Logbuch

TAUBENSCHISS.

Zu Pfingsten feiert man, wenn gebildet, Völkerverständigung; und das ist mehr als Dolmetschen. Für die christlichen Seelen unter uns, die noch bibelfest sind, ist das das Ausgießen des Heiligen Geistes in der Urkirche fünfzig Tage nach Ostern mittels Taube. Versteht kein Mensch. Die Urgemeinde findet zusammen; man versteht einander, obwohl man ganz unterschiedlicher Muttersprache war. Der Grieche nennt das XENOGLOSSIE. Der Gläubige spricht nicht, es spricht aus ihm und alle verstehen es. Eigentlich ist es die initiale Indoktrination.

Während ich in meinem Katechumenenwissen um die Taube krame, sehe ich im Fernsehen Bilder von diesen Demos mit Palästinaflaggen und den notorischen Tüchern. Eine arabisch anmutende junge Frau mit Pallituch hält ein Plakat hoch, auf dem das Wort WERTEDIKTATUR steht. Das ist so dumm nicht. Unsere Rechtsordnung, die Verfassung also, beruht auf einem absolut gesetzten WERT, der allerdings wirklich schwammig ist, auf einem unbestimmten Rechtsbegriff: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dazu fehlt auch dem Kalifen das Recht.

Die Annahme von unveräußerlichen Menschenrechten ist die politische Taube der Moderne, der Heilige Geist der Verfassung. Steht zuerst 1776 in der Unabhängigkeitserklärung der abtrünnigen Kolonien Amerikas und vor 75 Jahren dann wieder im deutschen Grundgesetz. Der Geist dieser Moderne beruht auf einer Hypothese; das muss man einräumen. Die Annahme ist das Selbstbestimmungsrecht des Menschen. Diese Würde zu achten und zu schützen, das ist die Aufgabe aller staatlichen Gewalt. Weil das so gesetzt wird, bin ich bereit, es eine WERTEDIKTATUR zu nennen. Ja, daran kommt man nicht vorbei, wenn man hier bleiben will.

Würde also. Für alle? Auch für Frauen? Auch für Ungläubige? Auch für Gestrauchelte? Auch für Juden? Oder Hongkong-Chinesen? Und unveräußerlich? Das kann der Fremde also nicht durch seine eigene Würdelosigkeit verwirken? Nicht mal der Feind? Eine ziemliche Zumutung, die Taube zu Pfingsten.

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LUXUS.

Wer sich ein Schiff nur zum Vergnügen leisten kann (niederdeutsch: zur Jacht), der ist stolzer Yacht-Besitzer. Die Hobbyboote können den Wind nutzen oder veritable Motoren und sollten länger als 10 Meter sein; die längste Luxusyacht misst gerade 163 Meter; das kann morgen schon zu kurz sein.

Size matters. Ich habe mal mit einem prahlsüchtigen Stahlbaron aus dem Osnabrücker Land gesprochen, der sich damit zu adeln wusste, dass sein Pott länger als die Germania der Krupps sei. Ich bemerkte, dass mir das imponieren sollte. Nun, ich fahre nicht zur See und habe kein Geld. Unterscheidet mich auch von einem korpulenten Prothesenhersteller, den ich mal in Hannover im Hotel von einer Pink Lady faseln hörte, die soundso lang sei, sein Boot. Man will den längsten haben.

Da ich weder in französischen Yachthäfen herumlungere noch an der sardischen Küste von Frau Esmeralda, kenne ich all das nur dem Hörensagen nach. In der Kanzlei eines Hamburger Medienanwalts sehe ich ein Foto des Inhabers aus besseren Tagen auf der Yacht des Aga Khan, bloßer Oberkörper in mediterraner Abendsonne. Meine Urlaubsbilder zeigen mich in Ölzeug auf einem stinkigen Fischerboot eines elenden Hummerkutters in irischer See. Aber ich bin zu Sozialneid nicht wirklich in der Lage.

Die Luxusyachten sind Fluchtorte der wirklich Reichen aus der Welt derer, denen sie das Geld haben nehmen können, in eine utopische Idylle. Und ab und zu ein Paparazzi; das darf. Man will ja nicht nur der Welt der Profanen entfliehen, sondern dessen auch beneidet werden. Es ist kein anonymes Glück, das sie erstreben, vielleicht ist es gar kein Glück. Ich lese, dass der Bürgermeister von Rotterdam eine Brücke abreißen lassen wollte, damit der Besitzer von Amazon, ein gewisser Jeff Bezos, da mit seiner Yacht durchkommt. Gigantomanie. Auf mich wirkt der Kerl wie sein eigener Avatar.

Dann doch etwas, was mir imponiert. Da die riesigen Segelyachten keinen Platz für Hubschrauberlandeplätze an Bord haben, gibt es eigene Versorgungsschiffe mit dicken Dieselmotoren, die grau und groß hinter dem Segler hertuckern. Mein Gewährsmann sagt mir, immer so, dass sie hinter‘m Horizont verschwinden. Bei Bedarf holen sie dann auf und versorgen. Das ist Luxus.

Dort gibt es zwei Heli-Landeplätze, superschnelle Beiboote, Surfbretter, die Golfausrüstung einschließlich Batterieauto, Strandpavillons, hunderte Flaschen Champagner auf Eis und ebenso viele Tausenddollar-Nutten in Wartestellung.
Sowie immer frische Erdbeeren. Bei Seenot reicht ein Funkspruch und die Support-Vessel kreuzt auf. Also das mit den Erdbeeren, das hat dann doch einen gewissen Eindruck auf mich gemacht, wenn ich ehrlich bin.

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HAUTE CUISINE.

Die Preise in der Spitzengastronomie sind völlig albern. Niemand, der bei Verstand ist, zahlt das. Aber mein Freund Kurt, der schwärmt so von seiner Frankreichreise, da habe ich jetzt mal was nachgekocht aus der HOHEN KÜCHE. Eine Art „chicken nuggets“, Hühnerklein.

Wir bereiten ein junges Hühnchen aus der Bresse, Frankreich, in einer Schweinsblase nach der Art des großen Paul Bocuse. Das Poulet sollte seine blauen Beinchen noch haben und den weißen Hals wie die rote Brust, der Tricolore entsprechend, den Nationalfarben des Franzosen. Gegart wird es im Sud unterhalb der Kochgrenze für vier bis sechs Stunden.

Wichtig ist die Vorbereitung. Man schiebe unter die Haut weißen Trüffel in nicht zu dünnen Scheiben. Das Innere füllt sich mit Gänsestoffleber und wildem Thymian. Man reibe die Haut mit Rum ab und nähe das Geflügel als Ganzes in eine Kalbsblase ein. Bei kleineren Vögeln tut es auch die vom Schwein.

Serviert wird der gesimmerte Ballon als Ganzes und am Tisch mit großem Schnitt in einem tiefen Teller geöffnet. Die Suppe ergießt sich und der Raum ist von Trüffelduft erfüllt. Das Poulet fällt matt freiwillig vom Knochen. Herrlich.

Bei Bocuse kostet das achtgängige Menü 370€, mit Weinbegleitung 670€, das Poulet en vessie als einzelner Gang 250€. Nachgekocht habe ich es für 38€. Dazu einen Macon blanc zu 18€, halb ausgetrunken.

Die Blase isst man nicht mit. Morgen wieder Pasta.

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Schluss mit Schlecker und Soli finito: Das Ende der Auffanggesellschaft

Der Ruf nach Vater Staat erklingt immer zur falschen Zeit. Er soll auffangen, was schon gefallen ist. „Papa Staat, mach es ungeschehen, fange uns zumindest auf!“

Die Kinder, die bereits im Brunnen  sind, erheben ihre Stimme.  Wenn die Geschichte endlich jene straft, die notorisch zu spät kommen, soll plötzlich Solidarität walten. Da soll dann die Politik Herz zeigen. Es wäre besser, wenn sie früher Verstand annähme. Natürlich gehört der Soli abgeschafft und Schlecker abgewickelt. Oder wollen wir das Modell Nürburgring national wiederholen?

Wenn den Deutschen was einfallen soll, bauen sie Autobahnen. Dann kurbelt die so verballerte Staatsknete die Konjunktur an. Und alles ist wieder gut. Wenn der strohdumme Metzger Schlecker seine Kramläden an die Wand fährt, dann behält der Multimillionär sein Vermögen und die Verkäuferinnen werden staatlich aufgefangen. Wenn die Mineralölgesellschaften demonstrieren, was Marktwirtschaft ist, dann kompensieren wir das durch eine Erhöhung der Pendlerpauschale. Auch die FDP fordert: Volltanken auf Kosten der Allgemeinheit.

Reise durch Deutschland. Im Westen von Schlagloch zu Schlagloch. Im Osten über nagelneue Highways. Zwischen Frankfurt an der Oder und Frankfurt am Main liegt meine Vaterstadt Oberhausen. Einst ein Juwel, jetzt ein Ghetto. Hier stand im 19. Jahrhundert die Wiege der Montanindustrie. Kohle und Stahl ermöglichten einen beispiellosen industriellen Aufschwung. Das rückständige Germanien wurde zum ernsthaften Konkurrenten Englands. Hier gingen stolze Proletarier wie ihre Meister wie Beamte  sonntags im weißen Kragen, während in Bayern und Schwaben die Bauernsöhne verhungerten. Gewonnen und zerronnen.

So finster wie heute an der Ruhr, sah es nach der Wende im Osten aus. Eine Zentralverwaltungswirtschaft war implodiert: in sich zusammengefallen.  Blühende Landschaften hatte der Kanzler der Einheit den Ossis versprochen, wenn sie vom Kommunismus ablassen und, so im Westen angekommen,  von den Sozis. Ein Instrument, diese Auffang-Lüge wahr zu machen, war die Solidaritätsabgabe, Soli genannt, die den Aufbau Ost durch eine Sondersteuer finanzierte. Im Ergebnis gibt es tolle Autobahnen. Mal wieder.

Die Kramläden des Anton Schlecker und die heruntergekommenen Kommunen an der Ruhr haben eines ganz sicher gemeinsam: Sie haben die Zeichen der Zeit verschlafen. Sie haben versucht, dem notwendigen Wandel zu entgehen. Durch Starrsinn, Kirchturmsdenken und mittels Griff in die Kasse. In welche Kasse? Nun, in unsere. Steuergelder, das will in Deutschland niemand begreifen, sind gestohlene Löhne und Gehälter: „taxpayers money.“

Griechenland ist überall. Man kann, so dürfen wir lernen, nicht ungestraft mehr ausgeben, als man verdient. Und die Hilfe von Vater Staat, die er aus Krediten finanziert, ist keine. Das Geld wird unseren Kindern und Enkeln fehlen. Deren Erbe ist tiefrot, bevor diese überhaupt Kindergarten und Schule verlassen haben. Und die Banken, bei denen man sich verschuldet hat, zeigen, dass sie bei Geld keinen Spaß verstehen. Aufgabe staatlicher Souveränität.

Das Ruhrgebiet ist ein gleichförmiges Sammelsurium von selbstbezogenen Kommunen, die ihre Kirchturmspolitik verteidigen. Die Ruhr könnte eine Metropole sein, ist es aber nicht.  Gemeinsames Marodieren macht noch keine Metropole. Aus zwei oder drei Dutzend Einbeinigen  wird kein Marathonteam, nur weil es immer noch eine stattliche Zahl an Beinen ist, statistisch gesehen.  Nabelschau statt Blick in die Welt. Es fehlt die politische Kraft zu einer wirklichen Differenzierung. Wie bei den Schleckerläden: viele kleine Klitschen, alle nach demselben Muster. For you. Vor Ort.

So wie viele miese Schleckerläden noch kein tolles Einkaufszentrum ausmachen, so wird aus vielen miesen Kommunen noch  keine Metropole. Und Zauberworte wie Kreativwirtschaft wie Wissengesellschaft bewirken nur ein Fortdauern des dösigen Dösen. Schlecker hat jetzt einen Insolvenzverwalter. Dem Ruhrgebiet steht das bevor. Und dieser Prozess ist nicht durch das Subventionskarussell aufzuhalten.  Wollen wir nicht auf der ewigen Kirmes der Auffangbemühungen verblöden, brauchen wir einen anderen Staat.

Statt Pflaster zu verteilen zu den Wunden, die die Zeit geschlagen hat, muss ein starker Staat den Wandel beschleunigen. Wenn er die Märkte nicht bremsen kann, muss er sie leiten und beschleunigen. Es macht keinen Sinn, sich mit Subventionen gegen den Strukturwandel zu stemmen, man muss ihn in die richtigen Bahnen leiten. Wenn man aber die Schleckers nicht zwingen kann, ihr Elend einzusehen, dann muss man sie halt vor die Hunde gehen lassen. Unter Verlust des zusammengeklaubten Vermögens. Und an Rhein und Ruhr muss die kommunale Selbstverwaltung geknackt werden. Ein ins Lächerliche dezentralisierter Staat ist keiner. Schluss mit dem Schrebergartendenken. Keinen warmen Regen auf die Kommunen durch einen Soli West, sondern eine einheitliche Metropolregierung.  Kehraus im Rathaus. Oder es kommt die Treuhand West. Dann wird die Ruhr nicht aufgefangen, sondern abgewickelt. Siehe Schlecker.

Quelle: starke-meinungen.de