Logbuch

ORA & LABORA.

Beten und arbeiten, dazu sind wir, wenn gut aufgehoben, geschaffen. Stattdessen macht der Zweibeiner drei Wochen auf den Seychellen. Sinnlos, aber mit Syph. Und ab und zu Salmonellen.

Ein Freund schreibt mir aus seiner Haftanstalt. Das Novo-Virus ist ausgebrochen. Gut 15% der Insassen leiden an einer hochansteckenden Magen-Darm-Erkrankung. Es soll bereits Todesfälle geben, aber darüber schweigt die Anstaltsleitung; gestorben werde halt immer. Da der ganze Knast unter Quarantäne stehe, kämen die Leichensäcke ins Kühlhaus.

Früher hat man das anders gehandhabt: „Wir lagen vor Madagaskar
und hatten die Pest an Bord.
In den Kesseln, da faulte das Wasser,
und täglich ging einer über Bord.“

Gelegenheit, die Sache aufzuklären. Mein Freund sitzt zwar tatsächlich mit tausenden Menschen ein, sein Gefängnis ist aber ein sogenanntes Kreuzfahrtschiff, das mit einer manilischen Crew in tropischen Gewässern schippert, um die Touris zu mästen, und neuerdings ohne den lästigen Landgang.

Ein anderes Mitglied meines Bekanntenkreises unterhält eine fahrbare Einzelzelle mit Gattin, Gasherd und Chemieklo. Da die ersehnten Reiseziele für diese Wohnbüchsen geschlossen sind, haust man zu hunderten auf Abstellplätzen in Vororten. Ich weiß nicht mal, wie die motorisierten Wohnwagen korrekt heißen. Caravan, eine Kontraktionsform von Car und Van, eine Knastzelle auf einem Fiatchassis. Gibt es rauf bis zur Größe eines Reisebusses. Alle richten im Getto ihre Satellitenschüssel ins All, da außer TV-Gucken nix geht, im Vanverließ vor Verona.

Ich könnte weitere Absurditäten berichten. Den Jakobsweg in Cabrio etwa. Oder Überlebenstraining im Odenwald. Die Urlaubszeit zeigt, dass der Mensch mit dem Paradies nichts anzufangen weiß. Er schafft sich temporäre Höllen der Erholung. Bis er wieder ins Büro darf oder ans Band. Bald, Kinder, bald dürft Ihr wieder zurück!

Ich ahne, warum der Ruhestand für viele die Hölle ist. Ganzjährig Urlaub. Das sind dann Durchfall und Erbrechen wirklich mal eine willkommene Abwechslung.

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SOZIOLOGIE WIE NIE.

Der kalifornische Oligarch Elon Musk hat soeben angekündigt, eine politische Partei zu gründen. Das weckt den Soziologen in mir, weil hier ein gesellschaftliches Abenteuer beginnt. Und ein politisches, am Ende vielleicht sogar ein historisches. Früher hätte man für ein solches Vorhaben zunächst das Hinterzimmer einer Kneipe gebraucht, dann Flugblätter und eine Putztruppe, schließlich eine Zeitung. Der geborene Bure Musk hat sich eine Internetplattform gekauft, früher Twitter, jetzt X. Er hat dort 221.749.366 Follower, so heißen die Abonnenten oder Jünger. Das sind über zweihundert Millionen. Wahlberechtigt sind in den USA lediglich 170 Millionen. Read my lips.

Was ein Gemeinwesen ausmacht, das fragt sich der Soziologe. Dabei kann er einen tragischen Dreier meinen, einen bunten Kiez oder katholischen Kegelclub, eine politische Partei, am Ende eine Nation oder Gottes ganzen Zoo. Der Tesla-Eigner Musk wird erfahren, wie schwer es ist, aus einer Stimmung im Netz eine Bewegung zu formen und dann eine Partei zu führen. Die erste interessante Erfahrung wird sein, wie die etablierten Parteien auf seinen WILLEN ZUR MACHT reagieren. Die Demokratie in Amerika, sie wankt.

Gänzlich anderes Thema, aber wieder soziologisch. Der bei VW ausgeschiedene Arbeitsdirektor, man sagt wohl neuerdings HR-Kopf (für Human Relations), hat auf LinkedIn eine Abschiedsnote geschrieben. Wie schon gestern hier notiert, ein kluges Stück. Der „Ex-Konzernvorstand“ (Selbstbeschreibung) hat hier 58.695 Follower; das ist mehr als man in Wolfsburg in eine Werkshalle kriegt. Davon haben 2.683 auf seine Dankesnote reagiert und 214 sogar eine kleine Erwiderung verfasst. Jetzt ist der Soziologe hellwach. Er liest sie alle und vermag sogar ihm nicht geläufigen Biografien leichterdings nachzugehen.

Früher hat man nie genau gewusst, wie eine Stimmungslage so war, jetzt ist die Quellenlage dokumentiert. So flüchtig das Internet scheint, so gnadenlos ist sein Gedächtnis. Sehr aufschlussreich. Die Konsensdichte bei dem Medium LinkedIn ist zudem so groß, dass möglicherweise auch die Quote der Reaktionsverweigerung signifikant ist. Kann ich mal die Daten der „impressions“ haben? Mit den wirklichen Entscheidungsträgern hat das alles übrigens nichts zu tun; die twittern nicht. Aus Altersgründen, weil andere Generation, oder politischer Klugheit, die ich mal bei dem neuen niedersächsischen Ministerpräsidenten und damit Anteilseigner von VW unterstelle. Da ist Olaf deutlich klüger als noch Christian W., der vor Präsidiumssitzungen dem NDR erzählte, wie er dort abzustimmen gedenke. Ich meldete es meinem Boss in die Sitzung. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

„Soziologie soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. ‚Handeln‘ soll dabei ein menschliches Verhalten heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ‚Soziales‘ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ (Max Weber)

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BIG BOSS.

Jeder Manager ist ersetzbar. Der Satz stammt von einem meiner ehemaligen Chefs und bezog sich auf einen VW-Vorstand früherer Jahre; er war dessen Aufsichtsratsvorsitzender. Ich hab den damals für ihn in ein Interview mit der ZEIT reingeschrieben und dafür viel Prügel bekommen. Aber ich hatte am Ende wohl Recht. Tempi passati.

Bei Volkswagen gab es gestern wieder ein spontanes Ausscheiden eines Konzernvorstandes, ein gewichtiges Ereignis, das nur sehr wenige Auguren haben kommen sehen. Während mein Handy klingelt (und ich nicht rangehe), lese ich auf LinkedIn zweitausend Reaktionen. Darunter auch für Insider aufschlussreiche Verbindungen und interessante Rückschlüsse. Er hat es gestalten können; gut so.

Es geht ein guter Mann, ein sehr guter; und er geht mit einer Dankbarkeitsbekundung. Klug. Sehr klug. Weiteres habe ich dazu nicht zu sagen, weil ich zu jenen Ehemaligen gehören, deren Loyalität sich nicht durch den Einfluss von Altersbosheit erschöpft. Zudem weiß ich keine Geheimnisse. Und wenn ich welche wüsste, würde ich sie nicht erzählen. Aber ich weiß ohnehin keine. Verstanden? Doppelt genäht, hält besser. Über meinen damaligen Chef bei VW, den ebenso leutseligen wie argwöhnischen Ferdinand Piëch, habe ich mal gesagt: Seine wirklichen Geheimnisse erzählt er nicht mal sich selbst. Das ist der Geist.

Unbescheiden darf ich aber doch erwähnen, dass ich den mächtigen Konzernvorstand, der jetzt als Arbeitsdirektor geht, zu Beginn seiner Industriekarriere einst eingestellt habe. Er war gelernter Journalist und dann in meinem Beritt Werkredakteur. Bei LinkedIn dankt ihm heute ein Kollege dieser Jahre und berichtet von vielen gemeinsamen Überstunden bis tief in die Nacht. Das wiederum freut mich. Sogar sehr. Denn dafür war ich verantwortlich, die unzähligen Überstunden.

Ja, wir hatten damals was vor der Brust und die Aufgabe gestemmt. Das Wort „work-life-balance“ gab es noch nicht. Und mindestens einer aus der Truppe hat es bis ganz oben geschafft. Jetzt gilt die Weisheit, dass Wolfsburg nicht das Ende der Welt ist. Überstunden kann man auch woanders und auf deutlich höherem Niveau machen. Näheres wüsste die Presse gern. Aber ich gehe nicht an mein Handy. Und ich weiß nix. Und wenn ich was wüsste… Das hatten wir schon.

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„Forever young“: die Lebenslüge einer altersblöden Gesellschaft

Der stark parfümierte Wolfgang Joop sagt, er und Jil Sander, das seien die Marika Rökk und der Jopi Heesters der Mode. Der Ruf, ja die Sehnsucht nach den Alten sei unüberhörbar. Er kokettiert, der unwürdige Greis. Man hat Mühe, höflich zu bleiben gegenüber den ewigjungen Botox-Monstern. Man vermisst Würde, die doch eine Königstugend des Alters sein soll.

Zu den peinlicheren Erlebnissen meiner Laufbahn als Kavalier der alten Schule gehört, dass ich der Mutter von Jil Sander ein Kompliment machen wollte. Sie saß im Flieger neben mir, Hamburg, Düsseldorf, New York. Ich musste in Düsseldorf aussteigen und vertraute der Dame, die neben mir saß, noch an, dass ich ihre Tochter zwar nicht persönlich kenne, aber ihre Arbeit als Modeschöpferin sehr schätze. Das frische und fröhliche Gesicht von Jil Sander kannte ich von hundert Plakaten. Nun, es war nicht ihre Mutter. Sie war es selbst.Heute ist sie 68 und beginnt ihre Karriere noch mal von vorne.

Ewige Jugend gibt es nicht nur unter Hanseaten, auch Potsdam weiß da einiges zu bieten. Über eine dieser Ikonen, nämlich Wolfgang Joop, hat mal jemand gesagt, er gleiche Leni Riefenstahl; das ist gemein, aber nicht ganz falsch. Und Karl Lagerfeld trägt Handschuhe ohne Finger, sodass nur ein Schelm fragen kann, auf welches Lebensalter wohl seine Handrücken schließen lassen.

Otto Rehagel ist gefühlte 120, aber fitter als jener Supermann von Schalke, der zwischen Pils und Zigarre und nach der Liaison mit einer peinlichen Tatortkommissarin jetzt unser Mitgefühl verdient. Nur der Christian aus Hannover, der darf mit 52 gehen, zu spät für die Ehre, zu früh für die Rente. Ratschläge erhält er noch im Abgang von Helmut Schmidt, der die 100 voll machen will, als praeceptor germaniae, Sittenwächter und Vordenker der Deutschen. Zu aktiven Zeiten hat seine Partei ihn gehasst, als kaltschnäuzigen Technokraten aus Bergedorf.

Wie halten wir es mit dem Alter? Die sogenannte demographische Entwicklung wirft alte Konzepte der Lebensplanung und der Lebenswahrnehmung über den Haufen. Wir sterben später. Und ein Menschenalter hat plötzlich zwei Teile.

Eine „Anti-Aging“-Industrie will ein Jugendbild verwerten, das Züge der Bulemie oder des Lolitatums zu kapitalisieren sucht. Botox mit 22, das ist pervers. Und Falten mit 80 sind nicht hässlich. Da muss es sich Brigitte Nielsen (48) gefallen lassen, im Dschungel-Camp Wolfgang Joop (67) genannt zu werden. Na ja, Mädchen unter sich. Belanglos, albern. Was also ist mit der Würde des Alters?

Der Stammesälteste hatte bei den Indianern das Sagen, habe ich in früher Jugend gelesen. Das war ein weiser Mann, der seine Altersweisheit im klugen Kriegsrat mit der Kraft und der Kühnheit der jungen Krieger paarte. Und in dieser Kombination hatten die Feinde keine Chance. Erfahrung und Mut waren Weltbeherrscher. Jugendfantasien. Alter verbinden wir heute mit Alzheimer, mit lästigen Deppen, die an unseren Nerven zerren. Sie bevölkern die Altersheime über Jahrzehnte; Abschiebe-Anstalten für Sterbeunwillige.

Dass man Vater und Mutter ehren soll, ist den Ewigjungen unserer Tage ein Ruf aus einer fernen Zeit; es steht irgendwo unter den Zehn Geboten, aber da steht ja auch, dass man nicht seines Nächsten Hab und Gut begehren soll: wie unzeitgemäß.

Das große Indianerehrenwort der Karl-May-Festspiele hat keine Bedeutung mehr in einer virilen und juvenilen Welt. Vielleicht war es schon immer verlogen.  Wir wissen von den Wilden ja nur, was die Zivilisierten über sie berichtet haben, also die Mythen der Kulkturnationen über die Naturvölker. Das Altenteil in ländlichen Regionen war jedenfalls kein Paradies. Vielleicht ein warmer Platz am Ofen, vielleicht ein dünne Suppe für die, die nicht mehr arbeiten mussten, also auch kein Brot verdienten. Warten auf’s Sterben.

Was gar nicht hilft, sind die Sprüche der Beschönigung: „best ager“, im idealen Lebensalter. Wofür? Wer Wissen und Erfahrung sichern will, also Grauhaarige einstellt, stößt an die falschen Strukturen unserer Lohn- und Gehaltssysteme. Je älter der Arbeitnehmer, desto teurer ist er. Umgekehrt würde ein Schuh draus. Das Geld brauchen junge Familien, nicht ausgesteuerte Rentner. Hier sind die Tarifparteien gefordert.

Arbeit gibt es genug; es ist halt nur nicht immer Erwerbstätigkeit. Pensionäre in die Ehrenämter! Wer liest in den Kindergärten und Schulen vor? Wer organisiert das Vereinsleben? Wer verhilft Migranten zu passablem Deutsch? Der Staat muss jene Bereiche fördern, in denen er nichts zu suchen hat. Und sei es nur Versicherungsschutz für die Freiwilligen. Wer hat Zeit für Politik? Warum soll es keine Revolutionen geben, wenn die Revoluzzer Rollator fahren?

Ich erinnere mich mit warmen Herzen an den zahnlosen Matrosen im Hafen von Lynmouth, Devon, der zu sagen pflegte: „Old fishermen don’t die; they just smell like it.“

Quelle: starke-meinungen.de