Logbuch

DEN TON TREFFEN.

Ich kenn mich nicht aus mit Chormusik, weiß aber doch, dass es gilt den Ton zu treffen und vom richtigen Blatt zu singen; zumal wenn ein Kanon angesetzt ist. Das gelingt Friedrich Merz (CDU) notorisch nicht.

Auf einer Spendengala, die ein Herz (!) für Kinder zum Motto hat, drechselt er ein Argument, das die Stimmanteile seiner Partei mit der Spendenhöhe, seiner persönlichen Freigiebigkeit, koppelt. Der Mann erscheint als eine Sozialbrache der Empathie. Wo es um Kindesliebe geht, dem Urimpuls der Menschenliebe, bastelt er Machtkalküle. Das erscheint der Nation vor der Glotze herzlos. Den Ton nicht getroffen. Dass die ganze Aktion ohnehin eine ordnungspolitisch schräge Marketingklamotte von Springer und ÖRR ist, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Der anzustimmende Kanon der Konservativen hat keinen Text. Sie singen a cappella wider Willen. Warum? Nun, die alten Volkslieder zum Gestus „Schwarzbraun ist die Haselnuss / Schwarzbraun soll mein Mädel sein“, die werden inzwischen von der AfD abgestimmt, dem anderen Chor hinter der Brandmauer. Die grüne Weise stimmt der Startenor Roberto Habecco besser an als der quäkende Anwalt. Was soll man da, unter Verlust des klassischen Liedgutes, noch herzerfrischendes singen? Die Wahl von Friedrich M. ist klar; er lässt sich von seinem Lindenmännchen das Notenblatt der FDP hinlegen. Merz singt das neoliberale Libretto. Wie schräg ist das denn?

Ich lese eine Analyse des klugen Politologen Thomas Biebricher, der von einer Freidemokratisierung der Konservativen spricht. Als wäre es nicht genug, dass sich die FDP unter den Figaro Christian Lindner mit neoliberalen Tricksereien selbst einsam macht. Die Union hat unter dem Dirigat von Mutti das Singen verlernt, jedenfalls klappt der konservative Kanon nicht mehr. Man ist übertönt von den braunen Volksmusikern.

Zum Kakophonen der Konservativen trägt Markus Söder bei, der die Allianz mit den kryptokonservativen Grünen ohne Not diskreditiert. Das braucht niemand, einen Unmusikalischen im Orchestergraben, der das Einstimmen des Chors auf Schwarzgrün stört. Konzertieren heißt zusammenwirken. Wer viel Harmonie (pun intended) erwartet, wird enttäuscht. Es bleibt bei dem Wort vom Autor unserer Nationalhymne: „Ein politisch Lied / ein garstig Lied!“

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DAS MARS-MÄRCHEN.

Uns erscheinen Märchen ja nicht mehr als höhere Wahrheit, sondern erfundener Unsinn. Darin ist Elon Musk ein Meister, wenn er uns erzählt, dass der Mars zu besiedeln sei. Er will mit seinen Raketen eine Art Pendelbusverkehr einrichten. Gelegenheit darüber nachzudenken, was das ist, ein TRIVIALMYTHOS, so ein Märchen als Mittel zum Zweck. Zu welchem Zweck?

Ich lese einen Beitrag eines amerikanischen Wissenschaftsjournalisten, der über alle Spekulationen zürnt, dass der erdähnliche Planet je und überhaupt von Menschen besiedelt werden könnte. Dabei lerne ich, dass der rote Kollege am Firmament keine Magnetosphäre hat, somit schutzlos allen mörderischen Strahlungen ausgeliefert ist; niemals wird er eine Biosphäre möglich machen. Das macht mich weniger skeptisch als die irdischen Begründungen, die der kalifornische Auto-Didakt (pun intended) für seine Expansionsphantasien heranzieht.

Die Erde sei überbevölkert, jedenfalls demnächst, und es ginge um das Überleben des Bewusstseins. Da hätten Kant und ich die Frage, ob er es auch eine Nummer kleiner hat. Zudem kann niemand, der im Winter mal durch Meck-Pomm gefahren ist, das mit der Überbevölkerung nachvollziehen; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Frage. Bleiben wir bei dem Staunen der europäischen Eliten über die „Gerade-heraus-Lügen“ aus der Neuen Rechten in den USA. Nun, die Mimosen hierzulande sind, sorry to say, Frau Maischberger, zu ungebildet, sprich geschichtslose Moralisten. Es wird nämlich eine alte Geschichte nur wiedererzählt.

Darf man erinnern, was die symbolische Besiedlung des Mondes unter John F. Kennedy war? Eine Reaktion auf den Sputnik-Schock und eine koloniale Geste par excellence. Die amerikanische Fahne wurde in den Boden des Mondes gerammt. Gehen wir weiter zurück. Der rote Planet ist schon von den Antiken bemerkt worden und nach ihrem Kriegsgott Mars benannt. Er hat zwei Sterne, die Phobos und Deimos heißen, zu deutsch: Furcht und Schrecken. Damit ist alles gesagt. Es geht um Krieg. Wir erleben einen TRIVIALMYTHOS der Rüstung; nichts sonst.

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KILL BY SMILE.

Wer ein Geschäft hat, muss lächeln können. Das ist ein Kaufmanns Spruch, der ein rüderes Wort aus den Weisheiten begattungswilliger Burschen abwandelt. Die gesellschaftsfähigere Variante des maskulinen Mottos war immer, dass der Kunde König sei. All diese Alltagsweisheiten sind in der DIGITALISIERUNG verloren gegangen.
Viele klassische Anbieter im Internet halten es für angebracht, Ohrfeigen zu verteilen. Man verwechselt die Vergewaltigung mit dem Flirt.

Ich erzähle mal das Ding mit den Oberhemden. Früher nahm ich mir das klassische Oxfordhemd aus der Jermin Street mit, wenn ich ohnehin in London war. Dann schickten sie mir Kataloge. Mein Vorrat stieg, weil ich bei der Postbearbeitung nie an deren Katalog vorbeikam. Stets habe ich bestellt und noch irgendetwas hineinsticken lassen, konnte also nie umtauschen. Dann war ihnen das Papier zu teuer, sie wandelten den Katalog zur Brücke; man musste von der Website aus bestellen. Und mit Paypal zahlen. Nachdem nun der x-te Versuch gescheitert ist, für mein Ponem Geld locker zu machen, um das Scheiß-Shirt zu kriegen, habe ich den Newsletter abbestellt. Es lächelt nun niemand mehr, weder der britische Schneider noch der deutsche Schlipsträger noch der elektronische Bezahl-Kumpel (denn das heißt Pay Pal eigentlich).

Ich könnte meine Verärgerung an Beispielen aus der Publizistik erläutern; Stichwort BEZAHLSCHRANKE. Zustände wie im Türstehergewerbe. „Heute leider nicht!“ Im Klartext: Du kommst hier nicht rein, Alta!

Apropos Kumpel. Ich hab dann noch Apfel-Pay; das klappt wunderbar. Ich muss an der Tanke mein Handy anlächeln und komm vom Hof. Alles gut. Die gleiche Erfahrung mit AMAZON. Man kriegt alles und zwar an die Tür gebracht und wird notorisch über die saftigen Retailpreise hinweggetäuscht, indem die Tonalität stimmt: alles, sofort und zwar günstig. Eine abgestufte Wahrheit. DIGITALISIERUNG im Vertrieb ist keine Frage des „ob“, sondern eine Frage des „wie“. Bei manchen Anbietern ist die Sperrigkeit für meine Begriffe gewollt; man hat gar keine Lust mehr auf „retail“, weiß nur noch nicht so richtig, wie man den alten Kunden los wird.

Warum sonst kann eine Großbank germanischen Namens nicht, was einer Spaß-Kasse perfekt von der Hand geht? Weil sie gar nicht will. Womit wir wieder am Anfang sind. Junggesellenerfahrung: Wenn sie gar nicht will, nützt auch das Lächeln nicht.

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„Forever young“: die Lebenslüge einer altersblöden Gesellschaft

Der stark parfümierte Wolfgang Joop sagt, er und Jil Sander, das seien die Marika Rökk und der Jopi Heesters der Mode. Der Ruf, ja die Sehnsucht nach den Alten sei unüberhörbar. Er kokettiert, der unwürdige Greis. Man hat Mühe, höflich zu bleiben gegenüber den ewigjungen Botox-Monstern. Man vermisst Würde, die doch eine Königstugend des Alters sein soll.

Zu den peinlicheren Erlebnissen meiner Laufbahn als Kavalier der alten Schule gehört, dass ich der Mutter von Jil Sander ein Kompliment machen wollte. Sie saß im Flieger neben mir, Hamburg, Düsseldorf, New York. Ich musste in Düsseldorf aussteigen und vertraute der Dame, die neben mir saß, noch an, dass ich ihre Tochter zwar nicht persönlich kenne, aber ihre Arbeit als Modeschöpferin sehr schätze. Das frische und fröhliche Gesicht von Jil Sander kannte ich von hundert Plakaten. Nun, es war nicht ihre Mutter. Sie war es selbst.Heute ist sie 68 und beginnt ihre Karriere noch mal von vorne.

Ewige Jugend gibt es nicht nur unter Hanseaten, auch Potsdam weiß da einiges zu bieten. Über eine dieser Ikonen, nämlich Wolfgang Joop, hat mal jemand gesagt, er gleiche Leni Riefenstahl; das ist gemein, aber nicht ganz falsch. Und Karl Lagerfeld trägt Handschuhe ohne Finger, sodass nur ein Schelm fragen kann, auf welches Lebensalter wohl seine Handrücken schließen lassen.

Otto Rehagel ist gefühlte 120, aber fitter als jener Supermann von Schalke, der zwischen Pils und Zigarre und nach der Liaison mit einer peinlichen Tatortkommissarin jetzt unser Mitgefühl verdient. Nur der Christian aus Hannover, der darf mit 52 gehen, zu spät für die Ehre, zu früh für die Rente. Ratschläge erhält er noch im Abgang von Helmut Schmidt, der die 100 voll machen will, als praeceptor germaniae, Sittenwächter und Vordenker der Deutschen. Zu aktiven Zeiten hat seine Partei ihn gehasst, als kaltschnäuzigen Technokraten aus Bergedorf.

Wie halten wir es mit dem Alter? Die sogenannte demographische Entwicklung wirft alte Konzepte der Lebensplanung und der Lebenswahrnehmung über den Haufen. Wir sterben später. Und ein Menschenalter hat plötzlich zwei Teile.

Eine „Anti-Aging“-Industrie will ein Jugendbild verwerten, das Züge der Bulemie oder des Lolitatums zu kapitalisieren sucht. Botox mit 22, das ist pervers. Und Falten mit 80 sind nicht hässlich. Da muss es sich Brigitte Nielsen (48) gefallen lassen, im Dschungel-Camp Wolfgang Joop (67) genannt zu werden. Na ja, Mädchen unter sich. Belanglos, albern. Was also ist mit der Würde des Alters?

Der Stammesälteste hatte bei den Indianern das Sagen, habe ich in früher Jugend gelesen. Das war ein weiser Mann, der seine Altersweisheit im klugen Kriegsrat mit der Kraft und der Kühnheit der jungen Krieger paarte. Und in dieser Kombination hatten die Feinde keine Chance. Erfahrung und Mut waren Weltbeherrscher. Jugendfantasien. Alter verbinden wir heute mit Alzheimer, mit lästigen Deppen, die an unseren Nerven zerren. Sie bevölkern die Altersheime über Jahrzehnte; Abschiebe-Anstalten für Sterbeunwillige.

Dass man Vater und Mutter ehren soll, ist den Ewigjungen unserer Tage ein Ruf aus einer fernen Zeit; es steht irgendwo unter den Zehn Geboten, aber da steht ja auch, dass man nicht seines Nächsten Hab und Gut begehren soll: wie unzeitgemäß.

Das große Indianerehrenwort der Karl-May-Festspiele hat keine Bedeutung mehr in einer virilen und juvenilen Welt. Vielleicht war es schon immer verlogen.  Wir wissen von den Wilden ja nur, was die Zivilisierten über sie berichtet haben, also die Mythen der Kulkturnationen über die Naturvölker. Das Altenteil in ländlichen Regionen war jedenfalls kein Paradies. Vielleicht ein warmer Platz am Ofen, vielleicht ein dünne Suppe für die, die nicht mehr arbeiten mussten, also auch kein Brot verdienten. Warten auf’s Sterben.

Was gar nicht hilft, sind die Sprüche der Beschönigung: „best ager“, im idealen Lebensalter. Wofür? Wer Wissen und Erfahrung sichern will, also Grauhaarige einstellt, stößt an die falschen Strukturen unserer Lohn- und Gehaltssysteme. Je älter der Arbeitnehmer, desto teurer ist er. Umgekehrt würde ein Schuh draus. Das Geld brauchen junge Familien, nicht ausgesteuerte Rentner. Hier sind die Tarifparteien gefordert.

Arbeit gibt es genug; es ist halt nur nicht immer Erwerbstätigkeit. Pensionäre in die Ehrenämter! Wer liest in den Kindergärten und Schulen vor? Wer organisiert das Vereinsleben? Wer verhilft Migranten zu passablem Deutsch? Der Staat muss jene Bereiche fördern, in denen er nichts zu suchen hat. Und sei es nur Versicherungsschutz für die Freiwilligen. Wer hat Zeit für Politik? Warum soll es keine Revolutionen geben, wenn die Revoluzzer Rollator fahren?

Ich erinnere mich mit warmen Herzen an den zahnlosen Matrosen im Hafen von Lynmouth, Devon, der zu sagen pflegte: „Old fishermen don’t die; they just smell like it.“

Quelle: starke-meinungen.de