Logbuch
DER SPAZIERSTOCK.
Ich sammle diverse Stöcke, die dem Wandern gedient haben. Gänzlich unerlässlich beim Bergsteigen zur Überwindung unwegsamer Strecken im Gebirge. Ursprünglich Arbeitsgerät der Hirten oder Gewehrstütze des Jägers. Beides war ich nie, trotzdem musste ein Stock sein.
So wie der Spazierstock nur der kleine Bruder des Wanderstocks ist, mindert sich die alpine Bedeutung im Stadtpark zur Gehhilfe. Aber auch das ist nicht der Kern seiner Beliebtheit; auf eine Krücke angewiesen zu sein, das hat ja nicht Rühmenswertes. Was mal ein bloßer Ast war, wird für den flanierenden Bürger ein Kunstobjekt.
Die hohen Herren haben Elfenbein. Der Kleinbürger verziert den Stock mit Emailleplaketten seiner Reiseziele. Die Pauker schlugen damit nach den witzigen Eleven. Die Burschenschaften verstecken Dolche in ihm. Und der fahrende Handwerksgeselle hat einen kunstvoll gewachsenen Knotenstock. Die instrumentelle Funktion wird von einer kommunikativen überlagert. Man geht mit Hut und Stock, wenn man was auf sich hält.
Die liebsten sind mir aber jene Stöcke, die ich in der Muße eines Urlaubs selbst geschnitzt habe, eine Fertigkeit, die ich mir als kleiner Junge von meinem Herrn Vater abgeschaut habe. Stets mit einem Taschenmesser zum Äpfelschälen ausgestattet, wusste er eindrucksvolle Schlangenmuster in die Rinde zu bringen. Die größte Sorgfalt galt dem Griff, der besonders glatt auszufallen hatte.
Nicht immer fällt dem Schnitzer ebenmäßiges Weidenholz in die Hand. Dann muss man dem krummen Hund seinen Willen aufzwingen. Die Krönung ist aber weder Griff noch Schaft, sondern die Spitze. Tagelang suchte man am Straßenrand nach einer alten Schraube oder einem rostigen Nagel, den man in dem Kern versenken konnte. Ein so bewehrter Stab wusste auf Steinen keck zu springen und hielt ewig.
Hinter alldem verbirgt sich als Geheimnis jenes Gerät, für dessen Erfindung die Schweizer zu den Kulturvölkern gerechnet werden, das Taschenmesser.
Logbuch
VERSTIEGEN.
Das Schreiben von Glossen kann unglücklich enden, wie das Bergsteigen. Man verkrakselt sich und aus dem Gipfelsturm wird ein tragisches Enden in der Wand. Verstiegen.
Man macht den Ötzi. So gestern hier. Ich habe durch verunglückte Ironie einen Freund verärgert, der nur noch seufzte. Es fing damit an, dass ich einen Fachbegriff vorsätzlich falsch schrieb, in der Hoffnung, dass das einen Besserwisser auf den Plan ruft. Die Welt hat es schlicht ignoriert.
Dann, dem Stilprinzip der Ironie folgend, das Gegenteil des Gemeinten in der Headline; niemand bemerkt es. Weitere Peinlichkeiten folgen. Würde ich das noch mal so schreiben? Eher nein. Eigentlich ja. Man kann die Rücksicht auf die Leser auch übertreiben.
Ein Lebewesen ist autopoietisch, weil es sich selbst erhält, so wie Grottenolm und Bambi. Eine Maschine ist allopoietisch, weil sie des äußeren Anstoßes bedarf, selbst eine Rolex. Na gut. Und was ist der aktuelle Bezug? Künstliche Intelligenz ist allopoietisch. Bestenfalls eine Uhr, nie ein Schwanzlurch oder ein Reh. Die Analogie aller Systeme ist ein Irrtum. Darin irrt die Systemtheorie im Grundsätzlichen.
Na gut. Und? Es wird nicht besser. Ich gebe es auf. Neues Thema, neues Glück. Morgen auf ein Neues.
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HABERMAS IST LUHMANN FÜR DOOFE.
Wie begründet man als Wissenschaftlicher ein Fach, eine eigene Schule? Nun, indem man viel publiziert. Das scheint ja klar. Aber erklärt man sich dann in diesem Schrifttum? Nein, man vergeheimnist sich. Das Verfahren nenne ich „akademische Enigmatisierung“, kapiert?
Ein guter Anfang ist gelegt, wenn man sich auf entlegene Bezüge stützt. Der Soziologe Niklas Luhmann wählt dem entsprechend einen chilenischen Biologen und einen spinnerten Kybernetiker. Wem ist schon Humberto Maturana geläufig oder Heinz von Förster? Als nächstes zieht man aus den Exoten Heinz & Humberto eine abgedrehte Fragestellung in entlegener Terminologie. Bei Luhmann die Frage der „Allopoesis“. Soviel Griechisch muss sein. Ob ein System von seiner Umwelt lebt. Die Antwort ist NEIN.
An diesem Punkt sind zwei der Säuligenheiligen meines Fachs, wie sie selbst mir gegenüber bekundet haben, bereits ausgestiegen; aber da will ich keine Namen nennen. Ich wollte eigentlich erzählen, was mir kürzlich bei Saskia eingefallen ist, das ist meine Frisörin; nämlich wie Luhmann in der Vorlesung erzählte, er habe sich die Haare schneiden lassen. Zunächst aber zur „Allopoesis“.
Humberto, Heinzi und Niklas haben ein einfaches Grunderlebnis, sie staunen über das Wunder des Lebens. Sie empfinden Ehrfurcht davor, dass das Leben bestrebt ist, eben das zu bleiben, am Leben. Das ist der Unterschied eines Lebewesens zu einer Maschine, sagen wir einer Rolex. Der Grottenolm in der Höhle wie Bambi auf der Lichtung sorgen sich aus sich selbst um die Erhaltung ihres Lebens, Autopoesis genannt, während die Rolex, auch als Automat, der äußeren Bewegung bedarf, um überhaupt ticken zu können, Allopoesis genannt. Rolex gebiert keine Rolexe.
So kommt es dann in der Systemtheorie zu der Beschreibung autopoetischer Systeme, deren Inhalt KOMMUNIKATION ist, aber nicht Menschen oder Schwanzlurche oder Bambis. Die Gesellschaft besteht aus Kommunikation, sagt Luhmann, und nicht aus Menschen. Denn, wenn er sich die Haare schneiden ließe, würde doch dadurch nicht die Gesellschaft weniger. Er hatte einen kruden Homor, der Heilige der Zettelkästen.
Was er meinte: Gesellschaft ist ein System, also eine Struktur mit Funktionen, aber keine Menge mit Elementen. Wer das kapiert, gehört dazu; wem sich das verschließt, muss halt Habermas-Schüler bleiben, sprich Luhmann für Doofe.
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„Forever young“: die Lebenslüge einer altersblöden Gesellschaft
Der stark parfümierte Wolfgang Joop sagt, er und Jil Sander, das seien die Marika Rökk und der Jopi Heesters der Mode. Der Ruf, ja die Sehnsucht nach den Alten sei unüberhörbar. Er kokettiert, der unwürdige Greis. Man hat Mühe, höflich zu bleiben gegenüber den ewigjungen Botox-Monstern. Man vermisst Würde, die doch eine Königstugend des Alters sein soll.
Zu den peinlicheren Erlebnissen meiner Laufbahn als Kavalier der alten Schule gehört, dass ich der Mutter von Jil Sander ein Kompliment machen wollte. Sie saß im Flieger neben mir, Hamburg, Düsseldorf, New York. Ich musste in Düsseldorf aussteigen und vertraute der Dame, die neben mir saß, noch an, dass ich ihre Tochter zwar nicht persönlich kenne, aber ihre Arbeit als Modeschöpferin sehr schätze. Das frische und fröhliche Gesicht von Jil Sander kannte ich von hundert Plakaten. Nun, es war nicht ihre Mutter. Sie war es selbst.Heute ist sie 68 und beginnt ihre Karriere noch mal von vorne.
Ewige Jugend gibt es nicht nur unter Hanseaten, auch Potsdam weiß da einiges zu bieten. Über eine dieser Ikonen, nämlich Wolfgang Joop, hat mal jemand gesagt, er gleiche Leni Riefenstahl; das ist gemein, aber nicht ganz falsch. Und Karl Lagerfeld trägt Handschuhe ohne Finger, sodass nur ein Schelm fragen kann, auf welches Lebensalter wohl seine Handrücken schließen lassen.
Otto Rehagel ist gefühlte 120, aber fitter als jener Supermann von Schalke, der zwischen Pils und Zigarre und nach der Liaison mit einer peinlichen Tatortkommissarin jetzt unser Mitgefühl verdient. Nur der Christian aus Hannover, der darf mit 52 gehen, zu spät für die Ehre, zu früh für die Rente. Ratschläge erhält er noch im Abgang von Helmut Schmidt, der die 100 voll machen will, als praeceptor germaniae, Sittenwächter und Vordenker der Deutschen. Zu aktiven Zeiten hat seine Partei ihn gehasst, als kaltschnäuzigen Technokraten aus Bergedorf.
Wie halten wir es mit dem Alter? Die sogenannte demographische Entwicklung wirft alte Konzepte der Lebensplanung und der Lebenswahrnehmung über den Haufen. Wir sterben später. Und ein Menschenalter hat plötzlich zwei Teile.
Eine „Anti-Aging“-Industrie will ein Jugendbild verwerten, das Züge der Bulemie oder des Lolitatums zu kapitalisieren sucht. Botox mit 22, das ist pervers. Und Falten mit 80 sind nicht hässlich. Da muss es sich Brigitte Nielsen (48) gefallen lassen, im Dschungel-Camp Wolfgang Joop (67) genannt zu werden. Na ja, Mädchen unter sich. Belanglos, albern. Was also ist mit der Würde des Alters?
Der Stammesälteste hatte bei den Indianern das Sagen, habe ich in früher Jugend gelesen. Das war ein weiser Mann, der seine Altersweisheit im klugen Kriegsrat mit der Kraft und der Kühnheit der jungen Krieger paarte. Und in dieser Kombination hatten die Feinde keine Chance. Erfahrung und Mut waren Weltbeherrscher. Jugendfantasien. Alter verbinden wir heute mit Alzheimer, mit lästigen Deppen, die an unseren Nerven zerren. Sie bevölkern die Altersheime über Jahrzehnte; Abschiebe-Anstalten für Sterbeunwillige.
Dass man Vater und Mutter ehren soll, ist den Ewigjungen unserer Tage ein Ruf aus einer fernen Zeit; es steht irgendwo unter den Zehn Geboten, aber da steht ja auch, dass man nicht seines Nächsten Hab und Gut begehren soll: wie unzeitgemäß.
Das große Indianerehrenwort der Karl-May-Festspiele hat keine Bedeutung mehr in einer virilen und juvenilen Welt. Vielleicht war es schon immer verlogen. Wir wissen von den Wilden ja nur, was die Zivilisierten über sie berichtet haben, also die Mythen der Kulkturnationen über die Naturvölker. Das Altenteil in ländlichen Regionen war jedenfalls kein Paradies. Vielleicht ein warmer Platz am Ofen, vielleicht ein dünne Suppe für die, die nicht mehr arbeiten mussten, also auch kein Brot verdienten. Warten auf’s Sterben.
Was gar nicht hilft, sind die Sprüche der Beschönigung: „best ager“, im idealen Lebensalter. Wofür? Wer Wissen und Erfahrung sichern will, also Grauhaarige einstellt, stößt an die falschen Strukturen unserer Lohn- und Gehaltssysteme. Je älter der Arbeitnehmer, desto teurer ist er. Umgekehrt würde ein Schuh draus. Das Geld brauchen junge Familien, nicht ausgesteuerte Rentner. Hier sind die Tarifparteien gefordert.
Arbeit gibt es genug; es ist halt nur nicht immer Erwerbstätigkeit. Pensionäre in die Ehrenämter! Wer liest in den Kindergärten und Schulen vor? Wer organisiert das Vereinsleben? Wer verhilft Migranten zu passablem Deutsch? Der Staat muss jene Bereiche fördern, in denen er nichts zu suchen hat. Und sei es nur Versicherungsschutz für die Freiwilligen. Wer hat Zeit für Politik? Warum soll es keine Revolutionen geben, wenn die Revoluzzer Rollator fahren?
Ich erinnere mich mit warmen Herzen an den zahnlosen Matrosen im Hafen von Lynmouth, Devon, der zu sagen pflegte: „Old fishermen don’t die; they just smell like it.“
Quelle: starke-meinungen.de