Logbuch

DUNKELFLAUTE.

Keine weiße Weihnacht. Gar kein Wetter. Weder Wind noch Sonne. Dunkelflaute. In die Erleichterung, dass die Atombuden demontiert sind, die Gruben abgesoffen und der Iwan auf seinem Gas sitzenbleibt, mischt sich ein leises Sentiment der Besinnung. Wie vorbildlich ist der deutsche Sonderweg? Und obendrauf: Sind die Syrer endlich raus? Herberge zu Weihnachten, so weit kommt das noch.

Dritter Advent, also. Die Jahreszeit der BESINNLICHKEIT geht ins Finale. In den letzten Tagen hat es mich stimmungsmäßig dann auch erwischt. Man erlebt Zeichen des Niedergangs. Ich steh auf einem Adventsempfang, den mal hundert Leut besuchten, beinahe allein; zu allem Überfluss erzählt ein alter Mann von seinen Krankheiten: Ich möge auf meine Prostata achten. Auf meine was? Der ausgeschenkte Wein ist lauwarm und schlecht. Keine Schnittchen, man denke: ohne Canapés; das geht ja gar nicht. Im Hotel gestörter Schlaf, da ein Kegelklub sich besoffen durch die Nacht grölt. Das war mal das erste Haus am Platz.

„Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn./
Soll denn das Spiel der Zeit/ der leichte Mensch bestehn?/
Ach! was ist alles diß/ was wir vor köstlich achten/
Als schlechte Nichtigkeit/ als Schatten/ Staub und Wind;/
Als eine Wiesen-Blum/ die man nicht wider find’t./
Noch wil was ewig ist/ kein einig Mensch betrachten!“

Gryphius halt:
„Du sihst/ wohin du sihst / nur Eitelkeit auf Erden./
Was dieser heute baut/ reist jener morgen ein:/
Wo itzund Städte stehn/ wird eine Wiesen seyn…“

Schwermut. Dabei sollte doch die Leichtigkeit des Seins beseelen. Es ist die Zeit froher Botschaften (das heißt Evangelium). Die christliche Religion befindet auf Freude wg. Ankunft des Herrn. Das politische Gemeinwesen ist die ungeliebte Ampel los; es darf, hurra, gewählt werden. Die Wirtschaft stellt sich einer Dunkelflaute und trotzdem gehen die Adventslichter nicht aus (nur die Stahlhütten; selbst in Schuld).

Die SPD findet zu Ihren Wurzeln zurück, dem Brotpreis, jenem Urgrund aller Revolutionen. Sie will die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel senken. Das hören die Herren über die Inflation bei Aldi, Lidl & Co. gern; das nehmen die mal eben so mit. Was die Sozialdemokraten nicht verstehen, das ist der historische Doppelcharakter der allgemeinen Volksberuhigung. Das Motto lautet: BROT & SPIELE. Was ist mit der Belustigung? Wann ziehen die Gladiatoren in die helle Arena und sorgen für Begeisterung?

Im Unterhaltungscharakter der Politik gibt es Defizite in den Reihen der klassischen Demokraten. Sehen wir mal von der Farce FDP ab, wo Lindner sich zum Clown gemacht hat, all überall nur abgeschmackte Routine, während der Rechtspopulismus das große Rad dreht. Georgia Meloni, eine augenaufschlagende Postfaschistin, ist die Heroine unserer Tage. Summa summarum: Könnte es sein, dass DUNKELFLAUTE das Wort des Jahres wird?

Logbuch

DEN TON TREFFEN.

Ich kenn mich nicht aus mit Chormusik, weiß aber doch, dass es gilt den Ton zu treffen und vom richtigen Blatt zu singen; zumal wenn ein Kanon angesetzt ist. Das gelingt Friedrich Merz (CDU) notorisch nicht.

Auf einer Spendengala, die ein Herz (!) für Kinder zum Motto hat, drechselt er ein Argument, das die Stimmanteile seiner Partei mit der Spendenhöhe, seiner persönlichen Freigiebigkeit, koppelt. Der Mann erscheint als eine Sozialbrache der Empathie. Wo es um Kindesliebe geht, dem Urimpuls der Menschenliebe, bastelt er Machtkalküle. Das erscheint der Nation vor der Glotze herzlos. Den Ton nicht getroffen. Dass die ganze Aktion ohnehin eine ordnungspolitisch schräge Marketingklamotte von Springer und ÖRR ist, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Der anzustimmende Kanon der Konservativen hat keinen Text. Sie singen a cappella wider Willen. Warum? Nun, die alten Volkslieder zum Gestus „Schwarzbraun ist die Haselnuss / Schwarzbraun soll mein Mädel sein“, die werden inzwischen von der AfD abgestimmt, dem anderen Chor hinter der Brandmauer. Die grüne Weise stimmt der Startenor Roberto Habecco besser an als der quäkende Anwalt. Was soll man da, unter Verlust des klassischen Liedgutes, noch herzerfrischendes singen? Die Wahl von Friedrich M. ist klar; er lässt sich von seinem Lindenmännchen das Notenblatt der FDP hinlegen. Merz singt das neoliberale Libretto. Wie schräg ist das denn?

Ich lese eine Analyse des klugen Politologen Thomas Biebricher, der von einer Freidemokratisierung der Konservativen spricht. Als wäre es nicht genug, dass sich die FDP unter den Figaro Christian Lindner mit neoliberalen Tricksereien selbst einsam macht. Die Union hat unter dem Dirigat von Mutti das Singen verlernt, jedenfalls klappt der konservative Kanon nicht mehr. Man ist übertönt von den braunen Volksmusikern.

Zum Kakophonen der Konservativen trägt Markus Söder bei, der die Allianz mit den kryptokonservativen Grünen ohne Not diskreditiert. Das braucht niemand, einen Unmusikalischen im Orchestergraben, der das Einstimmen des Chors auf Schwarzgrün stört. Konzertieren heißt zusammenwirken. Wer viel Harmonie (pun intended) erwartet, wird enttäuscht. Es bleibt bei dem Wort vom Autor unserer Nationalhymne: „Ein politisch Lied / ein garstig Lied!“

Logbuch

DAS MARS-MÄRCHEN.

Uns erscheinen Märchen ja nicht mehr als höhere Wahrheit, sondern erfundener Unsinn. Darin ist Elon Musk ein Meister, wenn er uns erzählt, dass der Mars zu besiedeln sei. Er will mit seinen Raketen eine Art Pendelbusverkehr einrichten. Gelegenheit darüber nachzudenken, was das ist, ein TRIVIALMYTHOS, so ein Märchen als Mittel zum Zweck. Zu welchem Zweck?

Ich lese einen Beitrag eines amerikanischen Wissenschaftsjournalisten, der über alle Spekulationen zürnt, dass der erdähnliche Planet je und überhaupt von Menschen besiedelt werden könnte. Dabei lerne ich, dass der rote Kollege am Firmament keine Magnetosphäre hat, somit schutzlos allen mörderischen Strahlungen ausgeliefert ist; niemals wird er eine Biosphäre möglich machen. Das macht mich weniger skeptisch als die irdischen Begründungen, die der kalifornische Auto-Didakt (pun intended) für seine Expansionsphantasien heranzieht.

Die Erde sei überbevölkert, jedenfalls demnächst, und es ginge um das Überleben des Bewusstseins. Da hätten Kant und ich die Frage, ob er es auch eine Nummer kleiner hat. Zudem kann niemand, der im Winter mal durch Meck-Pomm gefahren ist, das mit der Überbevölkerung nachvollziehen; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Frage. Bleiben wir bei dem Staunen der europäischen Eliten über die „Gerade-heraus-Lügen“ aus der Neuen Rechten in den USA. Nun, die Mimosen hierzulande sind, sorry to say, Frau Maischberger, zu ungebildet, sprich geschichtslose Moralisten. Es wird nämlich eine alte Geschichte nur wiedererzählt.

Darf man erinnern, was die symbolische Besiedlung des Mondes unter John F. Kennedy war? Eine Reaktion auf den Sputnik-Schock und eine koloniale Geste par excellence. Die amerikanische Fahne wurde in den Boden des Mondes gerammt. Gehen wir weiter zurück. Der rote Planet ist schon von den Antiken bemerkt worden und nach ihrem Kriegsgott Mars benannt. Er hat zwei Sterne, die Phobos und Deimos heißen, zu deutsch: Furcht und Schrecken. Damit ist alles gesagt. Es geht um Krieg. Wir erleben einen TRIVIALMYTHOS der Rüstung; nichts sonst.

Logbuch

NATURSCHAUSPIEL.

Eine Naturkatastrophe wird zum Erlebnis für alle, wenn sie sich verhält, wie die Zuschauer es von einem Drama, einer veritablen Tragödie erwarten. Die Zerstörung muss ausdrucksstarke Bilder liefern. Ein Naturschauspiel. Zunächst aufgeführt von der Naturgewalt selbst, dann von der politischen.

Ich nenne das im Akademischen: Fiktionalismus. Panfiktionalismus. Nein, es ist nicht die Presse und das TV, das diese Dramatik verlangt. Unser Bedürfnis ist sehr viel älter. Man lese HOMER mit den wilden Abenteuern des Odysseuss oder das ALTE TESTAMENT mit Noah und der Sintflut. Und natürlich das EVANGELIUM unseres Religionsstifters, der gegen die Natur Wunder tut. Wir erwarten große Schauspiele, wenn wir uns Schicksalsschläge erklären wollen. Und HELDEN, wenn nicht gar ERLÖSER.

Eigentlich erwarten wir nämlich nicht nur Dramen; wir wollen religiöse Rituale, sogenannte GOTTESDIENSTE. Früher mit Opfergaben, auch Menschenopfern, jetzt mit Zorn gegen „die“ Leugner. Für alle gilt nun: Unterwerfung unter die Symbole der höheren Gewalt. Zu Kreuze kriechen, auch wenn es nur heißt, den Gesslerhut zu grüßen. Deshalb muss man nun notorisch einräumen, dass die Ursache für den Starkregen die menschengemachte Klimaerwärmung ist. Es ist zu wiederholen, wie man einen Rosenkranz betet.

Ich erinnere bei den Bildern aus dem Ahrtal ein Ereignis in England, das „Lynmouth Flooddesaster“ von 1952. Anhaltender Starkregen im Exmoor, N. Devon, hat im flussnah bebauten Tal der Lyn viele Gebäude weggespült. Ich habe in den Siebzigern noch mit Zeugen gesprochen. Studiert habe ich vor Ort, wie man das Hafenstädtchen bei Linton neu angelegt hat. Riesige Brücken, breite Wasserläufe und eine Auflauffläche enormer Größe, als Park angelegt. Das flooddesaster war in meinem Geburtsjahr, eine neue Flut ist bisher nicht gekommen, trotzdem schien es mir immer klug, so zu siedeln, dass die Natur sich ernstgenommen fühlt. Ich liebe das Exmoor und Lynmouth. Im Hafen übrigens ein kleiner Feuerturm, den sie den Rheinischen Turm nennen. Zufälle.

Aktuell zu sagen ist, dass sich der Kanzlerkandidat der Grünen, Robert HABECK, klug verhält im Naturtheater, der Kandidat der Sozis, der SCHOLZOMAT, an der Seite von Malu Dreyer keine Fehler macht und der Karnevalskasper der Union, der Armin aus Aachen, gestern mit Clownerie schlicht abgeschmiert ist. Das zu der POLITISCHEN BEWIRTSCHAFTUNG, dem Ausnützen eines Naturschauspiels für die eigene HELDENSAGE.

Im übrigen ist es wie im Krieg: vom wirklichen Elend der einfachen Menschen handeln die STAATSAKTE nur vordergründig. Sie sind, wie schon immer, nur Statisten im Schauspiel der Feldherren. Kanonenfutter, nennt das mein Alter Herr, der einen Krieg überlebt hat. Es ist mindest so bitter, wie der Zyniker es empfindet.