorbilder für uns Hunnen. Aber was sie jetzt abliefern, das behagt mir nicht.
Was man aus London hört, von dem Hannoveraner Geschlecht der Battenschlags, die sich Mountbatten genannt haben und so dem Geschlecht der Windsors zurechnen, wie von dem Herrn an der Spitze der Westminster Demokratie, das alles erinnert an den Untergang Roms unter Kaiser Nero; er steckte seinen Palast in Brand. Wg. Sex & Party. Spätrömische Dekadenz.
Die Doppelmoral der englischen Oberklasse blüht im Großen wie im Kleinen. Brexit wie bei Partygate. Vom gleichen Zynismus ist es, das Land mit Lügen und Rubel aus Europa zu führen wie besoffene Bürofeten zu feiern, während man die Leute in den Hausarrest schickt und die Beerdigung des großartigen Philip ansteht.
Im ersten Monat nach seiner Amtseinführung ließ sich Boris Johnson scheiden, heiratete wieder und wurde gleichzeitig Vater. COVID musste da erstmal warten. Mindestens vier Frauen rechneten ihm bereits vorher mindestens neun Schwangerschaften zu. Schreibt John Lanchester in der „London Review of Books“, um ihn als Traumtänzer und unsteten Wunschdenker zu charakterisieren. Er vermeide notorisch jede Verantwortung.
Und ein drittes Beispiel vom gleichen Schlag: Prinz Andrew. Sich dem Verdacht von „under-age-sex“ auszusetzen, als Royal in der Gunst eines reichen Päderasten, als sei das halt ein Hausrecht. Ekelhaft. Britannia: Boris & Andrew are two of a kind.
Ich bin enttäuscht von Westminster wie Windsor. Beides waren Vorbilder für das durch die Nazis geschändete Deutschland. Meine englische Seele hielt ich mal für das bessere Ich. Es bricht einem das Herz. Kipling („a gentleman in khaki“) würde sagen, dass man so kein Empire führen könne, das sich „Gemeinwohl“ (Commonwealth) nennen dürfe. Recht hätte er. Spätrömische Dekadenz in Khaki.
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IRRLEHREN.
Eine liberale Gesellschaft duldet jedwede Irrlehre. Als private Freiheit. Dagegen setzt sie nur Staatsräson. Sehr, sehr spärlich. Das unvermeidliche Minimum.
Antwerpen war eine blühende Stadt im 16. Jahrhundert, historisch nach Brügge und noch vor Amsterdam. Alle Religionen genossen hier alle Freiheit. Weil man blühenden Handel wollte, gewährte man Religionsfreiheit. Obwohl in den Spanischen Niederlanden gelegen, sprich katholisch, hielt man selbst die Inquisition raus. Freier Welthandel von freien Weltgeistern. Weltbürger.
Protestanten, Katholiken, Juden, Muslime, seltsame neue Sekten. Alles ging, weil der WELTHANDEL im Mittelpunkt stand, genauer die BEURS (Börse); der bargeldlose Zahlungsverkehr war gerade erfunden. Ich lese Interessantes vom Verlagswesen der Antwerper: man erlaubte sich IRRLEHREN jedweder Art. Für versprengte Sekten und Kulturen, so zahlungskräftig.
Das Zauberwort lautet HETERODOXIE. Ein soziologischer Begriff, wohl von BOURDIEU. Irrlehren, das ist gemeint. Was eine Gesellschaft eint (DOXA), das macht ihre Normalität aus, eben das ORTHODOXE von Glauben, Sitten und Gebräuchen, Wissenschaft. Was aber verlegten die Antwerpener? Auch alles andere. So Querdenkerzeugs. Eine freie Gesellschaft beweist sich nicht in der ORTHODOXIE, sondern der Toleranz für HETERODOXES. Die Börse als Ort der Aufklärung. Und der Gegenaufklärung. „Die Gedanken sind frei…“ Natürlich viel Betrug und Übervorteilung.
Die FREIHEIT endete historisch mit den Bilderstürmern, fundamentalen Protestanten, die die Kirchen plünderten. Und die Juden vertrieben. Bald kam dann die Inquisition und die Jesuiten fielen ein. Auf den Straßen Antwerpens wuchs Gras. Die Kaufleute waren längst nach Amsterdam gezogen. Motto: „Liever Turks dan Paaps“. Von wegen Islamophobie! Der Papst, sagten sie, macht das Geschäft kaputt.
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Religionsfreiheit ist nicht Freiheit der Religionen, sondern die Freiheit von der Religion
Doofe haben nur eine Chance, die Dinge, für die sie zu doof sind, doch noch irgendwie zu verstehen: Sie legen eine Magie zugrunde. Mutter Natur oder finstere Mächte, selbstgemachte Götter. So entstehen alle Religionen. Statt Physik gibt es Metaphysik. Religion ist Magisierung des Lebens.
Magien sind allzu menschliche Erfindungen, die sich zur Beherrschern des Menschen verselbständigen. Fetischismus nennt man das. Aber gemach, hier soll nicht gegen Religiöses gehetzt werden. Im Gegenteil. Aber es geschieht ja Ungeheuerliches: Korane werden verteilt.
In der Fußgängerzone, dem deutschesten aller deutschen Orte, werden diese Bücher verschenkt. Und die Herrschaften, die dort agieren, sind Salafisten. Ich habe keine Ahnung, was Salafisten sind, und will es auch nicht wissen. Die allgemeine Aufregung ist unangebracht. Ich bitte um Entspannung.
Ist das zu sorglos? Sollten wir die bösen Bücher nicht verbannen? Hallo? Man soll alles lesen können, so man lesen kann. Aber der Verfassungsschutz warnt doch, dies sei Propaganda. Das sind die beamteten Schlafmützen, die das Nazi-Bafög erfunden haben und braune Mörderbanden über Jahre agieren ließen. Die sollten ihren wirklichen Job machen und sich nicht als Reichsschrifttumskammer gerieren.
An der Straßenecke steht ein älterer Herr, der hält ein Blättchen hoch, auf dem „Wachturm“ steht. Er möchte ausweislich seiner Headline, dass ich erwache. Aha. Ich habe keine Ahnung, was die Zeugen Jehovas sind, und will es auch nicht wissen. In meinem Kiez suchen sie die Türschilder nach italienischen Namen ab und klingeln dann. Es gibt eben auch italienische Zeugen Jehovas. Es interessiert mich nicht.
An bestimmten christlichen Feiertagen gibt es, kein Scherz, Tanzverbot. Ich bin aus dem Alter, in dem ich nach Tanzvergnügen strebe. Und als ich in dem Alter war, war es mir völlig egal, was Kirchen darüber dachten, wann und wie ich abrockte. Wir haben uns damals darüber amüsiert, dass in der DDR „auseinandertanzen“ verboten war. Weder Staat noch Kirchen entschieden über’s Tanzen. Oder die Art der Drogen.
Zu jener Zeit agierte in Albanien ein kommunistischer Diktator namens Enver Hoxha, der alle Kirchen und Moscheen schleifen ließ, weil er einen atheistischen Staat wollte. Man kann das Anti-Klerikale eben auch bis zum Gegenteil der Befreiung treiben, der Unfreiheit einer bösen Diktatur. Bildersturm unter Marx, Engels und Lenin. Das fanden wir schon damals bescheuert.
Im Spätkauf in meinem Kiez trägt die Tochter des Besitzers seit neuerem Kopftuch. Eigentlich ist mir das egal, weil ich Zeitungen und Zigaretten will und keine religiöse Debatte. Weil ich aber den Verdacht habe, dass dies ein Diskriminierungsmerkmal für Frauen ist und sie es nicht freiwillig tut, kaufe ich da nicht mehr. Geschäfte unter vorsätzlicher Menschenrechtsverletzung behagen mir nicht.
Zu den großen Errungenschaften der Moderne gehört, dass Staat und Kirche getrennt sind. Unser gesellschaftliches Leben wird nur durch Recht und Gesetz beschränkt. Und ansonsten durch nichts. Wir kennen keine Staatsreligion. Und der Glaube, das Bekenntnis sind Privatangelegenheit. Säkularisierung heißt das, und es ist klasse.
Religionsfreiheit ist eben nicht die Freiheit einer Religion, von jedermann zu verlangen, was ihre Vorstellungen für erstrebenswert halten. Und zur Not die Menschen mit einem Bannstrahl zu strafen oder zu steinigen. Religionsfreiheit ist die Freiheit von Religionen. Sie sind Privatsache, aber nicht Sache des Staates.
Deshalb ist es falsch, dass der deutsche Staat für die Kirchen die Mitgliedsbeiträge als Steuer eintreibt. Deshalb ist es ein Witz, dass Kirchen in Kindergärten, in denen sie gerade mal 10 Prozent der Kosten tragen, Tendenzbetriebe sehen, in denen sie die eigene verlogene Sittenlehre über das Arbeitsrecht stellen. Deswegen gehört das Verkaufsverbot an Sonntagen aufgehoben.
Dass die islamischen Vorstellungen von Gottesstaaten vormodern sind, Tarnungen von totalitären Regimen und menschenverachtenden Mächten, ist damit gesagt. Zugleich ist der Papst in seine Schranken verwiesen. Und der Protestant, auch wenn er bei uns Kanzlerin und Präsident ist.
Jeder darf nach seiner Fasson selig werden. Dieser preußische Grundsatz sagt vor allem: Selig werden, das ist kein Staatsakt. Sondern eine Privatsache. Daraus erklärt sich eine gewisse Zurückhaltung, die den Religionen in modernen Gesellschaften aufzuerlegen ist. Ganz entspannt, aber eben auch ganz entschieden.
Und wenn in Moscheen gegen Recht und Gesetz verstoßen wird, dann ist das eine Frage von Recht und Gesetz, ungeachtet der Tatsache, ob es Kathedralen, Moscheen oder Parteizentralen sind, in denen der Rechtsbruch stattfindet. Volle Härte des Gesetzes, kein Freibrief für die Mullah-Magie.
Mit der Freiheit von der Religion steht diese nicht mehr als Kriegsgrund zur Verfügung. Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Und dann kann ich mich dem moralischen Gesetz in mir widmen, eine wichtige private Tätigkeit. Dabei will ich für mich, dass die Maxime meines Handelns zugleich Grundsatz einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte. So wird das Moralische politisch. Nur so.
Quelle: starke-meinungen.de